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Digital In Arbeit

Beruf ist mehr als Arbeit haben

1. Mai, Tag der Arbeit: ein ‘ Sonntag im langen Schatten des Wahltages. Tagesparolen drohen Grundsatzfragen zu übertönen, die gerade auch junge Menschen bewegen.

„Wenn … Arbeit nicht mit jeder menschlichen Aktivität, oder zumindest mit jeder bewußten Aktivität gleichgesetzt wird, dann bezeichnet Arbeit vorwiegend jenen Teil menschlichen Handelns, der der Sicherung menschlicher

Existenz und der Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse dient“ (G. Wachtier).

Diese knappe soziologische Definition von Arbeit bezeichnet in erster Linie den materiell-körperlichen Aspekt der Arbeit. Der psychische Aspekt der Arbeit wird hier nicht explizit angesprochen, schwingt aber schon etwas mit. Außer der primären existentiellen Notwendigkeit hat die Arbeit nun aber auch für das seelische Wohlbefinden allergrößte Bedeutung.

Die moderne Arbeitspsychologie sieht im Beruf die Selbsttätigkeit des Menschen als Ausdruck und Akt der Selbstrealisierung des tätigen personalen Selbst und zeigt im weiteren eine eindeutige Wechselwirkung zwischen Arbeit und individueller Lebensweise auf.

Somit resultiert zwar die Erstmotivierung des Tuns aus Nützlichkeitserwägungen, im weiteren dann aber möglichst aus Pflichtbewußtsein, Entfaltungsdrang und ähnlichen Antrieben, wobei diese Faktoren wiederum durch Arbeit „gebildet“ werden können. Bildung wäre hiermit auch als pädagogische Einflußnahme zu sehen.

Psychologie und Pädagogik se hen somit vor allem die seelenstrukturierende Kraft jeglicher Arbeit.

Nun ist es aber leider ganz und gar nicht so, daß der durchschnittliche „Berufstätige“ seine Arbeit auch wirklich als Be-Ruf sibht. Es ist oft genug ganz das Gegenteil der Fall. Arbeit wird als lästiges und leider notwendiges Übel angesehen.

Es ist in dieser Hinsicht auch interessant, festzustellen, daß sich aus sprachwissenschaftlicher Sicht der Begriff Arbeit in so gut wie allen Sprachen vor allem aus eher negativ besetzten Wortstäm men ableitet, die allesamt Momente des Mühseligen und Lästigen beinhalten.

Die Erkenntnis der großen Bedeutung von menschengerechter Arbeit für das seelische Wohlbefinden und in weiterer Konsequenz dann natürlich auqh für die individuelle Persönlichfceitsent- wicklung und Charakterbildung verlangt nun nach weitreichenden Maßnahmen:

• erstens für eine Humanisierung der Arbeitswelt;

• und zweitens für eine Hinführung des arbeitenden Menschen zur besseren und für ihn damit auch gesünderen Einstellung zu seiner eigenen Tätigkeit…

Wann kann man denn nun wirklich von einem Beruf sprechen? Der Begriff wird ja gemeinhin sehr strapaziert. Zumeist wird Beruf mit Arbeit gleichgesetzt, was aber beim derzeitigen Stand der damit verbundenen Assoziationen nicht so sehr einer Bedeutungsveredelung des Begriffs Arbeit gleichkommt, sondern eher zu einer Bedeutungsverschlechterung des Begriffs Beruf geführt hat.

A. Dörschel schreibt: „Für Max Grimme ist Beruf die ,Weise der Existenzerfüllung des Menschen durch Einsatz seiner Arbeitskraft . Aus dieser anthropologischen Sicht erhält die wirtschaftliche Tätigkeit erst, dann Berufscharakter, wenn durch den Einsatz der Arbeitskraft alle .Dimensionen des Berufes Erfüllt werden können. Als solche nennt Grimme die religiöse Berufsidee der ,voca- tio’, die psychologisch-pädagogische Auffassung des Berufs, als .persönliche Entfaltung , die soziologische Betrachtung, als .soziale Funktion und den .Beruf als Unterhaltserwerb …“

Es geht also darum, den Beruf wieder zu dem zu machen, was er eigentlich sein sollte, was er derzeit zumeist — leider — nicht ist, vielleicht großteils auch nie war.

Eine ähnliche Bedeutungsveredelung sollte auch für den Begriff Arbeit angestrebt werden. Denn es gehört in unserer Zeit schon einiger Mut dazu, sich offen als Arbeiter zu deklarieren. Das Wort scheint derzeit mit einem Makel behaftet zu sein.

Auch im öffentlichen Leben wird der Begriff Arbeit immer seltener verwendet (Anm.: sieht man vom Schlagwort Arbeitsplatz ab). Arbeiten ist wohl außer Mode gekommen; am angesehensten und am meisten bewundert werden zunehmend Menschen, die „es nicht nötig haben“ zu arbeiten.

Der österreichische Gewerkschaftsbund hält aber dennoch erfreulicherweise an der Arbeit als an sich positiven Wert fest: „Jede Arbeit, auch die einfachste und schwerste, ist gesellschaftlich notwendige Arbeit. Arbeit hat einen sittlichen und ethischen Wert. Wer Inhalt, Sinn und Wert menschlicher Arbeit zerstört, vernichtet damit gesellschaftliches Gut.“

Den Menschen den Wert der eigenen Arbeit wieder bewußtzumachen, ist mit eine wesentliche Aufgabe der Pädagogik.

Andreas Kubouschek, 20jähriger Student aus Linz, hat mit seiner Arbeit „Humąnisie- rung der Arbeitswelt“, aus der dieser Beitrag auszugsweise zitiert, den „Großen österreichischen Jugendpreis 1982“ der Ersten österreichischen Spar-Casse zuerkannt bekommen.

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