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Skanderbeg und Raiffeisen

Eine Spurensuche in Albanien.

Gjergi Kastrioti, genannt Skanderbeg, Albaniens Nationalheld des Mittelalters, blickt hoch zu Ross auf dem nach ihm benannten Zentrum der Hauptstadt auf die Relikte der Epochen seines Landes: die Erhem-Bey-Moschee aus der osmanischen Zeit, die leicht abbröckelnden Palais Achmed Zogus, des einzigen Königs der Albaner, Enver Hodschas Prestigehotel International - und rechts im Kulturpalast die Zentrale der Raiffeisenbank, quasi als Symbol der überall im Land der Shqiptaren angebrochenen westlich bestimmten Neuzeit.

Vor 20 Jahren herrschte hier noch tiefster Steinzeitkommunismus, schlimmer als in der DDR. Vor 15 Jahren riskierte Ramiz Alia eine erste Lockerung, dann regierte zunächst das Chaos. Seit fünf Jahren geht es in Richtung westlicher Entwicklung - mit einem Tempo, das in manchen Bereichen dem Besucher Hören und Sehen vergehen lässt.

Motorisierung total

Fremde Besucher gibt es noch wenige, und von den unmittelbar betroffenen Einheimischen wird es nicht als bedrohlich empfunden, wenn sich zu Stoßzeiten hunderte von Autos kreuz und quer über den Skanderbegplatz drängen, wild hupend, von Ampelphasen und den Pfiffen der Polizisten ebenso wenig beeindruckt wie von den dazwischen wimmelnden Fußgängern. Hier, wo es zu Hodschas Zeiten keine Privatkraftwagen gab und nur wenige staatliche Autobusse und Lastwagen den Verkehr aufrechterhielten, rollen heute tausende Pkw, vorwiegend Mercedes-Diesel älterer Bauart. Viele verraten mit "D", "A", "NL" neben den Kennzeichen "TR" für Tirana, "EL" für Elbasan, "KO für Korce" noch den Vorbesitzer.

Sie rollen auf Straßen, die nicht für sie gedacht waren. Sie rollen im Umfeld von Tirana, auf der Strecke nach Durres, in dichten Staubwolken direkt über die Baustellen, die mit gewaltigen Anstrengungen die Straßen mit westlicher Hilfe für einen modernen Verkehr aufnahmsfähig machen sollen. In Richtung Südosten dagegen, nach Elbasan, wird die Straße, ohne dass noch ein echtes Ortsende der Hauptstadt festzustellen ist, zur Schlangenlinie, die es schwierig macht, zwei Autobusse an einander vorbei passieren zu lassen, ohne rechts oder links in den Abgrund zu stürzen. Der größte Teil des Landes besteht aus unwegsamem Hochgebirge, das es schon den Osmanen schwer machte, das Land zu beherrschen und das auch heute noch der Entwicklung Grenzen setzt.

Die Entwicklung in Richtung westlicher Standards stößt aber nicht nur auf geografisch-geologische Grenzen. Dass ein Volk in fünf Jahren eine totale Motorisierung des Verkehrs durchzieht, auch wenn dabei die Einhaltung primitivster Regeln zu kurz kommt, erscheint dem Besucher schier unglaublich. Aber die Freiheit der Mobilität war den Menschen nach den Jahrzehnten völliger Abgeschlossenheit das Wichtigste, umso mehr, als es kaum Eisenbahnen gibt. Während des Ersten Weltkriegs wollte Essad Pascha Toptani eine Bahn von Durres nach Tirana bauen lassen, dann kam der österreichische Vormarsch dazwischen. König Zog fehlte das Geld. Erst Enver Hodscha ließ seine "Jugendbrigaden" eine einspurige Strecke nach Durres mit Anschlüssen nach Elbasan und nach Vlore bauen, eine andere nach Shkoder im Norden.

Heute verbinden Autobusse mit lockerem Fahrplan und Minibusse nach Bedarf die Städte, auch wenn sie für die 200 Kilometer von Tirana nach Gjirokastra sechs bis sieben Stunden brauchen. Mehr als 30 Kilometer in der Stunde sind auch für Reisebusse nicht herauszuholen.

Für westliche Standards wäre auch ein sicheres Umweltbewusstsein notwendig - was ist das? Müllabfuhr gibt es offenbar keine. Tausende von Plastikverpackungen liegen überall herum. Der Abfall wird "entsorgt", wo gerade Platz ist. Autoleichen, bis zur letzten Schraube ausgeweidet, liegen dort, wo sie als "Lebendige" abgestürzt sind. Dazwischen geht das Leben ungestört weiter. Umweltbewusstsein müsste in den Schulen grundgelegt werden, um sich durchzusetzen. Es wird noch eine Generation dauern.

Eine rasche Entwicklung braucht natürlich Geld, viel Geld. Die Menschen sind arm - ein Arbeiter verdient im Durchschnitt umgerechnet 200 Euro im Monat, ein Lehrer 300, ein Universitätsprofessor 700 Euro. Aber der Dieseltreibstoff kostet mit mehr als 100 Lek pro Liter - etwa 80 Cent - fast so viel wie in Österreich.

Die mit chinesischer Hilfe erbauten Kombinate stehen still, nicht mehr rentabel. In den größeren Orten gehören die herumstehenden Arbeitslosen, vorwiegend junge Männer, zum Stadtbild. Die offizielle Statistik spricht von 13 Prozent, Kenner der Lage schätzen auf 30 Prozent. Sind die zahllosen Straßenhändler mitgerechnet, die, zwei Obstkisten auf einander gestellt, Zigaretten, Feuerzeuge, Schlüsselanhänger, Regenschirme oder Geldbörsen anbieten?

Die Wende begann, als tausende Albaner mit Booten über die Adria schifften und in Italien Asyl und Arbeit suchten oder über die noch geschlossenen Grenzübergänge nach Griechenland sickerten. Heute leben mehrere Hunderttausend von ihnen in Deutschland, Österreich, Amerika und erhalten mit ihren Zahlungen die Familien zuhause. 20 Prozent des Staatsbudgets wird mit ihren Geldern gedeckt.

Hoffnung Fremdenverkehr

Zur schnelleren Entwicklung sollte der Fremdenverkehr helfen, doch ihm fehlt die Infrastruktur ebenso wie die praktische Erfahrung der Betreiber. Viele neue Hotels - aber nicht alle, die sich ankündigen, sind auch betriebsfähig. Die Fremdsprachenkenntnisse des Personals sind minimal. Eine Tankstelle steht neben der andern, vor allem in den stadtnahen Bereichen - aber nicht jede Zapfsäule gibt auch Treibstoff her. Zwischen Sarande und Vlore erstreckt sich die albanische Riviera - aber sie ist kaum erreichbar und weitgehend unerschlossen. Im Osten, am Ochridsee, beginnt sich ein Fremdenverkehr zu entwickeln. Pogradec zieht mit sauberen Strandanlagen Besucher aus Griechenland und Mazedonien an.

Aber hier im Süden, 40 Kilometer von Korce entfernt, mitten in den Bergen, nur über eine abenteuerliche Straße erreichbar, liegt die 8000-Seelen-Stadt Erseka auf 1000 Meter Seehöhe, deren Stadtverwaltung sich zum Ziel gesetzt hat, gestützt auf die "historischen Wurzeln, das kulturelle Erbe und die wirtschaftlichen Ressourcen" bis 2011 den Fremdenverkehr zu entwickeln, die Lebensqualität, den Umweltschutz zu verbessern und die Infrastruktur auszubauen. Eine junge Amerikanerin auf sechsmonatigem Praktikum im Rathaus überreicht diese Planung in einem prächtigen zweisprachigen Prospekt den unangemeldet zu einer kurzen Kaffeepause eingetroffenen Fremden. Es geht also auch so. Und das gibt Hoffnung in einem Land in rasantem Aufbau.

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