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Bilderbücher für alle!

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Eine Liebeserklärung von Heinz Janisch

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Eine Liebeserklärung von Heinz Janisch

Heinz Janisch schreibt Bilderbücher nicht nur, sondern kauft, liest und verschenkt sie auch gerne. Eine Liebeserklärung an das Bilderbuch.

Ich gestehe:

Ich bin fünfzig Jahre alt, und ich lese Bilderbücher.

Ich liebe Bilderbücher. Ich verschenke auch gern Bilderbücher.

Besonders gern an Kinder, weil sie Weltmeister im Schauen, Entdecken und Lesen von Bildern sind.

Oft schenke ich Bilderbücher auch Erwachsenen. Vor allem Erwachsenen, die keine Kinder haben. Das hat einen guten Grund. Viele Erwachsene, die keine Kinder haben, kommen nie in jenen fernen Bereich der Buchhandlung, der „Kinderabteilung“ heißt. Dabei wäre er leicht zu finden – das ist jene Ecke, in der Plüschbären und Zwerge, Luftballons und Plastikvampire dicht gedrängt um ihren Platz streiten.

Erwachsene, die Kinder haben, finden den Weg. Sie werden von den Kindern an der Hand genommen und zielsicher zum richtigen Regal geführt. Diese Erwachsenen wissen Bescheid. Sie wissen, dass Bilderbücher besondere, kostbare Bücher sind. Sie erleben es, jeden Abend, beim Vorlesen, Anschauen und Wiederlesen.

Jedes Bilderbuch ist ein Doppelgeschenk. Man bekommt eine Geschichte geschenkt – und eine Ausstellung dazu, eine Ausstellung in zwölf, vierzehn magischen, rätselhaften, phantastischen Bildern.

Oft ist ein Bilderbuch die erste Kunst-Ausstellung, die Kinder zu sehen bekommen. Es ist eine Ausstellung, deren Entdeckung ganz in ihrer Hand liegt. Mit jedem Öffnen des Buches ist die Ausstellung neu geöffnet. Eine Ausstellung im Museum sieht man im Vorbeigehen. Dann ist man erschöpft, das Museum wird wieder verlassen.

Die kleine Kunstausstellung namens Bilderbuch bleibt in der Nähe, sie ist jederzeit griffbereit im Regal. Jedes Bild bleibt überprüfbar: War da nicht ein blauer Schimmer auf dem Federkleid des Vogels? Wie hält sich Baron Münchhausen auf dem Rücken des Seepferdes fest? Sieht der Berg dort hinten, links im Bild, nicht wie ein Kuchen aus, mit kleinen Löffelbäumen darin?

Rätsel über Rätsel, Fragen über Fragen.

Ein Bilderbuch setzt eigene Geschichten in Gang, Bild für Bild.

Kostbare Bücher

Ich liebe Bilderbücher.

Ich gehe in die Buchhandlung, in die „Kinderabteilung“, und wähle lange und sorgfältig aus. Ich werde das Buch oft in der Hand haben, die Worte und die Bilder mehrmals und immer wieder lesen, mit Kindern, aber auch allein, also nehme ich mir Zeit beim Einkauf. So wie der Weinkenner auf seinen edlen Tropfen besteht, so bin ich auch beim Bucheinkauf auf Qualität aus. Das Buch muss sorgfältig gemacht sein. Einband, Papier, Fadenheftung, Druck und Typografie müssen signalisieren: „Hier wartet ein besonderes Buch auf Dich! Eine Kostbarkeit! Wir haben uns Mühe gegeben, also lass dir Zeit beim Schauen und Lesen.“

„Eintritt zur Seelenapotheke“ steht als Inschrift über der Stadtbibliothek St. Gallen in der Schweiz. Jede Buchhandlung ist so eine Seelenapotheke. Ich will nicht irgendeine Seelennahrung mitnehmen – ich will mir und anderen einen Proviant mit auf den Weg geben, der guttut, der mundet, der stärkt.

Weinkenner werfen einander gern Namen zu beim Einkauf, Namen von Weinbauern, die für Qualität stehen. So möchte ich Buchliebhabern Namen zuwerfen, wenn sie nach einem Bilderbuch Ausschau halten: Wolf Erlbruch, Jutta Bauer, Aljoscha Blau, Isabel Pin, Helga Bansch, Linda Wolfsgruber, Hannes Binder, Selda Marlin Soganci, Peter Sis, Michael Sowa! Und die Liste ließe sich noch lange weiterführen …

Manche Bild-Künstlerinnen und Künstler kommen vom Bühnenbild, andere von der Werbung, von der freien Malerei oder von der Grafik. Sie alle sind Meisterinnen und Meister ihres Fachs. Alle haben sie ihren eigenen unverwechselbaren Umgang mit den unterschiedlichsten Materialien, ob sie nun mit Holz, Papier, Textilien, Wachsstiften, Ölfarben, Kohle, Bleistift oder Kreide arbeiten. Da wird gezeichnet, gemalt, geritzt, geklebt, gerissen ... Genau das macht die Welt der Bilderbücher so spannend.

In vielen Bildern wird mehr sichtbar, als der Text neben dem Bild erzählt, da wird mehr spürbar, als in wenigen Sätzen sagbar ist. Spannende Bilder erzählen über den Text hinaus, um ihn herum, an ihm vorbei, sie kreisen ihn ein, führen ihn weiter, sie erweitern den Blick und geben den Figuren und Erlebnissen den Freiraum, der ihnen zusteht.

Ein schönes Bilderbuch ist eine Schatzkiste, eine Wundertüte.

Man schlägt das Buch auf und lässt sich überraschen. Und auf jeder Seite gibt es Neues zu entdecken. Kein Wunder, dass ich als Kind – nach einem Zauberwort befragt – stolz sagte: „Umblättern!“

Zauberwort „umblättern“

Immer wenn Erwachsene – wie es so schön heißt – auf Kinder „aufpassen“, dann habe ich das Gefühl, es passiert etwas ganz anderes. In Wahrheit passen die Kinder auf die Erwachsenen auf, sie achten darauf, dass die Erwachsenen nicht alles vergessen in ihrem Leben.

So ist das auch beim gemeinsamen Lesen eines Bilderbuchs. Kinder lesen Worte und Bilder anders, kein Detail bleibt ihnen verborgen. Wo der Erwachsene umblättern will, entdeckt der kleine Betrachter eine neue Sensation.

Wir haben erst kürzlich so ein Buch gelesen, eine Fünfjährige und ein 50-Jähriger auf dem Sofa. Ein Abenteuer!

Es gibt ein wunderbares Bilderbuch von Ulf Stark und Eva Ericsson, es heißt „Als mein Papa mir das Weltall zeigte“. Das war unsere Lektüre, an diesem gemeinsamen Abend, und mein Lesen dieses Bilderbuchs hat noch lange nicht aufgehört.

Da geht ein Vater mit seinem Sohn durch die Nacht, sie gehen durch die leeren Straßen, sie gehen zur Wiese vor der Stadt, um eines zu üben – den Kopf zu heben.

Der Vater hat den Blick nur oben, im Sternenhimmel, er zeigt seinem Sohn die Sternbilder, er gibt dem Nicht-Fassbaren einen Namen – er zeigt den Kleinen Wagen und den Großen Wagen, den Kleinen Bären und den Großen Bären. Es gibt viel zu sehen und zu staunen da hoch über uns, und genau das will der Vater seinem Jungen zeigen.

Staunende Blicke

Der Sohn hat beim Gehen den Kopf unten, auf Kinderhöhe, er hat alles im Blick, was vor seinen Füßen liegt – und auch da gibt es viel zu entdecken, auch da, auf dem Boden, wartet ein Universum – ein Ball, ein Stein, eine Feder, ein Schatten auf dem Weg, eine Pfütze, in der sich das Licht spiegelt …

So gehen die beiden, einer mit dem Kopf weit oben, der andere mit dem Blick unten, auf dem Boden.

Der Vater kann den Jungen schließlich durchaus begeistern für den Blick in die Sterne, fürs Kopfheben, das Große, Unfassbare wird spürbar, auch für ihn.

Als der Vater – den Kopf immer noch oben mit Blick auf den Großen Bären – beim Heimweg in einen dunklen Haufen steigt und sich wundert: „Was ist denn das?“, da hat der Junge sofort die Antwort: „Das ist vom Großen Hund.“

Von beiden, von Vater und Sohn in dieser Geschichte, kann man viel lernen.

Man sollte ihn nie vergessen, diesen Blick aufs Ganze, aufs Große, und man sollte den Blick trotzdem immer wieder auch auf das richten, was uns da vor den Füßen liegt, was uns ins Rutschen und Stolpern bringt. Der genaue Blick auf das Leben mit seinen Hindernissen und den vielen wunderbaren Entdeckungen vor unseren Füßen – und der staunende Blick nach dem, was größer ist als wir: beide sind wichtig und notwendig.

Großer Bär und Großer Hund, beide gehören zu unserem Leben. Viele Bücher – auch viele Bilderbücher – erzählen genau davon.

Ich liebe Bilderbücher. Als Leser und Betrachter – und als Autor. Ich schreibe eine Geschichte – und eine Künstlerin, ein Künstler schreibt sie mit wunderbaren Bildern weiter. Ein Geschenk!

In meinem Bilderbuch „Jumbojet“ warten zwei Burschen auf ihre Eltern. Warten soll langweilig sein? Nicht für Kinder.

„Jumbojet“ sagt einer der Jungen, und schon fliegt ein gewaltiger Jumbojet durchs Bild. Ein roter Sportwagen wird herbeigedacht, eine Turboschnecke mit Düsenantrieb und vieles mehr. Auch Indianer und Piraten tauchen auf. Ein blauer Elefant geht durchs Bild und hoch über ihren Köpfen schwebt ein gewaltiger Luftwal.

Der dänische Künstlers Soeren Jessen hat zu diesem Lob der kindlichen Vorstellungskraft bunte, magische, ausdrucksstarke Bilder gemalt, Bilder, die der Phantasie der Kinder viel Raum geben und die einen auch auf den zweiten und dritten Blick ins Staunen bringen.

Nur ein Bild ist plötzlich grau, die Farbe verschwindet. Die Eltern der beiden sind im Anmarsch, sie sind unter Zeitdruck, so wie immer. Im Bild ist das wörtlich genommen. Die Eltern sind schwer mit Uhren beladen, die Zeit sitzt ihnen im Genick und auf dem Rücken wie ein schwerer Rucksack, so kommen sie bedrückt näher.

Die beiden Kinder bleiben unbeeindruckt – und unversehrt.

„Morgen? Gleiche Zeit?“, fragen sie einander – und schon kommt wieder Farbe ins Bild ...

Sprache der Bilder

Bilder sind Sprache.

Kinder können Bilder oft besser lesen als Erwachsene. Das zeigt ein gemeinsamer Blick ins Bilderbuch.

Schade, dass die Erwachsenen für die Sprache der Bilder so wenig übrig haben. Haben sie sich zu sehr an die rasche Bildfolge im Fernsehen oder im Kino gewöhnt? Genügt es ihnen nicht mehr, in einem Buch mit zwölf oder vierzehn Bildern zu blättern? Fehlt ihnen der lange geduldige Blick?

Anspruchsvolle Bilderbücher nehmen ihre Leserinnen und Leser, ihre Betrachter ernst – es sind also immer auch Bücher für Kinder und Erwachsene ...

In diesem Sinne: Bilderbücher für alle!

Jumbojet

Von Heinz Janisch und Jessen Soeren

Bajazzo 2009. 32 S., geb., e 14,30

„Jumbojet“ erhält den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2010 für das beste Bilderbuch.

Heinz Janisch, geb. 1960. Mitarbeiter beim ORF, verantwortlicher Redakteur der Porträtreihe „Menschenbilder“. Veröffentlichungen als Autor, darunter viele Kinderbücher, die in mehr als 25 Sprachen übersetzt wurden, u.a. „Der König und das Meer“, „Rote Wangen“, „Eine Wolke in meinem Bett“. Auch Theaterstücke und Hörspiele. Zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt der Österreichische Kinder- und Jugendbuchpreis. www.heinz-janisch.com

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