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Nicht alles Bio

Biomasse ist vieles - und prinzipiell gut. Doch eine intensive Nutzung kann Probleme schaffen.

Österreich zählt mit einem Anteil von 23 Prozent zu Europas Spitzenreitern in Sachen Erneuerbare Energien. Geht es nach dem Willen der Regierung, soll sich diese Zahl bis 2020 nahezu verdoppeln. Da Biomasse derzeit Platz eins unter den Erneuerbaren Energien einnimmt, wird das angestrebte Ziel wohl nur mit einer massiven Forcierung der Biomasse-Produktion zu erreichen sein. Das heißt konkret: Mehr Pflanzen-Kraftstoffe, mehr Kurzumtriebsplantagen und eine höhere Waldnutzung. Und genau hier beginnen die Probleme …

Mehr aus dem Wald?

Während Umweltminister Josef Pröll unlängst auf einer Pressekonferenz verkündete, dass aus Österreichs Wäldern 70 Prozent mehr Biomasse gewonnen werden könnte, halten viele Experten diese Angabe für überzogen - sie denken, dass das Mehrpotenzial bei maximal 25 Prozent liegt. Zudem warnen Naturschützer wie Johannes Frühauf von BirdLife Österreich vor ökologischen Kollateralschäden: "Durch die frühe Durchforstung wird das Totholz von morgen geerntet. Wenn aber das Totholz verschwindet, sind davon 15 Vogelarten stark oder sehr stark betroffen."

Eine andere Gefahr sieht Klemens Schadauer vom Forschungszentrum Wald in der Ganzbaumernte: Während früher nur die Baumstämme herausgezogen wurden, sollen nun auch Blätter und Zweige dem Wald entnommen werden. "Damit entsteht ein Nährstoff-Defizit - und je nach Bodentyp kann dies durchaus problematisch sein." Doch ein ökologisches Bewusstsein ist im Forstsektor durchaus vorhanden, betont Schadauer. Seiner Meinung nach hängt der Erfolg der Waldnutzung deshalb von einem anderen Faktor ab: "Die Mobilisierung der Waldbesitzer ist keine leichte Sache. Viele Bauern rechnen knallhart - und wollen wissen, was am Ende für sie rausschaut. Eine intelligente Informations- und Förderpolitik ist darum wichtig."

Mehr durch Holzplantagen?

Auch dem Kurzumtrieb - bei dem Bäume zur Bioenergie-Gewinnung angepflanzt werden - stehen einige Umweltschützer kritisch gegenüber. Jens Karg von Global2000 etwa kritisiert die Freilandversuche mit besonders schnell wachsenden, weil genetisch veränderten Pappeln, die zurzeit auch in der EU durchgeführt werden: "Wir wissen zu wenig darüber, wie sich diese Gentech-Bäume auf die Umwelt auswirken." Der Vogelschützer Frühauf hingegen hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie selbst wenige Baumkulissen Ökosysteme verändern können: "Einige Vögel sind auf offenes Gelände angewiesen. Wir schätzen, dass 23 Vogelarten stark oder sehr stark betroffen wären. Das Erschreckende dabei ist: Zehn davon sind bereits vom Aussterben bedroht."

Geradezu verheerend sind die zu erwartenden Auswirkungen im Ackerbau. Im September dieses Jahres hat die EU die Weichen für eine intensivere Nutzung der Felder gestellt, indem die bis dahin geltende obligatorische Acker-Stilllegung aufgehoben wurde.

Mehr vom Acker?

"Die Brachen haben nur 7 Prozent der Fläche beansprucht; für die Biodiversität aber haben sie 100 Prozent gebracht", kritisiert Frühauf. Sie stellten Nistplätze zur Verfügung, boten reichlich Nahrung und sorgten für Schutz. Zudem ist bekannt, dass die Kraftstoff-Gewinnung aus Pflanzen wenig effizient ist (siehe Interview unten). Da gewisse Kraftstoffpflanzen auch als Lebensmittel dienen können, konkurrenzieren sich die Preise (siehe Furche 30/07).

Doch die Biomasse-Nutzung muss nicht im Widerspruch zum Umweltschutz stehen - wie die Konversion von Altspeiseölen in Kraftstoffe beweist. Auch sinnvoll ist die Gewinnung von Ethanol, das bei der Zellulose-Produktion als Nebenprodukt anfällt. Des Weiteren gibt es kluge Forschungsansätze. Die bei Biodiesel International arbeitende Heike Frühwirth etwa wurde im Dezember mit dem ÖGUT-Umweltpreis 2007 geehrt: Sie kultiviert Algen mit dem Ziel, energiereiche Öle daraus zu gewinnen. Die Vorteile: "Die Algen, fressen' das Treibhausgas CO2, können im Vergleich zu Ackerpflanzen alle paar Wochen geerntet werden und brauchen relativ wenig Raum."

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