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Glaube ist vielfältig - und bleibt aufregend

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Aufklärung und Gottesfrage müssen ganz und gar keine Gegensätze sein. Vier Neuerscheinungen nehmen sich der Glaubens-Frage in der Gegenwart an.

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Aufklärung und Gottesfrage müssen ganz und gar keine Gegensätze sein. Vier Neuerscheinungen nehmen sich der Glaubens-Frage in der Gegenwart an.

Er gehört zu jenen Wissenschaftern, die imstande sind, komplexe Sachverhalte näherzubringen. Die Meriten und die Schreiblust des Wiener Mathematikers Rudolf Taschner sind bekannt. Als gesellschaftspolitischer Kolumnist und Autor positioniert sich Taschner nicht nur in der Tageszeitung Die Presse als wortgewaltiger Konservativer und Verfechter europäischer, um nicht zu sagen: abendländischer Werte.

Dies alles trifft auch auf sein neues Buch "Woran glauben" zu, wo Taschner in zehn Zugängen für "aufgeklärte Menschen" über den Glauben räsoniert - wie immer äußerst kenntnisreich und kurzweilig. Beginnend beim Aberglauben ("Der Glaube an 313") buchstabiert der Autor den Glauben an die Natur, die Geschichte, den Genuss oder die Zukunft gleichzeitig locker und (philosophisch) ernsthaft durch - und zerpflückt quasi nebenbei die Argumente etwa reiner Natur- oder Geschichtsgläubiger mit sprechenden Beispielen aus der Menschheitshistorie. Thomas von Aquin, Giordano Bruno, Albert Einstein, Galileo Galilei sind da nur einige aus der Fülle von Kronzeugen, mit denen Taschner aufwartet. Auch den Glauben an die Kirche wie an die Kunst nimmt er aufs Korn, um dann beim Glauben an Gott, an das Ich und "an dich" anzukommen. Die Reihenfolge ist absichtsvoll und konzis -wobei er beim "Du" die biblischen Schöpfungsberichte ebenso thematisiert wie Martin Buber oder den zu Unrecht vergessenen christlichen Philosophen Ferdinand Ebner.

Dort, wo Taschner die katholische Kirche in den Blick nimmt, schlägt deutlich seine konservative Sicht durch, etwa indem er den durchs II. Vatikanum stark relativierten Satz, dass es außerhalb der Kirche kein Heil gebe, quasi als konstitutiv für die katholische Kirche betrachtet und die nachkonziliare Kirche als "Bild des Jammers" bezeichnet. Dass er mit Papst Franziskus wenig anfangen kann, verwundert da wenig, Taschner wirft Franziskus sogar vor, dass er sich mit Umweltschutz, sozialer Gerechtigkeit etc. Themen widme, die "mit den wesentlichen Anliegen der Kirche nicht viel zu tun" hätten, und er das "Alleinstellungsmerkmal" der Kirche aufgebe.

Religiöse und "gottlose" Zugänge

Einen religiösen und gleichzeitig "gottlosen" Zugang zum Glauben bietet der Band "Gott los werden?" an, in dem zwei prominente geistliche Lehrer und Vordenker explizit auf die Katharsis der Skepsis, ja sogar der Gottesablehnung setzen, um sich und die Leser zu einer authentischen Glaubenserfahrung zu führen. Das ist im Übrigen kein Trick, um Unfromme doch noch fromm zu machen, sondern ein redlicher Versuch, aus der Begegnung mit der "Gott-losigkeit" zu lernen. Der Benediktiner und Bestsellerautor Anselm Grün stellt sich dem Thema "Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen" ebenso wie der Prager Soziologe, Psychotherapeut und Priester Tomás Halík. Halík kann seine Erfahrungen aus dem Kommunismus in der damaligen CSSR ebenso beisteuern wie seine heutigen Erfahrungen in der tschechischen Gesellschaft, in der das Christentum nur mehr eine Minderheit darstellt. Halík will den "Atheismus umarmen", während Pater Anselm vor allem die Suchbewegungen, die sich hinter der Ablehnung Gottes zeigen, aufmerksam beobachtet. In einem von Winfried Nonhoff, dem Herausgeber des Bandes, moderierten Gespräch stellen sich beide der Zumutung, wie sie selber mit der Gottesfrage umgehen. Anselm Grün: "Ich möchte nicht missionieren, aber trotzdem Zeugnis ablegen von dem, was mich trägt, was meinem Leben Sinn gibt." Und Tomás Halík bringt es in diesem wichtigen Buch so auf den Punkt: "Das Wort Gott steht ein für die Offenheit, für die Tiefe und für Überraschung."

Endlich angstfrei denken

Ein Weggefährte Anselm Grüns, der mit ihm das Recollectio-Haus in der Abtei Münsterschwarzach aufgebaut hat, legt seine Lebenserinnerungen als bewegendes Glaubenszeugnis vor. Der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller gibt schon im Titel seines Buchs "Warum ich dennoch in der Kirche bleibe" die Richtung an: Der seit kurzem als Leiter des Recollectio-Hauses pensionierte Müller hat schwierige Kirchenzeiten durchlebt. Sein Einsatz für eine Neubewertung von Homosexualität in der katholischen Kirche hat ihm ebensoviel Kraft abverlangt wie sein Eintreten für Transparenz und Ehrlichkeit bei den Missbrauchsskandalen.

Unter Johannes Paul II. und auch Benedikt XVI. war das kirchliche Klima, wie Müller betroffen machend beschreibt, von Angst geprägt. Aber auch mit dem von seiner Kirche so verwundeten Kritiker Eugen Drewermann hat sich Müller nicht leicht getan. Das Recollectio-Haus, in das Priester zu einer mehrwöchigen Aus- und Klärungszeit kommen können, war im deutschen Sprachraum die erste Institution dieser Art.

Aus seinen Erfahrungen nicht zuletzt in dieser Einrichtung plädiert Müller für einen lebensbejahenden Zugang zur Sexualität und zur Entkopplung von Zölibat und Priesteramt. Dass er da hofft, dass in der katholischen Kirche auch einmal Frauen zum Priesteramt zugelassen werden, muss da nicht gesondert betont werden. Große Hoffnungen setzt Müller auf Papst Franziskus, er hat ihm direkt auch seine vordringlichen Anliegen übermittelt.

Auf jeden Fall, so der langjährig Engagierte, ist es unter dem derzeitigen Papst endlich möglich geworden, auch schwierige Themen angstfrei und offen anzusprechen - und nicht hinter vorgehaltener Hand oder mit Angst vor römischen Sanktionen. In diesem Sinn sind Wunibald Müllers Ausführungen ganz besonders ein Mutmachbuch.

Kirche soll "Part of the game" sein

"Extra ecclesiam nulla salus - außerhalb der Kirche gibt es kein Heil! - Dieser über Jahrhunderte hochgehaltene Glaubensgrundsatz funktioniert in der Pastoral heute nicht mehr", schreibt Hans-Peter Premur (im Gegensatz zu Rudolf Taschner, siehe oben) in seinem Buch "Deine Kirche -Meine Kirche". Der Klagenfurter Universitätsseelsorger und Pfarrer von Krumpendorf empfiehlt seiner Kirche vielmehr - mit dem hierzulande ein wenig anrüchig gewordenen Begriff - "Part of the game zu sein" - und er meint damit, "ein fairer Mitspieler" in der Welt und bei den großen gesellschaftlichen Prozessen zu sein. "Ein Pfarrer auf Umwegen" nennt er seine Überlegungen im Untertitel und spielt offenbar darauf an, dass er weder Berührungsängste zu fernöstlicher Religiosität oder zur orthodoxen Spiritualität, wie er sie auf dem Athos erfahren konnte, hat.

Premur präsentiert sich in dem Buch auch als intellektueller Priester mit wachem Gespür für gesellschaftspolitische Themen vom Klimawandel bis zur Flüchtlingsfrage, bei der er sowohl das konkrete Engagement seiner Pfarre wie auch theologische Grundlagen für den Umgang mit Migration thematisiert. Auch die Auseinandersetzung mit Kunst und Liturgie - etwa in der konkreten Gestaltung des Altar(raum)s ist ihm ein grundsätzliches wie konkretes Anliegen. Schon zu Beginn wird Premurs spiritueller Zugang greifbar, wo er erzählt, wie er Mitte der 1980er Jahre auf der Suche nach dem (gerade verstorbenen) Mystiker und Symbolforscher Alfons Rosenberg der beeindruckenden Priesterpersönlichkeit Heinrich Spaemann (1903-2001) begegnet, der ihm zum "geistlichen väterlichen Freund" wird. Es sind Erfahrungen wie diese, die Premur in seinem Buch glaubhaft vermittelt.

VERANSTALTUNGSTIPP:

Woran glaubt, wer (nicht) glaubt?

Rudolf Taschner und Matthias Beck im Gespräch. Moderation: Doris Helmberger (FURCHE)

Fr 9.12., 19 Uhr

Thomassaal der Dominikaner, Postg. 4 1010 Wien

Infos: www.herder.at

GLAUBENS-BÜCHER

Woran glauben 10 Angebote für aufgeklärte Menschen.

Von Rudolf Taschner. Christian Brandstätter Verlag 2016 272 Seiten geb. € 24,90

Gott los werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen.

Von Anselm Grün, Tomás Halík. Hg. Winfried Nonhoff. Vier-Türme-Verlag 2016 208 Seiten geb. € 20,60

Warum ich dennoch in der Kirche bleibe

Von Wunibald Müller. Kösel Verlag 2016 208 Seiten geb. € 18,50

Deine Kirche - Meine Kirche

Ein Pfarrer auf Umwegen.

Von Hans-Peter Premur. Styria Premium 2016 160 Seiten geb. € 19,90

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