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Das starke Ich des Glaubens

Ungewissheit - prägendes Merkmal der Gegenwart - auszuhalten, fällt schwer. Vielfältige Suche nach Gewissheiten hat eingesetzt: Sie mag menschlich sein, aber ist sie auch christlich? Versuch einer kritischen Analyse des Weltjugendtags.

Katholisch bedeutet umfassend, weltumspannend - immer noch. Das konnte man in diesen Tagen in Köln auf eindrucksvolle Weise erleben. Wo an einem Ort Jugendliche aus aller Welt zusammenkommen, wird Kirche wirklich Weltkirche. Das ließ sich an den zahlreichen Begegnungen, den gemeinsamen Gesängen in Bussen, auf Bahnsteigen und dem gemeinsamen Beten in Gottesdiensten erfahren.

In der Privatisierungsfalle

Zugleich jedoch - auch das zeigte der 20. Weltjugendtag - betreibt die katholische Kirche weiterhin eifrig ihre "Selbstprivatisierung" (J. B. Metz), macht sie den Glauben zu einer Form privat-esoterischer, rein selbstbezüglicher Gewissheit, der den weltlichen Ungewissheiten trotzig und selbstsicher widersteht, anstatt in einen produktiven und Veränderung schaffenden Umgang mit ihnen hineinzuführen. Das starke Ich des Glaubens wird gefeiert, statt das schwache Ich gegenüber den anderen, wahrzunehmen.

Anzeichen hierfür gab es viele in Köln. So zeigte bereits der Blick in das Programmheft, dass der Schwerpunkt eindeutig auf den musikalisch-spirituellen Events lag. Eine pauschale Verurteilung dieser Tatsache ist freilich unangemessen, zumal sich der Weltjugendtag ausdrücklich als Fest des Glaubens verstehen wollte. Und gefeiert wurde viel und - vor allem - friedlich, was nicht zuletzt die karnevalserprobten Kölner Polizisten in Staunen versetzte.

Dennoch bleibt ein Unbehagen: zu nah lagen die exzessiven und an Fußballstadien erinnernden "Be-ne-det-to"-Rufe und die konzentrierte Stille der eucharistischen Anbetung aneinander, zu abrupt wechselten frenetischer Jubel und meditative Einkehr. Formulierte man dieses Unbehagen als Verdacht, so müsste dieser lauten: Im schnellen Wechsel des gemeinsamen Jubels wie des Schweigens und der Stille geht es nicht mehr um den Ausdruck der dialektischen Verwebung des fascinosum et tremendum Gottes - der faszinierenden und zugleich erschreckenden Dimension des Göttlichen -, nicht mehr um die Verschränkung von jubelnder Klarheit und sprachlos machender, ja bisweilen ängstigender Fremdheit des biblischen Gottes, die in Brüderlichkeit und Mitleidenschaft einweist.

Welche Religions-Melodie?

Vielmehr geht es dabei nur mehr um die Gestalt und Selbstvergewisserung eines Ich, das den anderen nur soweit zu seinem je eigenen Heil benötigt, wie er das gesuchte Ich-Gefühl durch sein Mitsingen und Mitfeiern verstärkt.

Jugendliche mögen heute - wie es der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner formuliert - "Religionskomponisten" sein, doch welche Melodie ist es, die am Ende dabei herauskommt? Um im Bild zu bleiben: Sind es Töne, die in die Welt weisen, die dadurch aus dem Alltag reißen, dass sie ihn umzugestalten, zu verändern trachten, oder gehen sie bloß auf im synthetischen Klang religiöser Popkultur? Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn schien von eben dieser Frage bewegt zu sein, als er bei einer Katechese im Altenberger Dom über die "Formen christlicher Existenz heute" redete und zu einer Repolitisierung aufrief: "Ihr seid erwachsen. Tut was, engagiert euch!"

Bloß das eigene Glück ...

Dass eine "neue Sehnsucht nach Vergemeinschaftung, nach einem Wir" auch empirisch festzustellen sei, wie Zulehner im Blick auf die Europäische Wertestudie schreibt, widerspricht der These der Privatisierung und Entpolitisierung dabei nur auf den ersten Blick. Tatsächlich entstammt diese Sehnsucht nämlich gerade dem Wunsch nach geregelten, übersichtlichen Verhältnissen, in denen sich der Einzelne in seinem "Glück im Winkel" (Jürgen Habermas) einrichten kann, in denen er Schmied seines eigenen Glücks bleibt. Einer solchen Form der Vergemeinschaftung haftet immer der bittere Beigeschmack des Opportunismus und der Funktionalisierung an. Spiritualität in ihrer heute so unüberschaubaren Vielfalt kommt dieser Funktionalisierung dabei insofern entgegen, als sie dazu beiträgt, gesellschaftsfreie Räume, ja "Blasen" zu bilden, in denen sich das Individuum einrichtet, in denen es seine "Reise ins Weite" als "Reise ins Innere" antritt, wie es die österreichische Jugendwertestudie "Jung sein" von 2001 beschreibt.

Nach dem Weltjugendtag in Köln sind zumindest Zweifel angebracht, ob es tatsächlich gelingt, in einer religionsfreundlichen Atmosphäre das empfindliche Gleichgewicht von Mystik und Politik, von Eintauchen und Beim-Anderen-Auftauchen zu wahren. Denn wo das Eintauchen, die mystische Versenkung kein Problem mehr bereitet, da es als reine Ich-Du-Beziehung zu Gott verstanden wird, wo Spiritualität sich nicht mehr von der Theodizee - der Frage nach dem Leid in der Welt - in Frage stellen lässt, dort wird auch das Auftauchen beim anderen nicht mehr in seiner herausfordernden, weltverändernden Radikalität verstanden, sondern es versandet in vordergründiger Kumpanei, die nur die Verhältnisse selbst bewahrt, anstatt sie zu verändern.

Viele Veranstaltungen auf dem Weltjugendtag haben eine Form der Spiritualität und Religiosität präsentiert, die den Außenstehenden beeindruckte, die bisweilen auch mitriss. Allein, es war eine Spiritualität, die keinen Hehl aus ihrer esoterischen Flanke machte, die sich als inwendig präsentierte und nach außen vor allem im Schwenken von Fahnen und in lauten Sprechchören und Gesängen in Erscheinung trat. Damit der "christliche Weg", von dem vielerorts die Rede war, jedoch tatsächlich "ein anderer" wird, eine Alternative, darf er sich nicht in dieser esoterischen Flanke erschöpfen; es bedarf vielmehr der Betonung der exoterischen Momente, die sich nicht darauf beschränken, ein religiöses Getto zu bilden, in denen sich das strapazierte, verletzte Ich einrichtet, sondern die in den produktiven, gestaltenden und kritischen Umgang mit der Ungewissheit der Gegenwart einweisen.

Aus dem Getto heraustreten

Oder, um es mit den Worten der 27-jährigen Eva Blumberg, die beim Weltjugendtag als "Volunteer" tätig war, zu sagen: "Als Christin gefordert bin ich anderswo - nicht auf einem Weltjugendtag."

Verstehen sich die jungen Christen heute als bloße Bewahrer, oder, wie es der Erfurter Bischof Joachim Wanke sagt, als "Horizonterweiterer"? Der Erfolg des Weltjugendtag wird nicht zuletzt an dieser Frage seinen Maßstab finden.

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