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Kirche, Kreml und Kontakte

Charakteristisch für die wirklichen Beziehungen zwischen Sowjetstaat und russisch-orthodoxer Kirche ist das tragische Schicksal der unierten Kirche in den 1939 annektierten ehemals polnischen Gebieten. Nach dem zweiten Weltkrieg beschloß Stalin aus politischen Gründen die Liquidierung dieser auf Rom ausgerichteten Kirche. Bekanntlich war diese Kirche slawischen d. h. ursprünglich griechischen Ritus und hatte sich Ende des 16. Jahrhunderts wiederum dem Papste in Rom unterstellt. Im alten Oesterreich nannte *man sie darum griechisch-katholische Kirche. Sie war einst in der ganzen Ukraine, in Litauen und in Weißrußland verbreitet. Dort wurde sie bereits kurz vor 1800 nach der Teilung Polens-Litauens vom zaristischen Regime völlig unterdrückt, d. h. wieder der russisch-orthodoxen Kirche einverleibt. Die .ukrainische Bevölkerung des österreichischen Galiziens dagegen gehörte bis in die letzte Vergangenheit beinahe hundertprozentig dieser Kircfie an. Aus diesem Klerus entstand im vorigen Jahrhundert eine ukrainisch-nationale Intelligenz. Es begann eine Renaissance der ukrainisch-nationalen Kultur, die über die Grenzen Galiziens hinweg den Russifizierungsprozeß in der Großukraine bremste. So galt eben die griechisch-katholische Kirche als das kulturelle und politische Zentrum des ukrainischen Nationalismus, der dem Russentum wie dem Polentum gleich feindlich gegenüberstand. Das war der Grund, warum der Kreml diese Kirche liquidierte. Dabei wäre es noch einigermaßen verständlich gewesen, wenn sie von der Sowjetregierung als staatsgefährliche Organisation erklärt und unterdrückt worden wäre. Das wäre wohl ein brutaler Akt gewesen, hätte jedoch nicht direkt der sowjetischen Gesetzgebung widersprochen. So übergab aber die sowjetische politische Polizei einfach die unierten Kirchen der russisch-orthodoxen Kirche und stellte an deren Gläubige und Geistliche die Forderung, wiederum zum orthodoxen Patriarchen in Moskau „zurückzukehren“. Wer von den Bischöfen und Geistlichen dieser Aufforderung nicht Folge leistete, wurde -einfach deportiert. Für den Patriarchen in Moskau war das ein kostbares Geschenk. Das alte Königreich Galizien und Lodomerien, nach altrussischem Sprachgebrauch Rotrußland genannt, war damit endlich wieder der Jurisdiktion des Moskauer Patria'rchen unterstellt und die verhaßte Union mit Rom vom ostslawischen Boden verschwunden.

1948 feierte der Patriarch und die russischorthodoxe Kirche die Fünfhundertjahrfeier ihrer Autokephalie, d. h. ihrer Unabhängigkeit vom orthodoxen Patriarchat von Konstantinopel. Nach Moskau wallfahrteten damals die Oberhäupter nicht nur aller orthodoxen Kirchen in den Satellitenstaaten, sondern vertreten war auch der orthodoxe Patriarch von Alexandrien, und der Patriarch von Jerusalem entbot schriftlich seine Grüße. Erzbischöfe und Bischöfe der orthodoxen Kirche in der Diaspora benutzten die Gelegenheit, dem Moskauer Patriarchen ihre Ergebenheit zu bezeugen. Kirchlich gesehen, war es eine machtvolle Demonstration d.afür, daß die überwiegende Mehrheit der Orthodoxen ihre Blicke nach Moskau und auf den Patriarchen von Moskau richteten und nicht mehr auf den ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der einst die Kirchentrennung zwischen Osten und Westen herbeigeführt hatte.

Im Jahre 1951 fand ein anderer Kongreß in Moskau statt, der leider im Westen viel zu wenig beachtet wurde. Der Anlaß war zwar außenpolitisch maskiert, hatte aber eine mehr innenpolitische Bedeutung. Alle Kirchen- und Religionsführer in der Sowjetunion,' auch die römisch-katholischen, wurden vom Patriarchen Alexej ins Dreifaltigkeitskloster des hl. Sergius zu einer großen Kundgebung der bekannten Friedensbewegung eingeladen. Seit Bestand dieses alten Klosters haben seine Mauern ein solches Bild noch nie gesehen!

Dieses Bild zeigt vieles auf einmal. Der Patriarch in Moskau fühlt sich nicht nur als Führer aller Christen in der Sowjetunion, sondem darüber hinaus als der Führer aller Gläubigen überhaupt. Es war eine machtvolle Demonstration, ein deutlicher Wink des orthodoxen Patriarchen an die Adresse des Kremls: Ich habe geistliche Autorität weit über den Kreis meiner Gläubigen hinaus, meinem Rufe folgen nicht nur die Christen aller Bekenntnisse und Richtungen, sondern alle Gläubigen schlechthin. Der Patriarch zeigte damit deutlich, daß, wenn es wieder zu einem offenen Kampf zwischen Glauben und Unglauben kommen sollte, er, der Patriarch, durchaus gerüstet ist, die Front des Glaubens zu organisieren. Das Bild zeigt aber auch, daß wir es nicht mehr mit der alten, gewissermaßen beschränkten, von zahlreichen Vorurteilen und Fanatismen gehemmten russisch-orthodoxen Kirche zu tun haben. Auch die russisch-orthodoxe Kirche ist, obwohl sie äußerlich noch in ganz traditionellen Formen lebt, in den vierzig Jahren Sowjetherrschaft eine andere geworden. *

Um uns ein klares Bild über die Stärke und Schwäche der russisch-orthodoxen Kirche klar vor Augen zu führen, müssen wir uns noch kurz mit dem Atheismus in der Sowjetunion beschäftigen.

Atheismus ist in der Sowjetunion so etwas wie eine negative Staatsreligion. Wie in vielen Ländern auf amtlichen Frage- oder Anmelde-bogen Millionen von Menschen die Zugehörigkeit zu irgendwelcher Religionsgemeinschaft bekennen, obwohl sie vielleicht seit Jahrzehnten kaum aktive Beziehungen zur betreffenden Religion oder Konfession haben, so ist es auch in der Sowjetunion üblich, sich amtlich als ungläubig anzugeben. Niemand weiß, wie das Verhältnis dieser Millionen wirklich zum Glauben ist. Auch Chruschtschew bezeichnet sich zum Beispiel als Atheist. Ob er jedoch in Wirklichkeit doch an einen Gott glaubt, das weiß Nikita Chruschtschew allein. Man kann nur beobachten daß selbst führende Kommunisten mit gewissen Fäden immer noch mit ihrer einstigen Religion verbunden waren oder es noch sind. Der langjährige Bundespräsident der Sowjetunion, Michael Kalinjn, stammt* auSi.dam Dörfer„Jeden Sommer verbrachte er bei. seinen. Verwandten aufidems Lande. Es war bekannt, daß seine Verwandtschaft sehr fromm war. Die betreffenden Bauernhäuser waren voll von Ikonen und ewigen Ampeln. Als ihn einmal ein ausländischer Diplomat fragte, wieso er solches dulden könnte, antwortete Kalinin, daß er seine Verwandten gut verstehe und ihn selbst die Ikonen nicht störten. Auch mit einzelnen Geistlichen stand Kalinin auf freundschaftlichem Fuß.

Besonders merkwürdig war das Verhalten Stalins der Religion gegenüber. Seine Mutter war sehr fromm. Sie lebte in Tiflis in einer der Dienerwohnungen im Palais der Statthalterei. Eine Gruppe ausländischer Journalisten suchte sie einmal daselbst auf, und unter anderem fiel die Frage: „Sind Sie mit Ihrem Sohn und dem, was er erreicht hat, zufrieden?“ Die alte Georgierin erklärte, sie sei mit ihrem Sohn durchaus zufrieden, doch bedauere sie es immer noch, daß er nicht Geistlicher geworden sei. Sie hätte sich so gefreut, ihn die Messe in der Zions-kathedrale von Tiflis zelebrieren zu sehen. Als die alte Frau starb, ließ sie Stalin kirchlich begraben. Auch beim Tod seiner zweiten Frau geschah etwas Unerwartetes. Sie war ein altes Parteimitglied gewesen. Nach den Parteivorschriften hätte sie kremiert werden müssen. Doch sie wurde, wenn auch ohne geistliche Assistenz, in geweihtem Boden auf dem Friedhof des Neuen Jungfrauenklosters begraben.

Nicht der Atheismus ist es, der praktisch in der Sowjetunion eine Rolle spielt, sondern es ist das Verhältnis zur Kirche. Wir können heute die Bevölkerung der Sowjetunion in drei Gattungen teilen: in die Gläubigen, in die rabiaten Antiklerikalen und in eine große Masse der religiös völlig Indifferenten. Im Grunde genommen ist es nicht viel anders als auch sonst in der Welt. Variieren tut allein der prozentuale Anteil der einzelnen Gruppen. Was jedoch die Verhältnisse in der Sowjetunion betrifft, so sind für die Gegenwart eigentlich nur die Antiklerikalen wichtig. Wie überall ist der Antiklerikalismus in der Sowjetunion beinahe so alt wie die Kirche selbst. Nur kann der russische Antiklerikalismus ganz besonders merkwürdige Formen annehmen. So gab es einst Menschen, die wohl alle Vorschriften der Kirche erfüllten und nach altrussischer Sitte dem Geistlichen in der Kirche die Hand küßten, die aber- außerhalb der Kirche geradezu-eiwen wilden Haß gegen jede Art von Kirchenvertretern zur Schau trugen.

Anders verhält es sich mit der Masse der heute religiös Indifferenten in der Sowjetunion. Dabei ist zu bedenken, daß nun bereits vier Jahrzehnte die Scholen in der Sowjetunion total areligiös geführt worden sind, zeitweise sogar antireligiös. Der junge Sowjetbürger, wenn er nicht anderswie, zum Beispiel im Elternhaus, gläubig erzogen worden ist. wächst darum vollkommen areligiös auf. Eine starke Mehrheit der heutigen Sowjetbürger sind als solche religiöse Indifferente zu betrachten. Sie unterscheiden sich jedoch wesentlich von ihren Gesinnungsgenossen zum Beispiel im Westen dadurch, daß sie — meistens ohne ihr Verschulden — nie in einem lebendigen Verhältnis zu Kirche und Religion standen. Ihr religiöses Abseitsstehen ist darum weder schuldbewußt noch sonst irgendwie mit Ressentiments beladen. Es kann darum durchaus möglich sein, daß, wenn einmal an diese Masse mit religiöser Aufklärung herangegangen werden kann, große und tiefgehende Bewegungen entstehen.

Man muß sich die Frage vorlegen, warum eigentlich das Sowjetregime, das doch in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur mit der russisch-orthodoxen Kirche, sondern auch mit den anderen Konfessionen ganz gute Erfahrungen gemacht hat, weiter für den Staat als solchen und die regierende bolschewistische Partei auf dem Grundsatz des Atheismus besteht. Vorwiegend bestehen hierfür zwei Gründe. Es ist einmal überaus schwierig* Jahrzehnte hindurch mit einer einsigen Partei diktatorisch das weite Reich zu regieren, dynamisch einem entfernten Ziel zustrebend. Denn immer wieder entstehen Fraktionskämpfe, immer wieder droht die Gefahr, daß sich gerade aus der führenden Partei mehrere Parteien bilden. Daher muß diese Partei so tun, als ob all ihre Grundsätze und all ihre Ziele, wie sie sie bereits vor der Revolution verkündet hat, unverrückbar weiterbestehen. Der „Revisionismus“ gilt darum als größerer Feind als der ausländische Kapitalismus. Die theoretische Verleugnung des Atheismus nun wäre ein solch revisionistischer Einbruch, der unfehlbar zur Parteispaltung führen würde.

Wir dürfen auch nicht vergessen, daß nach Paragraph 124 der sowjetischen Verfassung die monopolistische Partei der Bolschewiki den führenden Kern nicht nur des Staates und seiner Behörden, sondern jedweder Vereinigung der Werktätigen bildet. Die einzigen Vereinigungen von Werktätigen, dje keine kommunistische Führerfraktion besitzen, sind die religiösen Organisationen. Sie sind, vor allem die russisch-orthodoxe Kirche, darum potenzielle Parteien. Die atheistische Demarkationslinie ist damit ein Mittel, um das Einparteiensystem aufrechtzuerhalten. Von Zeit zu Zeit muß daher der Ruf der Partei nach atheistischer Propaganda erhoben werden. Die Freiheit antireligiöser Propaganda, wie es heißt, muß immer wieder erneuert werden, damit sie nicht in Vergessenheit gerät. In Wirklichkeit wird wie übrigens auf allen anderen Gebieten der sowjetischen Innenpolitik eine Art von Gleichgewichtspolitik getrieben.

Es gibt auch ein räumliches Niemandsland. Beispiel hierfür sind die alten Kathedralen im Kreml. Sie stehen da wie zur Zeit der Zaren. Nichts ist in ihnen verändert worden, obwohl sie jederzeit besichtigt werden können, sind sie doch nicht in Museen verwandelt worden. Sie stehen stumm und unbenutzt da. Es ist kein Geheimnis, daß das Patriarchat einstweilen nicht in das menschliche Niemandsland vorstoßen will, sondern zuerst einmal in das räumliche. Wenn einmal die ewigen Lampen vor den Ikonen der Kreml-Kathedralen erneut aufflammen werden, dann besinnt für die russische Kirche wieder 3ie große Zeit. Sie spricht heute .nicht davon. Sie wartet geduldig und ist sogar bereit, im gegenwärtigen Augenblick eine Annäherung Kreml-Vatikan zu tolerieren.

(Die VeröffentlicUuHt! wird fnrtrizpt7t\

Charakteristisch für die wirklichen Beziehungen zwischen Sowjetstaat und russisch-orthodoxer Kirche ist das tragische Schicksal der unierten Kirche in den 1939 annektierten ehemals polnischen Gebieten. Nach dem zweiten Weltkrieg beschloß Stalin aus politischen Gründen die Liquidierung dieser auf Rom ausgerichteten Kirche. Bekanntlich war diese Kirche slawischen d. h. ursprünglich griechischen Ritus und hatte sich Ende des 16. Jahrhunderts wiederum dem Papste in Rom unterstellt. Im alten Oesterreich nannte *man sie darum griechisch-katholische Kirche. Sie war einst in der ganzen Ukraine, in Litauen und in Weißrußland verbreitet. Dort wurde sie bereits kurz vor 1800 nach der Teilung Polens-Litauens vom zaristischen Regime völlig unterdrückt, d. h. wieder der russisch-orthodoxen Kirche einverleibt. Die .ukrainische Bevölkerung des österreichischen Galiziens dagegen gehörte bis in die letzte Vergangenheit beinahe hundertprozentig dieser Kircfie an. Aus diesem Klerus entstand im vorigen Jahrhundert eine ukrainisch-nationale Intelligenz. Es begann eine Renaissance der ukrainisch-nationalen Kultur, die über die Grenzen Galiziens hinweg den Russifizierungsprozeß in der Großukraine bremste. So galt eben die griechisch-katholische Kirche als das kulturelle und politische Zentrum des ukrainischen Nationalismus, der dem Russentum wie dem Polentum gleich feindlich gegenüberstand. Das war der Grund, warum der Kreml diese Kirche liquidierte. Dabei wäre es noch einigermaßen verständlich gewesen, wenn sie von der Sowjetregierung als staatsgefährliche Organisation erklärt und unterdrückt worden wäre. Das wäre wohl ein brutaler Akt gewesen, hätte jedoch nicht direkt der sowjetischen Gesetzgebung widersprochen. So übergab aber die sowjetische politische Polizei einfach die unierten Kirchen der russisch-orthodoxen Kirche und stellte an deren Gläubige und Geistliche die Forderung, wiederum zum orthodoxen Patriarchen in Moskau „zurückzukehren“. Wer von den Bischöfen und Geistlichen dieser Aufforderung nicht Folge leistete, wurde -einfach deportiert. Für den Patriarchen in Moskau war das ein kostbares Geschenk. Das alte Königreich Galizien und Lodomerien, nach altrussischem Sprachgebrauch Rotrußland genannt, war damit endlich wieder der Jurisdiktion des Moskauer Patria'rchen unterstellt und die verhaßte Union mit Rom vom ostslawischen Boden verschwunden.

1948 feierte der Patriarch und die russischorthodoxe Kirche die Fünfhundertjahrfeier ihrer Autokephalie, d. h. ihrer Unabhängigkeit vom orthodoxen Patriarchat von Konstantinopel. Nach Moskau wallfahrteten damals die Oberhäupter nicht nur aller orthodoxen Kirchen in den Satellitenstaaten, sondern vertreten war auch der orthodoxe Patriarch von Alexandrien, und der Patriarch von Jerusalem entbot schriftlich seine Grüße. Erzbischöfe und Bischöfe der orthodoxen Kirche in der Diaspora benutzten die Gelegenheit, dem Moskauer Patriarchen ihre Ergebenheit zu bezeugen. Kirchlich gesehen, war es eine machtvolle Demonstration d.afür, daß die überwiegende Mehrheit der Orthodoxen ihre Blicke nach Moskau und auf den Patriarchen von Moskau richteten und nicht mehr auf den ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der einst die Kirchentrennung zwischen Osten und Westen herbeigeführt hatte.

Im Jahre 1951 fand ein anderer Kongreß in Moskau statt, der leider im Westen viel zu wenig beachtet wurde. Der Anlaß war zwar außenpolitisch maskiert, hatte aber eine mehr innenpolitische Bedeutung. Alle Kirchen- und Religionsführer in der Sowjetunion,' auch die römisch-katholischen, wurden vom Patriarchen Alexej ins Dreifaltigkeitskloster des hl. Sergius zu einer großen Kundgebung der bekannten Friedensbewegung eingeladen. Seit Bestand dieses alten Klosters haben seine Mauern ein solches Bild noch nie gesehen!

Dieses Bild zeigt vieles auf einmal. Der Patriarch in Moskau fühlt sich nicht nur als Führer aller Christen in der Sowjetunion, sondem darüber hinaus als der Führer aller Gläubigen überhaupt. Es war eine machtvolle Demonstration, ein deutlicher Wink des orthodoxen Patriarchen an die Adresse des Kremls: Ich habe geistliche Autorität weit über den Kreis meiner Gläubigen hinaus, meinem Rufe folgen nicht nur die Christen aller Bekenntnisse und Richtungen, sondern alle Gläubigen schlechthin. Der Patriarch zeigte damit deutlich, daß, wenn es wieder zu einem offenen Kampf zwischen Glauben und Unglauben kommen sollte, er, der Patriarch, durchaus gerüstet ist, die Front des Glaubens zu organisieren. Das Bild zeigt aber auch, daß wir es nicht mehr mit der alten, gewissermaßen beschränkten, von zahlreichen Vorurteilen und Fanatismen gehemmten russisch-orthodoxen Kirche zu tun haben. Auch die russisch-orthodoxe Kirche ist, obwohl sie äußerlich noch in ganz traditionellen Formen lebt, in den vierzig Jahren Sowjetherrschaft eine andere geworden. *

Um uns ein klares Bild über die Stärke und Schwäche der russisch-orthodoxen Kirche klar vor Augen zu führen, müssen wir uns noch kurz mit dem Atheismus in der Sowjetunion beschäftigen.

Atheismus ist in der Sowjetunion so etwas wie eine negative Staatsreligion. Wie in vielen Ländern auf amtlichen Frage- oder Anmelde-bogen Millionen von Menschen die Zugehörigkeit zu irgendwelcher Religionsgemeinschaft bekennen, obwohl sie vielleicht seit Jahrzehnten kaum aktive Beziehungen zur betreffenden Religion oder Konfession haben, so ist es auch in der Sowjetunion üblich, sich amtlich als ungläubig anzugeben. Niemand weiß, wie das Verhältnis dieser Millionen wirklich zum Glauben ist. Auch Chruschtschew bezeichnet sich zum Beispiel als Atheist. Ob er jedoch in Wirklichkeit doch an einen Gott glaubt, das weiß Nikita Chruschtschew allein. Man kann nur beobachten daß selbst führende Kommunisten mit gewissen Fäden immer noch mit ihrer einstigen Religion verbunden waren oder es noch sind. Der langjährige Bundespräsident der Sowjetunion, Michael Kalinjn, stammt* auSi.dam Dörfer„Jeden Sommer verbrachte er bei. seinen. Verwandten aufidems Lande. Es war bekannt, daß seine Verwandtschaft sehr fromm war. Die betreffenden Bauernhäuser waren voll von Ikonen und ewigen Ampeln. Als ihn einmal ein ausländischer Diplomat fragte, wieso er solches dulden könnte, antwortete Kalinin, daß er seine Verwandten gut verstehe und ihn selbst die Ikonen nicht störten. Auch mit einzelnen Geistlichen stand Kalinin auf freundschaftlichem Fuß.

Besonders merkwürdig war das Verhalten Stalins der Religion gegenüber. Seine Mutter war sehr fromm. Sie lebte in Tiflis in einer der Dienerwohnungen im Palais der Statthalterei. Eine Gruppe ausländischer Journalisten suchte sie einmal daselbst auf, und unter anderem fiel die Frage: „Sind Sie mit Ihrem Sohn und dem, was er erreicht hat, zufrieden?“ Die alte Georgierin erklärte, sie sei mit ihrem Sohn durchaus zufrieden, doch bedauere sie es immer noch, daß er nicht Geistlicher geworden sei. Sie hätte sich so gefreut, ihn die Messe in der Zions-kathedrale von Tiflis zelebrieren zu sehen. Als die alte Frau starb, ließ sie Stalin kirchlich begraben. Auch beim Tod seiner zweiten Frau geschah etwas Unerwartetes. Sie war ein altes Parteimitglied gewesen. Nach den Parteivorschriften hätte sie kremiert werden müssen. Doch sie wurde, wenn auch ohne geistliche Assistenz, in geweihtem Boden auf dem Friedhof des Neuen Jungfrauenklosters begraben.

Nicht der Atheismus ist es, der praktisch in der Sowjetunion eine Rolle spielt, sondern es ist das Verhältnis zur Kirche. Wir können heute die Bevölkerung der Sowjetunion in drei Gattungen teilen: in die Gläubigen, in die rabiaten Antiklerikalen und in eine große Masse der religiös völlig Indifferenten. Im Grunde genommen ist es nicht viel anders als auch sonst in der Welt. Variieren tut allein der prozentuale Anteil der einzelnen Gruppen. Was jedoch die Verhältnisse in der Sowjetunion betrifft, so sind für die Gegenwart eigentlich nur die Antiklerikalen wichtig. Wie überall ist der Antiklerikalismus in der Sowjetunion beinahe so alt wie die Kirche selbst. Nur kann der russische Antiklerikalismus ganz besonders merkwürdige Formen annehmen. So gab es einst Menschen, die wohl alle Vorschriften der Kirche erfüllten und nach altrussischer Sitte dem Geistlichen in der Kirche die Hand küßten, die aber- außerhalb der Kirche geradezu-eiwen wilden Haß gegen jede Art von Kirchenvertretern zur Schau trugen.

Anders verhält es sich mit der Masse der heute religiös Indifferenten in der Sowjetunion. Dabei ist zu bedenken, daß nun bereits vier Jahrzehnte die Scholen in der Sowjetunion total areligiös geführt worden sind, zeitweise sogar antireligiös. Der junge Sowjetbürger, wenn er nicht anderswie, zum Beispiel im Elternhaus, gläubig erzogen worden ist. wächst darum vollkommen areligiös auf. Eine starke Mehrheit der heutigen Sowjetbürger sind als solche religiöse Indifferente zu betrachten. Sie unterscheiden sich jedoch wesentlich von ihren Gesinnungsgenossen zum Beispiel im Westen dadurch, daß sie — meistens ohne ihr Verschulden — nie in einem lebendigen Verhältnis zu Kirche und Religion standen. Ihr religiöses Abseitsstehen ist darum weder schuldbewußt noch sonst irgendwie mit Ressentiments beladen. Es kann darum durchaus möglich sein, daß, wenn einmal an diese Masse mit religiöser Aufklärung herangegangen werden kann, große und tiefgehende Bewegungen entstehen.

Man muß sich die Frage vorlegen, warum eigentlich das Sowjetregime, das doch in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur mit der russisch-orthodoxen Kirche, sondern auch mit den anderen Konfessionen ganz gute Erfahrungen gemacht hat, weiter für den Staat als solchen und die regierende bolschewistische Partei auf dem Grundsatz des Atheismus besteht. Vorwiegend bestehen hierfür zwei Gründe. Es ist einmal überaus schwierig* Jahrzehnte hindurch mit einer einsigen Partei diktatorisch das weite Reich zu regieren, dynamisch einem entfernten Ziel zustrebend. Denn immer wieder entstehen Fraktionskämpfe, immer wieder droht die Gefahr, daß sich gerade aus der führenden Partei mehrere Parteien bilden. Daher muß diese Partei so tun, als ob all ihre Grundsätze und all ihre Ziele, wie sie sie bereits vor der Revolution verkündet hat, unverrückbar weiterbestehen. Der „Revisionismus“ gilt darum als größerer Feind als der ausländische Kapitalismus. Die theoretische Verleugnung des Atheismus nun wäre ein solch revisionistischer Einbruch, der unfehlbar zur Parteispaltung führen würde.

Wir dürfen auch nicht vergessen, daß nach Paragraph 124 der sowjetischen Verfassung die monopolistische Partei der Bolschewiki den führenden Kern nicht nur des Staates und seiner Behörden, sondern jedweder Vereinigung der Werktätigen bildet. Die einzigen Vereinigungen von Werktätigen, dje keine kommunistische Führerfraktion besitzen, sind die religiösen Organisationen. Sie sind, vor allem die russisch-orthodoxe Kirche, darum potenzielle Parteien. Die atheistische Demarkationslinie ist damit ein Mittel, um das Einparteiensystem aufrechtzuerhalten. Von Zeit zu Zeit muß daher der Ruf der Partei nach atheistischer Propaganda erhoben werden. Die Freiheit antireligiöser Propaganda, wie es heißt, muß immer wieder erneuert werden, damit sie nicht in Vergessenheit gerät. In Wirklichkeit wird wie übrigens auf allen anderen Gebieten der sowjetischen Innenpolitik eine Art von Gleichgewichtspolitik getrieben.

Es gibt auch ein räumliches Niemandsland. Beispiel hierfür sind die alten Kathedralen im Kreml. Sie stehen da wie zur Zeit der Zaren. Nichts ist in ihnen verändert worden, obwohl sie jederzeit besichtigt werden können, sind sie doch nicht in Museen verwandelt worden. Sie stehen stumm und unbenutzt da. Es ist kein Geheimnis, daß das Patriarchat einstweilen nicht in das menschliche Niemandsland vorstoßen will, sondern zuerst einmal in das räumliche. Wenn einmal die ewigen Lampen vor den Ikonen der Kreml-Kathedralen erneut aufflammen werden, dann besinnt für die russische Kirche wieder 3ie große Zeit. Sie spricht heute .nicht davon. Sie wartet geduldig und ist sogar bereit, im gegenwärtigen Augenblick eine Annäherung Kreml-Vatikan zu tolerieren.

(Die VeröffentlicUuHt! wird fnrtrizpt7t\

Charakteristisch für die wirklichen Beziehungen zwischen Sowjetstaat und russisch-orthodoxer Kirche ist das tragische Schicksal der unierten Kirche in den 1939 annektierten ehemals polnischen Gebieten. Nach dem zweiten Weltkrieg beschloß Stalin aus politischen Gründen die Liquidierung dieser auf Rom ausgerichteten Kirche. Bekanntlich war diese Kirche slawischen d. h. ursprünglich griechischen Ritus und hatte sich Ende des 16. Jahrhunderts wiederum dem Papste in Rom unterstellt. Im alten Oesterreich nannte *man sie darum griechisch-katholische Kirche. Sie war einst in der ganzen Ukraine, in Litauen und in Weißrußland verbreitet. Dort wurde sie bereits kurz vor 1800 nach der Teilung Polens-Litauens vom zaristischen Regime völlig unterdrückt, d. h. wieder der russisch-orthodoxen Kirche einverleibt. Die .ukrainische Bevölkerung des österreichischen Galiziens dagegen gehörte bis in die letzte Vergangenheit beinahe hundertprozentig dieser Kircfie an. Aus diesem Klerus entstand im vorigen Jahrhundert eine ukrainisch-nationale Intelligenz. Es begann eine Renaissance der ukrainisch-nationalen Kultur, die über die Grenzen Galiziens hinweg den Russifizierungsprozeß in der Großukraine bremste. So galt eben die griechisch-katholische Kirche als das kulturelle und politische Zentrum des ukrainischen Nationalismus, der dem Russentum wie dem Polentum gleich feindlich gegenüberstand. Das war der Grund, warum der Kreml diese Kirche liquidierte. Dabei wäre es noch einigermaßen verständlich gewesen, wenn sie von der Sowjetregierung als staatsgefährliche Organisation erklärt und unterdrückt worden wäre. Das wäre wohl ein brutaler Akt gewesen, hätte jedoch nicht direkt der sowjetischen Gesetzgebung widersprochen. So übergab aber die sowjetische politische Polizei einfach die unierten Kirchen der russisch-orthodoxen Kirche und stellte an deren Gläubige und Geistliche die Forderung, wiederum zum orthodoxen Patriarchen in Moskau „zurückzukehren“. Wer von den Bischöfen und Geistlichen dieser Aufforderung nicht Folge leistete, wurde -einfach deportiert. Für den Patriarchen in Moskau war das ein kostbares Geschenk. Das alte Königreich Galizien und Lodomerien, nach altrussischem Sprachgebrauch Rotrußland genannt, war damit endlich wieder der Jurisdiktion des Moskauer Patria'rchen unterstellt und die verhaßte Union mit Rom vom ostslawischen Boden verschwunden.

1948 feierte der Patriarch und die russischorthodoxe Kirche die Fünfhundertjahrfeier ihrer Autokephalie, d. h. ihrer Unabhängigkeit vom orthodoxen Patriarchat von Konstantinopel. Nach Moskau wallfahrteten damals die Oberhäupter nicht nur aller orthodoxen Kirchen in den Satellitenstaaten, sondern vertreten war auch der orthodoxe Patriarch von Alexandrien, und der Patriarch von Jerusalem entbot schriftlich seine Grüße. Erzbischöfe und Bischöfe der orthodoxen Kirche in der Diaspora benutzten die Gelegenheit, dem Moskauer Patriarchen ihre Ergebenheit zu bezeugen. Kirchlich gesehen, war es eine machtvolle Demonstration d.afür, daß die überwiegende Mehrheit der Orthodoxen ihre Blicke nach Moskau und auf den Patriarchen von Moskau richteten und nicht mehr auf den ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der einst die Kirchentrennung zwischen Osten und Westen herbeigeführt hatte.

Im Jahre 1951 fand ein anderer Kongreß in Moskau statt, der leider im Westen viel zu wenig beachtet wurde. Der Anlaß war zwar außenpolitisch maskiert, hatte aber eine mehr innenpolitische Bedeutung. Alle Kirchen- und Religionsführer in der Sowjetunion,' auch die römisch-katholischen, wurden vom Patriarchen Alexej ins Dreifaltigkeitskloster des hl. Sergius zu einer großen Kundgebung der bekannten Friedensbewegung eingeladen. Seit Bestand dieses alten Klosters haben seine Mauern ein solches Bild noch nie gesehen!

Dieses Bild zeigt vieles auf einmal. Der Patriarch in Moskau fühlt sich nicht nur als Führer aller Christen in der Sowjetunion, sondem darüber hinaus als der Führer aller Gläubigen überhaupt. Es war eine machtvolle Demonstration, ein deutlicher Wink des orthodoxen Patriarchen an die Adresse des Kremls: Ich habe geistliche Autorität weit über den Kreis meiner Gläubigen hinaus, meinem Rufe folgen nicht nur die Christen aller Bekenntnisse und Richtungen, sondern alle Gläubigen schlechthin. Der Patriarch zeigte damit deutlich, daß, wenn es wieder zu einem offenen Kampf zwischen Glauben und Unglauben kommen sollte, er, der Patriarch, durchaus gerüstet ist, die Front des Glaubens zu organisieren. Das Bild zeigt aber auch, daß wir es nicht mehr mit der alten, gewissermaßen beschränkten, von zahlreichen Vorurteilen und Fanatismen gehemmten russisch-orthodoxen Kirche zu tun haben. Auch die russisch-orthodoxe Kirche ist, obwohl sie äußerlich noch in ganz traditionellen Formen lebt, in den vierzig Jahren Sowjetherrschaft eine andere geworden. *

Um uns ein klares Bild über die Stärke und Schwäche der russisch-orthodoxen Kirche klar vor Augen zu führen, müssen wir uns noch kurz mit dem Atheismus in der Sowjetunion beschäftigen.

Atheismus ist in der Sowjetunion so etwas wie eine negative Staatsreligion. Wie in vielen Ländern auf amtlichen Frage- oder Anmelde-bogen Millionen von Menschen die Zugehörigkeit zu irgendwelcher Religionsgemeinschaft bekennen, obwohl sie vielleicht seit Jahrzehnten kaum aktive Beziehungen zur betreffenden Religion oder Konfession haben, so ist es auch in der Sowjetunion üblich, sich amtlich als ungläubig anzugeben. Niemand weiß, wie das Verhältnis dieser Millionen wirklich zum Glauben ist. Auch Chruschtschew bezeichnet sich zum Beispiel als Atheist. Ob er jedoch in Wirklichkeit doch an einen Gott glaubt, das weiß Nikita Chruschtschew allein. Man kann nur beobachten daß selbst führende Kommunisten mit gewissen Fäden immer noch mit ihrer einstigen Religion verbunden waren oder es noch sind. Der langjährige Bundespräsident der Sowjetunion, Michael Kalinjn, stammt* auSi.dam Dörfer„Jeden Sommer verbrachte er bei. seinen. Verwandten aufidems Lande. Es war bekannt, daß seine Verwandtschaft sehr fromm war. Die betreffenden Bauernhäuser waren voll von Ikonen und ewigen Ampeln. Als ihn einmal ein ausländischer Diplomat fragte, wieso er solches dulden könnte, antwortete Kalinin, daß er seine Verwandten gut verstehe und ihn selbst die Ikonen nicht störten. Auch mit einzelnen Geistlichen stand Kalinin auf freundschaftlichem Fuß.

Besonders merkwürdig war das Verhalten Stalins der Religion gegenüber. Seine Mutter war sehr fromm. Sie lebte in Tiflis in einer der Dienerwohnungen im Palais der Statthalterei. Eine Gruppe ausländischer Journalisten suchte sie einmal daselbst auf, und unter anderem fiel die Frage: „Sind Sie mit Ihrem Sohn und dem, was er erreicht hat, zufrieden?“ Die alte Georgierin erklärte, sie sei mit ihrem Sohn durchaus zufrieden, doch bedauere sie es immer noch, daß er nicht Geistlicher geworden sei. Sie hätte sich so gefreut, ihn die Messe in der Zions-kathedrale von Tiflis zelebrieren zu sehen. Als die alte Frau starb, ließ sie Stalin kirchlich begraben. Auch beim Tod seiner zweiten Frau geschah etwas Unerwartetes. Sie war ein altes Parteimitglied gewesen. Nach den Parteivorschriften hätte sie kremiert werden müssen. Doch sie wurde, wenn auch ohne geistliche Assistenz, in geweihtem Boden auf dem Friedhof des Neuen Jungfrauenklosters begraben.

Nicht der Atheismus ist es, der praktisch in der Sowjetunion eine Rolle spielt, sondern es ist das Verhältnis zur Kirche. Wir können heute die Bevölkerung der Sowjetunion in drei Gattungen teilen: in die Gläubigen, in die rabiaten Antiklerikalen und in eine große Masse der religiös völlig Indifferenten. Im Grunde genommen ist es nicht viel anders als auch sonst in der Welt. Variieren tut allein der prozentuale Anteil der einzelnen Gruppen. Was jedoch die Verhältnisse in der Sowjetunion betrifft, so sind für die Gegenwart eigentlich nur die Antiklerikalen wichtig. Wie überall ist der Antiklerikalismus in der Sowjetunion beinahe so alt wie die Kirche selbst. Nur kann der russische Antiklerikalismus ganz besonders merkwürdige Formen annehmen. So gab es einst Menschen, die wohl alle Vorschriften der Kirche erfüllten und nach altrussischer Sitte dem Geistlichen in der Kirche die Hand küßten, die aber- außerhalb der Kirche geradezu-eiwen wilden Haß gegen jede Art von Kirchenvertretern zur Schau trugen.

Anders verhält es sich mit der Masse der heute religiös Indifferenten in der Sowjetunion. Dabei ist zu bedenken, daß nun bereits vier Jahrzehnte die Scholen in der Sowjetunion total areligiös geführt worden sind, zeitweise sogar antireligiös. Der junge Sowjetbürger, wenn er nicht anderswie, zum Beispiel im Elternhaus, gläubig erzogen worden ist. wächst darum vollkommen areligiös auf. Eine starke Mehrheit der heutigen Sowjetbürger sind als solche religiöse Indifferente zu betrachten. Sie unterscheiden sich jedoch wesentlich von ihren Gesinnungsgenossen zum Beispiel im Westen dadurch, daß sie — meistens ohne ihr Verschulden — nie in einem lebendigen Verhältnis zu Kirche und Religion standen. Ihr religiöses Abseitsstehen ist darum weder schuldbewußt noch sonst irgendwie mit Ressentiments beladen. Es kann darum durchaus möglich sein, daß, wenn einmal an diese Masse mit religiöser Aufklärung herangegangen werden kann, große und tiefgehende Bewegungen entstehen.

Man muß sich die Frage vorlegen, warum eigentlich das Sowjetregime, das doch in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur mit der russisch-orthodoxen Kirche, sondern auch mit den anderen Konfessionen ganz gute Erfahrungen gemacht hat, weiter für den Staat als solchen und die regierende bolschewistische Partei auf dem Grundsatz des Atheismus besteht. Vorwiegend bestehen hierfür zwei Gründe. Es ist einmal überaus schwierig* Jahrzehnte hindurch mit einer einsigen Partei diktatorisch das weite Reich zu regieren, dynamisch einem entfernten Ziel zustrebend. Denn immer wieder entstehen Fraktionskämpfe, immer wieder droht die Gefahr, daß sich gerade aus der führenden Partei mehrere Parteien bilden. Daher muß diese Partei so tun, als ob all ihre Grundsätze und all ihre Ziele, wie sie sie bereits vor der Revolution verkündet hat, unverrückbar weiterbestehen. Der „Revisionismus“ gilt darum als größerer Feind als der ausländische Kapitalismus. Die theoretische Verleugnung des Atheismus nun wäre ein solch revisionistischer Einbruch, der unfehlbar zur Parteispaltung führen würde.

Wir dürfen auch nicht vergessen, daß nach Paragraph 124 der sowjetischen Verfassung die monopolistische Partei der Bolschewiki den führenden Kern nicht nur des Staates und seiner Behörden, sondern jedweder Vereinigung der Werktätigen bildet. Die einzigen Vereinigungen von Werktätigen, dje keine kommunistische Führerfraktion besitzen, sind die religiösen Organisationen. Sie sind, vor allem die russisch-orthodoxe Kirche, darum potenzielle Parteien. Die atheistische Demarkationslinie ist damit ein Mittel, um das Einparteiensystem aufrechtzuerhalten. Von Zeit zu Zeit muß daher der Ruf der Partei nach atheistischer Propaganda erhoben werden. Die Freiheit antireligiöser Propaganda, wie es heißt, muß immer wieder erneuert werden, damit sie nicht in Vergessenheit gerät. In Wirklichkeit wird wie übrigens auf allen anderen Gebieten der sowjetischen Innenpolitik eine Art von Gleichgewichtspolitik getrieben.

Es gibt auch ein räumliches Niemandsland. Beispiel hierfür sind die alten Kathedralen im Kreml. Sie stehen da wie zur Zeit der Zaren. Nichts ist in ihnen verändert worden, obwohl sie jederzeit besichtigt werden können, sind sie doch nicht in Museen verwandelt worden. Sie stehen stumm und unbenutzt da. Es ist kein Geheimnis, daß das Patriarchat einstweilen nicht in das menschliche Niemandsland vorstoßen will, sondern zuerst einmal in das räumliche. Wenn einmal die ewigen Lampen vor den Ikonen der Kreml-Kathedralen erneut aufflammen werden, dann besinnt für die russische Kirche wieder 3ie große Zeit. Sie spricht heute .nicht davon. Sie wartet geduldig und ist sogar bereit, im gegenwärtigen Augenblick eine Annäherung Kreml-Vatikan zu tolerieren.

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Charakteristisch für die wirklichen Beziehungen zwischen Sowjetstaat und russisch-orthodoxer Kirche ist das tragische Schicksal der unierten Kirche in den 1939 annektierten ehemals polnischen Gebieten. Nach dem zweiten Weltkrieg beschloß Stalin aus politischen Gründen die Liquidierung dieser auf Rom ausgerichteten Kirche. Bekanntlich war diese Kirche slawischen d. h. ursprünglich griechischen Ritus und hatte sich Ende des 16. Jahrhunderts wiederum dem Papste in Rom unterstellt. Im alten Oesterreich nannte *man sie darum griechisch-katholische Kirche. Sie war einst in der ganzen Ukraine, in Litauen und in Weißrußland verbreitet. Dort wurde sie bereits kurz vor 1800 nach der Teilung Polens-Litauens vom zaristischen Regime völlig unterdrückt, d. h. wieder der russisch-orthodoxen Kirche einverleibt. Die .ukrainische Bevölkerung des österreichischen Galiziens dagegen gehörte bis in die letzte Vergangenheit beinahe hundertprozentig dieser Kircfie an. Aus diesem Klerus entstand im vorigen Jahrhundert eine ukrainisch-nationale Intelligenz. Es begann eine Renaissance der ukrainisch-nationalen Kultur, die über die Grenzen Galiziens hinweg den Russifizierungsprozeß in der Großukraine bremste. So galt eben die griechisch-katholische Kirche als das kulturelle und politische Zentrum des ukrainischen Nationalismus, der dem Russentum wie dem Polentum gleich feindlich gegenüberstand. Das war der Grund, warum der Kreml diese Kirche liquidierte. Dabei wäre es noch einigermaßen verständlich gewesen, wenn sie von der Sowjetregierung als staatsgefährliche Organisation erklärt und unterdrückt worden wäre. Das wäre wohl ein brutaler Akt gewesen, hätte jedoch nicht direkt der sowjetischen Gesetzgebung widersprochen. So übergab aber die sowjetische politische Polizei einfach die unierten Kirchen der russisch-orthodoxen Kirche und stellte an deren Gläubige und Geistliche die Forderung, wiederum zum orthodoxen Patriarchen in Moskau „zurückzukehren“. Wer von den Bischöfen und Geistlichen dieser Aufforderung nicht Folge leistete, wurde -einfach deportiert. Für den Patriarchen in Moskau war das ein kostbares Geschenk. Das alte Königreich Galizien und Lodomerien, nach altrussischem Sprachgebrauch Rotrußland genannt, war damit endlich wieder der Jurisdiktion des Moskauer Patria'rchen unterstellt und die verhaßte Union mit Rom vom ostslawischen Boden verschwunden.

1948 feierte der Patriarch und die russischorthodoxe Kirche die Fünfhundertjahrfeier ihrer Autokephalie, d. h. ihrer Unabhängigkeit vom orthodoxen Patriarchat von Konstantinopel. Nach Moskau wallfahrteten damals die Oberhäupter nicht nur aller orthodoxen Kirchen in den Satellitenstaaten, sondern vertreten war auch der orthodoxe Patriarch von Alexandrien, und der Patriarch von Jerusalem entbot schriftlich seine Grüße. Erzbischöfe und Bischöfe der orthodoxen Kirche in der Diaspora benutzten die Gelegenheit, dem Moskauer Patriarchen ihre Ergebenheit zu bezeugen. Kirchlich gesehen, war es eine machtvolle Demonstration d.afür, daß die überwiegende Mehrheit der Orthodoxen ihre Blicke nach Moskau und auf den Patriarchen von Moskau richteten und nicht mehr auf den ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der einst die Kirchentrennung zwischen Osten und Westen herbeigeführt hatte.

Im Jahre 1951 fand ein anderer Kongreß in Moskau statt, der leider im Westen viel zu wenig beachtet wurde. Der Anlaß war zwar außenpolitisch maskiert, hatte aber eine mehr innenpolitische Bedeutung. Alle Kirchen- und Religionsführer in der Sowjetunion,' auch die römisch-katholischen, wurden vom Patriarchen Alexej ins Dreifaltigkeitskloster des hl. Sergius zu einer großen Kundgebung der bekannten Friedensbewegung eingeladen. Seit Bestand dieses alten Klosters haben seine Mauern ein solches Bild noch nie gesehen!

Dieses Bild zeigt vieles auf einmal. Der Patriarch in Moskau fühlt sich nicht nur als Führer aller Christen in der Sowjetunion, sondem darüber hinaus als der Führer aller Gläubigen überhaupt. Es war eine machtvolle Demonstration, ein deutlicher Wink des orthodoxen Patriarchen an die Adresse des Kremls: Ich habe geistliche Autorität weit über den Kreis meiner Gläubigen hinaus, meinem Rufe folgen nicht nur die Christen aller Bekenntnisse und Richtungen, sondern alle Gläubigen schlechthin. Der Patriarch zeigte damit deutlich, daß, wenn es wieder zu einem offenen Kampf zwischen Glauben und Unglauben kommen sollte, er, der Patriarch, durchaus gerüstet ist, die Front des Glaubens zu organisieren. Das Bild zeigt aber auch, daß wir es nicht mehr mit der alten, gewissermaßen beschränkten, von zahlreichen Vorurteilen und Fanatismen gehemmten russisch-orthodoxen Kirche zu tun haben. Auch die russisch-orthodoxe Kirche ist, obwohl sie äußerlich noch in ganz traditionellen Formen lebt, in den vierzig Jahren Sowjetherrschaft eine andere geworden. *

Um uns ein klares Bild über die Stärke und Schwäche der russisch-orthodoxen Kirche klar vor Augen zu führen, müssen wir uns noch kurz mit dem Atheismus in der Sowjetunion beschäftigen.

Atheismus ist in der Sowjetunion so etwas wie eine negative Staatsreligion. Wie in vielen Ländern auf amtlichen Frage- oder Anmelde-bogen Millionen von Menschen die Zugehörigkeit zu irgendwelcher Religionsgemeinschaft bekennen, obwohl sie vielleicht seit Jahrzehnten kaum aktive Beziehungen zur betreffenden Religion oder Konfession haben, so ist es auch in der Sowjetunion üblich, sich amtlich als ungläubig anzugeben. Niemand weiß, wie das Verhältnis dieser Millionen wirklich zum Glauben ist. Auch Chruschtschew bezeichnet sich zum Beispiel als Atheist. Ob er jedoch in Wirklichkeit doch an einen Gott glaubt, das weiß Nikita Chruschtschew allein. Man kann nur beobachten daß selbst führende Kommunisten mit gewissen Fäden immer noch mit ihrer einstigen Religion verbunden waren oder es noch sind. Der langjährige Bundespräsident der Sowjetunion, Michael Kalinjn, stammt* auSi.dam Dörfer„Jeden Sommer verbrachte er bei. seinen. Verwandten aufidems Lande. Es war bekannt, daß seine Verwandtschaft sehr fromm war. Die betreffenden Bauernhäuser waren voll von Ikonen und ewigen Ampeln. Als ihn einmal ein ausländischer Diplomat fragte, wieso er solches dulden könnte, antwortete Kalinin, daß er seine Verwandten gut verstehe und ihn selbst die Ikonen nicht störten. Auch mit einzelnen Geistlichen stand Kalinin auf freundschaftlichem Fuß.

Besonders merkwürdig war das Verhalten Stalins der Religion gegenüber. Seine Mutter war sehr fromm. Sie lebte in Tiflis in einer der Dienerwohnungen im Palais der Statthalterei. Eine Gruppe ausländischer Journalisten suchte sie einmal daselbst auf, und unter anderem fiel die Frage: „Sind Sie mit Ihrem Sohn und dem, was er erreicht hat, zufrieden?“ Die alte Georgierin erklärte, sie sei mit ihrem Sohn durchaus zufrieden, doch bedauere sie es immer noch, daß er nicht Geistlicher geworden sei. Sie hätte sich so gefreut, ihn die Messe in der Zions-kathedrale von Tiflis zelebrieren zu sehen. Als die alte Frau starb, ließ sie Stalin kirchlich begraben. Auch beim Tod seiner zweiten Frau geschah etwas Unerwartetes. Sie war ein altes Parteimitglied gewesen. Nach den Parteivorschriften hätte sie kremiert werden müssen. Doch sie wurde, wenn auch ohne geistliche Assistenz, in geweihtem Boden auf dem Friedhof des Neuen Jungfrauenklosters begraben.

Nicht der Atheismus ist es, der praktisch in der Sowjetunion eine Rolle spielt, sondern es ist das Verhältnis zur Kirche. Wir können heute die Bevölkerung der Sowjetunion in drei Gattungen teilen: in die Gläubigen, in die rabiaten Antiklerikalen und in eine große Masse der religiös völlig Indifferenten. Im Grunde genommen ist es nicht viel anders als auch sonst in der Welt. Variieren tut allein der prozentuale Anteil der einzelnen Gruppen. Was jedoch die Verhältnisse in der Sowjetunion betrifft, so sind für die Gegenwart eigentlich nur die Antiklerikalen wichtig. Wie überall ist der Antiklerikalismus in der Sowjetunion beinahe so alt wie die Kirche selbst. Nur kann der russische Antiklerikalismus ganz besonders merkwürdige Formen annehmen. So gab es einst Menschen, die wohl alle Vorschriften der Kirche erfüllten und nach altrussischer Sitte dem Geistlichen in der Kirche die Hand küßten, die aber- außerhalb der Kirche geradezu-eiwen wilden Haß gegen jede Art von Kirchenvertretern zur Schau trugen.

Anders verhält es sich mit der Masse der heute religiös Indifferenten in der Sowjetunion. Dabei ist zu bedenken, daß nun bereits vier Jahrzehnte die Scholen in der Sowjetunion total areligiös geführt worden sind, zeitweise sogar antireligiös. Der junge Sowjetbürger, wenn er nicht anderswie, zum Beispiel im Elternhaus, gläubig erzogen worden ist. wächst darum vollkommen areligiös auf. Eine starke Mehrheit der heutigen Sowjetbürger sind als solche religiöse Indifferente zu betrachten. Sie unterscheiden sich jedoch wesentlich von ihren Gesinnungsgenossen zum Beispiel im Westen dadurch, daß sie — meistens ohne ihr Verschulden — nie in einem lebendigen Verhältnis zu Kirche und Religion standen. Ihr religiöses Abseitsstehen ist darum weder schuldbewußt noch sonst irgendwie mit Ressentiments beladen. Es kann darum durchaus möglich sein, daß, wenn einmal an diese Masse mit religiöser Aufklärung herangegangen werden kann, große und tiefgehende Bewegungen entstehen.

Man muß sich die Frage vorlegen, warum eigentlich das Sowjetregime, das doch in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur mit der russisch-orthodoxen Kirche, sondern auch mit den anderen Konfessionen ganz gute Erfahrungen gemacht hat, weiter für den Staat als solchen und die regierende bolschewistische Partei auf dem Grundsatz des Atheismus besteht. Vorwiegend bestehen hierfür zwei Gründe. Es ist einmal überaus schwierig* Jahrzehnte hindurch mit einer einsigen Partei diktatorisch das weite Reich zu regieren, dynamisch einem entfernten Ziel zustrebend. Denn immer wieder entstehen Fraktionskämpfe, immer wieder droht die Gefahr, daß sich gerade aus der führenden Partei mehrere Parteien bilden. Daher muß diese Partei so tun, als ob all ihre Grundsätze und all ihre Ziele, wie sie sie bereits vor der Revolution verkündet hat, unverrückbar weiterbestehen. Der „Revisionismus“ gilt darum als größerer Feind als der ausländische Kapitalismus. Die theoretische Verleugnung des Atheismus nun wäre ein solch revisionistischer Einbruch, der unfehlbar zur Parteispaltung führen würde.

Wir dürfen auch nicht vergessen, daß nach Paragraph 124 der sowjetischen Verfassung die monopolistische Partei der Bolschewiki den führenden Kern nicht nur des Staates und seiner Behörden, sondern jedweder Vereinigung der Werktätigen bildet. Die einzigen Vereinigungen von Werktätigen, dje keine kommunistische Führerfraktion besitzen, sind die religiösen Organisationen. Sie sind, vor allem die russisch-orthodoxe Kirche, darum potenzielle Parteien. Die atheistische Demarkationslinie ist damit ein Mittel, um das Einparteiensystem aufrechtzuerhalten. Von Zeit zu Zeit muß daher der Ruf der Partei nach atheistischer Propaganda erhoben werden. Die Freiheit antireligiöser Propaganda, wie es heißt, muß immer wieder erneuert werden, damit sie nicht in Vergessenheit gerät. In Wirklichkeit wird wie übrigens auf allen anderen Gebieten der sowjetischen Innenpolitik eine Art von Gleichgewichtspolitik getrieben.

Es gibt auch ein räumliches Niemandsland. Beispiel hierfür sind die alten Kathedralen im Kreml. Sie stehen da wie zur Zeit der Zaren. Nichts ist in ihnen verändert worden, obwohl sie jederzeit besichtigt werden können, sind sie doch nicht in Museen verwandelt worden. Sie stehen stumm und unbenutzt da. Es ist kein Geheimnis, daß das Patriarchat einstweilen nicht in das menschliche Niemandsland vorstoßen will, sondern zuerst einmal in das räumliche. Wenn einmal die ewigen Lampen vor den Ikonen der Kreml-Kathedralen erneut aufflammen werden, dann besinnt für die russische Kirche wieder 3ie große Zeit. Sie spricht heute .nicht davon. Sie wartet geduldig und ist sogar bereit, im gegenwärtigen Augenblick eine Annäherung Kreml-Vatikan zu tolerieren.

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