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Mystische Märkte, Faszination Firlefanz

1945 1960 1980 2000 2020

Als nostalgische Konsumform bieten Märkte durch ihre Vielfalt und vermeintliche Tradition den optimalen Rahmen, um jede noch so außergewöhnliche Sammelleidenschaft zu stillen. In Zeiten des Massenkonsums macht der Besitz einzigartiger Stücke besonders stolz.

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Als nostalgische Konsumform bieten Märkte durch ihre Vielfalt und vermeintliche Tradition den optimalen Rahmen, um jede noch so außergewöhnliche Sammelleidenschaft zu stillen. In Zeiten des Massenkonsums macht der Besitz einzigartiger Stücke besonders stolz.

Klirrende Punschtassen, feine Gerüche nach Ofenkartoffeln, Käse oder Waffeln und ein seltsam angenehmer Plauder-Pegel fügen sich in die idyllische Kulisse der engen Gassen am Spittelberger Weihnachtsmarkt in Wien ein. Die Punschstände sind gut besucht, neben unzähligen kulinarischen Köstlichkeiten sind hier auch viele Stände dem Kunsthandwerk gewidmet. Kerzen in jeder Form, Tongebilde, Gehäkeltes oder Gestricktes - hier wird jede noch so außergewöhnliche Sammelleidenschaft gestillt. "Ich bin mir noch nicht sicher, ob der auch wirklich zu mir nachhause passt", erklärt Gerda D. und inspiziert einen roten Papierstern. Gemeinsam mit zwei Freundinnen hat es sich die Steirerin zum Hobby gemacht, jährlich die Wiener Christkindlmärkte nach besonderen Dekorationsstücken zu durchkämmen. "Es kommt mir vor, als würde sich der Zinnsoldat vom Schönbrunnermarkt ein wenig besser in meinem Wohnzimmer machen", lehnt Gerda D. den Stern ab. Ihre Begleiterinnen brechen in Gelächter aus - hat sich doch mittlerweile eine kleine Armee an Zierfiguren in der Wohnung ihrer Freundin angesammelt.

Woher aber kommt diese Begeisterung vieler Menschen für Märkte und die dortigen Angebote? Laut der Innsbrucker Soziologin Silvia Rief werden dort einerseits neuartige Entwicklungen aus bestimmten handwerklichen Bereichen präsentiert, faszinierend wirkt auch die Vielzahl an Produkten, die man an einem einzigen Ort antreffen kann. "Märkte sind ein sinnliches Erlebnis: Man bewegt sich meist im freien Raum, ist gewissen Wetterbedingungen ausgesetzt, begegnet anderen Menschen und man ist vielen visuellen, olfaktorischen und auditiven Reizen ausgesetzt", so die Soziologin. Anders als etwa im Einkaufszentrum, wo angefangen von der Temperatur bis hin zum Licht jede Einzelheit gesteuert und geregelt wird, ist die Umgebung eines Marktes also eine willkommene und anregende Abwechslung zu diesem künstlichen und doch alltäglichen Szenario - und regt deshalb eher zum Kauf an.

Nostalgie und Selbstinszenierung

Besonders anziehend scheinen Märkte zur Weihnachtszeit: Laut einer Studie des Umfrageinstitutes Meinungsraum geben die Österreicher hier jährlich mehr als 400 Millionen Euro aus, Punsch und diverse Leckerbissen mit einberechnet. "Weihnachten ist eine emotional sehr aufgeladene Zeit und da hat man scheinbar gerne Formen des Konsums, die eine ans Herz gehende Inszenierung bieten. Anders kann ich mir das nicht erklären, denn Adventmärkte sind ansonsten weder preisgünstig, noch besonders praktisch", meint Oliver Kühschelm vom Wiener Institut für Wirtschafts-und Sozialgeschichte.

"Wir leben in einer Gesellschaft, die sich in ihren Nischen gerne ein wenig Nostalgie leistet", erklärt sich Kühschelm weiter die Faszination der Märkte und ihrer unzähligen Sammelobjekte. Dass Weihnachtsmärkte derart großen Anklang finden, kann man sich aufgrund ihrer eher kurzen Existenz von etwa 20 Jahren aber kaum durch die Sehnsucht nach alten Zeiten erklären. "Das ist ein gutes Beispiel dafür, was Eric Hobsbawm 'Erfundene Tradition' genannt hat: Das sind Dinge, von denen man sehr geneigt ist zu glauben, dass es sie schon immer so gegeben hat." Jedes Jahr würden unzählige neue Adventmärkte ihre besinnlichen Pforten öffnen, um dann den Anschein zu erwecken, dass dieser Marktstandort traditionsreich und althergebracht ist. "Und das scheint zu funktionieren", so Kühschelm

Der Erwerb bestimmter Habseligkeiten abseits gewohnter Einkaufsmöglichkeiten hat oft mit der Selbstinszenierung des Sammlers zu tun: "Man findet Dinge, die meistens in irgendeiner Form einzigartig sind. Darauf ist man stolz und versucht, sich in einem bestimmten Bereich als kompetent abzuheben", sagt Silvia Rief.

Verbunden über Raum und Zeit

Besonders bei Marktformen wie etwa der momentan stark florierenden Flohmarktszene sei diese Einstellung leitend. "Man braucht hier ein spezifisches Fachwissen, um zu erkennen, ob ein Objekt einen Wert hat. Der Gegenstand kann seltsam oder auch unbrauchbar sein - solange man in der Lage ist, eine gute Geschichte darüber zu erzählen, rechtfertigt sich dieser Kauf", erklärt Kühschelm.

Speziell bei Flohmärkten liegt die Faszination für gebrauchte Habseligkeiten auch in der Biografie dieser Gegenstände begründet. "Menschen verknüpfen die Geschichte dieser Objekte auch mit der Geschichte des Vorbesitzers. Man kann darüber also in eine symbolische Verbindung mit dem ehemaligen Besitzer eintreten und ein Band zu vergangenen Zeiten und Räumen herstellen", sagt Rief. Der Kauf gewisser Zierstücke auf Märkten der verschiedensten Art dient oftmals auch der Kanalisation von Gefühlen: "Sie sind sinnlich und emotional ansprechend und wecken Erinnerungen an die eigene Vergangenheit. Sie können aber auch Ausdruck der eigenen Träume und Imagination sein", so die Soziologin. Letztendlich dient das Sammeln bestimmter Dinge, die so mancher als Kitsch und Krimskrams bezeichnen mag, auch der Bestätigung der eigenen Identität und dem Versuch, sich diese inmitten einer Mainstream-Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Mehr Wohlstand - mehr Nischen

Märkte als optimale Plattform für diese Praxis, werden in Zukunft auf jeden Fall nicht abhandenkommen, im Gegenteil: "Je mehr der Wohlstand wächst - und das tut er trotz wachsender sozialer Ungleichheit - desto mehr Platz ist für Nischen. Diese Märkte sind eine Art von Einkaufsinszenierung, für die jetzt Kaufkraft frei wird", glaubt der Historiker Kühschelm. Weil der herkömmliche Handel durch Onlineangebote unter Druck geraten wird, wird es in einigen Jahren noch viel mehr kleinteilige Inszenierungen von Handel geben. "Die Form des Einzelhandels, die jetzt üblich ist, wird neue symbolische Bedeutung bekommen. Während uns der Online-Lieferservice mit Lebensmitteln versorgt, wird dann wahrscheinlich der Supermarkt ein nostalgischer Ort sein, wo man das erste 'Dreh-und-Drink' bekommen hat", prognostiziert Kühschelm.

Zurück am Weihnachtsmarkt am Spittelberg, hat Frau D. nun anstelle von Papierstern und Zinnsoldat ein mit Steinen besetztes Windlicht gefunden. "Das ist handgemacht, eine ganz besondere Technik wurde dafür angewendet", ist sie sichtlich stolz über ihre Errungenschaft. "Meine Großmutter hatte so eine ähnliche Version auf ihrem Nachttisch stehen", freut sie sich, "und bei mir bekommt sie jetzt auch einen Ehrenplatz."

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