Persönliches Leben, Geschichte und Literatur - aufbewahrt im Tagebuch.

Das Bedürfnis, das eigene Leben festzuhalten, gegen das Vergessen und das Vergehen der Zeit anzuschreiben, verbindet große Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit unbekannten Menschen, von denen nichts anderes erhalten ist als eben ihr Tagebuch. Da gibt es geheime Tagebücher, die der Schreiber vor der politischen Polizei oder vor der eigenen Ehefrau versteckt hat, und solche, die quasi öffentlich geführt wurden: Max Frisch etwa dachte schon beim Schreiben an die Publikation. Tagebücher wurden in Ruhe und mit steter Disziplin am Schreibtisch verfasst, aber auch auf der Flucht, im Krieg oder im Gefängnis auf lose Blätter gekritzelt - nicht selten unter Lebensgefahr.

Ein Einschnitt im Leben oder eine zeitliche Zäsur wie der Jahreswechsel sind oft der Ausgangspunkt für ein Tagebuch. Anne Frank hat ihr erstes Tagebuch als Geschenk zum 13. Geburtstag erhalten und von da an ihre Eintragungen gemacht. Und Friedrich Nietzsche hat vor dem Jahreswechsel, am 26. Dezember 1856, notiert: "Endlich ist mein Entschluß gefaßt, ein Tagebuch zu schreiben, in welchem man alles, was freudig oder auch traurig das Herz bewegt, dem Gedächtnis überliefert, um sich nach Jahren noch an Leben und Treiben dieser Zeit und besonders meiner zu erinnern."

Von philosophischen Betrachtungen bis zu einfachen Auflistungen reicht die Vielfalt der Tagebücher. Ein unerwarteter Welterfolg waren die Tagebücher von Victor Klemperer; sie wurden sogar verfilmt. Seine genaue Registrierung kleinster Details ist das umfangreichste Dokument der Alltagsgeschichte des Dritten Reiches, das wir haben.

Aber nicht immer geht es um das Interesse an vergangenen Zeiten, wenn jemand ein Tagebuch liest. Ein Tagebuchleser weiß: die Zeilen, die er aufschlägt, sind nicht für ihn bestimmt. Das lässt eine Scheu vor fremden Tagebüchern entstehen, aber manchmal macht es auch gerade deren Reiz aus.

Spucknapf der Seele

Einer der letzten Repräsentanten vergangener Tagebuchkultur ist Arthur Schnitzler, der über 50 Jahre seines Lebens Tagebuch geführt hat. Erst im Jahr 2000 ist der zehnte und letzte Band im Druck erscheinen. Für Schnitzler war sein Tagebuch ein lebenserhaltendes Instrument. Als "Spucknapf meiner Stimmungen und Verstimmungen" hat er es einmal bezeichnet. Es ist das umfangreichste Schriftstellertagebuch in deutscher Sprache seit Goethe. "Je älter er wird", schreibt Herausgeber Werner Welzig in der Einleitung, "umso größer wird Schnitzlers Anstrengung, der Flüchtigkeit des Lebens die Festigkeit des Geschriebenen entgegenzustellen."

Täglich etwas aufzuschreiben, kostet Kraft und gibt auch Kraft. Italo Svevo sah darin den besten Weg, ein Schriftsteller zu werden, wie wir einer Aufzeichnung vom 2. Oktober 1899 entnehmen können: "Ich glaube, und zwar glaube ich es aufrichtig, dass es keinen besseren Weg gibt, um ein ernsthafter Schriftsteller zu werden, als täglich etwas zu kritzeln. Man sollte jeden Tag versuchen, etwas aus der eigenen Wesenstiefe heraufzuholen; einen Klang, einen Akzent, einen fossilen oder pflanzlichen Überrest von irgendetwas, das sich aber noch nicht zum reinen Gedanken geklärt hat; es kann ein Gefühl sein oder auch nicht, jedenfalls etwas Wunderliches, ein Bedauern, ein Schmerz, etwas Aufrichtiges, wohlzerlegt, mehr ist es nicht."

Selbstbeobachtung

Das Tagebuch ist kein Privileg von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, sondern ein interessantes Phänomen europäischer Kultur, das die sonst so starren Grenzen zwischen dem, was als Literatur gelten darf, und der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit jedes Menschen fließend werden lässt. Seit die Menschen eine Schrift entwickelt haben, wollen sie bestimmte Ereignisse festhalten. Aber das Tagebuch im eigentlichen Sinn - als private Aufzeichnung und subjektive Bewertung - entsteht in der frühen Neuzeit. Als erstes herausragendes Beispiel gelten die Tagebücher von Samuel Pepys, die das soziale und politische Leben in London von 1660-1669 einfangen; Pepys war Zeuge der Pest und des Großen Feuers, was allein schon den Wert seiner Aufzeichnungen begründen könnte. Aber Pepys ist auch der klassische Selbstbeobachter, der sich aus der Distanz betrachten kann. Die Ordnungsliebe und Akkuratesse des Marinebeamten und die Spontanität des Ausdrucks, zu der er fähig ist, gehen eine produktive Verbindung ein. Bei Pepys zeigen sich bereits alle Vorzüge des Tagebuchs: Es ist "ehrlicher als Briefe, genauer als nachträglich verfasste Memoiren und mitteilsamer als offizielle Dokumente", wie es im Nachwort zu einer deutschen Auswahl-Übersetzung heißt.

Selbstreflexion wurde vor allem im 18. Jahrhundert zu einem Markenzeichen der Gattung Tagebuch; die Frömmigkeitsform des Pietismus hatte keinen geringen Einfluss auf den Kult der Innerlichkeit, der sich dabei herausbildete. Dass das Tagebuch über weite Strecken einen religiösen Grund hatte und in Zusammenhang mit der Beichte stand, zeigt sich deutlich bei dem mit Gebeten durchsetzten Tagebuch von Samuel Johnson. Wieder ist es ein Jahresanfang, der 1. 1. 1753, der Anlass zur Reflexion gibt: Johnson erinnert sich an drei Vorsätze beim Tod seiner Frau: "Früh aufzustehen - Keine Zeit zu vertrödeln - Ein Tagebuch zu führen." Acht Jahre später findet sich noch ein umfangreicherer Katalog einer religiös fundierten Lebensdisziplin, als deren Teil die Übung des Tagebuchschreibens aufgefasst wird.

Der religiöse Hintergrund verliert sich, aber das Programm der Selbstbeobachtung findet eine Fortsetzung. Gottfried Keller hält das Tagebuch für den Mann für so wichtig wie den Spiegel für eine Frau. Wenn man von diesem Geschlechterstereotyp absieht, ist das Tagebuch als Spiegel ein treffender Vergleich: Schaut man zu oft in den Spiegel, verfällt man in narzisstische Selbstliebe. Schaut man nie hinein, vergisst man, wer man ist. Das Tagebuch von Franz Grillparzer zeigt, wie das Tagebuch auch zur Falle werden kann: Der Autor denkt schon beim Handeln und Erleben ans Aufschreiben.

Aber jedenfalls war und ist es eine produktive Illusion, die gerade im 19. Jahrhundert viele große Tagebücher entstehen ließ: die radikal subjektiven Aufzeichnungen von Henri-Frédéric Amiel, die Hugo von Hofmannsthal so schätzte und deren Lektüre für André Gide zur Initialzündung für das eigene Tagebuch wurde; die Reflexionen von Friedrich Hebbel oder Marie von Ebner-Eschenbachs disziplinierte Kalender-Aufzeichnungen. Auch das 20. Jahrhundert ist reich an Schriftsteller-Tagebüchern: Thomas Mann, Max Frisch oder Peter Handke sind ohne ihre Tagebücher nicht zu denken. Eben ist der letzte Band der Tagebücher des Exil-Ungarn Sándor Márai, Autor des posthumen Bestsellers "Die Glut", im Taschenbuch erschienen - ein über Jahrzehnte geführtes Dokument kritischer Zeitgenossenschaft und Selbstanalyse.

Blick in die Privatsphäre

Das Tagebuch spiegelt auch Facetten des privaten Lebens wider, die anders unzugänglich wären - das macht seinen historischen Wert aus. Wie könnten wir besser von den Hygiene-Vorstellungen vergangener Zeiten erfahren als aus einer Eintragung, die Gustav René Hocke in seine große Anthologie europäischer Tagebücher aufgenommen hat. Sie stammt von Niccolò Tommaseo und wurde am 29. Oktober 1833 gemacht: "Alle vierzehn Tage die Fingernägel schneiden - das Harr alle zwei Monate - Füße alle vierzehn Tage waschen - Bad einmal im Monat - Einmal täglich Zähne putzen und Mund spülen - Alle acht Tage sich mit mineralischem Wasser waschen - Täglich spazieren gehen - 65 Bisse essen - Etwa 8 Stunden schlafen - So schnell wie möglich heiraten."

Lebenslange Erinnerung

Das Tagebuch ist der intimste Gefährte eines Menschen, vor dem nicht einmal die geheimsten Gedanken verschwiegen werden. Arthur Schnitzler oder Thomas Mann haben ihr Tagebuch sogar vor der eigenen Frau verschlossen gehalten. Pubertät und Jugend sind eine privilegierte Zeit des Tagebuchschreibens. Und manchmal wird daraus ein lebenslanges Unternehmen. Vielfältig wie eh und je sind die Anlässe und Formen des Tagebuchs. Manche werden später in Büchern stehen, einige im Deutschen Tagebucharchiv in der badischen Stadt Emmendingen landen. Für manche war vielleicht der Jahreswechsel ein Anlass, mit einem Tagebuch zu beginnen. Stunden, Tage und Jahre vergehen und lassen sich nicht festhalten. Aber die Erinnerung daran macht unsere Identität aus. Und wie könnte man sich besser erinnern als durch ein Tagebuch.

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