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Feuilleton

Blue chip der Literatur

1945 1960 1980 2000 2020

Alois Vogel schuf ein großes österreichisches Panorama mit vielen Schattierungen.

1945 1960 1980 2000 2020

Alois Vogel schuf ein großes österreichisches Panorama mit vielen Schattierungen.

Wenn man mich fragt, welche Werkausgaben der Kenner und Freund österreichischer Literatur seit 1945 griffbereit haben sollte: Alois Vogel gehört unbedingt dazu. Die Gelegenheit ist da: Drei Bände sind fertig, der nächste folgt demnächst, der letzte im Frühjahr 2002 kurz nach Vogels 80. Geburtstag.

Der zurückhaltende Herr mit der feinen ironischen Art und den skeptischen Ansichten hat sich nie in den Vordergrund gedrängt. Aber er hat nie einen Bogen um Themen gemacht, denen andere aus dem Weg gingen. Freilich ist er, obwohl es bei ihm nie an Deutlichkeit fehlt, als politischer Romancier ebenso vornehm wie im persönlichen Umgang. Er ist, hoffentlich verzeiht er den profanen Vergleich, ein blue chip der österreichischen Literatur. Ein bleibender Wert, auf den man sich verlassen kann.

Dabei ist schwer abzuschätzen, welcher Alois Vogel einmal höher geschätzt werden wird: der Lyriker oder der Romancier. Der "reine" oder der bedingungslos der Humanität dienende politische Lyriker. Die Wertschätzung wird wohl, wie stets in solchen Fällen, jeweils von den politischen und wirtschaftlichen Umständen abhängen. Auf jeden Fall wird dieses Werk bleiben. Seinem Überleben könnte gerade der Umstand dienlich sein, der einer adäquaten Rezeption lange im Wege stand: Vogel redet keinem der großen Lager nach dem Mund.

Auch und gerade, wenn er über den Menschen unter dem Druck der politischen Verhältnisse schreibt. Sein Roman "Schlagschatten" handelt vom Februar 1934 und steht als wichtige Ergänzung neben dem großartigen Fragment "So starb eine Partei" von Jura Soyfer. Auch Vogel sieht den Bürgerkrieg vom Februar 1934, in dem die SPÖ niedergeschlagen und vollständig aus dem politischen Leben ausgeschaltet wurde, aus dem Blickwinkel der Sozialdemokraten und steht auf ihrer Seite. Aber er zeigt auch die Gegenseite. Leni und Hans, dem roten Schutzbundführer im Karl-Marx-Hof und seiner Frau, steht der schwarze Heimwehrmann Richard gegenüber. Auch auf den Sohn eines Försters vom Leopoldsberg und alten k.u.k. Unteroffiziers kann man sich menschlich verlassen. Auch seine Mutter hat das Herz am rechten Fleck. Eins gibt es nämlich nicht in diesem österreichischen Panorama: Die Guten und die Bösen. Nur kleine Leute, die ihre großen Bewährungsproben besser oder schlechter bestehen. Und die fünf Jahre später später besser oder schlechter, mit mehr oder weniger Mut, im Roman "Totale Verdunkelung" die Bewährungsproben der Nazizeit und des Zweiten Weltkrieges bestehen werden.

Alois Vogel, im zweiten Weltkrieg gezwungenermaßen Flugzeugmechaniker in der deutschen Luftwaffe, ist nicht nur ein unbestechlicher, sondern auch ein verständnisvoller Beobachter des Menschen. Und einer, der all das noch erlebt hat, worüber er schreibt. Zwanzig Zigaretten wird sie ihm kaufen, wenn er mit dem Leben davonkommt, hören wir 1934 von der um das Leben ihres Mannes bangenden Leni. Das ist die damalige soziale Realität. Eine ganze Packung Zigaretten auf einmal ist für die Proletarierfrau im Karl-Marx-Hof der Gipfelpunkt des Luxus.

Die Romane "Schlagschatten" und "Totale Verdunkelung" sind in der Werkausgabe bereits in einem Band erschienen. Ebenfalls erschienen ist der Band "Zeitmäander", Gedichte der Jahre 1965 bis 1997. Alois Vogel ist einer der großen österreichischen Lyriker, auch daran kann kein Zweifel bestehen. Über seine Lyrik zu schwärmen, ist müßig, man muss sie lesen. Mitunter gerät Politisches sogar in die reine Naturbeobachtung. Etwa in diesem winzigen Gedicht: Die Forelle schwimmt auch im reißenden Bergbach gegen die Strömung.

Vogel wurde zu seinem Missvergnügen sogar mit Ernst Jünger verglichen. Einflüsse auf seine Lyrik gingen aber von Walt Whitman und Ezra Pound aus und unter den Romanciers schätzt er besonders Dostojewski und Julien Green, dessen Wirkung auf ihn jedenfalls stärker war als die Kafkas, die ebenfalls registriert wurde.

Kürzlich erschien der dritte Band mit dem Roman "Jahr und Tag Pohanka" und elf Erzählungen autobiographischen und zeitgeschichtlichen Inhalts. Der für das kommende Frühjahr angekündigte Band wird neben dem Erstling "Das andere Gesicht" den Roman "Das blaue Haus" enthalten, der von Nachkriegszeit und Wohlstand handelt. Vogel weiß hier seine Leser raffiniert in die Irre zu führen. "Das blaue Haus" ist, oder scheint wenigstens zunächst, von den Schwierigkeiten eines ungarischen Flüchtlings von 1956 zu handeln, der in Wien Fuß zu fassen sucht. Doch unversehens wandelt sich die Geschichte zum Bericht über eine Verspießbürgerlichung. Liebevoll macht uns der Autor mit Attila bekannt, der als Oppositioneller, Denkender, östlicher Nicht-Anpasser nach Österreich kommt, um hier in der Konsumgesellschaft zu versumpfen. Dabei bedient sich Vogel eines grausigen Kunstgriffes. Er führt uns gleich am Anfang am Beispiel eines dem Flüchtling gegenüber durchaus hilfsbereiten, aber hohlen, verfressenen kleinen Spießbürgers vor, was am Ende aus Attila geworden sein wird.

Alois Vogel, in meinen Augen neben Jura Soyfer der menschlichste literarische Zeuge und Beobachter des Februar 1934 und ein sehr menschlicher Schilderer österreichischer Verstrickungen im Zweiten Weltkrieg, erweist sich im "Blauen Haus" als unbarmherziger Registrator der kleinen Mief-Idylle in der großen Wohlstandswelt. Des tiefen Absturzes in die Selbstzufriedenheit. Dabei machen die Personen erstaunliche Wandlungen durch, die sich nicht aus ihrer eigenen, sondern aus der Entwicklung der Erzählung und ihrer Perspektive ergeben. Ganz anders als bei Nestroy, aber in der bitterbösen Aussage vergleichbar, wird das Happy End zur eigentlichen Tragödie.

Alois Vogel ist längst kein Geheimtipp mehr. Er wurde auch in etliche Sprachen übersetzt. Die dritte Übertragung ins Englische erscheint demnächst, auf Polnisch liegen drei Bücher vor. Aus dem P.E.N.-Club ist das Vorstandsmitglied, ebenso wie schon Anna Mitgutsch und Uta Roy-Seifert, ausgetreten. Anlass war das Scheitern des Ausschlussantrages gegen das Mitglied Peter Sichrovsky. Anlass des Ausschlussbegehrens war aber nicht dessen Engagement in der FPÖ, was jedermanns gutes Recht ist, sondern seine massive Geschichtsklitterung im Sinne des Geschichtsbildes der äußersten Rechten vor allem im Buch "Der Antifa-Komplex". Man kann sich, meint Alois Vogel, die Zeiten, in denen Flagge gezeigt werden muss, leider nicht aussuchen.

Jahr und Tag Pohanka und 11 Erzählungen. Von Alois Vogel. Band III der fünfbändigen Werkausgabe. Deuticke Verlag, Wien 2000, 450 Seiten, geb., öS 498,-/e 36,19

Wenn man mich fragt, welche Werkausgaben der Kenner und Freund österreichischer Literatur seit 1945 griffbereit haben sollte: Alois Vogel gehört unbedingt dazu. Die Gelegenheit ist da: Drei Bände sind fertig, der nächste folgt demnächst, der letzte im Frühjahr 2002 kurz nach Vogels 80. Geburtstag.

Der zurückhaltende Herr mit der feinen ironischen Art und den skeptischen Ansichten hat sich nie in den Vordergrund gedrängt. Aber er hat nie einen Bogen um Themen gemacht, denen andere aus dem Weg gingen. Freilich ist er, obwohl es bei ihm nie an Deutlichkeit fehlt, als politischer Romancier ebenso vornehm wie im persönlichen Umgang. Er ist, hoffentlich verzeiht er den profanen Vergleich, ein blue chip der österreichischen Literatur. Ein bleibender Wert, auf den man sich verlassen kann.

Dabei ist schwer abzuschätzen, welcher Alois Vogel einmal höher geschätzt werden wird: der Lyriker oder der Romancier. Der "reine" oder der bedingungslos der Humanität dienende politische Lyriker. Die Wertschätzung wird wohl, wie stets in solchen Fällen, jeweils von den politischen und wirtschaftlichen Umständen abhängen. Auf jeden Fall wird dieses Werk bleiben. Seinem Überleben könnte gerade der Umstand dienlich sein, der einer adäquaten Rezeption lange im Wege stand: Vogel redet keinem der großen Lager nach dem Mund.

Auch und gerade, wenn er über den Menschen unter dem Druck der politischen Verhältnisse schreibt. Sein Roman "Schlagschatten" handelt vom Februar 1934 und steht als wichtige Ergänzung neben dem großartigen Fragment "So starb eine Partei" von Jura Soyfer. Auch Vogel sieht den Bürgerkrieg vom Februar 1934, in dem die SPÖ niedergeschlagen und vollständig aus dem politischen Leben ausgeschaltet wurde, aus dem Blickwinkel der Sozialdemokraten und steht auf ihrer Seite. Aber er zeigt auch die Gegenseite. Leni und Hans, dem roten Schutzbundführer im Karl-Marx-Hof und seiner Frau, steht der schwarze Heimwehrmann Richard gegenüber. Auch auf den Sohn eines Försters vom Leopoldsberg und alten k.u.k. Unteroffiziers kann man sich menschlich verlassen. Auch seine Mutter hat das Herz am rechten Fleck. Eins gibt es nämlich nicht in diesem österreichischen Panorama: Die Guten und die Bösen. Nur kleine Leute, die ihre großen Bewährungsproben besser oder schlechter bestehen. Und die fünf Jahre später später besser oder schlechter, mit mehr oder weniger Mut, im Roman "Totale Verdunkelung" die Bewährungsproben der Nazizeit und des Zweiten Weltkrieges bestehen werden.

Alois Vogel, im zweiten Weltkrieg gezwungenermaßen Flugzeugmechaniker in der deutschen Luftwaffe, ist nicht nur ein unbestechlicher, sondern auch ein verständnisvoller Beobachter des Menschen. Und einer, der all das noch erlebt hat, worüber er schreibt. Zwanzig Zigaretten wird sie ihm kaufen, wenn er mit dem Leben davonkommt, hören wir 1934 von der um das Leben ihres Mannes bangenden Leni. Das ist die damalige soziale Realität. Eine ganze Packung Zigaretten auf einmal ist für die Proletarierfrau im Karl-Marx-Hof der Gipfelpunkt des Luxus.

Die Romane "Schlagschatten" und "Totale Verdunkelung" sind in der Werkausgabe bereits in einem Band erschienen. Ebenfalls erschienen ist der Band "Zeitmäander", Gedichte der Jahre 1965 bis 1997. Alois Vogel ist einer der großen österreichischen Lyriker, auch daran kann kein Zweifel bestehen. Über seine Lyrik zu schwärmen, ist müßig, man muss sie lesen. Mitunter gerät Politisches sogar in die reine Naturbeobachtung. Etwa in diesem winzigen Gedicht: Die Forelle schwimmt auch im reißenden Bergbach gegen die Strömung.

Vogel wurde zu seinem Missvergnügen sogar mit Ernst Jünger verglichen. Einflüsse auf seine Lyrik gingen aber von Walt Whitman und Ezra Pound aus und unter den Romanciers schätzt er besonders Dostojewski und Julien Green, dessen Wirkung auf ihn jedenfalls stärker war als die Kafkas, die ebenfalls registriert wurde.

Kürzlich erschien der dritte Band mit dem Roman "Jahr und Tag Pohanka" und elf Erzählungen autobiographischen und zeitgeschichtlichen Inhalts. Der für das kommende Frühjahr angekündigte Band wird neben dem Erstling "Das andere Gesicht" den Roman "Das blaue Haus" enthalten, der von Nachkriegszeit und Wohlstand handelt. Vogel weiß hier seine Leser raffiniert in die Irre zu führen. "Das blaue Haus" ist, oder scheint wenigstens zunächst, von den Schwierigkeiten eines ungarischen Flüchtlings von 1956 zu handeln, der in Wien Fuß zu fassen sucht. Doch unversehens wandelt sich die Geschichte zum Bericht über eine Verspießbürgerlichung. Liebevoll macht uns der Autor mit Attila bekannt, der als Oppositioneller, Denkender, östlicher Nicht-Anpasser nach Österreich kommt, um hier in der Konsumgesellschaft zu versumpfen. Dabei bedient sich Vogel eines grausigen Kunstgriffes. Er führt uns gleich am Anfang am Beispiel eines dem Flüchtling gegenüber durchaus hilfsbereiten, aber hohlen, verfressenen kleinen Spießbürgers vor, was am Ende aus Attila geworden sein wird.

Alois Vogel, in meinen Augen neben Jura Soyfer der menschlichste literarische Zeuge und Beobachter des Februar 1934 und ein sehr menschlicher Schilderer österreichischer Verstrickungen im Zweiten Weltkrieg, erweist sich im "Blauen Haus" als unbarmherziger Registrator der kleinen Mief-Idylle in der großen Wohlstandswelt. Des tiefen Absturzes in die Selbstzufriedenheit. Dabei machen die Personen erstaunliche Wandlungen durch, die sich nicht aus ihrer eigenen, sondern aus der Entwicklung der Erzählung und ihrer Perspektive ergeben. Ganz anders als bei Nestroy, aber in der bitterbösen Aussage vergleichbar, wird das Happy End zur eigentlichen Tragödie.

Alois Vogel ist längst kein Geheimtipp mehr. Er wurde auch in etliche Sprachen übersetzt. Die dritte Übertragung ins Englische erscheint demnächst, auf Polnisch liegen drei Bücher vor. Aus dem P.E.N.-Club ist das Vorstandsmitglied, ebenso wie schon Anna Mitgutsch und Uta Roy-Seifert, ausgetreten. Anlass war das Scheitern des Ausschlussantrages gegen das Mitglied Peter Sichrovsky. Anlass des Ausschlussbegehrens war aber nicht dessen Engagement in der FPÖ, was jedermanns gutes Recht ist, sondern seine massive Geschichtsklitterung im Sinne des Geschichtsbildes der äußersten Rechten vor allem im Buch "Der Antifa-Komplex". Man kann sich, meint Alois Vogel, die Zeiten, in denen Flagge gezeigt werden muss, leider nicht aussuchen.

Jahr und Tag Pohanka und 11 Erzählungen. Von Alois Vogel. Band III der fünfbändigen Werkausgabe. Deuticke Verlag, Wien 2000, 450 Seiten, geb., öS 498,-/e 36,19