Digital In Arbeit

Die NZZ als Lexikon

1945 1960 1980 2000 2020

Die Jahrgangs-CD-ROM erhebt die alte Tageszeitung von gestern zum Archiv von morgen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Jahrgangs-CD-ROM erhebt die alte Tageszeitung von gestern zum Archiv von morgen.

Die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) gilt als eine der seriösesten Zeitungen Europas, ihre Haltung gegenüber den Ereignissen als besonders kritisch und objektiv. Die laufende Berichterstattung über die Situation in vielen Ländern ist im deutschen Sprachraum unübertroffen, ihre Korrespondenten gelten in den Ländern, in denen sie stationiert sind, als besonders gut informiert und auch besonders hilfsbereit. Zahllose Autoren schreiben über eine kaum überblickbare Palette von Themen.

Seit 1993 gibt es jeden Jahrgang zum Preis von 390 Franken auf CD-ROM. Wie bei jeder großen Qualitätszeitung summieren sich diese CDs im Lauf weniger Jahre zu einem Querschnitt durch das politische, wirtschaftliche, kulturelle, wissenschaftliche und sportliche Geschehen, wobei die epitheta ornantia "komprimiert" und "umfassend" nicht länger eine contradictio in adjecto darstellen.

Die Recherche beschert freilich jedem Anfänger eine geradezu existentielle Erfahrung: Man muß das Gesuchte einzugrenzen wissen, um nicht von der Überfülle des Materials erschlagen zu werden. Österreich wird von der NZZ täglich in irgendeiner Weise zur Kenntnis genommen, vom außenpolitischen Bericht über das Feuilleton bis zum TV-Programm, ja bis zur Erwähnung des Österreich-Korrespondenten im Impressum. Dies schlägt sich in einer Liste tausender Artikel nieder - 1996 kam das Wort Österreich in der NZZ an 304 Tagen in 2.561 Einträgen vor (im Jahr davor an 303 Tagen in 2.315 Einträgen).

Man kann nun, mit Hilfe der Stichwortangaben, einen interessierenden Artikel nach dem anderen ansehen - oder die Themen eingrenzen. Letzteres funktioniert oft am einfachsten durch Eingabe eines anderen Stichworts oder einer Kombination von Stichwörtern. Jörg Haider kam zum Beispiel nur 42mal vor, um viermal weniger oft als 1995.

Sehr brauchbar ist die Liste der eingetragenen Stichworte. Ich möchte zum Beispiel wissen, ob der Ökonom Milton Friedman 1996 in der NZZ genannt wurde. Ich habe erst Mi getippt, und lese schon MI5, MI6, MI-8-Armee-Helikopter am Anfang einer unendlich langen Liste, tippe das L dazu und sehe, daß ich mich auch über Milad, Miladinovic, Milagros, Milagrosa, Milan-Abwehr und so weiter informieren könnte, bei Milt wird die Liste schon kürzer, immerhin schrieb die NZZ nicht nur über Miltiades, sondern auch über Miltiadis, Milton Friedman kam neunmal vor.

Für Leute, die über Leute schreiben, seien es Würdigungen Nobilitierter, Nachrufe oder Pflichtübungen zu runden Geburtstagen, ersetzen ein paar CD-ROMs ganze Batterien von Zettelkästen. Hier sind, wenn man nicht gerade Präsident Clinton, Premier Blair oder Kanzler Kohl nachspürt, die Auskünfte meist auch noch überblickbar. Man darf daher annehmen, daß das Niveau solcher Stories durch die Zugriffsmöglichkeit zu einem gewaltigen Archivmaterial in den nächsten Jahren besser wird.

Nehmen wir Friedman als Beispiel. Wer kennt schon seinen Vergleich der ersten und der 100 Jahre später erschienenen Ausgaben der Zeitschrift "Economic Journal"? Das Ergebnis ist amüsant und wird gut in einen Artikel zu seinem Neunzigsten passen: Die Autoren befaßten sich vor 100 Jahren nicht nur mit ähnlichen Themen, sondern kamen auch zu ähnlichen Schlußfolgerungen. Was sich wirklich geändert hatte, war die Sprache: Man drückt sich nicht mehr in Englisch, sondern mathematisch aus. Wir lesen aber auch, daß Friedman gegen die Erhöhung der US-Mindestlöhne um 90 Cent auf $ 5,15 war (und der Washingtoner Korrespondent offenbar seine Kritik teilt), daß er sich für die Bindung von Staatsanleihen an den Inflationsindex aussprach, und wir erfahren auch einiges darüber, wie sich heutige Theoretiker an typischen Friedman-Positionen reiben, etwa seinem berühmt-berüchtigten Artikel "Die soziale Verantwortung der Wirtschaft besteht in der Steigerung des Profits" aus dem Jahr 1970.

Zu den reizvollsten Aspekten der CD-ROM-Recherche zählen die Zufallsfunde, deren Durchschnittsniveau dem Niveau der Zeitung entspricht. Kaum ein Suchziel läßt sich so exakt definieren, daß man nicht auf Dinge stößt, die man im Moment nicht braucht, aber doch nicht wieder vergessen will. Beim "Objektivitätstest" der Österreich-Berichterstattung (die NZZ schnitt besser ab als einige deutsche Printmedien) fiel das Stichwort "Österreich-Beschimpfung" ins Auge. Dahinter verbirgt sich ein Beitrag von Karl-Markus Gauss über Friedrich Heer, in dem Gauss an das Schlüsselerlebnis Heers erinnert, durch das diesem blitzartig klar wurde, daß "Bildung vor Barbarei nicht schützt": Heer wurde als Häftling im Berliner Reichssicherheitshauptamt durch einen langen Gang mit Türen geführt, an denen die Namen hoher SS-Führer prangten - alle mit akademischen Titeln.

Gewiß, solche Funde kann man auch beim Blättern in alten Zeitungen machen. Aber wer blättert schon regelmäßig in alten Zeitungen - angesichts des meist geradezu astronomischen Mißverhältnisses zwischen dem Ertrag einer gezielten Recherche und dem dafür notwendigen Zeitaufwand?

Die CD-ROM reduziert ihn von Tagen und Wochen auf Stunden. Stunden freilich, und fallweise Nächte, können über einer komplizierteren außenpolitischen Materialsuche ohne weiteres vergehen. So klein und leicht die CD-ROM ist, sie macht uns klar, wieviel im Lauf eines Jahres in einer großen Zeitung steht - um alsbald der Vergessenheit anheimzufallen. Alle Beiträge, in denen im Lauf eines Jahres in der NZZ die USA vorkamen, wird nie wieder jemand lesen, schon gar nicht die USA-Beiträge mehrerer Jahre - angesichts von 5.780 Einträgen in einem Jahr. Hier geht's nicht ohne Eingrenzen. Senator Dole kam wenigstens nur in 253 Beiträgen vor, Newt Gingrich nur in 68. Das ist bewältigbar. Bewältigbar ist, entsprechend selektiert, auch das Material, das die NZZ in einem Jahr über verschiedene Länder der Dritten Welt zur Verfügung stellt.

Diese CD-ROM trägt das Kürzel, mit dem sie im Programm-Manager aufscheint, mit Recht: "PaperOut". Papier braucht man nur noch, um Artikel auszudrucken. Und um sich den einen oder anderen Zufallsfund zu notieren.

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