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Religion

Österreich als selbstverständlicher Wert an sich

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die Jahrzehnte währende Debatte um die Fragen, ob Österreich eine Nation sei und wenn ja, welche, ist durch Selbstverständlichkeit beantwortet. Das Wissen darüber bleibt aber nötig.

Der Journalist, Autor und Dokumentarfilmer Gerhard Jelinek blickt auf Daten und meint dann skeptisch: "Es scheint, als würde eine etwas ahistorische Generation heranwachsen. Daher muss man Geschichte ständig neu erzählen.“

Grund und Anlass für die Datenerhebung war der von Jelinek und Birgit Mosser-Schuöcker, wie Jelinek historisch versierte Juristin, vorgelegte Interview-Band "Generation Österreich. Prägende Momente der Zweiten Republik. Von Zeitzeugen packend erzählt.“

Die Österreichische Gesellschaft für Marketing (OGM) erhob im September unter 500 über 16 Jahre alten Österreicherinnen und Österreichern, welches denn die für sie prägenden Erlebnisse gewesen seien. Mit einer Nennung von 80 Prozent ist dies der Unfalltod von Jörg Haider im Jahr 2008. Mit 74 Prozent werden dann an zweiter Stelle der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union (1995) und das Seilbahnunglück von Kaprun (2000) genannt.

Es sind vor allem chronikale Ereignisse, die sich offenbar als prägende Momente erweisen: Es folgen das Lawinenunglück von Galtür (1999), die Flucht von Natascha Kampusch (2006), der Fall Fritzl in Amstetten (2008), der Sturz von Hermann Maier in Nagano (1998), das Briefbomben-Attentat auf Helmut Zilk 1993), der Feuerunfall von Niki Lauda (1976) und dann erst die Volksabstimmung über das Kernkraftwerk Zwentendorf (1978).

Chronikales prägt die Erinnerung

Von weit weniger als der Hälfte als "prägend“ bezeichnete Momente haben allerdings tatsächlichen politischen Gehalt: Die Angelobung der schwarz-blauen Regierung (2000), der Beginn der EU-Sanktionen gegen Österreich im selben Jahr, die Besetzung der Hainburger Au (1984), der Beginn der Affäre und der Auseinandersetzung um den späteren Bundespräsidenten Kurt Waldheim (1986) oder der Fall des Eisernen Vorhangs (1989). Besonders bemerkenswert seien, so Jelinek, die Daten für die Gruppe der unter 30 Jahre alten Personen. Von niemanden dieser Altersgruppe werden etwa die Waldheim-Affäre oder OPEC-Überfall (1975) als prägend wahrgenommen. Das hat nun auch mit Lebensverläufen zu tun, dennoch bleibt Jelinek - wie Historiker auch - auf dem Standpunkt: "Man muss die Geschichte ständig neu erzählen. Die Lücke zwischen dem persönlichen Erleben und dem in der Schule Vermittelten muss geschlossen werden.“ Denn was die heute unter 30-Jährigen nicht mehr wissen, das wissen sie als 50-Jährige dann ebenso nicht. Die niedrige Einstufung politischer Ereignisse als "prägend“ sei wohl auch demokratiepolitisch "etwas bedenklich“, ein "Spiegelbild der politischen Diskussion“, denn offenbar sei die Gegenwart von einer "Emotions-Demokratie“ geprägt: Während Institutionen einer anhaltenden Erosion ausgesetzt seien,würde sich die Öffentlichkeit zunehmend mit "Wanderdünen“ befassen, die ihre Aufmerksamkeit binden, etwa dem kurzen Aufflackern des Themas der Parteigründungen durch Piraten oder durch Frank Stronach.

Dennoch lässt sich den Interviews von 37 prominenten Zeitzeugen - von Hannes Androsch über Fritz Molden bis Freda Meissner-Blau, Wolfgang Schüssel und Anton Mattle - überaus Positives abgewinnen: Österreich als Selbstverständlichkeit.

"Wir haben seit dem Zweiten Weltkrieg nun vier Generationen, für die war Österreich immer ein Wert an sich“, sagt Jelinek im FURCHE-Gespräch. Die Frage nach Nation und Nationalität, nach Unterscheidung zu Deutschland, die Neutralität - vieles sei, so Jelinek, obsolet: "Es gibt offenbar keine Veranlassung mehr, die Frage nach der österreichischen Nation zu stellen.“

Die Generation Österreich ist eine glückliche

Die Antwort läge "im gemeinsamen Schatz an Erinnerungen“, das "gemeinsam Erlebte“ trage zur Bildung von Nation bei. Die Frage nach der österreichischen Identität sei beantwortet, schreiben die Autoren. Die Suche nach einer Antwort darauf habe die Menschen das halbe 20. Jahrhundert lang beschäftigt und in die Katastrophe ideologischer Irrwege geführt.

Stellvertretend sei Hannes Androsch als eine von 37 Antworten auf die Frage nach der Generation Österreich zitiert: "Die Generation Österreich ist eine glückliche. Sie hat zwar noch den Krieg, die Nachkriegszeit, die Besatzung und all die Opfer und Zerstörungen erlebt, aber zunehmend eine Verbesserung. Wer hätte gedacht, dass aus dem zurückgebliebenen Teil der Donaumonarchie, der polarisierenden Zwischenkriegszeit, dem Krieg und den zehn Jahren Nachkriegszeit dieses Österreich entsteht.“

Wie hoch das Interesse an Zeitgeschichte ist, zeigte die Präsentation des Buches in Wien, die wegen großen Andrangs im Parlament in einen größeren Saal verlegt wurde.

Generation Österreich

Prägende Momente der Zweiten Republik - Von Zeitzeugen packend erzählt

Von Gerhard Jelinek u. Birgit Mosser-Schuöcker, edition a 2012.

320 Seiten, Hardcover, e 24,90

Die Jahrzehnte währende Debatte um die Fragen, ob Österreich eine Nation sei und wenn ja, welche, ist durch Selbstverständlichkeit beantwortet. Das Wissen darüber bleibt aber nötig.

Der Journalist, Autor und Dokumentarfilmer Gerhard Jelinek blickt auf Daten und meint dann skeptisch: "Es scheint, als würde eine etwas ahistorische Generation heranwachsen. Daher muss man Geschichte ständig neu erzählen.“

Grund und Anlass für die Datenerhebung war der von Jelinek und Birgit Mosser-Schuöcker, wie Jelinek historisch versierte Juristin, vorgelegte Interview-Band "Generation Österreich. Prägende Momente der Zweiten Republik. Von Zeitzeugen packend erzählt.“

Die Österreichische Gesellschaft für Marketing (OGM) erhob im September unter 500 über 16 Jahre alten Österreicherinnen und Österreichern, welches denn die für sie prägenden Erlebnisse gewesen seien. Mit einer Nennung von 80 Prozent ist dies der Unfalltod von Jörg Haider im Jahr 2008. Mit 74 Prozent werden dann an zweiter Stelle der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union (1995) und das Seilbahnunglück von Kaprun (2000) genannt.

Es sind vor allem chronikale Ereignisse, die sich offenbar als prägende Momente erweisen: Es folgen das Lawinenunglück von Galtür (1999), die Flucht von Natascha Kampusch (2006), der Fall Fritzl in Amstetten (2008), der Sturz von Hermann Maier in Nagano (1998), das Briefbomben-Attentat auf Helmut Zilk 1993), der Feuerunfall von Niki Lauda (1976) und dann erst die Volksabstimmung über das Kernkraftwerk Zwentendorf (1978).

Chronikales prägt die Erinnerung

Von weit weniger als der Hälfte als "prägend“ bezeichnete Momente haben allerdings tatsächlichen politischen Gehalt: Die Angelobung der schwarz-blauen Regierung (2000), der Beginn der EU-Sanktionen gegen Österreich im selben Jahr, die Besetzung der Hainburger Au (1984), der Beginn der Affäre und der Auseinandersetzung um den späteren Bundespräsidenten Kurt Waldheim (1986) oder der Fall des Eisernen Vorhangs (1989). Besonders bemerkenswert seien, so Jelinek, die Daten für die Gruppe der unter 30 Jahre alten Personen. Von niemanden dieser Altersgruppe werden etwa die Waldheim-Affäre oder OPEC-Überfall (1975) als prägend wahrgenommen. Das hat nun auch mit Lebensverläufen zu tun, dennoch bleibt Jelinek - wie Historiker auch - auf dem Standpunkt: "Man muss die Geschichte ständig neu erzählen. Die Lücke zwischen dem persönlichen Erleben und dem in der Schule Vermittelten muss geschlossen werden.“ Denn was die heute unter 30-Jährigen nicht mehr wissen, das wissen sie als 50-Jährige dann ebenso nicht. Die niedrige Einstufung politischer Ereignisse als "prägend“ sei wohl auch demokratiepolitisch "etwas bedenklich“, ein "Spiegelbild der politischen Diskussion“, denn offenbar sei die Gegenwart von einer "Emotions-Demokratie“ geprägt: Während Institutionen einer anhaltenden Erosion ausgesetzt seien,würde sich die Öffentlichkeit zunehmend mit "Wanderdünen“ befassen, die ihre Aufmerksamkeit binden, etwa dem kurzen Aufflackern des Themas der Parteigründungen durch Piraten oder durch Frank Stronach.

Dennoch lässt sich den Interviews von 37 prominenten Zeitzeugen - von Hannes Androsch über Fritz Molden bis Freda Meissner-Blau, Wolfgang Schüssel und Anton Mattle - überaus Positives abgewinnen: Österreich als Selbstverständlichkeit.

"Wir haben seit dem Zweiten Weltkrieg nun vier Generationen, für die war Österreich immer ein Wert an sich“, sagt Jelinek im FURCHE-Gespräch. Die Frage nach Nation und Nationalität, nach Unterscheidung zu Deutschland, die Neutralität - vieles sei, so Jelinek, obsolet: "Es gibt offenbar keine Veranlassung mehr, die Frage nach der österreichischen Nation zu stellen.“

Die Generation Österreich ist eine glückliche

Die Antwort läge "im gemeinsamen Schatz an Erinnerungen“, das "gemeinsam Erlebte“ trage zur Bildung von Nation bei. Die Frage nach der österreichischen Identität sei beantwortet, schreiben die Autoren. Die Suche nach einer Antwort darauf habe die Menschen das halbe 20. Jahrhundert lang beschäftigt und in die Katastrophe ideologischer Irrwege geführt.

Stellvertretend sei Hannes Androsch als eine von 37 Antworten auf die Frage nach der Generation Österreich zitiert: "Die Generation Österreich ist eine glückliche. Sie hat zwar noch den Krieg, die Nachkriegszeit, die Besatzung und all die Opfer und Zerstörungen erlebt, aber zunehmend eine Verbesserung. Wer hätte gedacht, dass aus dem zurückgebliebenen Teil der Donaumonarchie, der polarisierenden Zwischenkriegszeit, dem Krieg und den zehn Jahren Nachkriegszeit dieses Österreich entsteht.“

Wie hoch das Interesse an Zeitgeschichte ist, zeigte die Präsentation des Buches in Wien, die wegen großen Andrangs im Parlament in einen größeren Saal verlegt wurde.

Generation Österreich

Prägende Momente der Zweiten Republik - Von Zeitzeugen packend erzählt

Von Gerhard Jelinek u. Birgit Mosser-Schuöcker, edition a 2012.

320 Seiten, Hardcover, e 24,90