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Wie schön dürfen Vögel singen?

Auf ein Wort

Salzburgs Festspiele starteten heuer nicht mit Reden und dem üblichen Aufmarsch großer Politik und großer Roben - das kommt erst morgen, Freitag. Zur "Ouverture spirituelle“ wurde eine ganze Woche geistliche Musik vom Schönsten geboten, begleitet von einem christlich-jüdischen Dialog und packenden Gesprächen im Umfeld der Gottesfrage - mit Wiens Kardinal, mit dem prominentesten US-Rabbiner und einer Elite von Theologen, Philosophen und spirituell sensiblen Künstlern. Für nächstes Jahr ist der Buddhismus geladen, dann der Islam.

Gott und Mensch, Kult und Kultur

Mag sein, dass mir dieser auch geistige Neubeginn deutlicher bewusst geworden ist als anderen - in bleibender Erinnerung an manch aufreizendes Festspielmotto vergangener Jahre: "Stärker als die Liebe ist der Tod“ hieß es da etwa, oder "Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie“. Beides bewusst provokant hineingestellt in das geistig-geistliche Salzburg und in ein Festspiel, das seinen Gründungsauftrag sicher nicht im Konflikt zwischen Gott und Mensch verstanden hat. Eher im Gegenteil.

Damals habe ich an dieser Stelle geschrieben, Tragödien entstünden wohl eher dort, wo Gottlosigkeit und Unmenschlichkeit aufeinanderstoßen, als in der Begegnung von Gott und Mensch.

Heuer ist alles anders. Gott und Mensch, Kult und Kultur sind zusammengerückt. Und Intendant Alexander Pereira plant sogar, Haydns "Schöpfung“ künftig immer an den Beginn seines Festspielprogramms zu stellen. "Des Herren Ruhm, er bleibt in Ewigkeit“ - unter dem Jubel der Zuhörer verklang am Eröffnungsabend der grandiose Schlusschor des Oratoriums.

Keine zwölf Stunden später brachte der emeritierte Zürcher Uni-Rektor Hans Weder im Haus für Mozart das Wunder der Schöpfung auf den Punkt: "Es ist umstritten, ob Vögel schöner singen, als es ihnen nach Darwin erlaubt wäre. Nicht umstritten aber ist, dass Haydns Musik weit über das hinausgeht, was einem Lebewesen nach Darwin erlaubt wäre …“ Was er damit sagen wollte: Dass es die Musik gibt, zeuge von einem "Überschuss an Schöpfung“, der uns Menschen letztlich zur Entdeckung des Heiligen führe. Denn im "Raum der Lieder“ würden wir ganz anders reden als sonst; würden über nichts "informieren“, würden auch nicht fordern, befehlen oder kritisch hinterfragen. Singend trete der Mensch in ein ganz anderes Licht; wage den Schritt von der Banalität seiner Endlichkeit hinaus in die Geschöpflichkeit.

Loblied, Klagelied, Liebeslied

Ganz still war es in den dicht gefüllten Reihen der Zuhörer, als der Schweizer Theologe seinen "Raum der Lieder“ endgültig nach oben öffnete: Der Gesang sei jener Raum, in dem eine Gottesbeziehung aufblitze - egal ob als Loblied, als Klagelied oder als Liebeslied. Und er fügte hinzu: "Vielleicht kann man sagen, der Mensch kommt erst im Singen ganz zu sich selbst.“

Tief berührt von diesem Loblied auf Schöpfer und Schöpfung habe ich das Salzburger Festspielhaus verlassen. Und mir auf dem Weg nach Hause vorgenommen, in diesen Sommerwochen möglichst nicht auf das Singen zu vergessen.

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