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Glücklich ist, wer sich Selbst anlügt

Am 1. Dezember wird er 75 Jahre alt: Woody Allen bleibt auch in seinem Film "Ich sehe den Mann deiner Träume" sich selbst sowie seiner Arbeitsweise und Weltsicht treu.

Filmisch ist Woody Allen wieder in England angekommen. Inhaltlich dagegen versucht der Stadtneurotiker vom Dienst die x-te Variation seines alten Themas.

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Woody Allen: Der Film zeigt meine pessimistische Perspektive auf das Leben. Es geht darum, dass die einzige Art, glücklich zu sein, darin besteht, sich selbst anzulügen. Illusionen sind wichtig, um glücklich zu sein. Der Filmtitel ist doppeldeutig zu verstehen, denn der "dunkle Fremde" ist auch ein Synonym für den Tod. Niemand will sterben, niemand will altern, alle Männer wollen die Frauen rumkriegen.

Die Furche: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Allen: Ich habe seit jeher dieselbe Einstellung zum Tod: Ich bin entschieden gegen ihn.

Die Furche: Sie machen ungefähr einen Film pro Jahr. Was tun Sie gegen Schreibblockaden?

Allen: Eine Schreibblockade ist das Einzige, woran ich noch nie gelitten habe. Sonst hatte ich schon jede marode Beschwerde, die man sich vorstellen kann. Körperlich wie mental. Aber wenn ich ins Papiergeschäft gehe und einen leeren Block Papier kaufe, kann ich es gar nicht erwarten, den zu füllen.

Die Furche: Wie beim Wein nicht jeder Jahrgang der beste sein kann, sind Sie sehr produktiv, machen aber nicht jedes Mal den genialsten Film aller Zeiten. Wie beurteilen Sie Ihr Werk?

Allen: Ich bin von jedem meiner Filme enttäuscht. Denn jeden Film beginne ich mit dem Ziel, etwas Großartiges zu machen. Es ist leicht, vorher zu sagen: "Das wird jetzt der beste Film aller Zeiten." Da bin ich noch voller Enthusiasmus und positiver Energie. Wenn ich dann aber sehe, was ich gemacht habe und das Material schneide, rutscht mir das Herz jedes Mal in die Hose. Es ist immer wieder eine Enttäuschung, denn kein Film ist jemals das Werk, das man sich erträumt hatte. Ich sehe dann immer eine Million Fehler, eine Million Probleme. Ich bereue, dass ich dies oder jenes nicht gemacht habe, und bin sicher, damit alles ruiniert zu haben. Aber interessanterweise ist es genau das, was einen am Laufen hält. Man hat einen Film gemacht und versagt. Also will man einen neuen machen.

Die Furche: Gab es das schon einmal, dass Sie Schauspieler unbedingt besetzen wollten, die aber ablehnten?

Allen: Sehr oft. Vor allem solche, die gerne behaupten, sie würden gerne auch in einer ganz kleinen Rolle mitspielen. Aber sobald ich sie dann wirklich anrufe, sind sie plötzlich nie erreichbar.

Die Furche: Liegt das am Geld?

Allen: Üblicherweise, ja. Wir bezahlen ausnahmslos allen Schauspielern nur die Mindestgage.

Die Furche: Vergleicht man Ihre Filme mit den Komödien Billy Wilders, sind Sie ein wenig zynischer - sehen Sie das auch so?

Allen: Pessimistischer, ja. Zynismus heißt für mich, dass man über etwas verbittert ist. Pessimismus dagegen ist gerechtfertigter Ärger. Es ist schwierig, nicht pessimistisch zu sein. Ich habe eine düstere Sichtweise auf die Welt und die Menschen, die in ihr leben. Aber das ist Schicksal. Meine Schwester ist fröhlicher als ich. Eine Kombination von Genen und bestimmten Ereignissen hat mich viel pessimistischer gemacht als sie.

Die Furche: Ihre Figuren sollen dennoch zum Lachen bringen, nicht zum Weinen ?

Allen: Weil ich unterhalten will. Wer will sich schon einen Film ansehen, der wie eine Hausübung wirkt, über der man stundenlang brüten muss? Ich will, dass die Leute lachen, neugierig sind, unterhalten werden. Wer den Film danach diskutieren will - bitte, sehr gerne! Aber wenn ich zwischen beiden Arten wählen müsste, dann die der reinen Unterhaltung. Denn alle Ideen eines Films werden bedeutungslos, wenn sich die Leute dabei langweilen.

Die Furche: Bei Festivals laufen Ihre Filme nie im Wettbewerb, warum?

Allen: Ich lege keinen Wert darauf zu gewinnen und noch weniger darauf zu verlieren. Ich sehe den Sinn eines derartigen Wettbewerbs nicht. Sagen Sie mir, dass Picasso besser ist als Rembrandt? Kunst macht man, ein Wettbewerb kann dabei nicht der Antrieb sein.

* Das Gespräch führten Matthias Greuling und Alexandra Zawia

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