Weihnachten in der Pandemie: Nagelprobe der Menschlichkeit

1945 1960 1980 2000 2020

Nach zwei Jahren Ausnahmezustand machen eine neue Politik und ein „Lichtermeer“ Hoffnung. Doch die notwendige Auseinandersetzung um das, was Humanität bedeutet, bleibt.

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Nach zwei Jahren Ausnahmezustand machen eine neue Politik und ein „Lichtermeer“ Hoffnung. Doch die notwendige Auseinandersetzung um das, was Humanität bedeutet, bleibt.

Es gab Gegenwind beim „Lichtermeer“ am vierten Adventsonntag: Die Böen löschten so manche Kerze aus, die Kälte machte die Finger klamm und die irritierend niedrige Polizei-Schätzung von 30.000 Menschen am Wiener Ring dämpfte ein wenig die Euphorie. Dennoch überwog das Gefühl, dass hier endlich etwas in Gang gekommen war – nach all den Monaten der Ohnmacht, Wut und Entfremdung.

Stille, Trauer, Dankbarkeit: Das sollte bei dieser zivilgesellschaftlichen Zusammenkunft unter dem Motto #yeswecare zum Ausdruck kommen. Man wollte der über 13.000 Corona-Toten gedenken und sich vor den Menschen in den Spitälern verneigen, die seit Monaten an und über ihre Grenzen gehen. Dass sie dafür mittlerweile sogar angepöbelt werden, ist eines der verstörendsten Phänomene dieser immer verstörenderen Pandemie.

Aber natürlich ging es vielen auch darum, ein Gegenbild zu zeichnen zu jenen lautstarken Aufgebrachten, die sich in ihrer Freiheit seit Monaten über so vieles hinwegsetzen – und seien es Absperrungen der Polizei. Vernunft und Menschlichkeit gegen Irrationalität und Egoismus: So lautete am Sonntag gemeinhin die Selbstverortung. Dass dies tags darauf gekontert werden würde, durfte nicht überraschen: Rechtsextreme posteten Fotos von sich im „Lichtermeer“ – und FPÖ-Chef Herbert Kickl posierte mit einer Laterne: zum Gedenken an die „Maßnahmen-Opfer“ Menschlichkeit und Freiheit.

Die große Drift

Eine Infamie. Aber auch ein weiterer Beleg dafür, wie sehr die Deutung dieser zentralen Begriffe im vergangenen, zweiten Jahr des Ausnahmezustands auseinandergedriftet ist. Individuelle Freiheit, so viel wurde mittlerweile deutlich, endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt. In Zeiten einer Pandemie kann sie folglich mit Recht (befristet) eingeschränkt werden. Die Aushandlungsprozesse über Plausibilität und Augenmaß dieser Einschränkungen werden uns aber begleiten.

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