Er ist wieder da! - Opernballprotest im Jahr 2000 - Im Jahr 2000 schaffte es der Protest gegen die kurz davor angelobte schwarz-blaue Regierung bis in die Wiener Staatsoper. Der Kabarettist und Schauspieler Hubsi Kramar lässt sich als täuschend echter Adolf Hitler in einem weißen Rolls-Royce zum Opernball bringen. Er schafft es bis zur Feststiege, bevor ihn die Polizei festnimmt. - © APA-Images / Alexander Tuma
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Zum Kriegsende 8. Mai 1945: Wenn das der Führer wüsste

Was wäre, wenn der 8. Mai 1945 kein Kriegsende gewesen wäre, Hitler gewonnen hätte? Hellmut Butterwecks Roman steht in dieser Fragetradition – und treibt sie auf die Spitze.

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Wenn ein 98-Jähriger zum 81. Jahrestag des Kriegsendes einen Roman über Hitlers 100. Geburtstag vorlegt, dann scheint es, als habe die Geschichte selbst an dieser Pointe gefeilt. An Knalleffekten mangelt es Hellmut Butterwecks Buch „Möglichkeiten“ freilich auch ohne dieses augenzwinkernde Timing nicht. Die im Klappentext angekündigte „hinreißend erzählte burleske Handlung“ erfüllt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite mit einer Fülle von Parodien und Travestien auf das „Tausendjährige Reich“.

Butterwecks Zeitzeugenschaft und sein in seiner langen Zeit als Autor in dieser Zeitung reichlich ausgebreitetes stupendes historisches Fachwissen über das Dritte Reich und seine Protagonisten lassen aber sein „Was wäre, wenn“ nie in Wolkenkuckucksheime abheben. Butterweck nimmt die nationalsozialistische Ideologie lediglich beim Wort und denkt eine nach diesem Programm geformte Gesellschaft bis zum Ende durch – das reicht.

Ein anderes Wendejahr 1989

Butterwecks Hitlerdeutschland dauert nicht zwölf Jahre, sondern überlebt noch weitere 44 Jahre über den Mai 1945 hinaus. Die „Wunderwaffe“ konnte doch noch rechtzeitig fertiggestellt werden, der Vorsehung und Wernher von Braun sei Dank! Mit bakteriellen Kampfstoffen bestückt, wird damit der totale Krieg bis zum Endsieg verlängert – und in den folgenden Jahrzehnten Deutschland und die besiegte Welt über das hinlänglich erlebte Maß hinaus „hitlerisiert“. Bis zum 20. April 1989, bis zum 100. Geburtstag des Führers, „an dem das deutscheste aller deutschen Augen, die je in die Welt geblickt, gebrochen ist“.

Der das verkündet, ist Reichsmarschall Kraut, eine Art NS-Reichsverweser, der darauf schaut, dass der Führer nicht verwest, auch wenn er stirbt, sondern in Form von Doppelgängern weiterlebt und pro forma weiter führt. Auf ihre Rolle in der Reichskanzlei in Berlin ­– Pardon, „Germania“ ­– vorbereitet werden die Führer auf Abruf im Wiener „Narrenturm“. Meist machen frühere Lehrer das Rennen im Wettkampf der Anwärter um die Nachfolger, denn „nur der Lehrer verfügt über die geforderte Halbbildung!“ Zum Leidwesen der Wiener Hausmeisterlobby, die bei den Nachbesetzungen regelmäßig den Kürzeren zieht, obwohl doch „jeder Wiener Hausbesorger vom echten Schrot und Korn in allen entscheidenden Fragen ganz so denkt wie der echte Aha“. A wie Adolf, H wie Hitler.

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