"Nächstenliebe kann sehr kreativ sein"

1945 1960 1980 2000 2020

Die Menschen glaubten, endlich sei Friede da. Doch Mitte April flammten die Kämpfe um Aleppo erneut auf. Für Pater Ibrahim Alsabagh, katholischer Pfarrer in der nordsyrischen Metropole, heißt Seelsorge da, das Überleben der Menschen zu sichern.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Menschen glaubten, endlich sei Friede da. Doch Mitte April flammten die Kämpfe um Aleppo erneut auf. Für Pater Ibrahim Alsabagh, katholischer Pfarrer in der nordsyrischen Metropole, heißt Seelsorge da, das Überleben der Menschen zu sichern.

Seit zwei Jahren arbeitet Ibrahim Alsabagh in der katholischen Pfarre der nordsyrischen Metropole Aleppo. Anlässlich eines Wien-Aufenthaltes sprach die FURCHE mit dem Franziskanerpater.

Die Furche: Seit einigen Wochen sind die Kämpfe in und um Aleppo wieder im medialen Fokus der Welt. Was ist da passiert?

P. ibrahim Alsabagh: Die Gewalt hat wieder zugenommen. Wir haben das nicht erwartet, im Gegenteil: Die Menschen von Aleppo haben den Frieden erhofft. Aber von einem Augenblick auf den anderen, wir wissen nicht warum, fielen wieder Raketen auf unsere Köpfe. In den letzten Tagen ging das Schuljahr zu Ende, es war Prüfungszeit. Viele Familien wussten nicht mehr, ob sie ihre Kinder in die Schule zu den Prüfungen schicken sollten oder nicht. Einige haben Aleppo verlassen, bevor die Prüfungen stattgefunden haben -die Kinder haben auf diese Weise ein ganzes Schuljahr verloren.

Die Furche: Wie funktionieren unter diesen Umständen Infrastruktur und Schulen?

Alsabagh: Der Krieg hat einen schlimmen Einfluss auf den Erziehungsprozess. Nichts ist mehr, wie es zuvor war. Aber gleichzeitig haben die Buben und Mädchen keine andere Wahl: Was sollen sie sonst tun? Sollen sie zu Hause sitzen und nichts tun? Gerade für die christlichen Familien gehört Bildung zu einem Teil des Heranwachsens.

Die Furche: Sie berichten von Vierteln, die von der Regierung kontrolliert werden. Was geschieht in den anderen Gebieten?

Alsabagh: Wir wissen nichts darüber, was im westlichen Teil Aleppos oder an der Peripherie der Stadt geschieht. Wir hören, dass es dort nur rudimentäre Schulbildung gibt, jedoch nur in Verbindung mit der Religion. Aber Genaues wissen wir nicht.

Die Furche: Was machen die Franziskaner in dieser Lage?

Alsabagh: In dieser schwierigen Zeit kann die Regierung das nicht mehr leisten, was sie im Frieden getan hat. Als Kirche fühlen wir uns nun verantwortlich zu handeln. Für uns ist der Krieg eine Provokation. Wir haben diese Herausforderung angenommen, und obwohl wir nicht darauf vorbereitet waren, versuchen wir, eine reale und konkrete Antwort zu geben. Wir entwickeln und betreuen viele Projekte, obwohl wir das alles ohne jede Erfahrung begonnen haben. Wegen des Wassermangels haben wir die Brunnen in unseren Zentren für die Allgemeinheit geöffnet. Es gibt aber ältere Menschen oder Familien mit vielen Kindern, die nicht zu den Brunnen kommen oder die Wasserbehälter in den fünften Stock, wo sich ihre Wohnung befindet, tragen können. So organisieren wir auch die Wasserverteilung mit. In vielen Wohnungen kann man das Wasser auch nicht lagern. So haben wir begonnen, etwa tausend Container mit 500 oder 1000 Liter Inhalt zu verteilen. Das ist eine erste Antwort auf die Herausforderung des Krieges. Die Furche: Und medizinische Hilfe

Alsabagh: müssen wir auch auf die Beine stellen, obwohl viele Ärzte Aleppo verlassen haben. Aber es gibt christliche Krankenstationen, wo geistliche Schwestern Enormes leisten. So gewährleisten wir die Krankenversorgung für hunderte Familien. Wir weisen niemanden leichtfertig ab. Das ist eine zweite Antwort auf die Frage nach den Herausforderungen. Eine weitere Herausforderung ist die Elektrizitätsversorgung. In den Straßen Aleppos reiht sich Dieselgenerator an Dieselgenerator, davon wird ein wenig Strom verkauft -etwa ein Ampere, um eine Glühbirne zu betreiben, oder zwei Ampere für eine Glühbirne und ein TV-Gerät. Aber viele können das nicht bezahlen. Daher haben wir mit der Hilfe aus Europa begonnen, Familien zu unterstützen, dass sie zwei Lampen haben -keine Rede davon, dass da etwa ein Kühlschrank betrieben werden könnte oder eine Waschmaschine: die Menschen waschen ihre Wäsche mit der Hand. Aber sie brauchen Licht -wenn es in der Nacht kein Licht gibt, steigen die Fälle von Depression.

Die Furche: Wie stark sind die Zerstörungen durch den Raketenbeschuss?

Alsabagh: Ständig werden Häuser zerstört. Jeden Tag klopfen Familien an unsere Tür, die ihr Heim verloren haben. Sie bekommen von uns Elementar-Boxen mit dem Nötigsten an Kleidern und Lebensmitteln. Zurzeit verteilen wir jeden Monat mehr als 2000 solcher Boxen. Und wir schicken Baumeister und Arbeiter, um die Zerstörungen zu reparieren. Mit Ende Mai haben wir 93 Häuser repariert, das heißt, wir haben seit dem Wiederaufflammen der Kämpfe 93 Familien vor dem Leben auf der Straße bewahrt. In Aleppo herrscht 85 Prozent Arbeitslosigkeit, diese Menschen haben kein Geld für ihre Familien. Da entwickeln wir kleine Projekte, um bei einem Neustart zu helfen. Auf diese Weise sind wir in beständigem Kontakt mit den Armen, wie es ja auch der Papst einfordert.

Die Furche: Sie sind Pfarrer einer katholischen Pfarre. Betreuen Sie nur Christen?

Alsabagh: Wir haben zunächst nur Christen betreut, genauer Katholiken, denn es gibt in Aleppo viele christliche Konfessionen. Aber in der derzeitigen Lage ist es klar, dass man seine Tür nicht verschließen kann. Wenn bekannt wird, dass wir einer Familie helfen, dann kommen viele andere. 90 Prozent der Bevölkerung Aleppos lebt unter der Armutsgrenze. Wir tun alles, wozu wir imstande sind. So erstreckt sich unsere Hilfe nicht nur auf die Christen. Das Wasserprojekt kommt allen Menschen in unserem Viertel zugute - Sunniten, Schiiten, Kurden, Christen. Das ist alles sehr schwierig, denn wir müssen uns auch um den Diesel kümmern, den brauchen wir für die Wasserpumpen und die Generatoren -und der ist oft sehr schwer zu bekommen, auch wenn man ihn bezahlen kann.

Die Furche: Sie müssen also auch große logistische Fertigkeiten entwickeln: Denn wenn es nichts gibt, dann müssen Sie es dennoch auftreiben -wie eben den Diesel.

Alsabagh: Zu Kriegsbeginn gab es gar nichts, man konnte nicht einmal einen Arzt finden. Wir haben immer noch Schwierigkeiten, Mitarbeiter für unsere Büros zu finden. Wir fangen also mit nichts an und versuchen, das Beste daraus zu machen. Es ist eine Frage der Nächstenliebe, auch unsere Fertigkeiten zu verbessern. Ich habe einen Baumeister, mit dem ich jeden Tag 30 Minuten die Fotos von Häusern anschaue, die unbedingt repariert werden müssen. Mit ihm entscheide ich, was er mit seinen Arbeitern dann angeht. Ich habe auch einen Rechtsanwalt, der Familien in Not unterstützt. Zurzeit gibt es uns 30 Arbeiter und Freiwillige, die auf allen Gebieten tätig sind.

Die Furche: Das alles kann man als praktische Nächstenliebe bezeichnen.

Alsabagh: Nächstenliebe kann sehr kreativ sein. Sie ist so etwas wie ein spiritueller Instinkt, für das Leben Verantwortung zu übernehmen. Jeden Tag spüren wir, wie es ist, Nächstenliebe im Herzen zu tragen, auf die Nöte ringsum einzugehen. Diese Kreativität hilft uns auch, unsere Fertigkeiten rasch zu entwickeln -und es ist ansteckend: Wenn man jemanden sieht, der sich der Armen annimmt, dann klopft ein weiterer Freiwilliger an und sagt: Ich bin bereit zu helfen. Oft erleben wir, dass jemand, dem wir geholfen haben, ein Mitarbeiter wird.

Die Furche: Welche Rolle spielt der Glaube bei Ihrem Engagement?

Alsabagh: Glaube bedeutet, im Herzen weiter Hoffnung zu haben, obwohl wir wissen, dass es keine diplomatische oder militärische Lösung des Konflikts gibt und dass wir mitten in einem Chaos leben. Dass dieser stupide, bedeutungslose, tödliche Krieg ans Ende kommt: Mit dieser Hoffnung gehen wir weiter. Diese Hoffnung kommt aus dem Glauben. Wir wissen, dass Krieg, Gewalt und Hass nicht das letzte Wort haben. Anstatt des Hasses können wir die Samen der Vergebung, der Versöhnung, der Nächstenliebe säen und so das Kommen des Reiches Gottes vorbereiten. Diese Sicherheit des Glaubens kommt nicht aus uns heraus. Ich bin ein armer Franziskanerbruder, ich weiß nichts, und ich habe nur mein Leben, das ich zur Verfügung stellen kann. Ich bin mir bewusst, dass dieses Leben jeden Augenblick mit dem Tod enden kann -auf der Straße, in meinem Zimmer, in der Kirche. Ich habe nicht aus mir die Kraft der Liebe, der Großzügigkeit. Aber durch meinen Glauben kommt das alles zu mir. Es kommt von jemandem, der in der Geschichte sich mir und der ganzen Menschheit hingegeben hat.

Projekte

Stromversorgung sichern

Die Arbeit von Pater Ibrahim Alsabagh wird von der Hilfsorganisation "Kirche in Not" unterstützt. Wie viele andere Priester in Syrien kümmert er sich längst nicht nur um die Seelsorge, sondern er versucht, den Menschen, denen durch den Krieg auch das Nötigste genommen wurde, auch dabei zu helfen, dass ihre Grundbedürfnisse gesichert sind. Mit vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern (Bild o. re.) organisiert er die Verteilung von Hilfsgütern an bedürftige Familien.

Ein großes Problem in Aleppo besteht zurzeit darin, dass viele Menschen im Dunkeln sitzen, da Strom oft nur alle zwei Tage eine Stunde lang verfügbar ist. In einigen Stadtvierteln gab es zweieinhalb Monate lang überhaupt keinen Strom. Einige Firmen verkaufen nun Generatoren, die mit Diesel betrieben werden. Pater Ibrahim möchte 600 Familien ein Jahr lang mit monatlich knapp 20 Euro unterstützen, um deren Stromversorgung zu sichern. "Kirche in Not" stellt für dieses Projekt 140.000 Euro bereit. Infos: www.kircheinnot.at

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau