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"Kabarett ist keine KINDERJAUSE"

1945 1960 1980 2000 2020

Nadja Maleh und Thomas Stipsits über Villacher Narren, Applaus von der falschen Seite, (un-)lustige Frauen und die Grenzen der Satire. Das Gespräch führte Doris Helmberger

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Nadja Maleh und Thomas Stipsits über Villacher Narren, Applaus von der falschen Seite, (un-)lustige Frauen und die Grenzen der Satire. Das Gespräch führte Doris Helmberger

Montag, 13 Uhr, ist nicht gerade die beste Zeit für grenzenlosen Spaßfaktor. Dennoch sind Nadja Maleh und Thomas Stipsits ins Café Rüdigerhof am Wiener Naschmarkt gekommen, um aus kabarettistischer Sicht über die Kunst der Narretei - und ihre Grenzen - zu diskutieren.

DIE FURCHE: Eine Grundsatzfrage an die zwei närrischen Professionisten: Ist Ihnen der Faschingsdienstag sympathischer - oder der Aschermittwoch?

Thomas Stipsits: Mir der Aschermittwoch, weil er ehrlicher ist - und rotziger. Am Faschingsdienstag herrscht so eine aufgesetzte Heiterkeit.

Nadja Maleh: Ja, da würde ich mich am liebsten zurückziehen, weil ich eh auf der Bühne schon so viel auslebe von diesem "heute steht die Welt kopf","heute bin ich jemand anderer". Dieses Ventil öffnen wir ja regelmäßig, das ist wie Psychohygiene.

DIE FURCHE: Haben Sie sich schon als Kind gern verkleidet oder sind Sie im Fasching lieber als Existenzialist im schwarzen Rollkragenpullover gegangen?

Maleh: Ich habe mich zumindest nicht als Prinzessin oder Biene Maja verkleidet, wie die meisten Mädchen, sondern eher als Clown oder Hexe. In der Volksschule war ich dann der Clown Enrico von Am Dam Des.

Stipsits: Du hat also damals schon diese Gender-Geschichte ausgelebt, interessant! Ich war auch ein klassischer Verkleidungskünstler. Närrisch zu leben ist ja eine Lebenseinstellung: Man kann überall ein Problem sehen, man kann aber auch versuchen, an die Welt mit einer gewissen Portion Humor heranzugehen.

DIE FURCHE: Die Weltsicht "mit einer gewissen Portion Humor" würde man sich vermutlich auch in Villach auf die Narrenkappe schreiben. Schauen Sie sich die Kärntner Lustigkeit eigentlich regelmäßig an?

Stipsits: Als Kind habe ich mir das gern angeschaut. Heute schockiert es mich eher, dass der Villacher Fasching noch immer die Sendung mit der höchsten Einschaltquote ist. Ob angesichts dessen die direkte Demokratie wirklich so super ist, weiß ich nicht

Maleh: Also ich habe mir das nie anschauen können - und je älter ich werde, desto schneller zappe ich weg.

Stipsits: Es geht ja auch um Lebenszeit

Maleh: Natürlich, wobei ich nicht die Leute diskreditieren will, die dort gut gelaunt sitzen und das genießen.

DIE FURCHE: Am demonstrativsten genießen es jene Politiker, die auf der Bühne gerade ihr Fett abbekommen...

Maleh: Insofern ist der Villacher Fasching grandios. Aber ich bin halt nicht die Zielgruppe, um es charmant auszudrücken.

Stipsits: Bei unserer Form des Narrentums geht es eher darum, sich aus dem Leben Elemente herauszupicken, die satirischen Wert haben. Aber wie gesagt: Es kann sein, dass man selbst etwas irrsinnig lustig findet - aber das Publikum überhaupt nicht.

DIE FURCHE: Fällt Ihnen ein Auftritt ein, wo dieser Graben besonders groß war?

Stipsits: Man könnte Bücher schreiben über Auftritte, die nicht funktioniert haben. Als ich bei einem Straßenfest in Judenburg gespielt habe, hat nach zehn Minuten ein Typ geschrien: So, du hältst jetzt die Goschn! Da habe ich mich verbeugt und bin abgegangen. Ich hätte dort vermutlich mit Eiern jonglieren können, wäre es wurscht gewesen, weil die Leute komplett betrunken waren und sich eher von mir gestört gefühlt haben. Zugehört haben mir, glaube ich, drei -aber die drei waren natürlich super.

Maleh: Also ich habe eine Kindergärtnerin im Programm, die Tante Melly, die ziemlich emotionalisiert -was auch gut ist, denn Kabarett ist ja keine Kinderjause. Diese Kindergärtnerin also gefällt geschätzten 99,9 Prozent meines Publikums, auch den meisten Kindergärtnerinnen. Aber letztens hat eine die Humorebene nicht mitbekommen und mir erbost geschrieben: "Ich bin Kindergärtnerin. Wie können Sie uns so darstellen?" Manchmal sind den Menschen Szenen zu nahe bei sich selbst -hier merkt man, dass man in ein Wespennest gestochen hat.

DIE FURCHE: Was die naive, burgenländische Tante Melly von sich gibt, ist aber auch nicht von schlechten Eltern: Um den Kindern die Welt zu erklären, singt sie Reime wie "Vier kleine Islameser gingen zur Polizei, um nach dem Weg zu fragen, da warens nur mehr drei... "

Maleh: Hier geht es um zweierlei: Erstens geht es prinzipiell darum, was an unsere Kinder weitergegeben wird. Und zweitens steht die Figur der Tante Melly dafür, dass Ausländerfeindlichkeit oft nicht aus Bosheit entsteht, sondern eher aus Uninformiertheit, Dummheit oder eben Naivität.

Stipsits: Ich glaube, dass das sogar die häufigste Quelle ist...

Maleh: Gut möglich, wobei dies Ausländerfeindlichkeit nicht verharmlosen soll. Das Publikum ist bei Melly jedenfalls in einer Zerreißprobe: Einerseits mag man sie, andererseits ist sie ein Ekel. Deshalb ist es auf der Bühne auch immer sehr aufregend: Man setzt Impulse, die Reaktionen hervorrufen - und muss auch hinnehmen, dass die falsche Rakete zurückgeschossen wird.

Stipsits: Das habe ich erlebt, als ich im Programm "Bauernschach" einen fremdenfeindlichen Tiroler Jäger gespielt habe, den es ins Burgenland verschlagen hat. Nach der Vorstellung ist einer zu mir gekommen und hat gemeint: Super, dass Sie sagen, dass die Jagdgesetze vom Hermann Göring noch gelten! Besonders witzig ist es, wenn sich jemand bei dir politisch sicher fühlt und frisch von der Leber weg vor sich hinredet. Wir sind einmal im Wiener Café Bendl neben vielen Burschenschaftern gesessen, da waren die Linken plötzlich völlig humorbefreit und haben begonnen, dagegenzurufen. Da habe ich gesagt: Lasst sie einmal reden, ich möchte hören, was die sagen! Wenn man diplomatisch und zustimmend ist, hört man spannende Sachen. Das gilt übrigens nicht nur für Menschen aus dem FPÖ-Lager. Auch bei den Sozialdemokraten hat jeder seinen "Super-Ausländer" nach dem Motto "Der Mirko ist ja in Ordnung, aber die anderen " Maleh: Links, rechts, oben, unten: Für Humor braucht man jedenfalls Selbstdistanz. Und dann gibt es noch diesen schönen Spruch von Hans Moser: "Wer keinen Spaß versteht, versteht auch keinen Ernst."

DIE FURCHE: Apropos "humorbefreite Linke": Hätte man den Wiener Akademikerball in der Hofburg besser als Narrenaufmarsch interpretieren sollen, statt einen gewalttätigen "antifaschistischen Karneval" zu exerzieren, wie Rudolf Burger sagen würde?

Stipsits: Man kann und soll sich schon darüber ärgern, dass man in der Hofburg so einen Ball abhält. Aber den Gästen mit diesem gewalttätigen Aufmarsch eine solche Bühne zu bieten, spielt ihnen nur in die Hände.

Maleh: Also mich beschäftigt eher der Ausdruck von der "erlernten Hilflosigkeit": Wenn jeder das Gefühl hat, "Es ist eh egal, ich kann nichts verändern", dann führt das unweigerlich zu Politikverdrossenheit. Die Aufforderung "Empört Euch!" von Stéphane Hessel verpufft dann.

DIE FURCHE: Und was ist mit Kabarett: Kann das gesellschaftsverändernd wirken?

Stipsits: Glaube ich eher nicht. Und man sollte auch keine Lösungen anbieten. Das finde ich eher gefährlich.

Maleh: Der Punkt ist: Die Leute im Publikum sind meistens eh deiner Meinung. Und die anderen kommen nicht mehr oder schreiben dir böse Briefe. Aber man kann im Kleinen verändern: Letztens ist jemand nach einer Vorstellung zu mir gekommen und hat gesagt: Sie wissen gar nicht, was Sie mir bedeuten. Seit langem war ich nicht mehr zwei Stunden am Stück glücklich!

Stipsits: Das ist doch schön! Jeder möchte ja geliebt werden, egal ob er auf der Bühne steht oder Eiaufstriche macht.

DIE FURCHE: Je fremder das Umfeld wird, desto unkalkulierbarer wird aber der Liebesbeweis des Publikums. Josef Hader hat einst vom "Weißwurstäquator" gesprochen: Nördlich davon würde sein Schmäh nicht mehr funktionieren. Ab welcher Grenze funktioniert der Ihre nicht mehr?

Maleh: Ich habe in meinem momentanen Stück "Jackpot" ein paar besonders böse Stellen, wo in Österreich frei und offen gelacht wird, und in Deutschland kommt meist ein eher verhaltenes "ooooooh". Kirchenkritische Sachen sind auch in Österreich immer eine Gratwanderung, aber in Deutschland sind diese Themen noch unberührbarer.

Stipsits: Wobei ich erst letztens ein sehr nettes Mail von einem Pfarrgemeinderat bekommen habe zu meiner holländisch sprechenden Jesus-Figur aus "Bauernschach". Der hat gemeint, dieser Jesus sei wirklich cool. Das hat mich sehr gefreut!

DIE FURCHE: Wenn die Narrenfreiheit bei Jesus nicht endet, wo dann? Bei Behindertenwitzen?

Maleh: Das muss jeder für sich feststellen, aber Behindertenwitze würden mir gar nicht erst in den Sinn kommen.

Stipsits: Wobei es auch Menschen mit Behinderungen gibt, die nervig sind, so wie jeder "normale" Mensch auch. Da denke ich an einen Song von Funny van Dannen (deutscher Liedermacher, Anm.), wo es heißt: "Schwule, Lesbische, Schwarze und Behinderte können auch ätzend sein". Das muss man sagen dürfen.

Maleh: Natürlich, Kurt Tucholsky hat gesagt: Satire darf alles - und alles meint alles! Andererseits dürfen nur Menschen mit Behinderung Behindertenwitze machen, und nur Juden Judenwitze. Und ich als halbe Ausländerin darf über "Islameser" reden. DIE FURCHE: Haben Sie ansonsten das Gefühl, dass Sie als Frau weniger dürfen als Ihre männlichen Kollegen?

Maleh: Sagen wir so: Ich glaube, dass Frauen sich stärker definieren müssen, weil sie sich ihren Platz oft hart erkämpft haben - auch den auf der Bühne. Als Frau muss ich erst alle Klischees überwinden, bevor ich meine Arbeit machen kann. Und selbst dann werde ich schneller schubladisiert: Macht sie Frauenthemen? Ist sie Feministin? Ist sie männerfeindlich?

Stipsits: Das ist ja übel. Eine Frau sollte auf die Bühne kommen -und Punkt!

DIE FURCHE: Die Gretchenfrage ist ja meist, ob und wie Frauen überhaupt witzig sein können. Die klassische, lustige Frau ist die entsexualisierte, übergewichtige Ulknudel à la Hella von Sinnen oder Cindy von Marzahn. Da haben Sie ein gewisses Handicap...

Maleh: Natürlich muss man zuerst einmal beweisen, dass man lustig sein kann. Mädchen sind eben dazu erzogen worden, zu harmonisieren und nicht zu polarisieren. Doch Kabarett bedeutet Polarisierung. Manche meinen, dass das Männer besser können, weil sie mehr Testosteron haben. Es gibt auch Studien, wonach Frauen sich eher über sich selber und über Themen lustig machen, während Männer über andere herziehen. Humor war auch nie ein weiblicher Wert wie etwa Schönheit. Es geht also um Macht und das Brechen von Tabus. Nicht umsonst sagt man: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau. Und was steht hinter der Frau? Der Geschirrspüler!?

DIE FURCHE: Haben Sie eigentlich eine Faustformel, wie guter Witz funktioniert - und wieviel Abgründigkeit oder Pruhaha es braucht?

Maleh: Es gibt natürlich Mechanismen, die man mehr oder weniger bewusst anwendet: Zum Beispiel die Überraschung, das Gegensätzliche oder das Unerwartete. Ein guter Trick ist, bei einem Gedanken über etwas das glatte Gegenteil zu denken

Stipsits: Also ich gehe gar nicht so analytisch heran, sondern beobachte einfach und rede ins Diktiergerät. Texte schreiben ist immer eine Dreifaltigkeit aus Herz, Hirn und Bauch. Wenn ich mich bewusst hinsetze, wird das immer so verhirnt, dass ich an den einfachsten Dingen scheitere. Auch auf der Bühne geht es manchmal besser, wenn ich unkonzentriert bin: Da denke ich daran, was ich morgen alles tun werde - und zugleich sage ich den Text auf.

Maleh: Das gelingt dir wirklich?

Stipsits: Ja, das geht! Du hast ja den Text so in dir drinnen, dass du in der Nacht aufstehen und ihn sofort aufsagen kannst. Zumindest meistens.

Maleh: Jaja, wenn Mondfinsternis ist...

Stipsits: oder bei Flut...

Maleh: oder an Tagen mit "F"...

DIE DISKUTANTEN

Nadja Maleh

Die 41-jährige Tochter eines Syrers und einer Tirolerin hat 2007 mit "Flugangsthasen" ihr erstes Soloprogramm präsentiert, es folgten "Radio aktiv" und zuletzt "Jackpot", in dem sie u. a. die kichernde Inderin Mandala verkörpert. (vgl. www.nadjamaleh.com)

Thomas Stipsits

Der 30-jährige gebürtige Leobener und wohnhafte Stinatzer ist solo erstmals 2001 mit dem Programm "tiefkalt" aufgetreten. Darauf folgten u. a. 2006 "Griechenland", 2010 "Bauernschach" und 2012 mit Manuel Rubey "Triest"(vgl. www.stipsits.com).

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