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Jahresprojekt: Traumjob gesucht

1945 1960 1980 2000 2020

Kürzlich war Jannike Stöhr noch bei einem großen Konzern tätig. Seither hat sie 30 Jobs ausprobiert, darunter Winzerin, Erzieherin, Start up-Gründerin. Bei der TEDx Vienna wird sie auf der Bühne des Volkstheaters ihre Erfahrungen mit anderen innovativen Köpfen teilen.

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Kürzlich war Jannike Stöhr noch bei einem großen Konzern tätig. Seither hat sie 30 Jobs ausprobiert, darunter Winzerin, Erzieherin, Start up-Gründerin. Bei der TEDx Vienna wird sie auf der Bühne des Volkstheaters ihre Erfahrungen mit anderen innovativen Köpfen teilen.

Was wäre, wenn ich jeden erdenklichen Beruf ausprobieren könnte, um meinen Traumjob zu finden? Was für die meisten nach Gedankenexperiment klingt, hat die 28-jährige Jannike Stöhr in die Tat umgesetzt: Für ihr Projekt "30 Jobs in einem Jahr" war die Deutsche für je eine Woche in einem Job tätig. Was sie dabei über das Arbeiten gelernt hat, wird sie am 31. Oktober als Speaker bei der fünften und bereits ausverkauften Innovations-Konferenz TEDx Vienna erzählen.

DIE FURCHE: Immer mehr Leute wollen sich - so wie Sie - im Laufe ihrer Karriere eine Auszeit nehmen oder entscheiden sich für einen Berufswechsel. Wieso?

Jannike Stöhr: Die Optionen werden andere und mehr. Man sagt ja auch, die Generation Y sucht eher Sinn und Selbstverwirklichung als die klassische Karriere. Für diesen Wandel sind die Rahmenbedingungen da. Außerdem habe ich den Eindruck, dass wir uns immer weiter von uns selbst entfernen. Es geht uns zwar einerseits immer besser, sodass man sich fragt: Was willst du eigentlich noch um glücklich zu sein? Andererseits bist du es trotzdem nicht. Dieses kleine Bisschen, das immer zum Glück fehlt, veranlasst solche Entscheidungen vielleicht.

DIE FURCHE: Was hat Ihnen gefehlt?

Stöhr:ÜberJahrehabeichmirWünsche erfüllt, von denen ich dachte, sie würden glücklich machen. Ich habe viele Jobs angenommen, bin ins Ausland gegangen, habe mir viel gekauft, bin viel verreist. Ich habe Sport und Ehrenämter ausprobiert, Sprach- und Kochkurse gemacht, Ratgeber gelesen, bin den Jakobsweg gepilgert. Trotzdem nicht glücklich geworden.

DIE FURCHE: Wie kam es denn zur Entscheidung, auf die Suche nach Ihrem Traumjob zu gehen? Stöhr: Der Schlüsselmoment war, als mein Vater mir gesagt hat, dass er Krebs hat. Das war aus meiner Sicht für ihn nicht vorgesehen, dass er krank werden würde. Nein, er nicht! Da habe ich begonnen, mir Gedanken zu machen über das Sterben und darüber, was Sterbende bereuen. Ich habe meinen Lebensweg vor mir gesehen und war nicht in der Lage, nach links oder rechts zu denken. Ich wusste, ich musste alles einmal loslassen, um wieder im Kopf frei zu werden. Deshalb habe ich eine dreijährige Auszeit vom Job beantragt.

DIE FURCHE: Wie haben Sie die Jobs ausgewählt?

Stöhr: Ich habe mich zuerst mit einer Freundin hingesetzt, ein Brainstorming gemacht und geschaut, was ich als Kind werden wollte oder mir andere Leute empfohlen haben. So bin ich auf 13 Jobs gekommen -die ich übrigens nicht alle getestet habe, denn die Liste hat sich im Laufe der Zeit immer verändert. Und bei fast jedem Job hat man mir wieder einen Weiteren empfohlen. Das wurde zum Selbstläufer.

DIE FURCHE: Wie kommt man zu den Firmen und Unternehmen, die sich eine Woche lang über die Schulter schauen lassen?

Stöhr: Über persönliche Empfehlungen. Ich habe nicht nach Firmen, sondern nach Menschen gesucht. Menschen, die leidenschaftlich in ihrem Beruf sind. Ich habe festgestellt, dass Leute, die etwas leidenschaftlich machen, das auch gern weitergeben und teilen. Die Bereitschaft bei diesen Menschen ist viel höher, jemanden mitzunehmen.

DIE FURCHE: Dann sind Sie mit den Menschen mitgegangen?

Stöhr: Mal so, mal so. Ich habe oft auch mitgearbeitet. Das ging nicht immer, aber wenn es möglich war, habe ich es auch gemacht. Hauptsächlich habe ich aber eine Person begleitet und viele Fragen gestellt.

DIE FURCHE: Reicht eine Woche überhaupt aus, um sich ein Bild von einem Job zu machen?

Stöhr: Es ist eine Herausforderung, ja. Zum Beispiel beim Winzer oder Bauern ist es klar, dass es nur ein kleiner Ausschnitt sein kann, weil die Aufgaben über die Jahreszeiten hinweg unterschiedlich sind. Wenn man nah rangelassen wird und viele Gespräche führt, kann man in einer Woche viel erfahren. Es heißt ja nicht, dass ich den Job gleich machen könnte, sondern, dass ich ein Gefühl dafür bekomme und weiß, worum es ungefähr geht.

DIE FURCHE: Wollten Sie einen der Jobs gleich am ersten Tag wieder hinschmeißen?

Stöhr: Ja, den der Verkäuferin. Das fand ich so anstrengend, dass ich dachte, was man an dieser Arbeit bloß finden kann. Da habe ich es mir zur Regel gemacht, dass ich einen begonnenen Job auch zu Ende mache. Fünf Tage sind überschaubar, das muss man durchhalten können. Als ich am dritten Tag selbst verkaufen durfte und nicht nur Klamotten aus dem Lager holen musste, dachte ich mir: Es kann ja doch Spaß machen.

DIE FURCHE: Sie haben in einem Interview gesagt, dass die Suche nach einer erfüllenden Arbeit aus zwei Punkten besteht: Reflexion und Authentizität - sowohl für Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber.

Stöhr: Das Wichtigste für mich als Arbeitnehmerinist,dassichehrlich zu mir selbst bin und mich hinterfrage. Früher habe ich viele falsche Entscheidungen getroffen, weil ich nicht wusste, dass sie mir persönlich nicht entsprechen. Ich habe sie getroffen, um Anerkennung zu bekommen, um viel zu verdienen. Ich glaube, dass Burn-out auf diese Weise gefördert wird, weil viele nicht in ihrem Element sind. Sich selbst zu kennen ist für mich die Voraussetzung für alles weitere.

DIE FURCHE: Und wie sieht es bei den Arbeitgebern aus?

Blindtextname: Ich würde mir eine stärkere Werteorientierung der Unternehmen wünschen. Sie sollten sich fragen: Was wollen wir? Was wollen die Mitarbeiter? Welche Werte wollen wir verkörpern? Und danach sollten sie dann auch handeln. Man merkt, ob Werte gelebt werden oder nicht. Das habe ich selbst dann gespürt, wenn ich nur eine Woche lang im Unternehmen war.

DIE FURCHE: Sie waren in der Personalabteilung eines Großkonzerns. Dank Ihres Projekts haben Sie nun einen bunten Lebenslauf. Hätten Sie so jemanden eingestellt?

Stöhr: Früher wohl nicht, da war der stringente Lebenslauf das bevorzugte Modell. Heute sehe ich das logischerweise anders, weil ich bezweifle, ob viele in ihrem Feld überhaupt so richtig sind. Ein nicht geradliniger Weg kann einem bewusst machen, wo man besser aufgehoben ist. Ich würde sagen, dass ich heute mehr leisten kann, weil ich besser dorthin passe, wo ich bin. Wechsel können freies Denken und Kreativität fördern. Auch das Miteinander kann besser werden, weil man ein besseres gegenseitiges Verständnis hat.

DIE FURCHE: Jeweils eine Woche waren Sie unter anderem Fernsehproduzentin, Biobäuerin, Lehrerin, Familienaufstellerin oder Architektin. Was hat Ihnen denn am meisten zugesagt?

Stöhr: Das werde ich oft gefragt. Für mich am passendsten war der Beruf der Journalistin, weil man sich da mit vielen verschiedenen Themen beschäftigen kann. Die Abwechslung mag ich gern. Ich habe außerdem meine Liebe zum Schreiben entdeckt. Es war toll.

DIE FURCHE: Apropos Schreiben: Im Februar erscheint Ihr Buch über Ihre Erfahrungen.

Stöhr: Ja. Ich habe zwar den Traumjob nicht gefunden, weil es nicht der eine ist. Aber es war ein Traum von mir, ein Buch zu schreiben. Ich hatte über Jahre eine private Liste von Aktivitäten, die ich vor meinem Tod gemacht haben wollte. Da stand an Stelle sieben: "Ein Buch geschrieben haben." Und in Klammer dahinter: "Naja, zumindest einen Artikel, der einmal veröffentlicht wird, weil worüber soll ich schon ein Buch schreiben?" Was ich übrigens ebenfalls noch sehr spät auf die Liste geschrieben habe und mir dabei dachte, ich dürfte gar nicht einen so vermessenen Wunsch haben: Einen TED-Talk zu halten. Ein paar Monate später kam die Anfrage aus Wien.

Die TEDx Vienna

kann online via Livestream unter http://www.tedxvienna.at/whatif mitverfolgt werden. Unter dem Motto "What If" treten 22 nationale und internationale Speaker auf.

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