Goisern - © Foto:  picturedesk.com  / Robert Newald
Gesellschaft

„Weitergehen!“

1945 1960 1980 2000 2020

Hubert Achleitner alias von Goisern über das Reisen, die Zeit, die es braucht – und warum das Fremde oft näher liegt, als man denkt.

1945 1960 1980 2000 2020

Hubert Achleitner alias von Goisern über das Reisen, die Zeit, die es braucht – und warum das Fremde oft näher liegt, als man denkt.

Gerade hat Hubert von Goisern seinen ersten Roman „flüchtig“ zu Ende geschrieben (erscheint im April 2020). Über den Inhalt verrät er nur so viel: Es geht um das Reisen, vor allem zu sich selbst. Zu Beginn des Interviews zieht er seinen schwarzen Anorak an und verlegt das Gespräch nach draußen - auf die Terrasse eines Linzer Hotels mit direktem Blick auf die Donau. Hubert Achleitner, so der Geburtsname des Künstlers, fühlt sich gestört von der Hintergrundmusik im Frühstücksraum. Die Dauerbeschallung, sagt er, hindere ihn am Nachdenken.

DIE FURCHE: Südafrika, Philippinen, Nepal, Senegal, Grönland – Sie sind viel herumgekommen in der Welt. Nicht nur als ordinärer Tourist. Oft haben Sie sich für Monate oder Jahre niedergelassen. Warum sind Sie immer wieder weggegangen von daheim?
Hubert von Goisern: Um mich neu zu finden und zu erfinden. Das ist ganz schwer in einer Umgebung, in der einen alle kennen. Denn die Leut’ projizieren etwas in dich hinein. Und zwar das, was sie in einem sehen wollen. Dagegen kann man sich an einem Ort, an dem einen keiner kennt, häuten.

DIE FURCHE: Warum wollten Sie denn unbedingt ein anderer werden?
Hubert von Goisern: Ich will nicht als der sterben, als der ich geboren wurde. Ich finde mich jedenfalls verbesserungsfähig. Vom Kern her natürlich, da bleibt man derselbe. Aber ich will nicht stehenbleiben. Die Zeit anzuhalten, das ist auf Dauer ja fad. Erfahrungen sammeln, Sachen ausprobieren und dann vielleicht auch merken, dass es eh nicht passt für einen, auch darum geht es.

Gerade hat Hubert von Goisern seinen ersten Roman „flüchtig“ zu Ende geschrieben (erscheint im April 2020). Über den Inhalt verrät er nur so viel: Es geht um das Reisen, vor allem zu sich selbst. Zu Beginn des Interviews zieht er seinen schwarzen Anorak an und verlegt das Gespräch nach draußen - auf die Terrasse eines Linzer Hotels mit direktem Blick auf die Donau. Hubert Achleitner, so der Geburtsname des Künstlers, fühlt sich gestört von der Hintergrundmusik im Frühstücksraum. Die Dauerbeschallung, sagt er, hindere ihn am Nachdenken.

DIE FURCHE: Südafrika, Philippinen, Nepal, Senegal, Grönland – Sie sind viel herumgekommen in der Welt. Nicht nur als ordinärer Tourist. Oft haben Sie sich für Monate oder Jahre niedergelassen. Warum sind Sie immer wieder weggegangen von daheim?
Hubert von Goisern: Um mich neu zu finden und zu erfinden. Das ist ganz schwer in einer Umgebung, in der einen alle kennen. Denn die Leut’ projizieren etwas in dich hinein. Und zwar das, was sie in einem sehen wollen. Dagegen kann man sich an einem Ort, an dem einen keiner kennt, häuten.

DIE FURCHE: Warum wollten Sie denn unbedingt ein anderer werden?
Hubert von Goisern: Ich will nicht als der sterben, als der ich geboren wurde. Ich finde mich jedenfalls verbesserungsfähig. Vom Kern her natürlich, da bleibt man derselbe. Aber ich will nicht stehenbleiben. Die Zeit anzuhalten, das ist auf Dauer ja fad. Erfahrungen sammeln, Sachen ausprobieren und dann vielleicht auch merken, dass es eh nicht passt für einen, auch darum geht es.

Fortschreiten ist es auch, wenn du zurückgehst. Wir gehen ja nicht rückwärts. Wir drehen uns um und gehen dann in die andere Richtung.

DIE FURCHE: Der Körper muss sich physisch wegbewegen, damit das Innerste zum Vorschein kommt?
Hubert von Goisern: Der Geist ist mit dem Körper ja verbunden – jedenfalls solange wir atmen. Es geht aber nicht nur ums Innerste, sondern auch ums Äußerste. Um das, was hinter den Grenzen meiner Vorstellungskraft liegt. Reisen gibt dazu Gelegenheit.

DIE FURCHE: Muss man sich in der Fremde nicht auch erklären und von sich erzählen?
Hubert von Goisern: Wohl wahr, und in solchen Situationen lernt man sich selbst am besten kennen. Auf den Philippinen wurde ich einmal gebeten, ein paar Lieder zu singen. Und was habe ich ausgesucht? Vor allem Volks- und Kinderlieder aus dem Salzkammergut. Ich hatte das Gefühl, diese Melodien würden etwas von mir erzählen. Um zu spüren, was Heimat ist, war es für mich notwendig, wegzugehen.

DIE FURCHE: Welche Definition von Heimat haben Sie für sich gefunden?
Hubert von Goisern: 21 Jahre lang war das der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Also Goisern. In der Zwischenzeit habe ich aber mehr Orte, an denen ich mich daheim fühle. Salzburg, Wien. Aber auch, wenn ich nach Grönland oder auf die Philippinen komme, ist es ein nach Hause kommen.

DIE FURCHE: Durch das Weggehen von daheim haben Sie also Heimaten gefunden. Heimat im Plural, geht das?
Hubert von Goisern: Heimkommen ist kein passives, sondern ein aktives Gefühl. Heimat ist da, wo ich mich einfühle und einbringe. Das sind jene Orte und Menschen, wo sich beim Abschiednehmen und Wegfahren Wehmut einstellt. Heimaten ändern sich auch, manche verblassen, andere verklären sich.

DIE FURCHE: Sich selbst finden, sich verorten – worum geht es für Sie noch beim Reisen?
Hubert von Goisern: Um das Lernen durch die Begegnung und die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten.

DIE FURCHE: Einer Ihrer größten Hits heißt „Heast as nit, wia die Zeit vergeht“. Welche Rolle spielt die Zeit auf Ihren Reisen?
Hubert von Goisern: Am liebsten wäre es mir, sie würde gar keine Rolle spielen. Die perfekte Reise wäre eine Reise ohne Zeitdruck und ohne Ziel. Es gibt ja den schönen Spruch: Das Ziel ist im Weg! Dieser Anspruch ans Reisen lässt sich aber sehr schwer umsetzen. Für mich jedenfalls. Leider. Am ehesten gelingt mir das beim Schwammerlsuchen. Da ist zwar auch das Ziel, den Pilz zu finden, aber das „Sich-Treiben-Lassen“ gelingt dort schon.

Die spannendste Reise geht zu denen, von denen man denkt, dass sie einen Vogel haben. Das sind die, die einen ganz anderen Film rennen haben.

DIE FURCHE: Das berühmte „im Hier und Jetzt leben“ – geht es Ihnen darum?
Von Goisern: Im Leben ist es wichtig das zu sehen, was im Augenblick da ist. Dann hält man inne – und geht irgendwann weiter. Auch darauf kommt es an: Auf das Weitergehen!

DIE FURCHE: Ein Plädoyer fürs Weitergehen und gegen das Stehenbleiben?
Von Goisern: Ja, obwohl es zweiteres auch manchmal braucht. Aber irgendwann musst du doch wieder einen Schritt machen. Auf diesen einen Schritt kommt es an. Es ist besser, einen Schritt in die falsche Richtung zu machen, als gar keinen. Denn dann kann man immer noch die Richtung ändern. Aber wenn du stehen bleibst, dann bleibt es so, wie es ist. Wenn du damit zufrieden bist, ist es okay. Ich allerdings brauche den Kick des Neuen. Wenn ich dreimal dasselbe mache, macht mich das unzufrieden.

DIE FURCHE: Das Wort „Schritt“ steckt ja auch in den Worten „Fortschritt“ oder „Rückschritt“. Wie schaut man als Weltenbummler, wie Sie es sind, auf diese Begrifflichkeiten oder die Bedeutung dahinter?
Von Goisern: Fortschreiten ist es auch, wenn du zurückgehst. Wir gehen ja nicht rückwärts. Wir drehen uns um und gehen in die andere Richtung. Ich selber mag gerne an die Quelle von etwas kommen. Die Suche nach dem Ursprung ist das, was mich antreibt. Nehmen wir die Volksmusik. Irgendwann sind die ersten zwei, drei Töne entstanden. Welche auch immer. Und dann haben die Leute etwas daraus gemacht. Da möchte ich anknüpfen.

DIE FURCHE: Gleichzeitig haben Sie als Musiker genau an dieser Stelle immer wieder einen Bruch provoziert. Auch durch Ihre Texte.
Von Goisern: Habe ich das? Die einen nehmen halt immer das gleiche Haferl und ich manchmal einen Krug, den ich von einer Reise mitgebracht habe.

DIE FURCHE: Manche würden das jetzt als „Fortschritt“ oder auf neudeutsch „Innovation“ bezeichnen.
Von Goisern: Wenn es irgendetwas gibt, was ich am Fortschritt positiv finde, dann ist es das, dass man mehr Weite in den Geist hineinkriegt. Dass ein größeres Bewusstsein für die Zusammenhänge entsteht. Die Klimadebatte ist so ein Beispiel.

DIE FURCHE: Zurück zum Reisen. Wann stoßen Sie an Ihre persönliche Grenze?
Von Goisern: Da, wo ich meine Komfortzone verlasse. Wenn ich meine Blase verlasse, dann wird es an­strengend, aber auch spannend. Denn wurscht, ob ich in Österreich, in Amerika oder in Grönland bin – eigentlich bewege ich mich immer in einem Milieu, das mit mir harmoniert. Ich suche und treffe überall Gleichgefiederte. Aber interessieren tun sie mich schon, jene, die einen anderen Film rennen haben.

DIE FURCHE: Und wo rennt dieser andere Film?
Von Goisern: Überall. Die andere Welt, das Fremde, ist im Grunde auch ganz nah. Manchmal vor der Haustüre. Die spannendste Reise geht zu denen, von denen man denkt, dass sie einen Vogel haben.