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Bei den Konkursen im Spitzenfeld

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Stärkerer Wettbewerb ist eine der Ursachen fiir das häufige wirtschaftliche Scheitern, diagnostiziert der Geschäftsführer des Kreditschutzverbandes von 1870.

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Stärkerer Wettbewerb ist eine der Ursachen fiir das häufige wirtschaftliche Scheitern, diagnostiziert der Geschäftsführer des Kreditschutzverbandes von 1870.

DIEFURCHE: Welche Aufgaben hat der Verband?

Klaus Hierzenberger: Die kreditgebende Wirtschaft vor Kreditausfällen zu schützen und für den Fall einer Insolvenz die Interessen der Gläubiger zu vertreten. E,in großer Bereich unserer Tätigkeit ist die Information über Unternehmen, also Bonitätsauskünfte. Im vergangenen Jahr gaben wir zwei Millionen Informationen für Kreditentscheidungen im In- und Ausland.

DIEFURCHE: Wie kommen Sie zu den Beurteilungen?

Hierzenberger: Wir führen heute die größte Wirtschaftsdatenbank über Unternehmen mit Bonitätsinhalten: Daten aus dem Firmen- und dem Grundbuch, Informationen über die Firmenentwicklung, die Gesellschafter, die Beteiligungsverhältnisse, Bonitätsdaten, das Kreditvolumen, die Bankverbindungen. Besonders ausgebildete Be-chercheure haben eigene Beferenzda-ten. Vielfach liefern uns die Unternehmen Daten.

DIEFURCHE: Die machen da mit? hierzenberger: Zum Teil. Vielfach wird diese Information als großes Geschäftsgeheimnis gehandhabt. Aber eigentlich sollten Unternehmen an der Weitergabe von Information interessiert sein. Über seine Geschäftspartner informiert zu sein, ist nämlich sehr wichtig. Wir führen auch eine große Inkasso-Abteilung. Da fließen auch viele Negativdaten über Firmen ein (übrigens ist die öffentliche Hand ein sehr schlechter Zahler). Im Vorjahr hatten wir rund 50.000 Inkasso-Aufträge mit einem Volumen von zwei Milliarden Schilling. Einen großen Teil der Forderungen ziehen wir auf außergerichtlichem Wege ein. Vor allem im Geschäft mit dem Ausland erleichtern wir so den Unternehmen ihre Aufgabe. Besonders in Osteuropa, Italien oder Spanien ist das Beschreiten des Bechtsweges äußerst schwierig.

DIEFURCHE: Wie wirken Sie an der Abwicklung von Insolvenzen mit? hierzenberger: Da vertreten wir die Gläubiger, organisieren sie, melden ihre Ansprüche an und überprüfen die Vermögenssituation des Schuldners. Gemeinsam mit dem Schuldner organisieren wir eine Sitzung, in der die Situation und die Vorgangsweise beraten wird. Da stimmen die Gläubiger demokratisch ab, ob und wie das verschuldete Unternehmen zu sanieren oder zu liquidieren ist.

DIEFURCHE: Nehmen die Insolvenzen zu? hierzenberger: In den letzten Jahren sehr stark. Im Vergleich zu den nachwachsenden Unternehmen verschwinden zu viele vom Markt.

DIEFURCHE: Scheiden mehr aus, als nachkommen?

HIERZENBERGER: Nein. Aber das Verhältnis ist ungünstig. 10.000 bis 12.000 Neugründungen standen im Vorjahr 5.000 Insolvenzen gegenüber. Ua wir in Österreich 250.000 Unternehmen haben, sind das pro Jahr zwei Prozent Insolvenzen.

DIEFURCHE: Ist das viel?

Hl erzen berger: Ja. In Deutschland liegt der Wert bei einem Prozent. Die Hauptursache für die kleine Zahl von Unternehmen ist unsere Mentalität, das schlechte Image des Unternehmertums. Wir sind nicht risikofreudig. Bei uns wird man eher Beamter. Außerdem gibt es zu viele Hindernisse auf dem Weg, sich selbständig zu machen. Laut Bernhard Görg braucht man als Maronibrater 22 Genehmigungen. Hier muß sich etwas ändern.

DIEFURCHE: Geht man hierzulande besonders leicht in Konkurs? hierzenberger: Der EU-Beitritt und die Ostöffnung haben uns einen viel härteren Wettbewerb gebracht - in allen Bereichen. Österreich ist eines der wenigen Länder, in dem die Insolvenzen weiter steigen. Allerdings ist zu sagen, daß wir in ganz Europa in den letzten drei Jahren ungefähr 200.000 Insolvenzen zu verzeichnen hatten. Seit 1990 sogar 900.000! Das ist sehr viel.

DIeFYirchE: Werden die Insolvenzen in Osterreich weiter steigen? Hierzenberger: Als Optimist hoffe ich, daß wir bald den Höhepunkt überschritten haben, obwohl wir bis Jahresende heuer noch eine Zunahme zu verzeichnen haben werden - und zwar schätze ich ein Plus von zehn Prozent im Vergleich zu 1995. Das wären 5.500 Insolvenzen. Bei der Passiva-Summe rechne ich mit einem Bückgang. Insolvenzen wie den Konsum werden wir voraussichtlich nicht mehr haben, wohl aber Schwierigkeiten bei den kleinen Betrieben.

DIEFURCHE: Kommt es bei Konkursen häufig zu Strafverfahren? hierzenberger: Bei 3000 mangels Masse abgewiesener Konkurse wären die Gerichte überfordert. Eigentlich sollte man diese Fälle untersuchen. Sie verursachen ja große Schäden für die Wirtschaft. Ein Unternehmen darf einfach nicht so lange weitergeführt werden, daß nicht einmal mehr ein ordnungsgemäßes Konkursverfahren abgewickelt werden kann. dieFurche Wie oft kommt es zu strafrechtlichen Folgen? hierzenberger: Die Verurteilungen wegen fahrlässiger Krida liegen zwischen 1.500 bis 1.800 im Jahr. Meist werden bedingte Haftstrafen ausgesprochen. Die Zahl der Verurteilungen wegen betrügerischer Krida liegt bei 20. Deren tatsächliche Zahl liegt sicher

Klaus Hierzenberger:

Wir sind nicht risikofreudig. Bei uns wird man Beamter. Außerdem gibt es zu viele Hindernisse auf dem Weg, sich selbständig zu machen. viel höher. Wirtschaftskriminalität ist. im Vormarsch. Die Strafgerichte sind zu rasch mit Verurteilungen wegen fahrlässiger Krida bei der Hand, wenn Unerfahrenheit und mangelndes Eigenkapital bei einer Geschäftseröffnung ausschlaggebend für das Scheitern war. Bei den größeren Verfahren wird hingegen zu wenig rigoros vorgegangen. Da geht es um Milliardenforderungen und die Manager werden mit Millionenabfertigungen verabschiedet, ohne daß etwas geschieht!

DlEFURQfE Lösen Konkurse Kettenreaktionen aus?

HIERZENBERGER: Das hat sich bisher in Grenzen gehalten. Beim Konsum kam es zu einer Lösung, die die Zahl der Nachfolge-Insolvenzen auf ein bis zwei reduziert hat. Von den 200 befürchteten Fällen war keine Bede. Auch bei Maculan sind nur vereinzelte Fälle in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Banken haben meist Kreditstundungen gewährt. Das geschieht bei kleinen Unternehmen viel seltener, was ungerecht ist.

DIEFURCHE: Bedeutet der Konkurs das Ausfür das Unternehmen? Hierzenberger: Nein. Es gibt sehr viele Zwangsausgleiche. Dann ist eine Mindestquote von 20 Prozent innerhalb von zwei Jahren aufzubringen. Stimmt die Mehrheit der Gläubiger zu, kann sich das Unternehmen so entschulden.

DIEFURCHE: Wie ist die Stellung der Arbeitnehmer im Konkursverfahren? Hierzenberger: Sie sind seit Einführung des Insolvenzausfallgeldfonds in ihren Ansprüchen geschützt, müssen ihre Ansprüche im Verfahren anmelden und bekommen sie ersetzt. Der Fonds soll mit sechs Milliarden Schilling im Minus sein. Man kann ihn wohl nur sanieren, wenn auch die Arbeitnehmer einzahlen. Derzeit zahlen nur die Unternehmen 0,7 Prozent der Lohnsumme in den Topf. diefurche Gibt es unsinkbare Schiffe? Hierzenberger: Vor einer Insolvenz ist niemand gefeit. Man denke an die vielen Paradeunternehmen, die in diese Situation gekommen sind: Eumig, F.mco, Vöslauer ... Da spielen Fehlentscheidungen eine Bolle. Aber es wirken auch andere Umstände mit. dieFurche Etwa die Wirtschaftskrise? Hierzenberger: Ich möchte das Wort nicht verwenden. Viele sehen keine Krise. Ich würde auch nie sagen, daß ganze Branchen negativ zu beurteilen sind. Es gibt gut und weniger gut geführte Unternehmen. Sicher haben derzeit der Tourismus und Bauwirtschaft besondere Probleme. Der Zusammenhang mit dem Konjunkturverlauf ist wissenschaftlich noch nicht ganz erwiesen, aber ich meine, daß da schon ein Zusammenhang besteht. Die wesentlichen Gründe für Insolvenzen aber liegen in der mangelnden Kapitalausstattung und im kaufmännischen Bereich. Aber vor Fehlentscheidungen ist, wie gesagt, niemand gefeit. Nachher weiß man immer alles besser, aber im Zeitpunkt der Entscheidung ...

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