Vom Staat allein gelassen

Balkanexpertin christine von kohl hat die albanischen Hilfsprojekte des burgenländischen Apothekers Norbert Payer besucht und dabei ein Modell für den Wiederaufbau des Balkans gefunden: Hilfe ja, Gängelung nein.

Nostalgie befällt einen alten Albanienbesucher schon am Flugplatz von Tirana, der sich nach und nach von keinem anderen kleinformatigen Zweckbauwerk in der Welt mehr unterscheidet. Nur der Name hat Beziehung zu Albanien: "Mutter Teresa" - diese großartige kleine Frau, Albaniens einzige Nobelpreisträgerin, mit Geburtsort im heutigen Mazedonien -, die vor allem in Indien Armen und Leprakranken Menschen half und gleichzeitig andere motivierte, dasselbe zu tun.

Die Verbindungsstraße von und zu dem standardisierten Flughafen entspricht allerdings keinerlei "Standard". Ihr elender Zustand ist gleichsam ein Spiegelbild der gesamten Problematik in diesem Land. Es ist undenkbar, dass es für den Ausbau dieser wichtigen Straße keine finanziellen Mittel geben sollte - ebenso sicher aber ist, dass sie offensichtlich für andere Zwecke verwendet werden. Rechts und links von den Straßenlöchern,-rissen und-buckeln erstreckt sich flaches Land, darauf, wie von oben hinuntergeworfen, einzelne "Villen"; die Häuser sehen nicht wohlhabend aus, sind auch nicht alle ganz fertig gebaut, aber - wie sich bei Dunkelheit zeigt - alle sind beleuchtet. Das bedeutet, dass jedes Haus ein eigenes Aggregat haben muss. Denn die Wasserversorgung, die jahrzehntelang nur zu wenigen Stunden täglich und nächtlich funktionierte, ist besser geworden, die Stromversorgung aber nicht. Wer Aggregate und Wasserspeicher baut, kann sich in Albanien dumm und dämlich verdienen.

Verständnis für Versagen

Für Wasser und Strom ist letztlich die Regierung verantwortlich, keine der bisherigen seit dem Umsturz aber hat sich für diese (und andere) Bedürfnisse der Bevölkerung eingesetzt. Es ist ein allgemeines südosteuropäisches Phänomen, dass Korruption, faule Politiker und alltägliche Probleme mit stoischer Toleranz ertragen werden. Das menschliche Verständnis für menschliches Versagen ist schier unbegrenzt. Jeder weiß, dass man zum Überleben keine Umwege scheuen darf. Die Armut, die Bedürftigkeit sind derart allgemeine Phänomene, mit denen die Menschen seit Generationen von ihrem (eben nicht existenten) Staat allein gelassen werden, dass sie lernten, lernen mussten, damit fertig zu werden.

Andere Bilder der Armut

Noch immer ist Albanien das ärmste Land Europas. Gleichzeitig verändern sich die Bilder der Armut. Bezeichnend dafür ist die Hauptstadt Tirana - vor zwanzig Jahren ein Dorf, heute auf dem Weg zur gesichtslosen Provinzstadt, wie sie in jedem Land als urbane Entwicklung, als "Fortschritt" konzipiert wird: Wolkenkratzer aus Glas, rotierende Restaurants ganz oben mit Blick auf Stadt und Umgebung, neue gepflegte Boulevards mit jungen Bäumen und bunten Häusern (dahinter ist alles, wie es war zu Enver Hoxhas Zeiten), neue Wohnblöcke mit breiteren Fenstern, gestuften Fassaden, uniforme Einkaufszentren, amerikanisch-inspirierte Spielplätze, überdimensionierte Plakatflächen. Und ein Sheraton-Hotel: Imperiale Lage auf einem Hügel hinter der Universität, das repräsentative Ende der Hauptstraße, die am Nationalmuseum am Skenderbeg-Platz beginnt. Das Hotel verströmt Eleganz und Luxus - und Öde. Die wenigen Gäste und unterbeschäftigten Angestellten wandern durch hohe, weitläufige Hallen - das überbordende Frühstücksbuffet von ebenso exklusiver Qualität wie ästhetischer Schönheit wirkt geradezu beklemmend in einem Albanien und mit Kellnern und Kellnerinnen, die Albaner sind, deren Familien normal "albanisch" leben.

Und mitten in der Stadt Behausungen von unglaublicher Dürftigkeit. Zwischen den neuen Wohnblöcken werden die elenden Hütten der Roma und die kleinen, pittoresken Wohnhäuser in verwunschenen Gärten der Albaner erdrückt. Grundstückspekulanten, brutale Bauherren locken mit Wohnungen in den noch nicht fertigen Häusern und drohen denen mit Bulldozern, die das Angebot nicht "freiwillig" annehmen.

Der burgenländische Apotheker Norbert Payer, der vor 15 Jahren mit Hilfs-und Entwicklungsprojekten in Albanien begonnen hat, geht mit Mitarbeitern der ersten Stunde und Freunden durch eine der Roma-Siedlungen im Zentrum von Tirana und kommt nur mühsam vorwärts. Alle hier scheinen ihn zu kennen, er muss Hände schütteln, Wangen küssen, Kinder streicheln. 1991 fuhr Payer zum ersten Mal nach Albanien. Schon vorher wusste er von der Armut - und von den schlechten Spitälern, und davon, dass sich niemand im anarchischen Chaos der ersten Jahre nach dem Sturz des Kommunismus um die kranken Menschen kümmert. Von Haus zu Haus in den Armenvierteln zog er, ging in die Häuser, oder was sonst als Behausung diente, erkundigt sich nach Kranken und Krankheiten und begann an Ort und Stelle gemeinsam mit seinen österreichischen Begleitern professionelle Hilfe zu geben, oft unter abenteuerlichen Bedingungen. Aber sie konnten schon damals Leben retten und Hoffnungen wecken. Die Dankbarkeit der Menschen ist ebenso überwältigend wie seine Hilfsbereitschaft.

Ein Spital wie ein Wunder

Das Spital in Fieri, rund 100 Kilometer von Tirana entfernt, ist eine Sensation, ein österreichisches und albanisches Wunder zugleich. Seinesgleichen gibt es in ganz Albanien nicht. Im Bezirk Fieri mit seinen 370.000 Einwohnern können lokale Ambulanzen nur leichte Krankheiten und Verletzungen behandeln - jeder schwerere Fall kommt in das Spital von Norbert Payer, ins "österreichische Krankenhaus". Jeden Tag wartet eine große Menge von Patienten geduldig oder weniger geduldig auf Einlass. Was sie erleben, wenn sie in blitzsauberen Betten liegen, von in Österreich geschulten Schwestern und Ärzten behandelt werden, erscheint ihnen wie ein Wunder. Denn jeder ist freundlich, professionell, das Essen gut - alles ist anders als in den üblichen Spitälern.

Phantasie, Einsatz, Wissen

Was an Phantasie, persönlichem Einsatz in Österreich und in Albanien, an professionellem Wissen, an Erfahrung und Geld (bisher mit einer langen Reihe von Sponsoren ca. 50 Millionen Euro!) aufgebracht werden musste, damit es zu diesem Wunder kommen konnte, lässt sich kaum ermessen. Es war ja nicht nur nötig, ein modernes, funktionsfähiges Spital einzurichten: Zuerst mussten die für verschiedene Abteilungen erforderlichen Bauten rundum erneuert werden, es mussten die Voraussetzungen für medizinisches Gerät aus Österreich geschaffen werden - vor allem aber musste bei Ärzten, Pflegepersonal, medizinischen Technikern auch die Mentalität geschult werden, damit alles gut ineinandergreift und in der Praxis funktionieren kann.

Eine besondere Rolle dabei kommt der Hygiene und dem konkreten täglichen Umgang mit den Patienten zu. Von Anfang an bis heute werden Albaner, die in diesem Spital arbeiten, nach Österreich geholt, um mehrwöchige Kurse zu absolvieren. Und darin liegt vielleicht die größte Bedeutung des Projektes. Wer eine derartige Ausbildung genossen hat, kann sie weitergeben an Kollegen im eigenen Land. Und darin sehe ich haargenau die Form von Unterstützung aus dem Westen, die für die Zukunft im gesamteuropäischen Sinn ganz entscheidend ist: Entwicklung so in die jeweilige Umgebung einzubringen, dass diese adaptiert werden kann - aber ohne die unmittelbare Gängelung von außen.

Die Autorin ist Herausgeberin und Chefredakteurin der Zeitschrift "balkan anders - Südosteuropäischer Dialog".

Mehr zu Norbert Payers Engagement:

www.albanienhilfe.com

(siehe auch Rubrik rechts)

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