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Das so genannte "Bilderverbot"

Judentum und Bilder: Das dritte der Zehn Gebote (Du sollst dir kein (Gottes-)Bild machen) soll nicht davor bewahren, die Natur künstlerisch nachzubilden, sondern davor, dass man sie nicht in einen Götzen verwandelt.

Ich hasse nicht den Altar, sondern ich hasse die Schlangen, die unter dem Gerölle der Altäre lauern; die argklugen Schlangen, die unschuldig wie Blumen zu lächeln wissen, während sie heimlich ihr Gift spritzen ... und Verleumdung zischen in das Ohr des frommen Beters ...

Heinrich Heine, Reisebilder,

4. Teil: Italien III, Die Stadt Lucca,

Kapitel 14, Hamburg 1826-31

Die aktuelle Debatte um die Karikaturen des islamischen Propheten Mohammed ist von Anfang an von vielen Seiten politisiert und instrumentalisiert worden. In Zeiten, in denen flächendeckend ein Erstarken fundamentalistischer und reaktionärer Denkweisen zu beobachten ist, zeugt es sicher nicht von Klugheit, durch Karikaturen Religionen herauszufordern. Beleidigte Muslime schlagen mit einem geschmacklosen Holocaust-Karikaturenwettbewerb zurück, wobei gerne übersehen wird, dass in islamistischen Zeitungen und Internet-Seiten antisemitische Karikaturen schon lange leider alltäglich sind.

Bilder des Antijudaismus

Die alten widerlichen Bilder des christlichen Antijudaismus, dass Juden für rituelle Zwecke Christenblut bräuchten, wird dort "aktualisiert", indem statt kleinen Christenkindern nun eben Palästinenser geschlachtet werden. Die weltweite Entrüstung über diese ekelhaften Bilder hält sich meines Wissens im Null-Bereich.

Abgesehen davon - was haben Juden überhaupt mit dieser Karikaturen-Debatte zu tun? Schließlich ging der Ur-Streit ja von dänischen - vermutlich christlichen - Künstlern aus und nicht von Juden. Aber da es ja eine steinalte Tradition ist, Juden in Konflikte herein zu ziehen, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben, und sie gewohnt sind, als Sündenböcke herzuhalten, wundert es wahrscheinlich niemanden.

Wie halten es nun "die" Juden mit dem Bilderverbot? Es ist mehr als oberflächlich zu sagen, dass im Judentum ein generelles "Bilderverbot" bestünde. Das bekannte dritte Gebot der Tora (Ex 20,4) ist kein echtes "Kunstverbot". Es ist ein Gebot gegen jede Form des "Götzendienstes". Es heißt hier ja auch wörtlich, dass man keine Darstellung (hebr. Pesel) aus Stein oder Holz und kein Bild (hebr. Temuna) anfertigen soll, um sich danach vor ihnen niederzuwerfen und ihnen zu dienen (Ex 20,5). Es besteht folglich ein Verbot, ein Menschen-oder Tierbildnis anzufertigen (Dtn 4,15-18), um es als Götze zu missbrauchen. Natürlich wird von vielen Wissenschaftern stark bezweifelt, dass der Auszug aus Ägypten und die Übergabe jener Gebote, wie es in der Tora beschrieben wird, tatsächlich stattgefunden hat.

Trotz aller berechtigten Zweifel ist die Geschichte des Exodus fest im Judentum verankert. Bis heute bildet die Unterscheidung in den einen wahren Gott und die vielen falschen Götter das religiöse Fundament aller Strömungen des Judentums, so unterschiedlich sie auch sind. Es ist unrichtig zu sagen, dass das "orthodoxe Judentum" das dritte Gebot auch gegen jede Kunstform ausdehnt und nur im "liberalen Judentum" das Gebot im ursprünglichen Sinn ausgelegt würde. Es gab und gibt jüdische "Bilderstürmer" mit extremen Scheuklappen, die das Bilderverbot absolut auslegen.

Eine uralte Geschichte

Dennoch ist die Geschichte der jüdischen Kunst so alt wie das Judentum selbst und ihre Träger waren keinesfalls alle "Häretiker". Schließlich war es ja seit der Antike im Judentum gestattet, religiöse Kunstgegenstände anzufertigen, sofern man sie nicht anbetete und sie so zu Götzen wurden. Die bekanntesten Objekte, von denen bereits die Tora erzählt, sind die beiden Cherubim der Bundeslade und die Plastiken des Ersten Tempels.

Jüdische Bebilderungen

In zahlreichen Zauberschüsseln aus dem fünften und sechsten Jahrhundert v. d. Z. findet man auch Darstellungen von Geistern, die man abwehren will. In frühen Synagogen, wie in Beth Alfa, fand man ein Mosaik (6. Jahrhundert), auf denen die Sternzeichen abgebildet waren. Diese 1928 entdeckte Synagoge ist kein Einzelfall. Wenn man sich die Synagoge in Dura-Europos (Syrien) aus dem dritten Jahrhundert ansieht, kann man Wandmalereien im hellenistischen Stil bewundern, in der sehr wohl auch Menschen, wie Moses am brennenden Dornbusch und sogar Gottes Hand in der Darstellung der Ezechiel-Vision zu sehen ist. Ebenso zeugen zahlreiche mittelalterliche Handschriften, dass das biblische Verbot niemanden der gewiss frommen Schreiber daran hinderte, die Manuskripte mit wunderschönen figürlichen Darstellungen zu illustrieren und zu illuminieren.

Die Ablehnung der Bilder hängt natürlich von Zeit und Ort ab. Da wo die christliche Bilderverehrung wuchs, nahm parallel dazu die Ablehnung von menschlichen Plastiken et cetera im Judentum zu. Im modernen Chassidismus kann man trotz der Feindschaft gegen zweckfreie Kunst sogar eine jüdische Variante der christlichen Heiligenbilder wieder finden. Auf großformatigen Darstellungen werden die Bildnisse der berühmtesten Zadikim (Gerechte) abgebildet, wobei im Chabad-Chassidismus der Charakterkopf des letzten "Rebben" Menachem Schneerson (1994 verstorben) auf verschiedenste Weise (Porträts, Fahnen, Transparente etc.) stets präsent ist.

Der Götzendienst, der durch das Bilderverbot verhindert werden soll, schleicht sich aber auf verschiedenen Hintertüren immer wieder hinein - und dies ist kein genuin jüdisches Problem. Das dritte Gebot soll wie gesagt nicht davor bewahren, die Natur künstlerisch nachzubilden, sondern dass man sie nicht in einen Götzen verwandelt. Diese Götzen sind Werke des Menschen, denen er sich sklavisch unterwirft, bzw. sind von Menschen geschaffene Instrumente, um andere Menschen zu unterdrücken.

Götzendienst Macht

Die offensichtlichsten neuen Götzen sind ausufernde Formen des Kapitalismus und der Technik, wie der Missbrauch des Internets und die Abhängigkeit des Menschen von Handys und ähnlichem technischen Spielzeug zeigen. Aber viel gefährlicher wird es, wenn sich eine Religion politisieren lässt, bzw. zur Machterhaltung und Machtentfaltung seltsame Allianzen schließt. Die Macht oder der Hunger nach Macht ist ein weitaus brisanterer Götzendienst als die Sehnsucht nach dem neuesten i-Pod.

Die Ergebnisse dieser fragwürdigen Allianzen konnte man in der Menschheitsgeschichte leider mehr als einmal beobachten - von den Kreuzzügen bis in die Gegenwart. Bereits Moses Mendelssohn (1729- 86) erkannte, dass eine Verbindung von Staat und Religion auch im Judentum zu unguten Ergebnissen führen muss. Das tragische Schicksal Baruch Spinozas geistig vor Augen, forderte er dazu auf, den rabbinischen Bann aufzugeben.

Wider rabbinischen Bann

Dies war ein - durchaus taktvoll formulierter - Angriff auf die gerichtliche jüdische Autonomie. Mendelssohn erklärte, dass eine Religion nur Geist und Herz sei und daher keine Arme und Finger brauche: Die wahre, göttliche Religion maßt sich keine Gewalt über Meinungen und Urteile an; gibt und nimmt keinen Anspruch auf irdische Güter, kein Recht auf Genuss, Besitz und Eigentum; kennet keine andere Macht, als die Macht durch Gründe zu gewinnen, zu überzeugen, und durch Überzeugung glückselig zu machen. Der Bann verschwand zwar in den Zeiten der Aufklärung, aber dennoch sind wir weit von den Ideen Mendelssohns entfernt.

Wie schrieb Heinrich Heine in seiner Ballade über die mittelalterliche Disputation in Toledo zwischen Rabbi Juda und Frater José:

Doña Blanka ... spricht am Ende:

"Welcher recht hat, weiß ich nicht -

Doch es will mich schier bedünken,

Daß der Rabbi und der Mönch,

Daß sie alle beide stinken."

Heinrich Heine, Romanzero, Gedichte, drittes Buch: Hebräische Melodien, Disputation, Hamburg 1851

Der Autor ist Professor für Judaistik an der Universität Wien (Schwerpunkt: Jüdische Geistesgeschichte der Neuzeit, Kabbala).

Die Bilder des Dossiers entstammen zwei Bildbänden.

Eine bebilderte Geschichte des Christusbilds von der Antike bis ins 20. Jahrhundert bietet das Buch "Ansichten Christi", von den urchristlichen Fischdarstellungen über Ikonen der Ostkirche bis zu Andy Warhols oder Joseph Beuys' Werken, die unter dem Kapitel "Bilder vom Nicht-Darstellbaren" firmieren. Der graphisch opulent gestaltete Band ist der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, die anlässlich des Weltjugendtags 2005 im Kölner Wallraff-Richartz-Museum zu sehen war. Im Wortsinn sehenswert - über den Anlass der Ausstellung hinaus.

Natale Spoletos "Die Symbole der Menschheit" geht religiösen (Ur-)Bildern nach - nicht nur in den großen Monotheismen, sondern auch den Symbolen der Ägypter bis zu den Indigenen Australiens oder Afrikas. Dass die Auseinandersetzung mit Symbol nach Bild und Abbildung verlangt, versteht sich: ein Wissensbuch gleichermaßen wie ein Bildband. ofri

Ansichten Christi

Christusbilder von der Antike bis zum 20. Jahrhundert

Hg. Roland Krischel ... DuMont, Köln 2005

295 S., zr. meist farb. Abb., geb. e 30,80

Die Symbole der Menschheit

Von Natale Spineto.

Patmos Verlag, Düsseldorf 2003. 239 S., zahlr. meist farb. Abb., geb. e 20,60

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