7051398-1991_02_08.jpg
Digital In Arbeit

Ein unerkannter Menschenkenner

Von den vielen möglichen Aspekten, die Franz Grillparzers menschliche und dichterische Persönlichkeit dem Betrachter bietet, sei hier der psychologische Bereich gewählt. Der Dichter war ein schonungsloser Zergliederer des eigenen Ichs. Während aber seine Selbstbiographie im Hinblick auf die Veröffentlichung manches zurechtrückt und glättet, sind seine Tagebücher offener und unvermittelter: ein Mosaik aus Erlebtem und Gelesenem, ein Nebeneinander von Reflexionen über Erfahrenes und Geschaffenes, Aufzeichnungen über Verhaltensweisen in allen Situationen mit ungeschminkten Röntgenbildern

körperlicher und seelischer Verfassung. Er registriert seine Krankheiten, seine Hypochondrie, seine große Reizbarkeit der Nerven. Diese Enthüllungen führen ihn mitunter bis zur Selbstzerfleischung und Selbsterniedrigung: „Mir mangeln nicht nur die meisten guten Eigenschaften, nein, die bösen, die lasterhaften haben bei mir ein so großes Übergewicht, daß ich oft vor mir selbst zurückschaudere." Im Beklemmenden solcher Zustände konnte Grillparzer freilich nicht dauernd verharren, und so brachte ihm das Aussprechen und Niederschreiben derartiger Depressionen Befreiung. Hier wird das berührt, was später Sigmund Freud und Josef Breuer in ihren „ Studien über Hysterie" die kathartische Methode genannt haben: Die hysterischen Symptome verschwinden, wenn der Kranke den Vorgang schildert, dem Affekt Worte gibt. Grillparzer drückt das in seinem Gedicht „Der Genesene" so aus: „Jetzt, da ich's bestanden habe, / leuchtet mir's erst deutlich ein: / Krankheit, du bist Gottesgabe, / er soll drum gepriesen sein!"

Das Auf und Ab von Depressionen und Erhebungen ist aber nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Dichter feststellbar. Sein Zweifel am eigenen Wert erstreckt sich ebenso auf die künstlerische Sphäre und äußert sich in einer übersteigerten Selbstkritik: „Eige-

nes Mißbilligen des kaum Hervorgebrachten ... lästige Selbstkritik ", liest man an einer Tagebuchstelle. Die innere Zerrissenheit, das Gefühl der Gespaltenheit der menschlichen und künstlerischen Existenz hat den Dichter nie verlassen. „Incubus" nennt er den finsteren Geist seines Inneren, der verneint und zersetzt, der auch in der Kunst immer um ihn ist.

Grillparzers Stellung zu psychologischen Problemen entspricht sinngemäß einem Aphorismus seines Freundes, des Arztes und Dichters Ernst von Feuchtersieben (1806-1849), Verfasser des Buches „Zur Diätetik der Seele": „Man kann sagen, wenn man Wortspiele liebt, daß all unser Wissen Anthropologie ist; die Philosophie philosophische Anthropologie, die na-

turwissenschaf tliche physische und so weiter...". Demnach wäre dann Psychologie psychologische Anthropologie. Und das ist zweifellos Grillparzers Fall, der zu Beginn seiner Erzählung „Der arme Spielmann" von seinem „anthropologischen Heißhunger" spricht.

Der Dichter hat seine psychologische Anthropologie in den Gestalten seiner Werke wirksam werden lassen. Dabei kommt zunächst dem Schicksalsbegriff eine dominierende Rolle zu. Schicksal ist all das, was dem Menschen durch physische und psychische Anlagen auferlegt ist, das Erbgut, das er im Leben einzusetzen hat, sei es zu Siegen oder Niederlagen. Dem Dichter selbst hat ja das Schicksal seiner Familie übel mitgespielt: Der 17jährige jüngste Bruder sucht den Tod in der Donau, seine Mutter erhängt sich in einem Wahnsinnsanfall. Die Anlage zur „endogenen Depression", wie es die Psychiater nennen, ist damit gegeben, und der Dichter spricht in diesem Zusammenhang öfter von seiner „verfluchten Familie".

Fluch und Schuld sind das Thema der „Ahnfrau", und beides überschattet ebenso die Trilogie „ Das goldene Vließ ". Wie Jahrzehnte später Friedrich Nietzsches kulturphilosophische Sicht die apollinische Verklärtheit der Antike durch seine dionysische Tiefenschau erschütterte, so werden hier Gestalten der griechischen Mythologie psychologisch durchleuchtet. Schon Hugo von Hofmannsthal erkannte, daß hier eine Zergliederung der Seelen vorliege, die „ganz der neuen Zeit angehört". Im Verhältnis zwischen Jason und Medea kann man bereits Vorstufen Strind-bergschen Geschlechterhasses erkennen. Am reichsten und differenziertesten entfalten sich ja Grillparzers psychologische Einsicht und darstellerisches Vermögen in den Beziehungen zwischen Mann und Frau. Auch hier ist seine Kunst durch die Vorschule des Lebens gegangen: Grillparzer und die Frauen ist ein kaum ausschöpfbares Thema, sagt er doch selbst mit den Worten Otto von Merans (in „Ein treuer Diener seines Herrn"): „Ein Menschenkenner bin ich, Menschenforscher, / zumal auf Fraun geht meine Wißbegier." An seinen

Jugendfreund Georg Altmüller schreibt er im Jahre 1821: „Ich bin der Liebe nicht fähig. Nach einem Heute voll der glühendsten Zärtlichkeit ist ein Morgen denkbar der fremdesten Kälte, des Vergessens, der Feindseligkeit." Daß der erste Satz dieser Brief stelle nicht wörtlich zu deuten oder gar nach dem Homosexuellen umzudeuten ist, weiß jeder, der Grillparzers Beziehungen zu Frauen kennt, zumal zu Charlotte Jetzer (verehelichter Paumgartten) und Marianne von Smolenitz (verehelichter Daffinger), der weiß auch von der sinnlichen Glut seiner Liebe, die Erfüllung findet, andererseits ebenso von dem Zurückbeben vor dem Letzten (Heloise Hoechner und Katharina Fröhlich), vom selbstquälerischen Widerstreit zwischen Physischem und Psychischem, von der Unmöglichkeit des endgültigen Zusammenfindens, wie es in den „Jugenderinnerungen im Grünen" steht: „In Glutumfassen stürzten wir zusammen, / Ein jeder Schlag gab Funken und gab Licht; / Doch unzerstörbar fanden uns die Flammen, / Wir glühten, aber, ach, wir schmolzen nicht."

Im dramatischen Raum hat Grillparzer viele Konstellationen im Mann-Frau-Verhältnis gezeigt und dabei alle Tonleitern der Empfindungen zwischen Liebe und Haß durchgespielt. Da ist die vom Inzest bedrohte Geschwisterliebe („Die Ahnfrau"), da ist der Mann zwischen zwei Frauen in Verbindung mit der Kunst-Leben-Problematik („Sappho"), in Konnex mit Natur und Kultur, mit Barbaren- und Griechentum („Dasgoldene Vließ"), mit Staatsaktionen („Ein treuer Diener seines Herrn" und „Die Jüdin von Toledo"), mit der weltgeschichtlichen Wende zwischen Mythos und Geschichte („Libus-sa"). Da ist die todbringende und

todüberwindende Liebe zwischen Hero und Leander („Des Meeres und der Liebe Wellen"), die Erzählung von der Ehebrecherin Elga, die selbst vor dem Gedanken an den Mord des eigenen Kindes nicht zurückschaudert (Novelle „Das Kloster bei Sehdomir") - und da sind die zahlreichen Verflechtungen in den Neben- und Zwischenhandlungen (etwa Zawesch-Kuni-gunde in „König Ottokars Glück und Ende"). Tiefenpsychologische Aspekte sind immer wieder erkennbar, Charaktere treten auf, deren Zeichnung durch den Dichter modern genannt werden kann: Verlust des Ich (in der Terminologie der Jahrhundertwende) Menschen der Süchte und Komplexe (besonders sichtbar in der Gestalt Otto von Merans in „Ein treuer Diener seines Herrn"). Das „Moderne" in den Zügen Raheis („Die Jüdin von Toledo") hat man schon nach der ersten Aufführung im Burgtheater 1873 empfunden, wenn die damalige „Wiener Zeitung" schrieb: „Voll berückenden Reizes aber tritt das Stück an jene heran, die Psycholo-

gie treiben... Diesen mag es wohl als das interessanteste Werk Grillparzers gelten, ja als das modernst gedachte." Fast 100 Jahre später, 1968, schrieb Wolfgang Paulsen im Nachwort zur Textausgabe bei Reclaim „Es dürfte wohl nicht leicht sein, vor Wedekind einen zweiten, ähnlich aus innerster Ambivalenz heraus gestalteten Frauencharakter auf der deutschen Bühne namhaft zu machen, der es an Unmittelbarkeit mit Rahel aufnehmen könnte." Dies werden viele bestätigen, die heutige Aufführungen der „Jüdin von Toledo" besucht haben.

Eine beachtliche Rolle spielt bei Grillparzer das Traum-Phänomen. Das gilt nicht nur für sein Bühnenwerk „Der Traum ein Leben", sondern für sein ganzes Dasein. In seinen Tagebüchern vermerkt er: „Ich habe geträumt bis heute, weiß es, und werde fortträumen bis zum Tode." - „Der Traum wußte, was mir selbst unbekannt war", heißt es an anderer Stelle. Hierin stimmt der Dichter mit den Psychoanalytikern überein, die den Traum eine Kondensation des Unbewußten nennen. Die Schrecken des Traumes, die Rustan in der Bühnendichtung „Der Traum ein Leben" erfährt, sind „Warnung", nicht „Wahrheit" - damit wird die therapeutische Funktion des Traumes hervorgehoben, welche nun, da er es aussprechen kann, die Katharsis seiner Existenz mit sich bringt. In Grillparzers Bibliothek stand Heinrich Schuberts Buch „ Symbolik des Traumes", ein Zeichen dafür, daß sich der Dichter auch theoretisch mit Traumphänomenen befaßte. Er meditierte auch über seine Träume. So trifft für ihn in mehrfacher Hinsicht zu, was Freud sagt: Die Tagträume seien das Rohmaterial der poetischen Produktion, denn aus ihnen mache der Dichter durch gewisse Umformungen, Verklei-

dungen und Verzichte seine künstlerischen Produkte. Der Held aber sei letztlich immer seine eigene Person.

Züge seiner eigenen Person tragen viele Gestalten Grillparzers. Doch am tiefsten in sein Selbst hinabgestiegen ist der Dichter wohl in der Person des „stillen Kaisers" in seinem Gipfelwerk „Ein Bruderzwist in Habsburg". Bild und Selbstbildnis gehen in dieser Gestalt ineinander über. Mag Rudolf II. in diesem Drama der geschichtlichen Wirklichkeit, wie sich heute Historiker einig sind, noch so sehr entsprechen, die seelische Physiognomie Grillparzers scheint immer wieder durch: der Widerstreit von Handeln und Betrachten, von Tun und Denken, der Zwiespalt eines Daseins, das über alle Hindernisse hinweg unbeirrbar nach jenem Innen strebt, „wo der Herzschlag ihn erwärmt, / er sich belebt am Puls des tiefsten Lebens". Das bestätigte ihm die Dichtung, von der er sagte: „Die ganze Poesie ist nur ein Gleichnis, eine Figur, ein Tropus des Unendlichen."

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau