Ideale und Realpolitik - © Getty Images /  Sascha Schuermann (Protest gegen den Braunkohletagbau bei Garzweiler/D)
Religion

„Die Erde hält dies nicht mehr aus!“

1945 1960 1980 2000 2020

Christ(inn)en sind in Ökologie-Debatten seit Langem Vorreiter. Bei den Klimaprotesten fallen sie hingegen als Auf-den-Zug-Aufspringer oder Fundamental­oppositionelle auf. Eine Analyse.

1945 1960 1980 2000 2020

Christ(inn)en sind in Ökologie-Debatten seit Langem Vorreiter. Bei den Klimaprotesten fallen sie hingegen als Auf-den-Zug-Aufspringer oder Fundamental­oppositionelle auf. Eine Analyse.

Ist die Frage des Klimaschutzes – auch – eine religiöse Frage? Und sind die Klimaproteste, wie sie sich hierzulande und an vielen anderen Orten der Welt manifes­tieren, Ausdruck einer – auch – religiösen Bewegung? Antworten auf diese Fragen sind zumal in einer religiös pluralen, hierzulande auch säkularen Welt komplex.

Es ist genau 30 Jahre her, dass die Kirchen Europas bei der Ers­ten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel dem „Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ eine europaweite Stimme verliehen haben. Man kann auch die Enzyklika „Laudato si’“ zur Hand nehmen, mit der Papst Franziskus 2015 das Schöpfungsthema zu einer Priorität seines Pontifikats erhoben hat. Dass dieser Tage in Rom die Amazonien-Synode tagt, die auch „eine ganzheitliche Ökologie“ propagieren will, unterstreicht diesen Befund.

Auch ein Glaubens-Thema

„Die Synode findet im Kontext einer ernsten und dringenden Klima- und Umweltkrise statt ... Die Erde hält dies nicht mehr aus.“ Was der brasilianische Kardinal Cláudio Hummes, der Generalrelator der Synode, am ersten Sitzungstag ansprach, scheint klar: Klimaschutz ist auch ein Glaubens-Thema.

Analoges hört man aus den anderen Kirchen – aus den protes­tantischen ebenso wie aus den orthodoxen, bekanntlich hat das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie, der Ökumenische Patriarch Bartho­lomaios I. von Konstantinopel ökologische Fragen beständig auf seiner Agenda.

Sind also die Kirchen Vorreiter der aktuellen Klimaproteste? Ja und Nein. Denn das skizzierte langjährige Engagement und die seit Monaten manifesten Proteste wie „Fridays for Future“ und ihrer Protagonistin Greta Thunberg scheinen zum kontinuierlichen religiösen Engagement in der Klima­frage parallele Entwicklungen.

Mitunter hat es gar den Anschein, als ob die Kirchen auf den Protestzug aufspringen würden, obwohl sie – siehe oben – eigentlich zu den Vorreitern der Bewegung gehören. Aber wenn, wie vor Ostern dieses Jahres, der Berliner Erzbischof Heiner Koch erklärt, die Schülerproteste erinnerten ihn „ein wenig an die biblische Szene vom Einzug Jesu in Jerusalem“, und er Greta Thunberg auch als „Prophetin“ titulierte, so hatte dies schon den schalen Geschmack eines „Hallo, wir sind auch dabei!“

Die Situation hat sich in den Monaten seither nicht grundlegend geändert. Auch am Protesttag „Earth Strike“ Ende September wurden Bischöfe mit den Protestierenden auf der Straße gesehen, der Innsbrucker Hirte Hermann Glettler etwa nannte die Aktion der jungen Menschen einen „Weckruf“, eine „kraftvolle Stimme zum Schutz des Lebens und der Erde“.

Solch religiöser Affirmation bläst zugleich ein konservativer Gegenwind entgegen, der in den Klimaprotesten Naturvergötzung und totales Heidentum sieht. Auf den einschlägigen Online-Seiten und -Foren kann man vom „Klima­wahn“ und „Ökoterrorismus“ lesen. Die Amazonassynode versuche, so wird beispielsweise der frühere Chef der Vatikanbank und ausgewiesene Proponent des konservativen Lagers, Ettore Gotti Tedeschi, zitiert, die „aktuelle philosophische Leier auch in die Christenheit einzuführen“. Die Gefahren seien aber unübersehbar. Sie reichten von einem unkritischen Jubel für die Indio-Kulturen bis zu einer ökologischen Sichtweise, die mehr heidnisch als christlich sei. Natürlich, so ist hinzuzufügen, gehört diese Kritik auch zur Agenda dieser Kreise, Papst Franziskus am Zeug zu flicken.

Ideologisch festgezurrt

Diese – vorgeblich – religiöse Kritik hat ihre Entsprechung in der Fundamentalopposition der politischen Rechten gegen die Klimaproteste. Hierzulande spricht da die jüngste Warnung von Norbert Hofer vor den Grünen als „Weltuntergangssekte“ für sich: Auch der FPÖ-Chef bemüht eine religiöse Metapher wider diese politischen Gegner.

Derartige Kritik ist ideologisch festgezurrt und überdies oft gepaart mit der generellen Leugnung des anthropogenen Klimawandels. Das bedeutet dennoch nicht, dass die zivilreligiöse Aufladung der Proteste wie deren apokalyptisches Setting nicht kritisch zu hinterfragen wären.

Das gilt aber analog für die Massendynamik etwa eines Papstbesuchs – auch diese ist im Lichte der Erfahrungen mit der Massenverführung durch politische Heilslehrer, die in der jüngeren Vergangenheit großes Unheil gebracht haben, ehrlich zu reflektieren. Und rechte Weltverschwörungstheorien strot­zen ihrerseits ebenfalls vor Weltuntergangslust.

Der (katholische) Religionssoziologe Hans Joas hat in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel zu den Klimaprotesten gemeint, nicht jede Begeisterung sei gut. Man könne den „kompromisslosen Idealismus, zu dem Jugendliche neigen, in Hinblick auf die Motivationskraft begrüßen“, entkomme aber, so Joas,„nicht der Frage, welche Kompromisse eingegangen werden müssen, damit die Forderungen friedlich und realistisch gelebt werden können“.

Kein Leben ohne Klimasünde

Es kommen also schnell die Mühen der Ebenen, der so genannten Realpolitik, die den – religiösen – Idealen auch in der Klimafrage den praktischen Fortschritt dabei entgegensetzen muss. In ein ähnliches Horn bläst der Wiener reformierte Theologe Ulrich Körtner, der seinerseits das Übergreifen apokalyptischer Szenarien in diesen Diskurs kritisiert (mehr dazu hier).

Auch Matthias Drobinski, Religionsredakteur der Süddeutschen, konstatierte Ende September, in der Klima-Kritik stecke auch „apokalyptische Angstlust, die aus jedem heißen Sommertag den Weltuntergang herausliest“. Die Bewegung brauche aber, so Drobinski, „Zweifel und die Wertschätzung des Halbgläubigen“. Dazu gehöre auch „die Erkenntnis, dass es kein Leben ohne Klimasünde gibt“.

Ist die Frage des Klimaschutzes – auch – eine religiöse Frage? Und sind die Klimaproteste, wie sie sich hierzulande und an vielen anderen Orten der Welt manifes­tieren, Ausdruck einer – auch – religiösen Bewegung? Antworten auf diese Fragen sind zumal in einer religiös pluralen, hierzulande auch säkularen Welt komplex.

Es ist genau 30 Jahre her, dass die Kirchen Europas bei der Ers­ten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel dem „Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ eine europaweite Stimme verliehen haben. Man kann auch die Enzyklika „Laudato si’“ zur Hand nehmen, mit der Papst Franziskus 2015 das Schöpfungsthema zu einer Priorität seines Pontifikats erhoben hat. Dass dieser Tage in Rom die Amazonien-Synode tagt, die auch „eine ganzheitliche Ökologie“ propagieren will, unterstreicht diesen Befund.

Auch ein Glaubens-Thema

„Die Synode findet im Kontext einer ernsten und dringenden Klima- und Umweltkrise statt ... Die Erde hält dies nicht mehr aus.“ Was der brasilianische Kardinal Cláudio Hummes, der Generalrelator der Synode, am ersten Sitzungstag ansprach, scheint klar: Klimaschutz ist auch ein Glaubens-Thema.

Analoges hört man aus den anderen Kirchen – aus den protes­tantischen ebenso wie aus den orthodoxen, bekanntlich hat das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie, der Ökumenische Patriarch Bartho­lomaios I. von Konstantinopel ökologische Fragen beständig auf seiner Agenda.

Sind also die Kirchen Vorreiter der aktuellen Klimaproteste? Ja und Nein. Denn das skizzierte langjährige Engagement und die seit Monaten manifesten Proteste wie „Fridays for Future“ und ihrer Protagonistin Greta Thunberg scheinen zum kontinuierlichen religiösen Engagement in der Klima­frage parallele Entwicklungen.

Mitunter hat es gar den Anschein, als ob die Kirchen auf den Protestzug aufspringen würden, obwohl sie – siehe oben – eigentlich zu den Vorreitern der Bewegung gehören. Aber wenn, wie vor Ostern dieses Jahres, der Berliner Erzbischof Heiner Koch erklärt, die Schülerproteste erinnerten ihn „ein wenig an die biblische Szene vom Einzug Jesu in Jerusalem“, und er Greta Thunberg auch als „Prophetin“ titulierte, so hatte dies schon den schalen Geschmack eines „Hallo, wir sind auch dabei!“

Die Situation hat sich in den Monaten seither nicht grundlegend geändert. Auch am Protesttag „Earth Strike“ Ende September wurden Bischöfe mit den Protestierenden auf der Straße gesehen, der Innsbrucker Hirte Hermann Glettler etwa nannte die Aktion der jungen Menschen einen „Weckruf“, eine „kraftvolle Stimme zum Schutz des Lebens und der Erde“.

Solch religiöser Affirmation bläst zugleich ein konservativer Gegenwind entgegen, der in den Klimaprotesten Naturvergötzung und totales Heidentum sieht. Auf den einschlägigen Online-Seiten und -Foren kann man vom „Klima­wahn“ und „Ökoterrorismus“ lesen. Die Amazonassynode versuche, so wird beispielsweise der frühere Chef der Vatikanbank und ausgewiesene Proponent des konservativen Lagers, Ettore Gotti Tedeschi, zitiert, die „aktuelle philosophische Leier auch in die Christenheit einzuführen“. Die Gefahren seien aber unübersehbar. Sie reichten von einem unkritischen Jubel für die Indio-Kulturen bis zu einer ökologischen Sichtweise, die mehr heidnisch als christlich sei. Natürlich, so ist hinzuzufügen, gehört diese Kritik auch zur Agenda dieser Kreise, Papst Franziskus am Zeug zu flicken.

Ideologisch festgezurrt

Diese – vorgeblich – religiöse Kritik hat ihre Entsprechung in der Fundamentalopposition der politischen Rechten gegen die Klimaproteste. Hierzulande spricht da die jüngste Warnung von Norbert Hofer vor den Grünen als „Weltuntergangssekte“ für sich: Auch der FPÖ-Chef bemüht eine religiöse Metapher wider diese politischen Gegner.

Derartige Kritik ist ideologisch festgezurrt und überdies oft gepaart mit der generellen Leugnung des anthropogenen Klimawandels. Das bedeutet dennoch nicht, dass die zivilreligiöse Aufladung der Proteste wie deren apokalyptisches Setting nicht kritisch zu hinterfragen wären.

Das gilt aber analog für die Massendynamik etwa eines Papstbesuchs – auch diese ist im Lichte der Erfahrungen mit der Massenverführung durch politische Heilslehrer, die in der jüngeren Vergangenheit großes Unheil gebracht haben, ehrlich zu reflektieren. Und rechte Weltverschwörungstheorien strot­zen ihrerseits ebenfalls vor Weltuntergangslust.

Der (katholische) Religionssoziologe Hans Joas hat in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel zu den Klimaprotesten gemeint, nicht jede Begeisterung sei gut. Man könne den „kompromisslosen Idealismus, zu dem Jugendliche neigen, in Hinblick auf die Motivationskraft begrüßen“, entkomme aber, so Joas,„nicht der Frage, welche Kompromisse eingegangen werden müssen, damit die Forderungen friedlich und realistisch gelebt werden können“.

Kein Leben ohne Klimasünde

Es kommen also schnell die Mühen der Ebenen, der so genannten Realpolitik, die den – religiösen – Idealen auch in der Klimafrage den praktischen Fortschritt dabei entgegensetzen muss. In ein ähnliches Horn bläst der Wiener reformierte Theologe Ulrich Körtner, der seinerseits das Übergreifen apokalyptischer Szenarien in diesen Diskurs kritisiert (mehr dazu hier).

Auch Matthias Drobinski, Religionsredakteur der Süddeutschen, konstatierte Ende September, in der Klima-Kritik stecke auch „apokalyptische Angstlust, die aus jedem heißen Sommertag den Weltuntergang herausliest“. Die Bewegung brauche aber, so Drobinski, „Zweifel und die Wertschätzung des Halbgläubigen“. Dazu gehöre auch „die Erkenntnis, dass es kein Leben ohne Klimasünde gibt“.

Die Klimadebatte, unter religiösen Vorzeichen geführt, braucht dringlich auch nüchterne wie zweifelnde Zugänge.

Die Klimadebatte, unter religiö­sen Vorzeichen geführt, braucht auch derartige nüchterne wie zweifelnde Zugänge. Man kann in diesem Zusammenhang eine Anek­dote in Erinnerung rufen, die Heinz Zahrnt (1915-2003), Altvorderer des deutschen Protestantismus, zu ähnlichen Befunden zu erzählen pflegte: „In einem amerikanischen Bundesstaat trat Mitte des 19. Jahrhunderts während einer Parlamentssitzung eine Sonnenfinsternis ein, und es drohte Panik auszubrechen. Da gab der Abgeordnete, der gerade am Wort war, zu bedenken: Es gibt jetzt zwei Fragen mit dem gleichen Resultat: Entweder der Herr kommt; dann soll er uns bei der Arbeit finden. Oder der Herr kommt nicht; dann haben wir keinen Grund, unsere Arbeit zu unterbrechen.“