Digital In Arbeit

Chancenlos in Richtung Zukunft aufbrechen

Frühere Generationen vertrauten darauf, dass es ihre Kinder besser haben werden. Inzwischen schätzen Experten die Chancen der Jugend als eher schlecht ein.

Sie treffen sich zu Tausenden, halten Schilder und Transparente hoch, verkleben ihre Münder und bemalen ihre Gesichter. Sie ziehen Parolen-rufend durch die Straßen und bringen den Straßenverkehr zum Erlahmen. Hier und da optimistische Gesichter, aber auch wutverzerrte Mienen, gefolgt vom Ausdruck der blanken Ohnmacht. Egal ob Spanien, Griechenland, Portugal oder Österreich - vor allem Europas Jugend bekommt die volle Wucht der Wirtschaftskrise zu spüren und will sich dagegen wehren.

Laut Jörg Flecker, Soziologe der Universität Wien und Vorsitzender der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitsmarkt (FORBA), wird der Eintritt in das Berufsleben zunehmend erschwert und die Wohnsituation der Jugendlichen durch häufige Teuerungen verschlechtert. Außerdem sei es fraglich, ob wirklich jeder junge Mensch Zugang zu Bildungseinrichtungen hätte. "Es sind an ein paar Ecken und Enden Verschlechterungen zu sehen. Heute kann man weniger als früher davon ausgehen, dass es den Jungen einmal besser gehen wird als ihren Eltern“, so Flecker.

Der Zwang zur Flexibilität

Was ihre eigene Zukunft betrifft, sind Jugendliche großteils positiv gestimmt, weiß Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung in Wien: "Die Zukunft unserer Gesellschaft hingegen sehen die Jungen eher trist. Kein Wunder, hören sie doch tagtäglich, dass es in Politik und Wirtschaft immer irgendwo kriselt und die großen Konzepte fehlen, um Probleme rasch und nachhaltig in den Griff zu bekommen“. Weil sie der Meinung sind, dass sich die Zukunft nicht planen lässt, stellen Jugendliche kaum Überlegungen darüber an, wie ihr Erwachsenenleben einmal aussehen soll.

Viel mehr konzentrieren sie sich auf Ziele, die sie im Zeitraum von etwa drei Jahren erreichen können. Karriere- und Familienplanung werden nach hinten verschoben. "Die Jugendlichen reagieren genau so, wie es die Gesellschaft von ihnen erwartet: Sie hören ja ständig, dass man lernen, flexibel sein und sich mehrere Optionen offen halten muss“, so Großegger.

Der Einfluss der Wirtschaftskrise auf die momentane Lage und die Zukunft der jungen Menschen ist laut Flecker je nach Land unterschiedlich stark. Zwar seien die Auswirkungen in Österreich nicht so enorm wie anderswo, doch auch hierzulande ist die Arbeitslosigkeit so hoch wie zuletzt in den 1950er-Jahren. "Die Sparpolitik wirkt sich auf die Jobchancen der Jungen, aber auch auf viele andere Lebensbereiche wie Bildung, Kultur oder Wohnen aus“, so Flecker.

Jugendliche könnten dadurch kaum Zukunftspläne machen und seien wirtschaftlich sehr lange vom Elternhaus abhängig. "Studien zeigen, dass sich Probleme in jungen Jahren oft durch den Lebensverlauf ziehen“, meint Flecker. Wer also schon als Jugendlicher lange von anderen abhängig oder arm ist, wird auch im späteren Leben häufiger benachteiligt sein. Motivationsverlust, zurückgehende Erwerbsorientierung und der Rückzug aus der Gesellschaft sind oftmals die Folge.

Flucht vor der Armut

Prekär ist die Lage der jungen Leute vor allem in krisengebeutelten Ländern wie Griechenland oder Spanien. 62 Prozent der jungen Griechen haben keine fixe Beschäftigung, 38 Prozent der gesamten Bevölkerung sind nicht mehr krankenversichert. Der Mindestlohn ist auf durchschnittlich 400 Euro gesunken, der Preis der Grundnahrungsmittel, wie etwa ein Liter Milch für 1,40 Euro, hat sich aber nicht verändert. Insgesamt lebt bereits jeder fünfte Grieche unter der Armutsgrenze: "Auch viele Pensionisten müssen sich entscheiden, ob sie wichtige Medikamente oder aber Nahrungsmittel kaufen wollen“, erklärt Katerina Anastasiou von der Organisation "Solidarity for All“.

Auch in Spanien, wo sich ein Großteil der Jugendlichen bereits Protestbewegungen gegen die Sparpolitik angeschlossen hat, hat nur jeder zweite junge Mensch einen Arbeitsplatz. 78 Prozent der Jungen unter 30 Jahren leben noch im Haus ihrer Eltern. Verfügbare Arbeitsstellen sind oftmals nur auf ein Monat befristet. "Man kann die Situation nur als verheerend beschreiben“, so Ferran Pedret, Abgeordneter zum katalanischen Parlament und Autor über die spanische Protestbewegung. Auf der Suche nach einer besseren Zukunft in anderen europäischen Staaten sollen bisher bereits etwa 400.000 junge Spanier und rund 300.000 griechische Jugendliche ihre Heimat verlassen haben.

Auch in Österreich werden junge Leute laut Jugendkultur-Forscherin Großegger von Zukunftsängsten geplagt: Vor allem existenzielle Fragen, wie etwa eine ausreichende Pension im Seniorenalter oder die Auswirkungen auf Familie und Freunde im Falle einer erneuten Verschlechterung der Wirtschaftskrise, stünden im Mittelpunkt. Aber auch ihre Gesundheit bereitet den Jungen hierzulande Sorgen: "Sie haben Angst, eine schwere Krankheit zu bekommen und dadurch völlig aus der Bahn geworfen zu werden - sowohl was ihre materielle Existenzgrundlage als auch die Zuversicht und ihren Lebenssinn betrifft“, weiß Großegger.

Generation der Notwendigkeiten

Letztendlich führen all diese Umstände möglicherweise auch dazu, dass sich der Lebensstil der momentanen Jugend verändern wird: Nicht mehr die Fitness oder der Besitz von modernen Technikgeräten, sondern ganz grundlegende Dinge könnten wieder im Zentrum stehen: "Wie sichert man den Lebensstandard? Wo kommt das Geld her? Wie findet man einen Job? Diese Notwendigkeiten werden das Leben wieder stärker bestimmen und daher weniger Raum für selbstgewählte Lebensführung zulassen“, glaubt der Soziologe Jörg Flecker.

Um der österreichischen und europäischen Jugend alle Chancen zu bieten, die sie für ein glückliches und erfolgreiches Leben braucht, sei insbesondere die Politik gefragt: "Wenn sie sich von der Idee, dass man die Herausforderungen und Probleme des 21. Jahrhunderts mit Konzepten des 20. Jahrhunderts lösen könne, endlich verabschieden würde, wäre schon einmal ein wichtiger Grundstein gelegt“, meint Beate Großegger. Weniger Arbeit für den Einzelnen und mehr Beschäftigung für die Gesamtheit, lautet Fleckers Einschätzung für die Lösung des Problems. So sollen etwa Arbeitszeitverkürzungen, die bessere Verteilung von Arbeitsstellen, die Ausweitung der öffentlichen Beschäftigung und speziell ein Ende der Sparpolitik helfen.

Aber nicht nur die Politik ist gefragt: Die wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten Europas müsse man gemeinsam anpacken. Oft als "Pleite-Staaten“ deklarierte Länder dürfen mit ihren Problemen nicht alleine gelassen werden: "Gerade Deutschland und Österreich tragen als Überschussländer Verantwortung für die Jungen in Spanien, Griechenland oder Kroatien. Deshalb sollten wir auch in Österreich aktiv sein, um diese Krise in Europa zu bewältigen“, so Flecker.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau