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1945: Befreit – aber nicht vom Antisemitismus
Das Jahr 1945 war das Jahr der Befreiung. Vor 80 Jahren aus einer ganz anderen Perspektive selbst erlebt zu haben, worüber man heute schreibt, das ist schon ein sehr seltsames Privileg. Was in meinem Kopf noch an Erinnerung an das Jahr 1945 vorhanden ist, sind Bilder, Szenen – und Gefühle: Angst, Hunger, die Euphorie der Befreiung.
Ich erinnere mich gut daran, wie am 12. März 1945 die Musikinstrumente aus der brennenden Oper getragen wurden, und an die Frau, die unter Tränen bat, nach ihrem Mann zu graben. Er war eine halbe Stunde zuvor im von einer Bombe getroffenen Philipphof verschüttet worden. Seine Überreste liegen mit denen von über zweihundert anderen unter Hrdlickas Republik-Denkmal. Zu dieser Zeit wünschte ich Hitler und die Nazis nur noch zur Hölle.

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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)
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Meine Erinnerung reicht bis zum Februar 1934 und zum Dollfuß-Mord zurück. Doch der Ekel, den ich als Zehnjähriger am Nachmittag nach dem November-Pogrom in der johlenden Menge vor den rauchenden Trümmern des Kaiser-Franz-Joseph-Jubiläums-Tempels empfand, in die ich, neugieriges Kind, das ich war, hineingeriet, wurde zum prägenden Erlebnis. Ebenso, wie der junge Mann, der an mir vorbeihastete, den Kragen seines hellen Sommermantels weit zurückgeschlagen hatte, damit man den Judenstern nicht sah, weil er dort, wo er ging, nicht hätte gehen dürfen, was den Denkapparat des nun Zwölf- oder Dreizehnjährigen nachhaltig in Bewegung setzte.
Um Haaresbreite überlebt
Ich erinnere mich, die russischen Granaten schlugen schon ein, nur zu gut an die Ausweiskontrolle der Feldgendarmerie, die ich sicher nicht überlebt hätte und der ich um Haaresbreite entging. An der Anzeige wegen Sabotage in einem Rüstungsbetrieb war ich vorbeigeschrammt, doch mit meinem seit Monaten abgelaufenen Wehrpass galt ich als Deserteur.
Ich weiß auch noch, wie ich vor dem nächtlichen Himmel den Stephansdom brennen sah, vom Dachboden aus, wo ich Brandwache hielt. Eines Vormittags hörte man dann von der Taborstraße her die Ketten der sowjetischen Panzer. Als die Soldaten herunterwinkten und die Wiener hinauf, ging dem Siebzehnjährigen das Gefühl, gerettet zu sein, durch und durch. Wahrscheinlich bin ich der einzige Wiener, der einen russischen Soldaten beraubte. Ich zeigte auf meinen Magen, riss ihm eine Sardinenbüchse aus der Hand und lief davon, während er laut hinter mir her schimpfte. Ich hatte keine Angst vor ihm, er hatte mich ja befreit.
Das Lebensgefühl im Frühling 1945 war wohl für viele Menschen eine Mischung von Euphorie, befreit und am Leben zu sein, und permanentem Hunger. In der Erinnerung steht die Euphorie im Vordergrund, damals freilich kreiste alles um die Nahrungssuche.
Dass die Juden Opfer von Massenmorden geworden waren, wusste jeder, außer denen, die es nicht wissen wollten. Wie sich der Genozid tatsächlich abgespielt hatte, erfuhr ich aber erst im September. Ich habe mich damals nicht gefragt, wieso man es erst so spät erfuhr. Heute kann ich die Antwort geben und damit schließt sich ein Kreis. Im sowjetisch besetzten Osten Österreichs bestand eine stalinistische Sprachregelung, die Juden im Zusammenhang mit den in den Vernichtungslagern und durch die Einsatzgruppen begangenen Massenmorden nicht zu erwähnen. Offenbar war es der Wille Stalins, dass in den Gaskammern ausschließlich friedliche Sowjetbürger, sowjetische Kriegsgefangene und Antifaschisten aus aller Welt gestorben waren. Die Millionen in den Öfen der Vernichtungslager Verbrannten sollten den düsteren Hintergrund bilden, von dem sich das Heldentum der Roten Armee leuchtend abhob – und die Legitimität der Ansprüche stärken, die daraus abgeleitet wurden, dass die Sowjetunion unter allen Ländern am meisten unter Hitler gelitten hatte. Die Gaskammern waren Thema ausführlicher Berichte, aber es waren Gaskammern ohne Juden. Diese Sprachregelung wurde im Osten Österreichs monatelang nahezu lückenlos befolgt.
Aussparen jüdischer Existenz
Da sie auch den Intentionen der ÖVP- und SPÖ-Politiker entsprach, entstand ein neuartiger Antisemitismus des Schweigens über das an den Juden begangene Verbrechen, des Aussparens jüdischer Existenz schlechthin, ein Antisemitismus, der den Juden nichts tun, bloß nichts von ihnen wissen und ihnen möglichst wenig, am liebsten nichts zurückgeben wollte und der sich in der antifaschistisch hochaufgeladenen Atmosphäre der Zeit verbergen konnte.
Ab August 1945 nahm dieser Antisemitismus ohne böses Wort gegen die Juden eine neue Form an, indem sich die Leitartikler, an deren Meinung sich die Leser orientierten, jeder Meinung und jedes Kommentars zum Genozid, über den man nun in den Gerichtssaalberichten alles las, enthielten.
Nur aus der Trauer und dem Zorn über die Folgen des Antisemitismus konnten damals die Abwehrkräfte gegen den Antisemitismus entstehen. Dies wurde verhindert, indem die Nachrichten die Menschen zu spät und ohne adäquaten Kommentar, Vertiefung und Verständnishilfe erreichten. Die Abwehrkräfte gegen den Antisemitismus sind aber zugleich die Abwehrkräfte gegen Rechtsradikalismus, Nationalismus und Rassismus. Daher zahlen wir den Preis für die Versäumnisse von 1945 heute.
Der Autor, Jahrgang 1927, war viele Jahre FURCHE-Redakteur und ist Autor zeithistorischer Standardwerke. Sein Buch "Der Ungeist der Stunde Null - Antisemitismus im befreiten Österreich" erscheint demnächst im Verlag der Provinz.
Diesen Artikel lesen Sie unter dem Titel „1945: Befreit – aber nicht vom Antisemitismus“ in der Printausgabe der FURCHE vom 2. Jänner 2025.

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