Digital In Arbeit
Feuilleton

Weltereignis in Zimmerlautstärke

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das Weltecho war gewaltig, doch unter den 250 Journalisten waren nur fünf Deutsche.

Am 20. November 1945 ist es so weit. Der Nürnberger Prozess beginnt. Der größte Strafprozess der Weltgeschichte. Die Mutter aller Kriegsverbrecherprozesse, die noch kommen mögen. Der Richtertisch steht auf der einen Seite des Saales, die Anklagebank auf der anderen, beide erhöht. Hinter den Richtern die Fenster, zwischen den Fenstern die Flaggen der vier im Tribunal vertretenen Nationen. Hinter den Angeklagten und neben der Anklagebank amerikanische Militärpolizisten mit weißen Koppeln und weißen Helmen und Gesichtern, von denen man ablesen kann, dass sie sich ihrer Wichtigkeit bewusst sind.

Die Angeklagten sitzen in zwei Reihen hintereinander. In der ersten Reihe, vom Saal aus gesehen am linken Eckplatz: Hermann Göring. Der gewesene Reichsmarschall und "erste Paladin des Führers" ist nach einer Morphium-Entziehungskur so gesund und schlank wie seit vielen Jahren nicht mehr und verteidigt eifersüchtig seine führende Stellung unter den Angeklagten. Zu Hitlers ehemaligem Wirtschaftsminister Walther Funk, der um sein Leben zittert, sagt er eines Tages beim Essen: "Haben Sie keine Angst, Sie empfingen nur meine Befehle. Ich übernehme die volle Verantwortung für den Vierjahresplan." Überhaupt diese Mittagsgespräche. Diese Mischung von Rangstreitigkeiten, die sie selbst noch im Gefängnis austragen, und Statements an die Adresse der Ankläger und des Gerichts. Der amerikanische Gefängnispsychologe Gilbert sitzt mittags meist in einem der drei Zimmer, in denen sie ihre Mahlzeiten einnehmen. Eines Tages wird das "Hoßbach-Protokoll" jener Besprechung verlesen, in der Hitler seine engsten militärischen Mitarbeiter wissen ließ, dass er Krieg führen werde.

Schirach hinterher beim Essen: "Konzentrierter politischer Wahnsinn!" Seyß-Inquart: "Ich hätte mir ganz bestimmt zweimal überlegt, mitzumachen, wenn ich 1937 gewusst hätte, dass er derartige Äußerungen gemacht hatte!" Die Angeklagten können sich ausrechnen, dass auch ein Teil der Wachen Deutsch versteht. Tatsächlich schreiben sie täglich nieder, was sie gehört haben, und Gilbert wird ihre Aussprüche und seine Vieraugengespräche in den Zellen nach dem Prozess in einem Buch verarbeiten. Ein unschätzbares Dokument.

"Gut, dass er tot ist"

Neben Göring, von links nach rechts, der als selbsternannter Friedensstifter mit einem Jagdflugzeug nach England geflogene einstige Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß, Außenminister Joachim von Ribbentrop, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Ernst Kaltenbrunner, der "Parteiphilosoph" Alfred Rosenberg, Polens Generalgouverneur Hans Frank, Ex-Innenminister Wilhelm Frick, der Herausgeber der antisemitischen Hetzschrift "Der Stürmer" Julius Streicher, Wirtschaftsminister Funk und "Hitlers Finanzgenie" Hjalmar Schacht. Schacht hat die Golddeckung der Reichsmark abgeschafft und die Deckung der Währung durch die "deutsche Arbeit" erfunden. Er wird am Ende einer der drei Freigesprochenen sein, zusammen mit Hitlers "Steigbügelhalter" und ehemaligem Botschafter in Wien Franz von Papen und dem Rundfunkkommentator Hans Fritzsche. Sie haben keine Verbrechen gegen andere Völker begangen. Die Deutschen haben mit den Freigesprochenen allerdings noch eine Rechnung offen.

Die zweite Reihe beginnt mit dem "BdU" (Befehlshaber der U-Boote) und späteren Chef der Kriegsmarine Karl Dönitz, der genau hinter Göring sitzt. Von Hitler zu seinem Nachfolger ernannt, hat der Chef der allerletzten Reichsregierung befohlen, Goebbels und Bormann sofort zu verhaften, wenn sie sich seinem Hauptquartier nähern sollten. Es folgen Großadmiral a.D. Erich Raeder, Reichsjugendführer und Gauleiter von Wien Baldur von Schirach, der "Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz" Fritz Sauckel, Generaloberst Alfred Jodl, Franz von Papen, Österreichs "Anschlussbundeskanzler" Arthur Seyß-Inquart, Hitlers Leibarchitekt und späterer Rüstungsminister Albert Speer, Ribbentrops Vorgänger als Außenminister Konstantin von Neurath und schließlich Hans Fritzsche.

Sie können während des ganzen Prozesses den Männern, die ihnen das Urteil sprechen werden, direkt in die Augen sehen. Göring und Heß haben die französischen Richter als Visavis. Die beiden Sowjetrichter dürfen sich 218 Tage lang das untere Ende der Anklagebank mit Julius Streicher, Hjalmar Schacht und Walther Funk ansehen. Boshafte Regie?

Ein Angeklagter fehlt: Arbeitsminister Robert Ley. Er hat in der Haft phantastische Pläne entwickelt, Deutschland solle ein Teil der Vereinigten Staaten werden und Amerika seine Weltherrschaft mit Hilfe eines "vom Antisemitismus gereinigten Nationalsozialismus" sichern. Er hat sich allen Ernstes bei Henry Ford um einen Job beworben, erst die Anklageschrift hat ihm seine Illusionen geraubt. Sie warf ihm vor, bei der Verschleppung von Millionen Arbeitssklaven aus ganz Europa keine Milde und keine humanitären Bedenken gekannt zu haben. Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen hat er einen Weg gefunden, sich an den Säumen seiner Wäsche zu erhängen. Alle Angeklagten außer Streicher zeigen sich erleichtert. Göring meint: "Gut, dass er tot ist, er hätte uns sowieso nur blamiert."

Zwischen den beiden Podien ist der mittelgroße Saal vollgerammelt mit Hunderten Menschen. Vor der Eröffnung Gesumm und Gebrumm. Neonlicht. 22 zusätzliche Scheinwerfer tauchen Anklagebank und Richtertisch für die Wochenschauen in gleißendes Licht. Die deutschen Verteidiger, die alliierten Ankläger, die unzähligen Assistenten und Hilfskräfte, die Protokollführer, die zum Teil schon moderne, leise Stenografiergeräte benützen, zum Teil noch den Bleistift: Wo ein Tisch Platz hat, steht ein Tisch, wo kein Tisch Platz hat, ein Tischchen, wo immer sich noch ein Sessel dazwischenquetschen lässt, dort sitzt auch jemand. Die Simultandolmetscher sitzen in einem Verschlag in der Ecke. Monteure mit Werkzeugtaschen stehen bereit, um sich bei jedem der vielen Defekte wie Berserker auf die Übersetzungsanlage zu stürzen. Auch technisch ist dieser Prozess ein Meilenstein.

Immerhin ist dem größten Verhandlungssaal des Nürnberger Justizpalastes das Schicksal des Großen Schwurgerichtssaales in Wiens Grauem Haus erspart geblieben. Der wurde nämlich wenige Monate vor Kriegsende völlig ausgeräumt und in eine Gasmaskenfabrik umgebaut. Trotzdem begann hier bereits am 14. August Österreichs erster Kriegsverbrecherprozess.

Dos Passos, Kästner

Die Pressetribüne in Nürnberg hat genau 250 Plätze. Weiße Gesichter, schwarze Gesichter, braune Gesichter. Prominente Gesichter: John Dos Passos, Erich Kästner. Letzterer ist einer der insgesamt fünf zugelassenen deutschen Journalisten. Die Rundfunkleute hocken in einer verglasten Kabine auf der Galerie, aus der sie sich mitunter weit hinausbeugen müssen, um mitzubekommen, was geschieht.

Trotzdem wird es ein Prozess der halblauten Töne. In den 218 Verhandlungstagen wird nur selten ein lautes Wort fallen. Ein Weltereignis in Zimmerlautstärke sozusagen. Ein Prozess, in dem schon aus Rücksicht auf die Dolmetscher niemand dem anderen ins Wort fällt. Denn jedes Wort wird simultan in die vier offiziellen Verhandlungssprachen Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch übersetzt. Oft genug wird im Zeugenstand die gelbe Lampe aufleuchten, der Zeuge möge langsamer reden, oder das rote Stopplicht: Technische Störung!

Um 10.03 Uhr ertönt der Ruf des amerikanischen Gerichtsmarschalls. Alles erhebt sich. Die Richter nehmen ihre Plätze ein, die Verlesung der Anklageschrift beginnt. Die Angeklagten kennen sie längst. Göring, der dem deutschen Gefängnisarzt Dr. Pflücker selbstgefällig geschildert hat, wie er den Saal in großer Pose betreten und den Feinden seinerseits seine Anklage ins Gesicht schleudern wird, sitzt still in seiner Ecke, die Arme auf der hölzernen Brüstung, das Kinn auf der rechten Hand. Keitel starrt mit verschränkten Armen geradeaus. Einige lesen in der Anklageschrift.

Heß liest den "Loisl"

Heß liest ostentativ in einem Buch mit dem Titel "Der Loisl", lacht an einer Stelle laut auf, klagt später über Magenschmerzen und darf in seine Zelle zurückkehren. Streicher wird beim Essen von den anderen ostentativ geschnitten. Alles olle Kamellen, sagt er zum Psychologen, in diesem Saal sei er schon einmal verurteilt worden. Einige Angeklagte haben einander bis dahin kaum gekannt. Ribbentrop mokiert sich im Gespräch mit Gilbert beim Essen noch über "dieses ganze Getue wegen gebrochener Verträge". In der Geschichte des britischen Empire wimmle es doch nur so von gebrochenen Verträgen, Unterdrückung von Minderheiten, Massenmord, Angriffskrieg und allem übrigen. Doch in der Nachmittagsverhandlung, während von Massenhinrichtungen und anderen Grausamkeiten die Rede ist, erleidet er einen Schwächeanfall und wird ebenfalls in seine Zelle zurückgebracht.

Am folgenden Tag die Frage: Schuldig oder nicht schuldig? Göring will, "bevor ich die Frage des Hohen Gerichtshofes beantworte", weit ausholen, wird aber von Lawrence sofort unterbrochen: Keine weitläufigen Erklärungen jetzt! Schuldig oder nicht schuldig? Also nicht schuldig. Er wird noch genug Redezeit bekommen - volle neun Tage insgesamt. Schacht sieht sich "in keiner Weise", Papen "keinesfalls", Sauckel "vor Gott und der Welt und vor allem vor meinem Volke" nicht schuldig. Jodl kann alles, was er getan hat, "reinen Gewissens vor Gott, vor der Geschichte und meinem Volke verantworten".

Heß ruft einfach "Nein!" in den Saal. Lawrence meint trocken, dies werde als "nicht schuldig" protokolliert. Alle anderen erklären sich "nicht schuldig" oder "nicht schuldig im Sinne der Anklage".

Das Nürnberger Gericht ist an diesem Tag, und auch all die Monate danach, Deutschlands bestbewachtes Haus. Alle Zugänge sind abgesperrt, an allen vier Ecken stehen amerikanische Panzer, jeder Ausweis wird mehrfach kontrolliert. Doch im Deutschland des Jahres 1945 denkt kaum jemand ernsthaft daran, für die 21 Männer etwas zu riskieren. In Nürnberg schon gar nicht. Denn Nürnberg, "die Stadt der Reichsparteitage", ist eine von Deutschlands am grässlichsten verwüsteten Städten. Die Menschen in den Ruinen hungern und frieren mehr als in den vorausgegangenen Kriegswintern. Die Widerstandsfähigkeit der ausgemergelten Körper hat einen Tiefpunkt erreicht. Zudem wird es in diesem Jahr auch noch besonders früh kalt. Zeitungen sind Mangelware, und auch in Nürnberg hatten die Deutschen andere Sorgen als den Nürnberger Prozess. Die Angeklagten bekommen genau die deutschen Lebensmittelrationen, aber ihre Zellen sind warm und sie sind wohlgenährt. Keiner hat in den Kriegswintern gehungert.

Nach der Verlängerung dieser Serie um eine Folge nun im Feuilleton der nächsten furche Fortsetzung und - tatsächlich - Schluss: "Ein Stachel im Fleisch der Welt - Die Konsequenzen des Nürnberger Prozesses".

Das Weltecho war gewaltig, doch unter den 250 Journalisten waren nur fünf Deutsche.

Am 20. November 1945 ist es so weit. Der Nürnberger Prozess beginnt. Der größte Strafprozess der Weltgeschichte. Die Mutter aller Kriegsverbrecherprozesse, die noch kommen mögen. Der Richtertisch steht auf der einen Seite des Saales, die Anklagebank auf der anderen, beide erhöht. Hinter den Richtern die Fenster, zwischen den Fenstern die Flaggen der vier im Tribunal vertretenen Nationen. Hinter den Angeklagten und neben der Anklagebank amerikanische Militärpolizisten mit weißen Koppeln und weißen Helmen und Gesichtern, von denen man ablesen kann, dass sie sich ihrer Wichtigkeit bewusst sind.

Die Angeklagten sitzen in zwei Reihen hintereinander. In der ersten Reihe, vom Saal aus gesehen am linken Eckplatz: Hermann Göring. Der gewesene Reichsmarschall und "erste Paladin des Führers" ist nach einer Morphium-Entziehungskur so gesund und schlank wie seit vielen Jahren nicht mehr und verteidigt eifersüchtig seine führende Stellung unter den Angeklagten. Zu Hitlers ehemaligem Wirtschaftsminister Walther Funk, der um sein Leben zittert, sagt er eines Tages beim Essen: "Haben Sie keine Angst, Sie empfingen nur meine Befehle. Ich übernehme die volle Verantwortung für den Vierjahresplan." Überhaupt diese Mittagsgespräche. Diese Mischung von Rangstreitigkeiten, die sie selbst noch im Gefängnis austragen, und Statements an die Adresse der Ankläger und des Gerichts. Der amerikanische Gefängnispsychologe Gilbert sitzt mittags meist in einem der drei Zimmer, in denen sie ihre Mahlzeiten einnehmen. Eines Tages wird das "Hoßbach-Protokoll" jener Besprechung verlesen, in der Hitler seine engsten militärischen Mitarbeiter wissen ließ, dass er Krieg führen werde.

Schirach hinterher beim Essen: "Konzentrierter politischer Wahnsinn!" Seyß-Inquart: "Ich hätte mir ganz bestimmt zweimal überlegt, mitzumachen, wenn ich 1937 gewusst hätte, dass er derartige Äußerungen gemacht hatte!" Die Angeklagten können sich ausrechnen, dass auch ein Teil der Wachen Deutsch versteht. Tatsächlich schreiben sie täglich nieder, was sie gehört haben, und Gilbert wird ihre Aussprüche und seine Vieraugengespräche in den Zellen nach dem Prozess in einem Buch verarbeiten. Ein unschätzbares Dokument.

"Gut, dass er tot ist"

Neben Göring, von links nach rechts, der als selbsternannter Friedensstifter mit einem Jagdflugzeug nach England geflogene einstige Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß, Außenminister Joachim von Ribbentrop, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Ernst Kaltenbrunner, der "Parteiphilosoph" Alfred Rosenberg, Polens Generalgouverneur Hans Frank, Ex-Innenminister Wilhelm Frick, der Herausgeber der antisemitischen Hetzschrift "Der Stürmer" Julius Streicher, Wirtschaftsminister Funk und "Hitlers Finanzgenie" Hjalmar Schacht. Schacht hat die Golddeckung der Reichsmark abgeschafft und die Deckung der Währung durch die "deutsche Arbeit" erfunden. Er wird am Ende einer der drei Freigesprochenen sein, zusammen mit Hitlers "Steigbügelhalter" und ehemaligem Botschafter in Wien Franz von Papen und dem Rundfunkkommentator Hans Fritzsche. Sie haben keine Verbrechen gegen andere Völker begangen. Die Deutschen haben mit den Freigesprochenen allerdings noch eine Rechnung offen.

Die zweite Reihe beginnt mit dem "BdU" (Befehlshaber der U-Boote) und späteren Chef der Kriegsmarine Karl Dönitz, der genau hinter Göring sitzt. Von Hitler zu seinem Nachfolger ernannt, hat der Chef der allerletzten Reichsregierung befohlen, Goebbels und Bormann sofort zu verhaften, wenn sie sich seinem Hauptquartier nähern sollten. Es folgen Großadmiral a.D. Erich Raeder, Reichsjugendführer und Gauleiter von Wien Baldur von Schirach, der "Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz" Fritz Sauckel, Generaloberst Alfred Jodl, Franz von Papen, Österreichs "Anschlussbundeskanzler" Arthur Seyß-Inquart, Hitlers Leibarchitekt und späterer Rüstungsminister Albert Speer, Ribbentrops Vorgänger als Außenminister Konstantin von Neurath und schließlich Hans Fritzsche.

Sie können während des ganzen Prozesses den Männern, die ihnen das Urteil sprechen werden, direkt in die Augen sehen. Göring und Heß haben die französischen Richter als Visavis. Die beiden Sowjetrichter dürfen sich 218 Tage lang das untere Ende der Anklagebank mit Julius Streicher, Hjalmar Schacht und Walther Funk ansehen. Boshafte Regie?

Ein Angeklagter fehlt: Arbeitsminister Robert Ley. Er hat in der Haft phantastische Pläne entwickelt, Deutschland solle ein Teil der Vereinigten Staaten werden und Amerika seine Weltherrschaft mit Hilfe eines "vom Antisemitismus gereinigten Nationalsozialismus" sichern. Er hat sich allen Ernstes bei Henry Ford um einen Job beworben, erst die Anklageschrift hat ihm seine Illusionen geraubt. Sie warf ihm vor, bei der Verschleppung von Millionen Arbeitssklaven aus ganz Europa keine Milde und keine humanitären Bedenken gekannt zu haben. Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen hat er einen Weg gefunden, sich an den Säumen seiner Wäsche zu erhängen. Alle Angeklagten außer Streicher zeigen sich erleichtert. Göring meint: "Gut, dass er tot ist, er hätte uns sowieso nur blamiert."

Zwischen den beiden Podien ist der mittelgroße Saal vollgerammelt mit Hunderten Menschen. Vor der Eröffnung Gesumm und Gebrumm. Neonlicht. 22 zusätzliche Scheinwerfer tauchen Anklagebank und Richtertisch für die Wochenschauen in gleißendes Licht. Die deutschen Verteidiger, die alliierten Ankläger, die unzähligen Assistenten und Hilfskräfte, die Protokollführer, die zum Teil schon moderne, leise Stenografiergeräte benützen, zum Teil noch den Bleistift: Wo ein Tisch Platz hat, steht ein Tisch, wo kein Tisch Platz hat, ein Tischchen, wo immer sich noch ein Sessel dazwischenquetschen lässt, dort sitzt auch jemand. Die Simultandolmetscher sitzen in einem Verschlag in der Ecke. Monteure mit Werkzeugtaschen stehen bereit, um sich bei jedem der vielen Defekte wie Berserker auf die Übersetzungsanlage zu stürzen. Auch technisch ist dieser Prozess ein Meilenstein.

Immerhin ist dem größten Verhandlungssaal des Nürnberger Justizpalastes das Schicksal des Großen Schwurgerichtssaales in Wiens Grauem Haus erspart geblieben. Der wurde nämlich wenige Monate vor Kriegsende völlig ausgeräumt und in eine Gasmaskenfabrik umgebaut. Trotzdem begann hier bereits am 14. August Österreichs erster Kriegsverbrecherprozess.

Dos Passos, Kästner

Die Pressetribüne in Nürnberg hat genau 250 Plätze. Weiße Gesichter, schwarze Gesichter, braune Gesichter. Prominente Gesichter: John Dos Passos, Erich Kästner. Letzterer ist einer der insgesamt fünf zugelassenen deutschen Journalisten. Die Rundfunkleute hocken in einer verglasten Kabine auf der Galerie, aus der sie sich mitunter weit hinausbeugen müssen, um mitzubekommen, was geschieht.

Trotzdem wird es ein Prozess der halblauten Töne. In den 218 Verhandlungstagen wird nur selten ein lautes Wort fallen. Ein Weltereignis in Zimmerlautstärke sozusagen. Ein Prozess, in dem schon aus Rücksicht auf die Dolmetscher niemand dem anderen ins Wort fällt. Denn jedes Wort wird simultan in die vier offiziellen Verhandlungssprachen Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch übersetzt. Oft genug wird im Zeugenstand die gelbe Lampe aufleuchten, der Zeuge möge langsamer reden, oder das rote Stopplicht: Technische Störung!

Um 10.03 Uhr ertönt der Ruf des amerikanischen Gerichtsmarschalls. Alles erhebt sich. Die Richter nehmen ihre Plätze ein, die Verlesung der Anklageschrift beginnt. Die Angeklagten kennen sie längst. Göring, der dem deutschen Gefängnisarzt Dr. Pflücker selbstgefällig geschildert hat, wie er den Saal in großer Pose betreten und den Feinden seinerseits seine Anklage ins Gesicht schleudern wird, sitzt still in seiner Ecke, die Arme auf der hölzernen Brüstung, das Kinn auf der rechten Hand. Keitel starrt mit verschränkten Armen geradeaus. Einige lesen in der Anklageschrift.

Heß liest den "Loisl"

Heß liest ostentativ in einem Buch mit dem Titel "Der Loisl", lacht an einer Stelle laut auf, klagt später über Magenschmerzen und darf in seine Zelle zurückkehren. Streicher wird beim Essen von den anderen ostentativ geschnitten. Alles olle Kamellen, sagt er zum Psychologen, in diesem Saal sei er schon einmal verurteilt worden. Einige Angeklagte haben einander bis dahin kaum gekannt. Ribbentrop mokiert sich im Gespräch mit Gilbert beim Essen noch über "dieses ganze Getue wegen gebrochener Verträge". In der Geschichte des britischen Empire wimmle es doch nur so von gebrochenen Verträgen, Unterdrückung von Minderheiten, Massenmord, Angriffskrieg und allem übrigen. Doch in der Nachmittagsverhandlung, während von Massenhinrichtungen und anderen Grausamkeiten die Rede ist, erleidet er einen Schwächeanfall und wird ebenfalls in seine Zelle zurückgebracht.

Am folgenden Tag die Frage: Schuldig oder nicht schuldig? Göring will, "bevor ich die Frage des Hohen Gerichtshofes beantworte", weit ausholen, wird aber von Lawrence sofort unterbrochen: Keine weitläufigen Erklärungen jetzt! Schuldig oder nicht schuldig? Also nicht schuldig. Er wird noch genug Redezeit bekommen - volle neun Tage insgesamt. Schacht sieht sich "in keiner Weise", Papen "keinesfalls", Sauckel "vor Gott und der Welt und vor allem vor meinem Volke" nicht schuldig. Jodl kann alles, was er getan hat, "reinen Gewissens vor Gott, vor der Geschichte und meinem Volke verantworten".

Heß ruft einfach "Nein!" in den Saal. Lawrence meint trocken, dies werde als "nicht schuldig" protokolliert. Alle anderen erklären sich "nicht schuldig" oder "nicht schuldig im Sinne der Anklage".

Das Nürnberger Gericht ist an diesem Tag, und auch all die Monate danach, Deutschlands bestbewachtes Haus. Alle Zugänge sind abgesperrt, an allen vier Ecken stehen amerikanische Panzer, jeder Ausweis wird mehrfach kontrolliert. Doch im Deutschland des Jahres 1945 denkt kaum jemand ernsthaft daran, für die 21 Männer etwas zu riskieren. In Nürnberg schon gar nicht. Denn Nürnberg, "die Stadt der Reichsparteitage", ist eine von Deutschlands am grässlichsten verwüsteten Städten. Die Menschen in den Ruinen hungern und frieren mehr als in den vorausgegangenen Kriegswintern. Die Widerstandsfähigkeit der ausgemergelten Körper hat einen Tiefpunkt erreicht. Zudem wird es in diesem Jahr auch noch besonders früh kalt. Zeitungen sind Mangelware, und auch in Nürnberg hatten die Deutschen andere Sorgen als den Nürnberger Prozess. Die Angeklagten bekommen genau die deutschen Lebensmittelrationen, aber ihre Zellen sind warm und sie sind wohlgenährt. Keiner hat in den Kriegswintern gehungert.

Nach der Verlängerung dieser Serie um eine Folge nun im Feuilleton der nächsten furche Fortsetzung und - tatsächlich - Schluss: "Ein Stachel im Fleisch der Welt - Die Konsequenzen des Nürnberger Prozesses".