Judentum - © Foto: APA / JUEDISCHES MUSEUM WIEN

Neue Blicke aufs Judentum

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Mit 1. Juli übernimmt Danielle Spera die Direktion des Wiener Jüdischen Museums. Die beliebte „Zeit im Bild“-Moderatorin will das Haus öffnen und bekannter machen.

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Mit 1. Juli übernimmt Danielle Spera die Direktion des Wiener Jüdischen Museums. Die beliebte „Zeit im Bild“-Moderatorin will das Haus öffnen und bekannter machen.

Nicht vielen wird die Ehre zuteil, als literarische Figur verewigt zu werden. In Josef Haslingers Roman „Opernball“ taucht ein paarmal „eine dunkle, zierliche Nachrichtensprecherin“ mit dem ungewöhnlichen Namen Gabrielle auf, deren Wohnung vollgehängt ist mit Bildern von Günther Brus und Hermann Nitsch.

Nicht vielen wird die Ehre zuteil, als literarische Figur verewigt zu werden. In Josef Haslingers Roman „Opernball“ taucht ein paarmal „eine dunkle, zierliche Nachrichtensprecherin“ mit dem ungewöhnlichen Namen Gabrielle auf, deren Wohnung vollgehängt ist mit Bildern von Günther Brus und Hermann Nitsch.

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Bei einem 1995 erschienen Buch eines österreichischen Schriftstellers kann kein Zweifel daran bestehen, auf wen diese mit nur wenigen Zeilen, aber großer Zuneigung gezeichnete Figur anspielt: Danielle Spera, damals das Gesicht der „Zeit in Bild“ und spätere Nitsch-Biografin. Am 1. Juli beginnt nun für Spera ein ganz neuer Lebensabschnitt: Mit diesem Tag übernimmt sie die künstlerische Leitung des Jüdischen Museums Wien.

„Kunst und Kultur sind und waren immer so etwas wie mein zweites Standbein“, erklärt die angehende Museumsdirektorin gegenüber der FURCHE. Gegen 13 Mitbewerber – darunter die Filmemacherin Ruth Beckermann, den Direktor des Jüdischen Museums München Bernhard Purin sowie die Chefkuratorin des Jüdischen Museums Wien Felicitas Heimann-Jelinek – setzte sie sich in einem Ausschreibungsverfahren durch. Sie galt als Wunschkandidatin der zuständigen Stadträtin Renate Brauner. Ausschlaggebend dürfte Speras große Bekanntheit gewesen sein, die nach dem Wunsch des Eigentümers, der Stadt Wien, auf das Museum abfärben soll. Kritik daran, dass sie über keinerlei museumsspezifische Erfahrung verfüge, weist sie mit dem Hinweis auf einen anderen Journalisten zurück, der als Museumsdirektor fantastische Arbeit geleistet habe: Wolfgang Kos, Direktor des Wien Museums.

Unter seinem Wert gehandelt

Das Jüdische Museum Wien ist zwar kein Publikumsmagnet, aber auch kein Weißer Fleck auf der Karte der Wiener Museumslandschaft. Kulturinteressierte wissen die sehr gut gemachten Ausstellungen durchaus zu schätzen. Knapp 74.000 Menschen besuchten im Vorjahr das altehrwürdige Palais Eskeles in der Wiener Innenstadt, wo das Museum seit 1993 untergebracht ist.

Fakt

Palais Eskeles, Wien I., Dorotheergasse 11

Die Vermittlung jüdischer Geschichte, jüdischer Kultur und jüdischer Religion: Das ist das Anliegen des Jüdischen Museums Wien. Das 1993 im Palais Eskeles in der Dorotheergasse 11 eröffnete Museum ist die Nachfolgeinstitution der allerersten Einrichtung dieser Art. Das im Jahr 1895 gegründete Wiener Jüdische Museum wurde unmittelbar nach dem „Anschluss“ im März 1938 zwangsweise geschlossen und enteignet. Rund die Hälfte der Sammlungsgegenstände befindet sich heute wieder im Besitz der neu gegründeten Einrichtung. Dazu kommen die umfangreiche Sammlung der Israelitischen Kultusgemeinde und drei weitere Privatsammlungen. In Sonderausstellungen und einer Dauerausstellung werden regelmäßig Teile der Bestände der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zusätzlich ist das Museumsarchiv, in dem zahlreiche historische Dokumente zu finden sind, eine wichtige Quelle für Forscher und Interessierte.

In den Augen der neuen Direktorin werden diese Besucherzahlen der Bedeutung des Museums nicht gerecht: „Das Jüdische Museum Wien liegt im Herzen der Stadt, mitten im Zentrum, bietet großartige Ausstellungen, aber es ist weitgehend unbekannt. Das möchte ich ändern. Es soll die Möglichkeit bieten, das Wiener Judentum kennenzulernen.“

„O Gott!“ ist nicht verboten

„Die jüdische Kultur, die jüdische Tradition bestimmen einen großen Teil meines Lebens“, bekennt die mit dem Psychoanalytiker Martin Engelberg verheiratete Mutter dreier Kinder. Als Moderatorin der „Zeit im Bild“ trug sie auch einmal gut sichtbar einen Davidstern. Bei ihr zu Hause werden der Schabbat und die jüdischen Festtage gefeiert. Einmal pro Woche besucht sie gemeinsam mit ihrem Mann einen religiösen Vortrag („Schi’ur“) des Oberrabbiners. Dabei musste Danielle Spera erst formell zum Judentum übertreten, weil zwar ihr Vater, nicht aber ihre Mutter jüdisch war. Als Kind wusste sie nach eigenem Bekunden fast nichts über das Judentum. Sie besuchte eine katholische Privatschule – „weil meine Eltern nicht wollten, dass wir als Juden wahrgenommen werden“, wie sie der von ihr mitbegründeten jüdischen Kulturzeitschrift Nu im Interview anvertraute. Trotz aller Rückbesinnung auf ihre jüdischen Wurzeln konnte sie sich den in der Schule erlernten Ausruf „Oh Gott!“ nicht mehr abgewöhnen. Dies sei allerdings kein Widerspruch zum jüdischen Verbot, den Namen Gottes auszusprechen, da ja „Gott“ nicht sein Name sei, scherzte sie einmal anlässlich einer Gesprächsreihe des Instituts für Judaistik der Universität Wien.

Die neue Direktorin möchte das Jüdische Museum als ,Ort der Begegnung mit dem Judentum‘ positionieren.

An eben dieser Hochschule studierte die 1957 geborene Wienerin Politologie und Publizistik, Thema ihrer Dissertation waren die Wahlkämpfe der Sozialdemokraten in der Zwischenkriegszeit. Ihre journalistische Karriere begann sie im zarten Alter von 21 Jahren als freie Mitarbeiterin in der Auslandsredaktion des aktuellen Dienstes im ORF-Fernsehen. Erste Station war die „Wochenschau“, später reiste sie als Redakteurin der Auslandsredaktion zur Berichterstattung nach Mittelamerika, Griechenland und Zypern. Dann wurde Spera Korrespondentin im ORF-Büro in Washington. 1988 schließlich übernahm sie die prestigeträchtige Moderation der „Zeit im Bild“, die sie bis zuletzt präsentierte. Nebenbei berichtete sie immer wieder von Schauplätzen aus der ganzen Welt, vor allem aus dem Nahen Osten, und präsentierte eine Zeit lang das Magazin „Brennpunkt“. ORF-intern tat sie sich als Redaktionssprecherin hervor.

Spera - © Foto: Thomas Ramstorfer / First Look / picturedesk.com

Danielle Spera

Mit 21 Jahren startete die 1957 geborene Danielle Spera ihre Laufbahn im ORF, zunächst als freie Mitarbeiterin in der Auslandsredaktion des aktuellen Dienstes. Später wurde sie Korrespondentin in Washington. Seit 1988 moderierte sie die „Zeit im Bild“ , zuletzt gemeinsam mit Tarek Leitner.

Mit 21 Jahren startete die 1957 geborene Danielle Spera ihre Laufbahn im ORF, zunächst als freie Mitarbeiterin in der Auslandsredaktion des aktuellen Dienstes. Später wurde sie Korrespondentin in Washington. Seit 1988 moderierte sie die „Zeit im Bild“ , zuletzt gemeinsam mit Tarek Leitner.

Es waren noch goldene Zeiten für den ORF: Bis zu drei Millionen Österreicher verfolgten täglich die „Zeit im Bild“, die damals auf beiden Programmen ausgestrahlt wurde. Zweimal – 1992 und 2007 – wurde Spera als beliebteste Fernsehmoderatorin mit einer „Romy“ ausgezeichnet. Gelegentlich schlug ihr jedoch auch antisemitischer Hass entgegen: Nach ihrer allerersten ZiB-Moderation verzeichnete der ORF den Anruf eines Sehers, der geiferte, die „Saujüdin“ solle vom Bildschirm verschwinden. Trotz solcher Vorfälle hat sie stets ihre verbindliche Art beibehalten. „Ich möchte nicht in Konfrontation gehen, sondern den Dialog suchen“, erklärt sie.

Leichter Abschied vom Journalismus

Ausflüge in andere Metiers hat sie schon früher unternommen: 1999 stellte sie auf der Frankfurter Buchmesse die Biografie „Hermann Nitsch – Leben und Arbeit“ vor, die 2005 in aktualisierter Form neu aufgelegt wurde. Von 1990 bis 2002 war sie Lehrbeauftragte am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Nun wird sich die Liebhaberin chassidischer Lieder und anspruchsvoller Rockmusik der 1960er Jahre beruflich dem Jüdischen Museum widmen. Ist ihr der Abschied vom Journalismus leicht gefallen? „Eigentlich ja“, antwortet Spera: „32 Jahre war ich als Reporterin und Moderatorin tätig. Jetzt ist es wirklich Zeit für eine Abwechslung.“

Die neue Direktorin möchte das Jüdische Museum als „Ort der Begegnung mit dem Judentum“ positionieren: „Hier soll das jüdische Leben gezeigt werden, die jüdische Geschichte, die Religion, die Bräuche vorgestellt werden.“ Sie hat sich vorgenommen, das Museum auf einen neuen Stand zu bringen. In der Dauerausstellung zum Beispiel kommen noch Hologramme zum Einsatz; das war vor vielleicht 20 Jahren der neueste Schrei, ist aber längst überkommen. Daher möchte sie langfristig eine neue Dauerausstellung erarbeiten, betont Spera.

Das Jüdische Museum ist zwar kein Publikumsmagnet, aber auch kein Weißer Fleck auf der Museumskarte. Kulturinteressierte wissen die sehr gut gemachten Ausstellungen durchaus zu schätzen.

Als erstes Vorhaben nennt sie die Präsentation einer großen Schenkung, die Anfang Juli im Jüdischen Museum eintreffen wird. Es ist der letzte Teil der Sammlung Max Berger, eines der Herzstücke des Museums. Berger, der einzige Shoah-Überlebende seiner Familie, hat als Erinnerung an seine zerstörte Welt eine bedeutende Sammlung von rund 10.000 Judaica zusammengestellt, von denen einige schon seit Jahren in der Dauerausstellung des Museums zu sehen sind.

Nach dem Willen des 1988 Verstorbenen erwarb die Stadt Wien den Großteil dieser Sammlung für das damals erst in Planung befindliche Jüdische Museum. Seine kürzlich verstorbene Witwe vermachte dem Museum auch den Rest der prachtvollen Sammlung, die ein beeindruckendes Zeugnis jüdischen Lebens in Wien bzw. in der österreichisch-ungarischen Monarchie ablegt.

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