Trost
Religion

Ein Trost-Buch für Zeitgenossen

1945 1960 1980 2000 2020

Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler und der Grazer Psychiater Michael Lehofer setzen sich in einem lesenswerten Gesprächsbuch mit dem Thema Trost auseinander: Wege und Irrwege zu einer existenziellen Notwendigkeit.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler und der Grazer Psychiater Michael Lehofer setzen sich in einem lesenswerten Gesprächsbuch mit dem Thema Trost auseinander: Wege und Irrwege zu einer existenziellen Notwendigkeit.

Bücher aus bischöflicher Feder gibt es viele, und das ist wenig verwunderlich: Gehört doch – neben den Leitungsaufgaben in einer Diözese sowie der Sakramentspendung – die Verkündigung zu den Säulen des Hirtendienstes. Die literarischen Genres, in denen sich Bischöfe via Buch an ihre Gläubigen und darüber hinaus an die Öffentlichkeit wenden, sind daher zahlreich. Oft handelt es sich um Predigten oder Vorträge, also eigentlich um gesprochenes Wort, das zwischen zwei Buchdeckeln Bedeutung über den Tag und den Anlass hinaus, an dem es gesprochen wurde, beansprucht. Auch das neue Buch des Innsbrucker Bischofs Hermann Glettler ist gesprochenes Wort: Zum zweiten Mal legt der steirische Priester und Künstler, der seit drei Jahren an der Spitze der Tiroler Diözese steht, einen Gesprächsband mit Michael Lehofer, Psychiater und Psychologe sowie ärztlicher Direktor des LKH Graz II, vor.

Vor zwei Jahren war der „unbequeme Jesus“ Thema der disputativen Grenzüberschreitung zwischen Seelsorge und Psychotherapie. Diesmal umspannt der Buchtitel „Trost“ schon die Weite des Themas. Das Gesprächsergebnis kann sich sehen – und vor allem: gut lesen – lassen. Ein Dialog auf Augenhöhe zweier Männer, die aus unterschiedlichen Ausgangspositionen die Sorge um den Menschen zum Beruf erkoren haben und die – wiewohl jeweils in Leitungsfunktionen tätig – die Fragen und Nöte von Einzelnen nicht aus dem Blick verlieren. Daneben offenbart sich geistige Weite und der über institutionelle Tellerränder hinaus reichende Blick, der die Auslassungen der Gesprächspartner lesenswert macht: Lebenshilfe und Lebens kunst auf hohem Niveau. Dass der Psychiater und Psychotherapeut aus seiner Profession heraus etwas über die Nöte der Menschen zu sagen, sie einzuordnen imstande ist, mag da weniger verwundern als die gleiche analytische Fähigkeit des Bischofs, der aber bekanntlich aus einer persönlichen Geschichte und Betroffenheit als Seelsorger schöpfen kann: Glettler war ja bis 2017 als Pfarrer von St. Andrä in einer Grazer „Brennpunktgegend“ tätig. Seelsorge an diesem Ort, aber auch in der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Zeit zeigen, dass und wie die Fragen der Existenz auch einen Kirchenmann umtreiben.

Bücher aus bischöflicher Feder gibt es viele, und das ist wenig verwunderlich: Gehört doch – neben den Leitungsaufgaben in einer Diözese sowie der Sakramentspendung – die Verkündigung zu den Säulen des Hirtendienstes. Die literarischen Genres, in denen sich Bischöfe via Buch an ihre Gläubigen und darüber hinaus an die Öffentlichkeit wenden, sind daher zahlreich. Oft handelt es sich um Predigten oder Vorträge, also eigentlich um gesprochenes Wort, das zwischen zwei Buchdeckeln Bedeutung über den Tag und den Anlass hinaus, an dem es gesprochen wurde, beansprucht. Auch das neue Buch des Innsbrucker Bischofs Hermann Glettler ist gesprochenes Wort: Zum zweiten Mal legt der steirische Priester und Künstler, der seit drei Jahren an der Spitze der Tiroler Diözese steht, einen Gesprächsband mit Michael Lehofer, Psychiater und Psychologe sowie ärztlicher Direktor des LKH Graz II, vor.

Vor zwei Jahren war der „unbequeme Jesus“ Thema der disputativen Grenzüberschreitung zwischen Seelsorge und Psychotherapie. Diesmal umspannt der Buchtitel „Trost“ schon die Weite des Themas. Das Gesprächsergebnis kann sich sehen – und vor allem: gut lesen – lassen. Ein Dialog auf Augenhöhe zweier Männer, die aus unterschiedlichen Ausgangspositionen die Sorge um den Menschen zum Beruf erkoren haben und die – wiewohl jeweils in Leitungsfunktionen tätig – die Fragen und Nöte von Einzelnen nicht aus dem Blick verlieren. Daneben offenbart sich geistige Weite und der über institutionelle Tellerränder hinaus reichende Blick, der die Auslassungen der Gesprächspartner lesenswert macht: Lebenshilfe und Lebens kunst auf hohem Niveau. Dass der Psychiater und Psychotherapeut aus seiner Profession heraus etwas über die Nöte der Menschen zu sagen, sie einzuordnen imstande ist, mag da weniger verwundern als die gleiche analytische Fähigkeit des Bischofs, der aber bekanntlich aus einer persönlichen Geschichte und Betroffenheit als Seelsorger schöpfen kann: Glettler war ja bis 2017 als Pfarrer von St. Andrä in einer Grazer „Brennpunktgegend“ tätig. Seelsorge an diesem Ort, aber auch in der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Zeit zeigen, dass und wie die Fragen der Existenz auch einen Kirchenmann umtreiben.

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Vielleicht gelingt es uns mehr und mehr, die Schönheit und die Zerbrechlichkeit des Lebens anzunehmen – beides zeichnet unser Leben aus.

Bischof Hermann Glettler

Die Frage nach Trost ist längst nicht in der Pandemie, aber vielleicht in dieser Zeit ganz besonders aufgepoppt. Beide Dialogpartner warten mit einer Fülle von Beispielen aus ihren jeweiligen Lebenserfahrungen auf, wo ihnen Trostlosigkeit und Trostbedürfnis entgegengeschlagen und wie sie dem begegnet sind. Es verwundert kaum, dass Glettler immer wieder biblische Beispiele zur Hand nimmt, um die Not zu illustrieren – etwa die Erzählung des Buches Ijob, wo die Freunde des Ijob, der ob seines Leides so trostbedürftig ist, diesen mit Vorwürfen überhäufen.

Solche biblische Beispiele eines langen Wegs zum Trost illustrieren beide Dialogpartner durch Erlebtes mit Kranken, von Schicksalsschlägen Getroffenen oder einfach mit dem Leben Unzufriedenen oder am Leben Müden, aber auch mit gelungenen Tröstungen und den Wegen dahin. Auffällig dabei, dass in den einzelnen Kapiteln des buchlangen Gesprächs klar wird, wie widerständig das Thema ist. Da wird zwischen Trösten und Vertrös ten unterschieden oder das Trostlosigkeitspotenzial moderner Schlagworte – Optimierung, ewig jung sein wollen, die Zukunft beherrschen und Ähnliches – angesprochen. Auch Trosthemmnisse wie Selbstmitleid oder die Suche nach Schuldigen für die (eigene) Lage oder falsche Erwartungen an die Religion werden thematisiert.

Nach der durchaus schonungslosen Analyse kommen Glettler wie Lehofer auf die wirklichen Trostbringer – etwa genießen und verzichten können, Berührung und Nähe oder den Mut zur Wahrheit – zu sprechen– und natürlich auch, das darf von diesem Trost-Buch wohl erwartet werden, die Frage nach Gott. Ein Ziel, bei dem das Gespräch ankommt, ist die Erkenntnis, dass zur Trosterfahrung auch dazugehört, das Unvollkommene und den Tod anzunehmen. „Die Sehnsucht nach der eigentlichen Heimat ist ein großer Trost“, drückt es Michael Lehofer aus. Und Hermann Glettler meint zum selben Thema: „Vielleicht gelingt es uns mehr und mehr, die Schönheit und die Zerbrechlichkeit des Lebens anzunehmen – beides zeichnet unser Leben aus.“ Gerade zum Fest Allerseelen, das dieser Tage wieder begangen wird, kann das Trost-Buch des Bischofs und des Psychiaters mit derartiger Erkenntnis gewinnbringend zur Hand genommen werden.

Trostcover

Trost – Wege aus der Verlorenheit

Von Hermann Glettler und Michael Lehofer

Styria 2020

176 S.,

geb., € 22,–

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