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Endlich Frieden für die Opfer des Februar 1934?

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Zum 85. Mal jähren sich heuer die tragischen Februarkämpfe. Der Historiker Kurt Bauer hat dazu ein wichtiges Buch vorgelegt.

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Zum 85. Mal jähren sich heuer die tragischen Februarkämpfe. Der Historiker Kurt Bauer hat dazu ein wichtiges Buch vorgelegt.

Dem Historiker Kurt Bauer kommt das bemerkenswerte Verdienst zu, sich Themen anzunehmen, die andere Meister seiner Zunft vermieden haben. So warfen über Jahrzehnte in-und ausländische Historiker mit (meist überhöhten) Zahlen hinsichtlich der Opfer der Februarkämpfe um sich. Der Mühe, Anzahl und Verteilung möglichst genau zu erforschen, wollte sich vor ihm niemand unterziehen. Sein Ergebnis weicht deutlich von früheren Annahmen ab. Er konnte die Zahl der Todesopfer auf 350 bis 360 eingrenzen. Auch die Vermutung, wonach die unterlegenen Schutzbundkräfte deutlich mehr Tote als die Regierungsseite zu beklagen haben müssten, erwies sich als völlig unzutreffend. Tatsächlich ist der Anteil beider Gegner mit jeweils etwa 31 Prozent gleich hoch, wogegen die verbleibenden 38 Prozent - also die größte Gruppe - Nicht-Kombattanten waren. Sie sind meist tragischerweise zwischen die Fronten geraten. Schon diese Verteilung verändert das Bild, das man sich von den Kämpfen bisher machte, doch recht deutlich.

Diese Daten, die durch ein vom Zukunftsfonds der Republik Österreich gefördertes Forschungsprojekt erhoben werden konnten, machte Kurt Bauer bereits 2014/15 über das Internet öffentlich zugänglich. In seinem nunmehr erschienenen Buch "Der Februaraufstand 1934. Fakten und Mythen" gibt er diesen Opfern auch Namen mit den näheren Umständen ihres Todes. Damit wird einerseits diesen Menschen Respekt erwiesen, andererseits sollte damit eine Historisierung der damaligen Ereignisse leichter geleistet werden. Die zeitliche Distanz von nunmehr 85 Jahren müsste eine nüchterne Analyse möglich machen.

Kein "Bürgerkrieg"

Zunächst sollten wir uns wohl von dem Ausdruck "Bürgerkrieg" verabschieden. Dieser bezeichnet Kampfhandlungen viel größerer zeitlicher und räumlicher Dimension, wie er etwa auf die Ereignisse in Spanien 1936 bis 1939 zutrifft. Dennoch konnten in Österreich beide Seiten, einschließlich ihrer politischen Nachfolgeorganisationen der Zweiten Republik, mit diesem Begriff ganz gut leben. Während die Sozialdemokraten damit den Mythos eines heroischen Abwehrkampfs aufrechterhielten, konnten die Christlichsozialen solcherart ihre Maßnahmen zur Beseitigung der parlamentarischen Demokratie verschleiern. Tatsächlich war das Verhalten der sozialdemokratischen Parteiführung, etwa das von Otto Bauer, alles andere als heldenhaft. Kurt Bauer schildert die geradezu tragikomischen Züge seiner Flucht -in Verkleidung und mit falschem Pass - in die Tschechoslowakei. Die tatsächlich kämpfenden Schutzbündler fühlten sich verraten und manche taten dies auch in nachfolgenden Gerichtsprozessen kund.

Das Verhalten der Regierungsseite unterzieht Kurt Bauer aber ebenso harter Kritik. Die Salamitaktik, mit der die Sozialdemokratie systematisch zurückgedrängt wurde, begann bereits unmittelbar nach der verhängnisvollen Nationalratssitzung am 4. März 1933, in der alle drei Präsidenten zurücktraten, ohne die Sitzung zu schließen. Die Regierung benützte diese Situation zur Fiktion der "Selbstausschaltung" des Nationalrats, um unter Missbrauch des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes ohne Parlament weiterzuregieren. Auf Kompromissangebote der Opposition reagierte man mit Hinhaltetaktik, gleichzeitig provozierte man mit einseitigen Waffensuchen in Räumlichkeiten des Schutzbundes -die Heimwehr wurde geflissentlich verschont -geradezu ein Losschlagen der oppositionellen Parteiarmee. So kündigte der Wiener Heimwehrführer Emil Fey, zu der Zeit auch Vizekanzler, kaum verhüllt am 11. Februar an: "Wir werden morgen an die Arbeit gehen und wir werden ganze Arbeit leisten für unser Vaterland " Als im Hotel Schiff, der sozialdemokratischen Parteizentrale in Linz, am Morgen des 12. Februar die Waffensuche begann, ließ der oberösterreichische Schutzbundführer Richard Bernaschek diese mit Waffengewalt beantworten. Die Wiener Parteiführung war überrumpelt und demnach waren auch die weiteren militärischen Maßnahmen chaotisch.

"Rachejustiz" der Regierung

Die Regierungsseite kontrollierte sehr rasch die Lage. Der Einsatz der Artillerie hat die Kämpfe offensichtlich wesentlich abgekürzt. Er bewirkte wohl Sachschäden, die Zahl der Todesopfer blieb aber Kurt Bauer zufolge mit elf weit unter den danach in der folgenden Propaganda genannten Zahlen. Die vom Bundesführer der Heimwehr, Ernst Rüdiger Starhemberg, gelieferte Erklärung für die reduzierte Wirkung, dass man die Zündvorrichtung aus den Projektilen herausgeschraubt habe, wurde von den Historikern praktisch nicht rezipiert. Kann man in diesem Zusammenhang von Zurückhaltung der Regierung sprechen, so trifft dies keinesfalls auf die Strafmaßnahmen zu. Wie sogar Starhemberg in seinen Memoiren kritisiert, wurde das Standrecht völlig unnötig zeitlich ausgedehnt, um insgesamt neun Aufständische hinrichten zu lassen. Kurt Bauer spricht diesbezüglich von "Rachejustiz".

Was der Autor allerdings ebenfalls betont, ist die außenpolitische Dimension. Vielen Maßnahmen gegen die Sozialdemokraten ging Druck des faschistischen Regimes in Italien voraus. Er verweist insbesondere auf den Besuch Dollfuß' bei Mussolini in Riccione im August 1933. Die österreichische Regierung musste sich wohl mit Italien ins Einvernehmen setzen, denn das nationalsozialistische Deutschland hatte nach gescheiterten Verhandlungen eine Tausendmarksperre zum schweren Schaden des österreichischen Fremdenverkehrs verhängt. Überdies verstärkten die nunmehr verbotenen Nationalsozialisten massiv ihre Bombenanschläge auf öffentliche Einrichtungen.

Doch auch ohne Einmischung der Nachbarstaaten bestand eine latente Bürgerkriegsstimmung, die aber doch immer wieder durch erfolgreiche Einigungen unterbrochen wurde. So weist Ernst Bruckmüller in einer kürzlich erschienenen Publikation darauf hin, dass zwei Wochen nach dem Justizpalastbrand am 15. Juli 1927 im Nationalrat einstimmig Schulgesetze mit der Einführung der Hauptschule als neuer Schulform beschlossen wurden. Dennoch sieht Kurt Bauer ab diesem Zeitpunkt mit dem Erstarken der Heimwehr ein Kippen der Situation. Die Aufmärsche der konkurrierenden Parteiarmeen nahmen zu und deren gleichzeitige Entwaffnung gelang nicht. Dieses Problem bestand letztlich seit 1918. Beide Lager hatten nach dem Ersten Weltkrieg Waffen vor den Siegermächten versteckt, aber in dem Klima des Misstrauens schien keine gemeinsame Lösung möglich. Sehr wohl fand man aber 1929 einen Kompromiss für die Verfassungsnovelle. Nicht mehr zueinander fanden die Parteien jedoch, als Ignaz Seipel 1931 eine Konzentrationsregierung anbot. Die Ablehnung durch die Sozialdemokratie betrachtete im Rückblick unter anderem Bruno Kreisky als Fehler. Er sah diese Gelegenheit als letzte Chance für die Demokratie.

" Sozialismus ist das Ziel"

Das Misstrauen, das um 1930 so manifest wurde, entstand allerdings bereits zu Beginn der Republik. Die Angst der bürgerlichen Seite vor einer Revolution wurde in der Geschichtsschreibung wahrscheinlich unterschätzt. Die von Norbert Leser so bezeichnete "Politik der radikalen Phrase" tat ihre Wirkung. Der Spruch der Sozialdemokraten "Demokratie -das ist nicht viel, Sozialismus ist das Ziel" wurde als gefährliche Drohung wahrgenommen, da man die Räterepubliken in Ungarn und Bayern und den Bolschewismus in Russland vor Augen hatte. Tatsächlich fand Kurt Bauer keine Quelle, die auf eine Wiedererrichtung der Demokratie nach einem eventuellen Sieg des Schutzbunds hindeuten würde.

Sich von Mythen zu trennen, mag für manche Menschen mit starker ideologischer Bindung schmerzhaft sein. Historiker aber sollten die Forschungsergebnisse Kurt Bauers als Basis für ihre eigene Arbeit nehmen. Dahinter zurückgehen kann man seriöserweise nicht mehr.

Der Autor ist Historiker, AHS-Lehrer für Englisch und Geschichte sowie Lehrbeauftragter an der Päd. HS Wien

Der Februaraufstand 1934 Fakten und Mythen Von Kurt Bauer Böhlau 2019 217 S., geb., € 29,-

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