
FIRST
Zum Kriegsende 8. Mai 1945: Wenn das der Führer wüsste
Wenn ein 98-Jähriger zum 81. Jahrestag des Kriegsendes einen Roman über Hitlers 100. Geburtstag vorlegt, dann scheint es, als habe die Geschichte selbst an dieser Pointe gefeilt. An Knalleffekten mangelt es Hellmut Butterwecks Buch „Möglichkeiten“ freilich auch ohne dieses augenzwinkernde Timing nicht. Die im Klappentext angekündigte „hinreißend erzählte burleske Handlung“ erfüllt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite mit einer Fülle von Parodien und Travestien auf das „Tausendjährige Reich“.
Butterwecks Zeitzeugenschaft und sein in seiner langen Zeit als Autor in dieser Zeitung reichlich ausgebreitetes stupendes historisches Fachwissen über das Dritte Reich und seine Protagonisten lassen aber sein „Was wäre, wenn“ nie in Wolkenkuckucksheime abheben. Butterweck nimmt die nationalsozialistische Ideologie lediglich beim Wort und denkt eine nach diesem Programm geformte Gesellschaft bis zum Ende durch – das reicht.
Ein anderes Wendejahr 1989
Butterwecks Hitlerdeutschland dauert nicht zwölf Jahre, sondern überlebt noch weitere 44 Jahre über den Mai 1945 hinaus. Die „Wunderwaffe“ konnte doch noch rechtzeitig fertiggestellt werden, der Vorsehung und Wernher von Braun sei Dank! Mit bakteriellen Kampfstoffen bestückt, wird damit der totale Krieg bis zum Endsieg verlängert – und in den folgenden Jahrzehnten Deutschland und die besiegte Welt über das hinlänglich erlebte Maß hinaus „hitlerisiert“. Bis zum 20. April 1989, bis zum 100. Geburtstag des Führers, „an dem das deutscheste aller deutschen Augen, die je in die Welt geblickt, gebrochen ist“.
Der das verkündet, ist Reichsmarschall Kraut, eine Art NS-Reichsverweser, der darauf schaut, dass der Führer nicht verwest, auch wenn er stirbt, sondern in Form von Doppelgängern weiterlebt und pro forma weiter führt. Auf ihre Rolle in der Reichskanzlei in Berlin – Pardon, „Germania“ – vorbereitet werden die Führer auf Abruf im Wiener „Narrenturm“. Meist machen frühere Lehrer das Rennen im Wettkampf der Anwärter um die Nachfolger, denn „nur der Lehrer verfügt über die geforderte Halbbildung!“ Zum Leidwesen der Wiener Hausmeisterlobby, die bei den Nachbesetzungen regelmäßig den Kürzeren zieht, obwohl doch „jeder Wiener Hausbesorger vom echten Schrot und Korn in allen entscheidenden Fragen ganz so denkt wie der echte Aha“. A wie Adolf, H wie Hitler.
Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.
In Kürze startet hier der FURCHE-Navigator.
Steigen Sie ein in die Diskurse der Vergangenheit und entdecken Sie das Wesentliche für die Gegenwart. Zu jedem Artikel finden Sie weitere Beiträge, die den Blickwinkel inhaltlich erweitern und historisch vertiefen. Dafür digitalisieren wir die FURCHE zurück bis zum Gründungsjahr 1945 - wir beginnen mit dem gesamten Content der letzten 20 Jahre Entdecken Sie hier in Kürze Texte von FURCHE-Autorinnen und -Autoren wie Friedrich Heer, Thomas Bernhard, Hilde Spiel, Kardinal König, Hubert Feichtlbauer, Elfriede Jelinek oder Josef Hader!




































































































