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"Manche machen sich zum Gespött"

Seit Montag schlagen sich elf Abenteurer bei der ORF-Reality-Show "Expedition Österreich" quer durchs Land. jo groebel, Medienpsychologe und Generaldirektor des Europäischen Medieninstituts, über den Boom solcher Casting-Shows - und ihre ethischen Grenzen.

Die Furche: Diese Woche ist im ORF die Abenteuershow "Expedition Österreich" gestartet, bei der sich eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von elf Personen entlang einer Luftlinie von Tirol nach Wien durchkämpfen muss. Glauben Sie an den Erfolg eines solchen Show-Konzepts?

Jo Groebel: Fernsehen lebt grundsätzlich davon, ständig neuen Nervenkitzel zu präsentieren. Was speziell diese Shows erfolgreich macht, ist, dass hier verschiedene Elemente zusammenkommen: Es sind Risikoshows, sie haben Live-Charakter, auch wenn sie aufgezeichnet werden, sie haben Soap-Charakter und sie vermitteln eine Ahnung vom guten, alten Abenteuer. Durch die publizistische Begleitung oder einzel-ne Personalisierungen lässt sich auch zusätzliche Tabuverletzung herbeiführen. Was für das Casting, also die Auswahl der Beteiligten, eine immens große Rolle spielt, ist, dass man verschiedene Arten von Typen abdecken kann: Mann-Frau, den Draufgänger oder den Bedächtigen. Es geht also darum, ein vermeintlich Wirklichkeit abbildendes Format nach der Dramaturgie eines Theaterstücks oder einer Tragödie aufzubauen.

Die Furche: Tatsache ist, dass in TV-Shows die Grenze zwischen Realität und Fiktion mehr und mehr verschwimmt: Gerichtsshows arbeiten längst mit erfundenen "Fällen". Auch in der neuen Show "Das Geständnis", die ab Herbst auf Pro Sieben laufen wird, sollen die Geständnisse fiktiv sein...

Groebel: Es geht im Fernsehen nicht in erster Linie darum, eine nachrichtenähnliche Situation zu zeigen, sondern darum, den Leuten einen Kick zu verschaffen. Auch die so genannten Reality-Shows wie "Big Brother" haben in Wirklichkeit mit der Wirklichkeit nichts zu tun, sondern sie schaffen eine eigene Realität - dadurch, dass eine Kamera vorhanden ist oder dass die Show einer gewissen Dramaturgie unterliegt. Realistisch im Sinn einer Alltagsabbildung ist keine einzige dieser Shows. Sie nehmen Veränderungen in der Realität vor oder sie greifen etwas auf, was aber in dieser Art im Alltag nicht vorkommt.

Die Furche: Zuletzt ist in den österreichischen und deutschen Fernsehshows die große Starsuche ausgebrochen: Man denke nur an "Starmania", "Starsearch" oder "Deutschland sucht den Superstar". Welche Träume werden hier erfüllt?

Groebel: Klar ist, dass Bildschirmpräsenz einhergeht mit einer relativ wahrscheinlichen Berühmtheit, und in unserer Gesellschaft ist Berühmtheit einer der zentralen Werte überhaupt. Abgesehen davon, dass es häufig auch sehr lukrative, sekundäre Belohnungen gibt - vom Plattenvertrag bis zur Supermarktseröffnung.

Die Furche: Viele stehen solchen Castingshows aber sehr kritisch gegenüber. So etwa auch der deutsche Staatssekretär Christoph Matschie (SPD), der sie als "Gift für die Wirtschaft" bezeichnet: Sie würden Jugendliche in eine Scheinwelt entführen - nach dem Motto: Wozu noch eine solide Ausbildung machen, wenn es doch reicht, "entdeckt" zu werden...

Groebel: Ich teile diese Ansicht nur sehr begrenzt, weil sie für eine Minderheit gilt. Normalerweise haben wir es heute mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun, die eine relativ realistische Einschätzung davon haben, was im Leben zu Erfolg führt und was nicht. Es ist sicher so, dass eine kleinere Gruppe von Menschen glaubt, dass dieser Weg zum Erfolg führen könnte, aber ich würde diese Gruppe ähnlich groß einschätzen wie jene, die glauben, mit dem Lotto alle Sorgen loszuwerden. Die Wahrscheinlichkeiten sind ja vergleichbar: Wenn sich in Deutschland mehr als 200.000 Leute für diverse Musikcastings beworben haben und jedes Jahr maximal einer der große Superstar wird, dann ähnelt diese Chance dem Gewinn in der Lotterie.

Die Furche: Die "Starmania"-Zweite Christina Stürmer und der deutsche "Starsearch"-Teilnehmer Daniel Küblböck haben es jedenfalls geschafft: Sie sind medial präsent. Andere - etwa der tatsächliche "Starmania"-Gewinner Michael Tschuggnall - sind von der Fernsehbildfläche verschwunden. Wie ist das zu erklären?

Groebel: Dass jemand erfolgreich ist, hängt mit der Bindung einer großen Fanbasis zusammen, die einen Kult daraus macht - und das geht bei schrägen, unangepassten Typen immer leichter. Nur reicht es nicht aus, wenn sich eine Person einfach eine schräge Mütze aufsetzt, sondern er oder sie muss auch ein gewisses Talent mitbringen - und dieses Talent hat Daniel Küblböck durchaus mitgebracht. Man kann ja nicht aus jedem Klon ein Talent machen, sondern das Publikum hat auch ein Gespür: Die Prozedur scheint also demokratisch zu sein. Wer aber am Ende einer Musik- oder Abenteuershow übrig bleibt, ist von der Chance, ein tatsächlicher Star zu werden, nicht besser dran als jeder, der auf der Straße "entdeckt" wird.

Die Furche: Manche Casting-Shows sind äußerst bedenklich: Zuletzt hat etwa die Heiratsshow "Der Bachelor" für Aufregung gesorgt. Und im Herbst will der Sender Pro Sieben die Schönheitsoperations-Schow "The Swan" starten, bei der 16 Frauen vom "hässlichen Entlein" zum "schönen Schwan" mutieren sollen. Motto der Show: "Sie wollen raus aus dem Alltag und ein neuer Mensch werden?"

Groebel: Das Leitmotiv "Vorher-Nachher" ist nichts Neues. Was uns aber heute erschreckt ist die Vollmundigkeit, mit der ein komplett neues Leben angekündigt wird. Zum anderen geht es hier um Dinge, wo man moralische Fragezeichen setzen muss - inwieweit man etwa Eingriffe in seine physische Gestalt vornehmen sollte. Deshalb halte ich diese Show zumindest für ethisch grenzwertig.

Die Furche: Tatsache ist aber, dass die Personen freiwillig daran teilnehmen...

Groebel: Natürlich: Das grundlegende Dilemma ist, inwiefern man Dinge, die freiwillig gemacht werden, gesellschaftlich akzeptieren kann. Ich glaube aber, man kann das nicht über Gesetze lösen, sondern man muss es durch eine öffentliche Diskussion angehen. Wenn Leute ihre eigene Würde in Frage stellen, sage ich mir manchmal: Bin ich denn der Hüter meines Bruders? Denn Menschenwürde ist etwas, was man für sich selbst definiert. Andererseits finde ich es problematisch, dass unsere Medienkultur nach dem Motto funktioniert: "Wir stellen jedem, der sich für etwas bereit erklärt, eine Plattform zur Verfügung - und wir haben keine Verantwortung." Nein: Auch derjenige, der eine Plattform zur Verfügung stellt, hat eine Verantwortung. Bei "The Swan" kann es ja sein, dass die Leute letztlich entsetzt darüber sind, wie die Operationen ausgegangen sind - und dass sie zum öffentlichen Gespött geworden sind.

Die Furche: Aber momentan lautet das Motto noch: Wir bringen alles, wenn sich nur Freiwillige finden und die Leute es sehen wollen...

Groebel: Das ist richtig. Man sagt sich: Wir bringen alles, was die Leute sehen wollen, und was nicht eindeutig verboten ist oder wissenschaftlich als schädlich erwiesen ist. Aber das ist nicht die Gesellschaft, die ich als zivilisiert und human ansehen würde. Eine humane Gesellschaft zeichnet sich ja dadurch aus, dass sie auch freiwillige Normen und Werte einhält, ohne dass es ein Gesetz verbietet.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

Medientipps für Clinton und Co.

Jo Groebel hat Stress: Mit 1. Juli haben die Niederlande die EU-Präsidentschaft übernommen - und jede Menge Fragen, wie ihre Themen in den Medien optimal zu platzieren sind. Nicht nur in diesem Bereich gilt der 53-jährige Medienfachmann international als erste Adresse. Auch wenn es um medienpolitische Weichenstellungen oder um die heikle Frage der Menschenwürde in den Medien geht, suchen immer mehr Entscheidungsträger bei ihm Rat: Die Palette seiner Klienten reicht von Bill Clinton über Gerhard Schröder und Johannes Rau bis hin zur armenischen Regierung. Kein Wunder, schließlich gilt Jo Groebel - Generaldirektor des Europäischen Medieninstituts in Düsseldorf und Professor für Kommunikationswissenschaft und Medienpsychologie an der Universität Amsterdam - als einer der profundesten Kenner medialer Prozesse. Zeitung, Fernsehen und Co. haben Groebel schon als Kind fasziniert: Bereits als Neunjähriger hat der in Jülich Geborene Artikel für die lokale Kirchenzeitung verfasst und war Chefredakteur einer Schülerzeitung. Auch heute noch greift der Medienpsychologe gern zur Feder: für das niederländische "Handelsblad" ebenso wie für die deutsche "Zeit". Sein Zugang ist unorthodox - genauso wie sein Hobby: Die spärliche Freizeit verbringt der geschiedene Medienprofi mit dem Sammeln alter Fotos.

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