Digital In Arbeit

Der mit den Medien tanzte

Wenn man wissen will, wie er gewesen ist, muss man wissen, wo alles angefangen hat. Angefangen hat es in der Schönbrunner Straße 122 in Wien-Margareten. Hier wurde Bruno Kreisky am 22. Jänner 1911 geboren. "Direkt über dem Geschäft!" Herr Müller schaut nach oben, zur vom Zigarettenrauch der letzten Jahrzehnte gedunkelten Decke des Cafe Müller. Kein Stuck, nur zwei einfache Leuchter und darüber die ehemalige Wohnung der assimiliert jüdischen Industriellenfamilie Kreisky. Mutter Irene entstammte der mährischen Fabrikantendynastie Felix, die sich bis in die heutige Zeit mit der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte einen Namen gemacht hat. Vater Max arbeitete als Generaldirektor der Österreichischen Wollindustrie und Textil AG und später in der schwedischen Emigration als Leiter einer Textilfabrik. Beide Elternfamilien Kreiskys waren bürgerlich eingestellt. Nur ein Onkel, Rudolf, war sozialistischer Funktionär, was den roten Wiener Bürgermeister Karl Seitz einmal den Jungsozialisten Bruno Kreisky fragen ließ, ob er denn der Sohn des "reichen" (Max) oder des "gescheiten" (Rudolf) Kreisky sei.

Der Sohn des Reichen war er, und "mit dem alten Jelinek und dem Wolfram hat er immer ums Eck dort Fussball gespielt." Christoph Wolfram-Martin, der Enkel des Kreisky-Spielkameraden, versüßt sich mit einem Eiskaffee seine Mittagspause im Cafe Müller. Mit allen geht er ins Kreisky-Geburtshaus, erzählt er, und alle sind begeistert vom typischen Wiener Vorstadtcafe Müller. Und wie steht es mit der Begeisterung für die Kreisky-Politik? Außenpolitisch ja: "Da war er schon wer", doch die Staatsverschuldung um jeden Preis, die sei ein schwerer Fehler gewesen, und dazu die aufgeblasene Staatsbürokratie. Wolfram ist gegen große Strukturen, überhaupt gegen alles was zu groß ist. "Small is beautiful", lautet seine Devise. Doch jetzt ist der Eisbecher leer, die Mittagspause um: "Herr Müller, zahlen bitte!"

Kreisky: Die Welt nachhaltig austrifiziert Klein, klein war die Sache des Bruno Kreisky nicht. Er hat dreizehn Jahre lang an dem mitgewirkt, was man scherzhaft die "Austrifizierung" der Welt genannt hat, schreibt der frühere Presse-Herausgeber und Chefredakteur Thomas Chorherr in seinem Buch "Die roten Bürger", und Chorherr muss sogar ins Englische ausweichen, um Kreiskys außenpolitischem Engagement gerecht zu werden: "He put Austria on the map."

Kreiskys zentrales Thema, das ihn über 40 Jahre lang beschäftigte, war die Nahost-Problematik. Früher als andere westliche Politiker erkannte er die symbolische Funktion der palästinensischen Diaspora für die arabische Welt. Als Bundeskanzler und führendes Mitglied der Sozialistischen Internationale verfolgte er das Ziel, den Krisenherd durch die Einbeziehung der Palästinenser - konkret der PLO Yassir Arafats - zu entschärfen. Kreiskys Mittler- und Vorreiterrolle gipfelte 1979 in der Anerkennung der PLO durch Österreich. Bis zu seinem Tod mahnte und warnte Kreisky, wo immer er ein Forum fand: "Vergesst mir die Not der Palästinenser nicht", und "Israel muss lernen, sich mit weicher Politik durchzusetzen".

Genau zehn Jahre nach dem Tod des Wegbereiters sitzen Arafat - mittlerweile Friedensnobelpreisträger - und sein israelisches Visavis Ehud Barak - mittlerweile auch er von einer weichen Politik überzeugt - in Camp David und ringen unter US-amerikanischer Patronanz um eine friedliche Lösung. Diese wird, wenn überhaupt, nicht weit von Kreiskys Vorschlägen aus dem Jahre 1977 entfernt sein: Rückgabe der besetzten Gebiete und Gründung eines palästinensischen Staates. Der Status Jerusalems solle, so Kreisky damals schon, dem Beispiel Roms folgen, das auch gleichzeitig Hauptstadt Italiens und Zentrum der katholischen Kirche sein kann.

Kreiskys "österreichischer Weg" in der Außenpolitik, seine Bereitschaft in weltpolitischen Krisen wie in Afghanistan, im Iran oder in Nicaragua seine Dienste anzubieten, verschaffte dem Land wachsendes Prestige und förderte die Attraktivität Wiens als Begegnungs- und Konferenzort.

Kreisky: Sonnen- oder Schuldenkönig?

"Kreisky hat es meisterhaft verstanden, die österreichische Neutralität für seine Zwecke zu nutzen" zieht Erhard Busek, zu Kreisky-Zeiten ÖVP-Generalsekretär, Resümee über die Außenpolitik des politischen Gegners. Österreich habe Kreiskys Engagement aber nicht nur zeitweise schwer belastet, sondern auch Schaden zugefügt, fährt Busek fort. Maria Rauch-Kallat, jetzige ÖVP-Generalsekretärin, lastet Kreisky an, gegen den Integrationsprozess Österreichs in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gewesen zu sein. Wertvolle Jahre seien dadurch verloren gegangen.

Stimmen die Vorwürfe, Kreisky habe die Schuldenwirtschaft des Staates in Gang gebracht, hat die furche den früheren und jetzigen ÖVP-General noch gefragt. Busek: "Sind berechtigt!" Rauch-Kallat: "Durch Kreiskys wirtschaftlichen Etatismus und unternehmerischen Dirigismus wurden die notwendigen Reformprozesse über Jahre hin verschleppt. Dazu kommt, dass mit der Verstaatlichtenpolitik dieser Zeit, der Steuerzahler in das unternehmerische Risiko gedrängt wurde, für das dieser dann ja auch hat zahlen müssen."

Diese Schuldzuweisungen hält der Innsbrucker Politologe Anton Pelinka für "maßlos übertrieben". Die Staatsverschuldung lag, so Pelinka, zu Kreisky-Zeiten im europäischen Mittelfeld, sowohl was den Vergleich mit sozialdemokratisch- als auch mit konservativ-regierten Ländern betrifft.

Kreisky: "Je älter, desto linker" Günther Nenning nennt es historisch nicht richtig, Kreisky als Schuldenkönig zu verunglimpfen. "Damals war es wirklich noch egal, Schulden zu machen", meint er, und der Kreisky-Staat war für den Altsozi der letzte Versuch in Richtung Sozialstaat. Nur heute, wo der Kapitalismus so stark ist und die Kaptalisten machen können, was sie wollen, ist Kreiskys Politik in ein schiefes Licht geraten.

Das Deficit Spending mit dem Kreisky und sein Finanzminister Hannes Androsch versuchten, die Folgen der Ölkrise 1973 zu bekämpfen war immer einer der konservativen Hauptkritikpunkte gewesen. Und es ist ein Zitat Kreiskys aus dieser Zeit, dass ihm Kritiker bis heute vorhalten: "Mir bereiten ein paar Milliarden mehr an Schulden weniger schlaflose Nächte als ein paar tausend Arbeitslose mehr." Umfangreiche Investitionsprogramme wurden in diesem Sinne zur Stützung der Vollbeschäftigungspolitik forciert, und hielten die Arbeitslosenrate beständig unter drei Prozent, führten aber auch zu langfristigen Zahlungsbilanzproblemen.

Nicht nur bei den konservativen politischen Gegnern stieß Kreiskys "Austro-Keynesianismus" auf Kritik, zunehmend verweigerten ihm auch die Genossen in der Sozialistischen Internationale bei der von ihm geforderten international orchestrierten Vollbeschäftigungspolitik ihre Gefolgschaft. Mit Deutschlands Bundeskanzler Helmut Schmidt kam es deswegen bisweilen zu heftigem Disput, in dem Kreisky zweifellos die linke Position vertrat und Schmidt vorwarf, Symptome und Ursachen der Wirtschaftskrise zu verwechseln.

Wie weit links stand aber Kreisky? Für den bereits zitiertenThomas Chorherr, dem man zweifellos ein gutes Sensorium in dieser Frage zubilligen muss, war Kreisky nicht nur ein roter Bürger, sondern überhaupt ein Bürger. "Er war politisch ein Staatsmann und nicht nur ein Parteimann", analysiert Chorherr gegenüber der furche und fährt fort: "Doktrinarismus war ihm mehr oder weniger fremd." Kreisky: ein Bürger und eigentlich bei der falschen Partei? Was sagt die Gegenseite zu diesem Vereinnahmungsversuch? SP-Querdenker Bruno Aigner - auch er Meister beim ideologischen Differenzieren und stets bereit vor Fehltritten der SPÖ in die Mitte oder gar nach rechts zu warnen - ordnet Kreisky zwischen zwei seiner zahlreichen Zitate ein: "Solange ich regiere wird rechts regiert", ist eines und das andere: "Je älter ich werde, desto linker werde ich!"

Kreisky: Koalition in sich selber geschlossen Für Aigner hat Kreisky "in sich selber eine Koalition geschlossen" , um damit Rücksicht auf jene zu nehmen und in Sichtweite jener zu bleiben, die ihn nicht gewählt haben. "Als Regierungschef hat er eben Realitätssinn gezeigt." Und wie konnte er sich die innerparteilichen Kritiker, die es gerne ein wenig linkslastiger gehabt hätten, auf Distanz halten? Bruno Aigner: Es gab Kritik, und Kreisky hat Kritik auch ernst genommen. Doch die Sensibilität für das Soziale blieb immer Mittelpunkt der Kreisky-Politik.

"Kreisky hat sein Charisma für die sozial Schwachen im Land verwendet", ist die Publizistin und Kreisky-Biographin Elisabeth Horvath überzeugt. Und im Gespräch mit ihr taucht - unvermeidlich! - der Kärntner Landeshauptmann auf, dessen Charisma für Horvath in die entgegengesetzte Richtung wirkt: nicht integrierend, sondern auseinanderdividierend. Schon Erhard Busek nannte die oft geäußerten Kreisky-Nachfolger-Allüren Haiders "leider gerechtfertigt." Kreisky hat Grundhaltungen in der Politik relativiert, war einer, der mit den Medien spielte, sagt Busek: "Kreisky war Populist!"

"Na bumsti", ist FP-Klubobmann Peter Westenthaler von der Frage nach seiner Einschätzung der Ära Kreisky im ersten Moment total erschlagen. Die Schuldenpolitik war für den Freiheitlichen der größte politische Fehler des Langzeitkanzlers. Aber trotzdem, Kreisky war "der letzte große SPÖ-Politiker, der sehr viel Gutes fürs Land getan hat." Und jetzt der Knalleffekt: An Kreiskys Sozialpolitik "kann sich auch ein Freiheitlicher etwas abschauen". Gegen jeden Vergleich des Sonnenkönigs mit dem jetzigen SP-Vorsitzenden verwehrt sich Westenthaler vehement: "Eine Beleidigung für Kreisky!"

Alfred Gusenbauer auf die Vergleiche angesprochen, die zwischen ihm und Kreisky gezogen werden, mahnt zur Geduld, denn er stehe erst am Beginn. Aber er kennt "keinen Besseren, den er sich als Vorbild nehmen könnte" und versichert, er "werde sich sehr anstrengen". Was Gusenbauer sauer aufstößt, ist, wenn jetzt versucht wird, sich "am Kreisky-Erbe abzuputzen" und die Schuldenmisere seiner Politik anzulasten. Doch das Schuldenthema wurde hier schon behandelt. Da liegt ein tiefer Graben zwischen den politischen Lagern, der unüberwindbar scheint. Anders ist es bei der Bewertung Kreiskys als historische Persönlichkeit, worin sich durch die Bank alle Befragten einig sind. Für Anton Pelinka ist der Kreisky-Mythos in der Gegenwart nur realistischer geworden. Jetzt werden sowohl positive als auch negative Seiten ("Umgang mit NS-Zeit") wahrgenommen. Günther Nenning wundert's halt, wie geschwind das Kreisky-Erbe verwirtschaftet wurde: "Die Modernisierung unter Kreisky ist binnen zehn Jahren zum Stillstand gekommen."

Einfach Kreisky: nicht Metternich, nicht Seipel Auch im Cafe Müller in Wien-Margareten ist nur mehr wenig los. Der Chef hat Zeit für den eigenen Mittags-tisch. Vorher fragt er nach dem Datum des anstehenden Jubiläums. Der Sterbetag ist nicht präsent im Kreisky-Geburtshaus: "29. Juli." Beim Hinausgehen schaut ein Bub aus dem Fenster überm Cafe. Noch einmal zurück: "Herr Müller, wer wohnt heute in der Kreisky-Wohnung?" Der Chef legt das Besteck weg: "Türken!" Beim zweiten Hinausgehen ist der Kinderkopf verschwunden, doch eigenartige Gedanken bleiben, spielen ...

Vor zehn Jahren wurde in der furche Kreisky in eine Reihe mit Metternich und Seipel gestellt. Heute ist die Einstellung nüchterner - Pelinka nennt sie "realistischer": Kreisky war Kreisky. Es reicht, was auf der am Geburtshaus angebrachten Tafel steht. Das ist sehr viel : "Er diente der Republik Österreich als Staatssekretär 1953-1958, Außenminister 1959-1966, Bundeskanzler 1970-1983."

FURCHE-Navigator Vorschau