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Politik

"Die Erotik des Denkens und Diskutierens"

1945 1960 1980 2000 2020

Ein ausladender Band ruft Erinnerungen an die Ära Kreisky wach: Einfühlsame Porträts der Fotografin Margret Wenzel-Jelinek fügen sich mit historischem Bildmaterial sowie Textbeiträgen von Zeitgenossen und Weggefährten unterschiedlichster Art zu einem runden Ganzen.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein ausladender Band ruft Erinnerungen an die Ära Kreisky wach: Einfühlsame Porträts der Fotografin Margret Wenzel-Jelinek fügen sich mit historischem Bildmaterial sowie Textbeiträgen von Zeitgenossen und Weggefährten unterschiedlichster Art zu einem runden Ganzen.

Schon der Titel ist ein politisches Statement: Keiner danach, der ihm das Wasser reichen konnte. Dabei gab es ja doch einige seither, die Bruno Kreisky im Amt des Bundeskanzlers und/oder SPÖ-Chefs zumindest formal nachgefolgt sind: Sinowatz, Vranitzky, Klima, Schüssel, Gusenbauer, Faymann, Kern. Bis auf Wolfgang Schüssel waren sie bekanntlich alle auch Bundesparteivorsitzende der SPÖ.

Kein Nachfolger darunter? Manche tatsächlich sicher nicht, bei manchen könnte man sehr wohl darüber diskutieren, mancher sieht sich sicher zumindest selbst in den Fußstapfen des "Alten".

Lassen wir das so stehen -und halten wir nur fest, dass jedenfalls Kreisky nach wie vor ausgesprochen oder unausgesprochen als Maßstab für jeden im Amt des Bundeskanzlers gilt. Diesem von Freund wie Feind als politische Ausnahmeerscheinung anerkannten Mann hat nun die Fotografin Margret Wenzel-Jelinek einen repräsentativen Text-Bildband gewidmet. Die gebürtige Südtirolerin hat Kreisky viele Jahre mit der Kamera begleitet. Entstanden ist dabei eine Reihe ausdrucksstarker Porträts, die durch eine Fülle zeitgeschichtlicher Bilder ergänzt wird. So entsteht schon beim Durchblättern ein Panoptikum einer Ära, die - bei entsprechendem Alter des Lesers - auch eigene Erinnerungen wecken wird.

Gleich zum Auftakt wird eine Abfolge von großen Schwarz-Weiß-Fotos aus Kreiskys Blütezeit präsentiert, unter die jeweils einer seiner zahlreichen "Sager" gesetzt ist: Politisches wie "Man muß verhindern, daß es wieder so wird wie in den dreißiger Jahren, wo sich die Parteien zum Schaden aller Österreicher auseinandergeschimpft haben" oder auch Launiges wie "Erstens habe ich keine Zeit zum Pünktlichsein und zweitens habe ich die Erfahrung gesammelt, daß ich noch niemals etwas versäumt habe".

Bruchlinie Hartwährungspolitik

Das textliche Herzstück aber bilden die Beiträge von Weggefährten unterschiedlichster Art, Nähe und politischer Heimat. Anneliese Rohrer etwa hebt Kreiskys "Gesprächsfähigkeit" mit "Andersdenkenden" hervor. Ihr habe er einen Teil seiner Erfolge verdankt. Heute, so beklagt Rohrer, sei diese abhanden gekommen. Seit der Wiederauflage der Großen Koalition 1986 "zählt nur mehr die Rivalität". Ein ähnlicher Gedanke findet sich bei Peter Turrini, der hier in einem Interview zu Wort kommt: Kreisky "glaubte an die Erotik des Denkens und Diskutierens und konnte nicht genug davon kriegen".

Wenig verwunderlich, dass auch Hannes Androsch in einem großen Beitrag sein schwieriges Verhältnis zu Bruno Kreisky nochmals aufarbeitet. Als "Hauptbruchlinie" bezeichnet Androsch hier die Hartwährungspolitik, wo er wundersame Allianzen beschreibt: Androsch mit ÖGB-Chef Benya für die Hartwährungspolitik, Kreisky mit der Industriellenvereinigung für einen weichen Schilling

Nicht weniger als drei ehemalige Spitzenpolitiker der ÖVP sind unter den Autoren: Josef Taus, Heinrich Neisser und Franz Fischler. Letzterer bietet eine psychologisierende Erklärung für das Phänomen Kreisky: Es habe mit "seiner tiefen Kenntnis der österreichischen Seele" zu tun. "Er entsprach wie kein anderer der österreichischen Sehnsucht nach Erlösung" - nämlich aus der "Bedeutungslosigkeit". Weit prosaischer der Annäherungsversuch von Heinrich Neisser: "Kreisky verstand es geschickt, den Zeitgeist für sich zu vereinnahmen." Auch das muss man können.

Kreisky -und kein Nachfolger Von Margret Wenzel-Jelinek (Hg.) Ueberreuter Verlag, Wien 2017 288 Seiten, geb., € 34,90

Schon der Titel ist ein politisches Statement: Keiner danach, der ihm das Wasser reichen konnte. Dabei gab es ja doch einige seither, die Bruno Kreisky im Amt des Bundeskanzlers und/oder SPÖ-Chefs zumindest formal nachgefolgt sind: Sinowatz, Vranitzky, Klima, Schüssel, Gusenbauer, Faymann, Kern. Bis auf Wolfgang Schüssel waren sie bekanntlich alle auch Bundesparteivorsitzende der SPÖ.

Kein Nachfolger darunter? Manche tatsächlich sicher nicht, bei manchen könnte man sehr wohl darüber diskutieren, mancher sieht sich sicher zumindest selbst in den Fußstapfen des "Alten".

Lassen wir das so stehen -und halten wir nur fest, dass jedenfalls Kreisky nach wie vor ausgesprochen oder unausgesprochen als Maßstab für jeden im Amt des Bundeskanzlers gilt. Diesem von Freund wie Feind als politische Ausnahmeerscheinung anerkannten Mann hat nun die Fotografin Margret Wenzel-Jelinek einen repräsentativen Text-Bildband gewidmet. Die gebürtige Südtirolerin hat Kreisky viele Jahre mit der Kamera begleitet. Entstanden ist dabei eine Reihe ausdrucksstarker Porträts, die durch eine Fülle zeitgeschichtlicher Bilder ergänzt wird. So entsteht schon beim Durchblättern ein Panoptikum einer Ära, die - bei entsprechendem Alter des Lesers - auch eigene Erinnerungen wecken wird.

Gleich zum Auftakt wird eine Abfolge von großen Schwarz-Weiß-Fotos aus Kreiskys Blütezeit präsentiert, unter die jeweils einer seiner zahlreichen "Sager" gesetzt ist: Politisches wie "Man muß verhindern, daß es wieder so wird wie in den dreißiger Jahren, wo sich die Parteien zum Schaden aller Österreicher auseinandergeschimpft haben" oder auch Launiges wie "Erstens habe ich keine Zeit zum Pünktlichsein und zweitens habe ich die Erfahrung gesammelt, daß ich noch niemals etwas versäumt habe".

Bruchlinie Hartwährungspolitik

Das textliche Herzstück aber bilden die Beiträge von Weggefährten unterschiedlichster Art, Nähe und politischer Heimat. Anneliese Rohrer etwa hebt Kreiskys "Gesprächsfähigkeit" mit "Andersdenkenden" hervor. Ihr habe er einen Teil seiner Erfolge verdankt. Heute, so beklagt Rohrer, sei diese abhanden gekommen. Seit der Wiederauflage der Großen Koalition 1986 "zählt nur mehr die Rivalität". Ein ähnlicher Gedanke findet sich bei Peter Turrini, der hier in einem Interview zu Wort kommt: Kreisky "glaubte an die Erotik des Denkens und Diskutierens und konnte nicht genug davon kriegen".

Wenig verwunderlich, dass auch Hannes Androsch in einem großen Beitrag sein schwieriges Verhältnis zu Bruno Kreisky nochmals aufarbeitet. Als "Hauptbruchlinie" bezeichnet Androsch hier die Hartwährungspolitik, wo er wundersame Allianzen beschreibt: Androsch mit ÖGB-Chef Benya für die Hartwährungspolitik, Kreisky mit der Industriellenvereinigung für einen weichen Schilling

Nicht weniger als drei ehemalige Spitzenpolitiker der ÖVP sind unter den Autoren: Josef Taus, Heinrich Neisser und Franz Fischler. Letzterer bietet eine psychologisierende Erklärung für das Phänomen Kreisky: Es habe mit "seiner tiefen Kenntnis der österreichischen Seele" zu tun. "Er entsprach wie kein anderer der österreichischen Sehnsucht nach Erlösung" - nämlich aus der "Bedeutungslosigkeit". Weit prosaischer der Annäherungsversuch von Heinrich Neisser: "Kreisky verstand es geschickt, den Zeitgeist für sich zu vereinnahmen." Auch das muss man können.

Kreisky -und kein Nachfolger Von Margret Wenzel-Jelinek (Hg.) Ueberreuter Verlag, Wien 2017 288 Seiten, geb., € 34,90