Ausgerechnet mit den Juden ...

Begründer und Doyen der Judaistik: Kurt Schubert, seit 1945 an der Universität Wien lehrend, feierte vor wenigen Tagen seinen 80. Geburtstag. Im Gespräch erzählt er von seiner Begeisterung für das Judentum aus "austrokatholischer Opposition" gegen das NS-Regime, und dass 1945 der Widerstand gegen sein Fach bei weitem nicht erloschen war.

Die Furche: Sie gelten als einer der Begründer der Judaistik. Warum ist diese Wissenschaft so spät entstanden?

Kurt Schubert: Schon Anfang des 19. Jahrhunderts wandte sich Leopold Zunz, der Urvater der Wissenschaft des Judentums, an den preußischen Kultusminister, er mö- ge an der Humboldt-Universität in Berlin eine Judaistik einzurichten. Das wurde mit der Begründung abgelehnt, es gebe Lehrkanzeln für Alte Geschichte - da werde auch über das Judentum gesprochen, und es gebe Theologen, die auch über die Bibel sprechen. Infolgedessen brauche man nichts Weiteres. Dass das Judentum ein Kulturvolk ist, war offenbar nicht gegenwärtig.

Die Furche: In Österreich ...

Schubert: ... war es genauso. Im 19. Jahrhundert wurden die orientalistischen Fächer gegründet: die Turkologie, die Altorientalistik und die Semitistik (wo ich selber mein Doktorat gemacht habe), dann die Ägyptologie, die Indologie. Nur Judaistik gab es nicht. Dann kam der Nationalsozialismus: In dieser Zeit war ich aus austrokatholischer Opposition an allem das Judentum Betreffende interessiert, und ich habe alles, was man bekommen konnte, von der Bibel angefangen, aufgesogen und ein Studium gewählt, das das Hebräische inkludiert hat: Das war die altsemitistische Philologie.

Die Furche: Und das im 3. Reich?

Schubert: Ja, ich habe ja noch im Dritten Reich promoviert, am 27. März 1945. Die Russen waren da aber schon in Wiener Neustadt ...

Die Furche: Hat das Aufkommen der Judaistik als Wissenschaft mit der Erfahrung der Schoa zu tun?

Schubert: Ganz sicher. Der Widerstand an der Universität war aber auch nach 1945 enorm: Es hieß, Judaistik sei kein eigenes Fach, keine Wissenschaft, ich solle auf der Altorientalistik bleiben, mich doch nicht "ausgerechnet mit den Juden" befassen: Wenn interessiere das? Aber ich habe nicht nachgelassen und habe zwei große Helfer gehabt: den Akademikerseelsorger Otto Mauer und den damaligen Unterrichtsminister Heinrich Drimmel.

Die Furche: Diese Unterstützer waren prominente Katholiken.

Schubert: Ich war und bin ja auch Katholik - mit großer innerer Zustimmung. Im Krieg, im Kreis um den Studentenseelsorger Karl Strobl, hatte ich den Spitznamen "Moses", weil ich immer über das Judentum geredet habe. Ich habe alles dazu getan, dass immer wieder neue Studenten kamen, die mit mir judaistische Texte gelesen und Vorlesungen gehört haben. Und ich habe seit dem Sommersemester 1945 ununterbrochen unterrichtet.

Die Furche: Nach dem Krieg begann auch der christlich-jüdische Dialog.

Schubert: Ich war da der erste und lange Zeit der einzige - der Dialog hat in meinem Zimmer und im Hörsaal des Orientalischen Instituts stattgefunden. Dann haben sich Volkshochschulen und Katholisches Bildungswerk interessiert. Wir haben aber keine Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit wie in Deutschland: Es gab zwar Gespräche, um solche Gesellschaften nach US-Muster zu gründen mit einem katholischen Priester, einem evangelischen Theologen sowie einem in seiner Tradition verwurzelten Juden an der Spitze. Das Konzept scheiterte aber an den Resten des Kulturkampfes aus der 1. Republik. Die sozialistischen Teilnehmer der Gespräche wehrten sich, von Religionsvertretern geführt zu werden. "Um etwas gegen Antisemitismus zu tun, braucht man keine Religionsvertreter", war ihr Argument. So wurde die "Aktion gegen den Antisemitismus" gegründet - ohne offizielle Religionsvertreter. Prälat Karl Rudolf hat mich dann 1954 beauftragt, in der "Pax Christi"-Bewegung eine "Arbeitsgemeinschaft Christen und Juden" zu gründen, aus denen 1964 der "Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit entstand", den es ja noch gibt.

Die Furche: War dieses christlich-jüdische Gespräch also vor allem ein Gespräch über den Antisemitismus?

Schubert: Ja, aber nicht nur. Was zum christlich-jüdischen Gespräch angeregt hat, war vor allem, in der Pastoral und im Religionsunterricht einen Weg einer Vereinbarkeit nicht sehr judenfreundlicher Stellen im Neuen Testament mit einem Verständnis für das Judentum und seine kulturellen Werte zu finden. Ich habe immer gesagt: Reden wir nicht über den Unglauben der Juden an Jesus, sondern über den Glauben der Juden an den Sinai-Bund. Das ist das Entscheidende, das ist das uns Gemeinsame.

Die Furche: Es war für Katholiken damals aber nicht selbstverständlich, so über diesen Bund zu reden.

Schubert: Ich erinnere mich, dass ich 1943 einmal bei Karl Strobl saß und zu ihm sagte: "Herr Doktor, die Juden sind das erwählte Volk Gottes." Da schüttelte er ein wenig den Kopf und meinte nach etwa einer Minute: "Dass der liebe Gott ausgerechnet die Juden erwählt hat ..." Er stand dann auf und gab mir aus seiner Bibliothek das 1933 erschiene Buch von Erik Peterson "Die Kirche aus Juden und Heiden". Er hat absolut verstanden, was ich gesagt habe - sonst hätte er das Buch nicht gehabt - doch in der Schärfe, wie ich es formuliert hatte, war es für ihn neu.

Die Furche: Hat Ihr Engagement auch zu jener Richtungsänderung in der katholischen Kirche gegenüber den Juden beigetragen, die 1965 in die Konzilserklärung Nostra Aetate mündete?

Schubert: Was ich tat, lag in der Luft, nur war ich vielleicht der erste und vielleicht radikalste Vertreter dieser These. Aber nach der Schoa, nachdem man gesehen hat, was für Folgen der nicht hinterfragte Antisemitismus hatte, war es nicht mehr möglich, daran vorbeizugehen. Außerdem hat man auch nach dem Krieg einen Terminus gefunden für das Zusammenleben innerhalb der Christen, der dann auf die Juden ausdehnt wurde: Ökumenismus.

Die Furche: Das christlich-jüdische Gespräch gehört also nicht zum interreligiösen Dialog, sondern zur Ökumene?

Schubert: Ja. Wir haben eine gemeinsame Heilige Schrift, wir haben gemeinsame Grundsatzvorstellungen, und unser zentrales Gebet, das Vaterunser, ist ein Gebet, dass jeder Jude mitsprechen kann.

Die Furche: Aber für Juden ist das Christentum nicht akzeptabel!

Schubert: Es deckt sich unsere Zukunftshoffnung zwar weithin mit der jüdischen, aber dass für uns durch Jesu Tod und Auferstehung eine Grundauffassung da ist, dass wir in diesen Tod und die Auferstehung hineinbezogen sind - was auch als Erlösung bezeichnet wird - ist für Juden nicht mitvollziehbar. Martin Buber hat mir gegenüber das einmal so formuliert: Als Jude weigere ich mich, mit einer erlösten Seele auf einer unerlösten Welt in einem unerlösten Körper zu leben.

Die Furche: Was soll das christlich-jüdische Gespräch weitergehen?

Schubert: Grundsätzlich handelt es sich um zwei ungleiche Partner: Die Christen sehen von einer theologischen Basis aus ein heilsgeschichtliches Verhältnis zu Israel. Das können die Juden uns gegenüber entschieden nicht - weil für uns die Bibel Heilige Schrift ist, das Neue Testament aber für die Juden nicht. Das christlich-jüdische Gespräch wird von jüdischer Seite geschätzt, weil es eine wirksame Waffe gegen den Antisemitismus ist. Es ist also mehr die sozialpolitische Auswirkung des Gesprächs als der theologische Kern, der die Christen in erster Linie interessiert.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

Widerständler, Christ, Judaist

Kurt Schubert wurde am 4. März 1923 in Wien geboren. Noch vor der Matura erlebte er 1938 den NS-Einmarsch. Die Judenverfolgung bewog ihn, sich mit dem Judentum wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Ein Zeichen des Protests gegen das Regime war, dass er ein Altorientalistik- und Hebräisch-Studium an der Universität Wien begann. Schubert gehörte der Österreichischen Widerstandsbewegung und dem katholischen Studentenkreis rund um Karl Strobl und Otto Mauer an. Nach der Befreiung Wiens zählte der frisch Promovierte zu den ersten Wiederaufbauern der Wiener Universität. Bereits am 2. Mai 1945 hielt er seine erste Vorlesung "Hebräisch für Anfänger". Zunächst Dozent für Judaistik erreichte er die Errichtung eines Ordinariats, das er bis zu seiner Emeritierung 1993 innehatte. Schubert gehörte zu den ersten Qumran-Forschern und zu den den Pionieren des christlich-jüdischen Dialogs. Er ist Gründer des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Verständigung und des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt. Seit 1966 ist er außerdem Präsident des Österreichischen Katholischen Bibelwerkes.

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