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Weltweit einzigartig

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Seit zehn Jahren ist das Jüdische Institut für Erwachsenenbildung Schnittstelle der Begegnung zwischen jüdischer und nichtjüdischer Welt.

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Seit zehn Jahren ist das Jüdische Institut für Erwachsenenbildung Schnittstelle der Begegnung zwischen jüdischer und nichtjüdischer Welt.

Scharenweise strömen die Menschen in den großen Festsaal des Jüdischen Instituts für Erwachsenenbildung in der Wiener Praterstraße. Der Innsbrucker Altbischof Reinhold Stecher hat sich am 4. November angesagt, um mitreißend und humorvoll Lebensstationen zu schildern, die seine persönliche Begegnung mit dem Judentum geprägt haben. Aufmerksam lauschen ihm Menschen jeden Alters im randvollen Saal. Dieser Abend ist einer von vielen Veranstaltungen im Dienste des Religionsgrenzen überwindenden Dialogs. Der Eintritt ist frei, die Begeisterung und das Klima des gegenseitigen Verstehens, die bei solchen Gelegenheiten geweckt werden, unbezahlbar.

Zehn Jahre lang gibt es das jüdische Institut für Erwachsenenbildung. Angeschlossen an den Verband der Wiener Volksbildung kann man hier - zu sozialen Preisen - vom jüdischen Volkstanz Hava nagila über jüdische Folklore bis hin zu Hebräisch und über die Grundzüge der Tora beinahe alles lernen, was es Wissenswertes am Judentum zu erfahren gibt. Auch Exkursionen in die Synagoge der Seitenstettengasse werden angeboten. Bei so einer Führung erkannte Kurt Rosenkranz, der Gründer des Jüdischen Instituts für Erwachsenenbildung, seine Berufung. "Vor zwölf Jahren bat mich der damalige Präsident der Kultusgemeinde, Paul Grosz, vierzig Deutschen die Synagoge zu zeigen. Da kam ein Blitz vom Himmel, und ich wußte auf einmal, warum Gott mich überleben hat lassen: weil ich etwas für die Verständigung tun muß."

Mit sechzig Jahren ging der gelernte Schuhmacher und langjährige Kultusrat der Israelitischen Kultusgemeinde in Frühpension, um all seine Energie der Verwirklichung eines Lebenstraumes zu widmen: Rosenkranz wollte eine jüdische Volkshochschule gründen. Mit seiner Frau Erika erstellte er ein Programm, verfaßte ein Arbeitspapier und wurde nicht müde, sein Anliegen diversen Kulturverantwortlichen vorzutragen: Nach zwei Jahren bekam er die Bewilligung.

Das Jüdische Institut für Erwachsenenbildung ist weltweit die einzige Institution dieser Art, die sich vor allem an Nichtjuden wendet, die etwas über das Judentum lernen wollen. Nach längeren Geburtswehen ist das Institut heute aus der Wiener Kulturszene nicht mehr wegzudenken. Obwohl Rosenkranz selbst sechs Jahre lang in Rußland in ein Gefangenenlager als "deutscher Spion" deportiert war und viele Angehörige und Freunde durch die Schoa verloren hat, ist er nicht verbittert. Er sieht es als Lebensaufgabe an, miteinander zu sprechen, unermüdlich den Kontakt zu suchen und zu vermitteln: "Fremdenhaß entsteht durch Unkenntnis". Rosenkranz ist davon überzeugt, daß Wissen die einzig wirksame Methode gegen wiederaufkeimenden Antisemitismus ist.

Sechsmal im Jahr veranstaltet er Führungen durch die Synagoge, sein Vortrag ist dabei weniger religiös als vielmehr politisch. An die tausend Hörer kann er damit sicher erreichen. Besonders stolz ist er darauf, daß sich dreißig Leute für einen Kurs über die Kabbala, einer jüdischen Geheimlehre, die nach traditioneller Auffassung paradiesisches Wissen beinhaltet, angemeldet haben. Ebenso stößt der Talmud auf reges Interesse. Daß nicht noch mehr Hebräisch-Kurse angeboten werden, liegt weniger an mangelnder Nachfrage, sondern vielmehr an einer beschränkten Kapazität an Lehrern und Raum. Die Palette des Angebotenen ist so vielfältig, daß wirklich jeder Interessierte etwas Passendes finden kann. Geschichte, Philosophie, Literatur, Religion, das Verhältnis von Kirche und Judentum oder Tanz, Musik und Jiddisch.

Vor acht Jahren rief Kurt Rosenkranz die "Jüdischen Filmwochen" ins Leben, die heuer vor allem im Wiener Imperial Kino vorgeführt wird. Auch die "Jiddische Theaterwoche" ist eine Initiative des rührigen Institusgründers. Mit der Israelitischen Kultusgemeinde, dem Jüdischen Museum und den Wiener Volkshochschulen arbeitet er eng zusammen. Daß er 1998 den Dr. Karl Renner Preis und heuer das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien für seine unermüdlichen Bemühungen um Verständigung und Aufklärung erhielt, hat er sich wirklich verdient. Wer bisher von der Existenz der jüdischen Volkshochschule am Praterstern noch keine Notiz genommen hat, könnte ja den Galaabend am 1. Dezember um 19.30 Uhr zum Anlaß nehmen, um vielleicht eine Liebe fürs Leben zu entdecken: "Golden Stars" präsentiert in den Liedern Fritz Spielmanns eine der vielen musikalisch kulturellen Seiten des Judentums.

Information und Programm: Jüdisches Institut für Erwachsenenbildung, Praterstern 1, 1020 Wien, Tel.: 216 19 62, Homepage: http://www.jud-institut-wien.at/jiw

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