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Viel Klischee, wenig Wissen

Der Katholizismus in der zeithistorischen Forschung. Eine kritische Bestandsaufnahme.

Die "Kommission für Zeitgeschichte", eine der renommiertesten Institutionen der zeithistorischen Forschung in der Bundesrepublik, hat kürzlich in Buchform eine bemerkenswerte Zwischenbilanz der zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung vorgelegt. Bei dem von Karl-Joseph Hummel herausgegebenen Band handelt es sich um die Dokumentation einer Tagung, die im Mai 2003 in der Katholischen Akademie in Bayern stattgefunden hat. Beim ersten Blick aufs Inhaltsverzeichnis kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, die Karten der Forschung seien zwar neu gemischt worden, aber in der Hand halte man ein altes Blatt. Wie sonst ist es zu erklären, dass einmal mehr die Rolle von Kirche und Katholiken im "Dritten Reich" und die Haltung Pius' XII. während des Zweiten Weltkriegs problematisiert werden.

Als sich die Zunft der Katholizismusforscher zum letzten Mal in derart großer Besetzung getroffen hatte, 1987 anlässlich des 25jährigen Bestandsjubiläums der "Kommission für Zeitgeschichte" in Bonn, waren ganz andere Perspektiven benannt worden. Damals hatte Konrad Repgen, neben Rudolf Morsey einer der heute noch aktiven Gründungsväter der Kommission, die gravierenden Veränderungen des Katholizismus in der postkonziliaren Konstellation als Forschungsparole ausgegeben. Aber schon der nahezu zeitgleich mit einiger Heftigkeit über die Bühne gehende "Historikerstreit" zeigte unmissverständlich an, dass die ns-Zeit auch für die kirchliche Zeitgeschichte eine andauernde Herausforderung bleiben würde.

Inzwischen ist viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen und auch der Strom der zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung in Deutschland hat an Breite und Tiefe gewonnen. Dabei hat es sich in den letzten 15 Jahren als besonders fruchtbringend erwiesen, dass es gelungen ist, die von dem Schweizer Historiker Urs Altermatt in seinem Buch "Katholizismus und Moderne" so überzeugend argumentierte sozial- und mentalitätsgeschichtliche Blickerweiterung ins Forschungsprogramm der Kommission zu integrieren. All dies und vieles mehr kann man in dem erwähnten Buch nachlesen.

Das "Goldhagen-Syndrom"

Das eigentliche "heiße Eisen", das die Emotionen auf der Münchner Tagung hochgehen ließ, ist die (gestörte) Beziehung von Katholizismusforschung und Öffentlichkeit. Seit ihren Anfängen und dem Skandal um Rolf Hochhuths Drama "Der Stellvertreter" im Jahr 1963 läuft die zeitgeschichtliche Katholizismusforschung mit dem schweren Gepäck ihrer Profession immer wieder verlorene Rennen gegen die Suggestivkraft leichtgewichtiger Klischees und unbewiesener Vorwürfe. Zuletzt war dies vor zwei Jahren der Fall, als Daniel Goldhagen seine Anklageschrift "Die katholische Kirche und der Holocaust" auf den Markt brachte, die nach übereinstimmendem Urteil kein ernsthafter wissenschaftlicher Beitrag war und nachweislich eine dreistellige Zahl von schweren Fehlern aufwies, aber mühelos die Mühlen der antikirchlichen Affekte in der Öffentlichkeit in Bewegung zu setzen vermochte.

Auf die Frage, wie man aus diesem Dilemma herausfinden könne, gibt es unterschiedliche - resignative bis kämpferische - Reaktionen. Während jüngere Historiker wie Thomas Brechenmacher ein wenig trotzig fordern, auf derartige Anschuldigungen mit "äußerstem Selbstbewusstsein" zu reagieren und nicht wissenschaftlich, sondern politisch zu antworten, plädiert der Münchner Zeithistoriker Hans Günter Hockerts dafür, als Wissenschaftler bei den eigenen Leisten zu bleiben und dafür zu sorgen, "dass jeder, der es besser wissen will, auch besser wissen kann". Für den Brückenschlag zwischen dem "öffentlichkeitsorientierten Schlagwortdiskurs" und dem "Wissenschaftsdiskurs" müssten - so Hockerts weiter - "Übersetzer" gefunden werden, die in der Lage seien, in der schnelllebigen Mediengesellschaft auch komplexe Sachverhalte zu vermitteln, ohne diese bis zur Verfälschung zu vereinfachen. Der seit der Tagung unverändert kryptische Internetauftritt der "Kommission für Zeitgeschichte" (www.kfzg. de) dämpft allerdings die Erwartungen, dass es dem Flaggschiff der Katholizismusforschung in absehbarer Zeit tatsächlich gelingen wird, einen Kurs offensiverer Öffentlichkeitsarbeit zu steuern.

Auffallend ist - und dies spiegelt sich in verschiedenen Beiträgen des Bandes wider, die sich dem Phänomen des Katholizismus im internationalen Vergleich widmen -, dass im Unterschied zur Schweiz und den Niederlanden Österreich als komparatistische Größe - wenn überhaupt - nur eine sehr nachgeordnete Rolle spielt. Das mag verschiedenste Gründe haben, die hier nicht näher zu diskutieren sind, ist aber auch als kritische Anfrage an die (mangelnde) Ausstrahlungskraft der einschlägigen Forschung hierzulande zu registrieren.

Situation in Österreich

In Österreich ist die Katholizismusforschung, von wenigen prominenten Ausnahmen wie den Profanhistorikern Erika Weinzierl und Ernst Hanisch sowie den Politologen Heinrich Schneider und Wolfgang Mantl abgesehen, nach wie vor eine Domäne der Kirchenhistoriker. In den letzten Jahrzehnten ist es dem Grazer Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann gelungen, so etwas wie ein interpretatorisches Monopol über die kirchliche Zeitgeschichte Österreichs zu behaupten, was bei allen zweifellos vorhandenen Verdiensten des stets auch für den CV Engagierten manche fatale Schlagseite in den Deutungen - vor allem im Hinblick auf den österreichischen Laienkatholizismus - mit sich brachte.

Zu dieser unbefriedigenden Situation, in der Historiografie eher als apologetische (nach außen) oder kirchenpolitische (nach innen) Speerspitze denn als kritische Wissenschaft definiert wird, trägt auch ein in den internationalen Standards längst überwundener Quellenpositivismus sowie Methodenkonservativismus bei, was die ohnehin bestehende Separierung der kirchlichen Zeitgeschichtsforschung von der politischen und sozialen Geschichtsschreibung des Landes noch verstärkt. Das Feld des österreichischen Katholizismus mit seiner Vielzahl an interkonfessionellen, interregionalen bzw. -nationalen Bezügen sowie kulturellen und sozialen Dimensionen ist weitaus vielfältiger, interessanter und bunter, als es die schmale Spur der vorliegenden Forschungen vermuten lässt. Ideen und mögliche Ansatzpunkte für künftige Arbeiten liefert die internationale Forschung (s. o.) zuhauf.

Unerforschter Ständestaat

So ist bis heute kein ernsthafter Versuch unternommen worden, die Geschichte des Ständestaates 1933/ 34 bis 1938 in allen politischen, kulturellen und ästhetischen Facetten darzustellen und im Kontext internationaler Vergleiche zu verorten und zu bewerten. Ähnliches gilt für die Entwicklung des österreichischen Katholizismus in der Epoche der Pius-Päpste zwischen 1850 und 1950 insgesamt, die etwa im Vergleich mit der Entwicklung in anderen mittel- und westeuropäischen Ländern Spezifika aufzuweisen hat, die es wert wären, genauer untersucht zu werden. Echte Erkenntnisgewinne sind dabei jedoch nur dann zu erzielen, wenn man forschungspraktisch über den nationalen Tellerrand hinausschaut und sich durch die Mühen der komparativen Ebene arbeitet. Eine weitere, vor allem auch politisch brisante Frage betrifft die unterschiedlichen Ausprägungen von Antisemitismus und Antijudaismus im katholischen Lager Österreichs seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.

Die Liste der Forschungsdesiderate ließe sich mit theologie-, kultur- und wirtschaftshistorischen Themen beliebig fortsetzen (Erneuerungsbewegungen, Erwachsenenbildung, Presse- und Verlagswesen), wobei diese Leermeldungen vermutlich so lange gesendet werden müssen, so lange kein Forum existiert, das in der Lage ist, den österreichischen Katholizismus als attraktives Forschungsgebiet zu vermitteln, von dem sich auch jüngere Historikerinnen und Historiker angesprochen fühlen können. Fazit: Es gäbe viel zu tun, hoffentlich lassen sich Interessierte und Kompetente finden, die anpacken.

Der Autor ist Historiker und Mitarbeiter der Styria Medien AG.

Zeitgeschichtliche Katholizismusforschung. Hg. Karl-Joseph Hummel, Verlag Schöningh, Paderborn 2004, 273 Seiten, geb., e 25,60

Im Februar 2003 öffnete der Vatikan Geheimarchive, die bis 1939 zurückreichen. Seit damals haben auch externe Historiker Zugang zu Akten, die Roms Verhalten gegenüber der nsDiktatur dokumentieren. Anfang 2004 zeichnete der Historiker Peter Godman daraus im Buch "Der Vatikan und Hitler" das Bild einer Kirchenführung, die nicht mit Hitler & Co sympathisierte, sich aber in einem "Konglomerat von Opportunismus, Fehleinschätzung, Weltfremdheit, Intrige und gähnender Langsamkeit" (so Furche 11/2004) verfing.

Zu ähnlichen Schlüssen kommt "Der Heilige Stuhl und Hitler-Deutschland" von Gerhard Besier, Direktor des Hannah-Arendt-Forschungsinstitus Dresden, das erste Buch eines Nichtkatholiken, das auf diese Archive zurückgreifen kann. Auch nach Besier war Pius XII./ Eugenio Pacelli (Bild oben als Nuntius in Deutschland) nicht jener Antisemit, als den ihn manche Autoren darstellen. In Einzelfragen kommt Besier aber zu anderen Einschätzungen als Godman: So beurteilt er den Kurienbischof Alois Hudal, der bei Godman beinahe als "Hitlers Mann im Vatikan" erscheint, wesentlich differenzierter. Doch grundsätzlich bewertet auch Besier die katholische Kirchenpolitik als ein Taktieren, das die prinzipielle Ablehnung der NS-Ideologie mehr als aufweicht. Und er belegt faktenreich den Untertitel des Buches, nämlich, dass die katholische Kirche jener Jahre vom Virus des Totalitarismus infiziert war, auch wenn Besier zwischen den ns-Polit-Tätern und den die Diplomatie überschätzenden Kirchenfürsten genau unterscheidet. ofri

Der Heilige Stuhl und Hitler-Deutschland. Die Faszination des Totalitären. Von Gerhard Besier. DVA, München 2004. 415 S., geb., e 25,60

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