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Verschanztes Leben

FOKUS
Kalifornien - © Foto: iStock/bttoro

American Paranoia

1945 1960 1980 2000 2020

Abschottung, Rückzug, Filterblasen: Der 1995 erschienene Roman „América“ von T. C. Boyle liefert Antworten auf die heutige Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft. Ein Weckruf.

1945 1960 1980 2000 2020

Abschottung, Rückzug, Filterblasen: Der 1995 erschienene Roman „América“ von T. C. Boyle liefert Antworten auf die heutige Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft. Ein Weckruf.

Wutbürger, Verschwörungstheoretiker und gewaltbereite Rassisten versetzen die USA seit Wochen in einen politischen Alarmzustand. Mit dem Sturm aufs Kapitol am 6. Jänner erfolgte ein Tiefpunkt in der US-amerikanischen Demokratiegeschichte. Aber woher kommen die mehrheitlich weißen Randalierer? Wann haben sie begonnen, sich zu radikalisieren? Lange vor Twitter und Trump erzählt der US-amerikanische Schriftsteller T. C. Boyle vom schleichenden moralischen Verfall einer Nation. Sein 1995 erschienener Roman „América“ (im amerikanischen Original „The Tortilla Curtain“) spürt dabei jene Abgründe auf, die das Land heute spalten. Wie ein Psychoanalytiker entlarvt Boyle das verborgene Triebwerk aus Ängsten und Aggressionen einer linksliberalen, ökobewussten oberen Mittelschicht. Einer Schicht, deren rasanter Niedergang in den 1990er-Jahren seinen beispiellosen Anfang genommen hat.

Die beiden Hauptfiguren, der naturverbundene New Yorker Delaney Mossbacher und seine Frau Kyra, eine Immobilienmaklerin, fühlen sich moralisch auf der richtigen Seite. Sie sind für Demokratie, für Menschenrechte und Freiheit. Doch sie leben auch in einer „Gated Community“, einer privat organisierten Wohnanlage. Je sicherer ihre Welt zu werden scheint, desto stärker werden die beiden Hauptfiguren von einer Paranoia dominiert, die ihren Alltag in ein freiwilliges Gefängnis verwandelt. Die Gated Communities erzeugen schon damals jenen Mechanismus der Filterblasen, der heute die Gesellschaft spaltet. Damals war dieser Rückzug nur wohlhabenden Schichten vorbehalten, während sich heute in den Sozialen Medien jeder in seine ideologische Wohnfestung zurückziehen kann. Es ist die freiwillige Segregation, die ihr eigenes Außerhalb produziert.

Doch auch in die geschlossene Wohnanlage dringt sie ein, die Gefahr. Eines Abends reißt ein Geräusch Delaney und Kyra aus ihren Stühlen. Wer ist in das Terrain, das vom Topanga Canyon umgeben ist, eingedrungen? Ein Mensch? Ein Tier? Die Figur ist nur schemenhaft zu erkennen, ehe sie in der Dunkelheit verschwindet. Ab dem Moment sind sich Delaney und Kyra sicher: Die Welt wird immer gefährlicher, schwerer zu kontrollieren.

Die Mauer

Die Grenze zwischen wirklicher Gefahr und imaginiertem Horror verschwimmt, bis die potentielle Bedrohung an jeder Ecke lauert. Denn da sind diese Figuren, dunkelhäutig und gefährlich anmutend. Sie campieren in der Nähe des Canyons, verschmutzen die Natur, versammeln sich in größeren Gruppen vor Supermärkten. Die Armut, die sich in ihren Gesichtern abzeichnet, die potentielle Aggressivität lassen Delaney und Kyra immer mehr daran zweifeln, ob ihr liberaler Weg der richtige ist. Bald schon diskutieren die Bewohner der privaten Wohnsiedlung darüber, eine Betonmauer aufzuziehen. Denn „die Mexikaner“, sie werden immer mehr, „vermehren sich wie die Karnickel“. Bald ist Delaney einer der Fürsprecher für das Tor. Man weiß ja nie. Mittlerweile hat Trump solche Sicherheitsfantasien auf nationaler Ebene verwirklicht. Die Grenzmauer zu Mexiko (auch „Tortilla Curtain“ genannt) wurde, obwohl nie fertiggestellt, zum Symbol für die Abschottung einer ganzen Nation.

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