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Der teure Weg zum kantigen Profil

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Ob Verkäufer, Lehrer, Politiker oder Sektionschefs: Neben fachlicher Kompetenz sind immer stärker "soft skills" gefragt. Eine bunte Palette an Trainern und Seminaren will ihnen helfen, mehr oder weniger seriös an der Persönlichkeit zu feilen.

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Ob Verkäufer, Lehrer, Politiker oder Sektionschefs: Neben fachlicher Kompetenz sind immer stärker "soft skills" gefragt. Eine bunte Palette an Trainern und Seminaren will ihnen helfen, mehr oder weniger seriös an der Persönlichkeit zu feilen.

Das satte Schönbrunngelb leuchtet in der Sonne. Dutzende Sonntagsjogger kreuzen den Schloßpark und machen den japanischen Touristen das Fotografieren schwer. Fernab der Idylle, im Schönbrunner Apothekertrakt, haben sich 17 Neugierige versammelt, um zum Preis von 2.700 Schilling und einem freien Wochenende ihre Nase in unbekannte Sphären zu stecken: In die Welt von NLP. Kaum einer weiß wirklich, was "Neuro-Linguistisches Programmieren" bedeutet. Doch das hindert niemanden daran, sich vom Schnupperseminar jede Menge zu erwarten.

Die Boutiquebesitzerin hofft auf weniger Kundschafts-Tratsch und mehr Umsatz, der EDV-Ausbildner erwartet sich effizienteres Arbeiten, der Sozialarbeiter wünscht sich besseren Zugang zu den Drogenkranken und die Medizinstudentin träumt von besseren Prüfungsnoten. Allen gemeinsam ist der Verdacht, daß Erfolg und Mißerfolg nicht nur von fachlicher Kompetenz abhängen, sondern immer mehr vom zwischenmenschlichen Fingerspitzengefühl.

Sagenumwoben Die Neugierde im Seminarraum hat freilich auch einen anderen Grund: "Das riecht alles irgendwie nach Manipulation, und das interessiert mich", gesteht ein Teilnehmer noch vor dem Eröffnungsgong. Seminarleiter Wolfgang Karber, traditionellerweise von allen geduzt, ist sich des zweifelhaften Rufes von NLP bewußt und geht sogleich in die Offensive: "Manche haben entsprechende Vorurteile, manche schon Urteile. Mal schauen, was wir verifizieren können." Tatsächlich umweht das Neuro-linguistische Programmieren in den Gazetten ein manipulativer Hauch. "Haiders Geheimnis heißt NLP", wurde etwa im "Standard" verkündet. Eine Behauptung, die Peter Schütz - Mitbegründer und Trainer am Österreichischen Trainingszentrum für NLP in Wien - so nicht stehen lassen will: "Jörg Haider hat einen Sportcoach, der auch NLP gelernt hat, aber er selbst hat keine NLP-Ausbildung. Haider ist einfach ein ausgezeichneter Wahrnehmer menschlicher Metaphern." Es scheint, als habe der (ehemalige) FPÖ-Chef die goldenen Kommunikations-Regeln im Blut. "Wenn man die relevanten Muster eines Menschen kennt, weiß man, was man verändern kann", erklärt Schütz. Eine vieler kommunikationstheoretischer Binsenweisheiten, die NLP systematisiert hat und erfolgreich vermarktet.

So deuten NLP-Geschulte die Augenbewegungen des Gegenübers und schlußfolgern auf einen eher visuellen, auditiven oder kinästhetischen (körperlichen) Typ. Sie gleichen ihre Körperhaltung und Sprache jener des Partners an und gehen damit "in Rapport". Sie fragen therapeutisch nach den Zielen des Vis-a-Vis und "leaden" es schließlich dorthin, wohin es selbst will oder wohin sie es gerne brächten.

Wenn auch die Methode umstritten ist: Das Trainieren der eigenen Kommunikationsfähigkeit ist in jedem Fall ein erster Schritt zum beruflichen Erfolg. Gerade an den "soft skills", den Fähigkeiten im Umgang mit Kunden, Mitarbeitern oder dem Chef, hapert es oft gewaltig, weiß der Psychologe und Berater, Universitäts-professor Paul Weingarten. ",Soft skills' ist das Synonym für all jene Fertigkeiten, die man nicht an der Uni lernt", faßt er den diffusen Begriff zusammen. "Die Produktunterschiede sind heute lang nicht mehr so groß: Der Gewinner ist also der mit dem besseren Kundenservice." Die hohe Wertschätzung der "soft skills" habe einen wahren Boom an Seminaren und Trainings ausgelöst, erzählt Weingarten und kramt in der Erinnerung. "Ich hatte zum Beispiel einen Sektionschef, der schon 25 Jahre lang seinen Job gemacht hat. Mit ihm habe ich ein Kooperationstraining gemacht, damit er fähig wird zu delegieren und die Kollegen zu loben. Ein Sektionschef beißt sich ja eher die Zunge ab, als einem Mitarbeiter direkt zu sagen, daß er ihn schätzt."

Gemeinsames Outing Das Schema seiner Seminare bleibt meist gleich: 10 bis 12 Leute verbringen gemeinsam mit zwei Trainern ein Wochenende in einem Landgasthof. Dort wird gemeinsam geübt und mit Video analysiert, dort werden Konflikte angesprochen, Burn-Outs gestanden oder Mobbing thematisiert. Bis zu 8.000 Schilling kostet jeden Teilnehmer die begleitete Selbsterfahrung, für den Trainer bleiben pro Tag bis zu 20.000 Schilling übrig. "Wobei ein Seminartag oft lange dauert", erzählt Weingarten schmunzelnd, "denn die eigentlich interessanten Fragen entstehen oft erst später bei einem Glas Wein."

Nicht jeder Trainer ist sein Geld wert - die Grenzen der Seriosität drohen gerade im Trainer- und Coachingbereich zu verschwimmen, warnt Weingarten: "Vor allem bei Gruppendynamikseminaren können viele Trainer die Teilnehmer schwer hindern, auf einzelne Personen draufzuhauen. Manche Leute kommen völlig gebrochen von solchen Seminaren, manchmal führt das bis zum Suizid." Daher lehne er es auch ab, Gruppenseminare für die gesamte Belegschaft einer Firma zu halten: "Wenn ewas Unvorhergesehenes geschieht - jemand gesteht einen Diebstahl oder beginnt zu weinen - wird er später von den Kollegen nicht mehr ernstgenommen." Eine Erfahrung in der Branche könne er jedenfalls unterschreiben: "Seminare machen die Starken stärker und die Schwachen schwächer." Vor allem müßten sich Trainer davor hüten, den Teilnehmern das Blaue vom Himmel zu versprechen: "Man kann tatsächlich mehr erreichen, als man glaubt. Doch nicht jeder kann Konzertpianist werden, auch wenn er noch so sehr will."

Mit Versprechungen genau dieser Art sind findige Erfolgsgurus reich geworden. In seiner Erfolgs-Bibel "Die Gesetze für Gewinner" gibt etwa der deutsche Finanz-Coach Bodo Schäfer Tips auf dem Weg zur ersten Million. "Wie Sie Erfolgs-Gewohnheiten entwickeln, durch die Sie zwangsweise reich werden" wird hier verraten. Oder "Der 10-Punkte-Plan, mit dem Sie sich von unnötigen Ängsten befreien", "24 goldenen Regeln, mit denen Sie einflußreiche Freunde gewinnen" und schließlich "Warum Sie sich freuen sollten, wenn Sie unzufrieden sind."

Exquisite Weisheiten Schäfers Geheimtips sind nicht ganz billig: Der Kassettenkurs mit den "Gesetzen für Gewinner" kostet umgerechnet 1.250 Schilling. Schon um 280 Schilling kann sich dafür die weibliche Leserschaft einreden: "Geld tut Frauen richtig gut!" Und den Kleinsten gibt "Ein Hund namens Money" endlich die Chance, "an einem Privileg der Erwachsenen - dem Geldverdienen - teilzunehmen". Das bejubelt zumindest ein sogenannter Kinderpsychologe im virtuellen Shop der Bodo-Schäfer-Homepage - eifrig unterstützt von blinkenden Bestell-Buttons.

Kein Zweifel: Schäfers simple Lebensregeln mit finanzieller Erfolgsgarantie kommen an. Im Unterschied zur alternativen Psycho-Branche der 70er Jahre locken die Gurus von heute die Massen mit Lebensfreude und Ehrgeiz in die Stadien. Bei Botschaften wie "Denke nach und werde reich" oder "Träume. Setze dir Ziele. Passe deine Werte immer wieder deinem Ziel an" werden sogar Banker im grauen Anzug weich. Manch einer wagt beim Deutschen Jürgen Höller sogar einen "Feuerlauf". Sein Motto lautet "Armut kommt von ,arm an Mut'". Und so spazieren Manager mit hochgekrempelten Hosen über glühende Kohlen. Zumindest ein Adrenalinschub ist ihnen sicher.

Psychotherapeuten warnen einhellig vor Spektakeln dieser Art und vergleichen sie mit psychologischem "Fast-Food" und Massenpsychose. Negative Folgen wie Depressionen seien nicht auszuschließen. Als Ursache des Mental- und Psycho-Booms sehen viele jene Leerstelle, die die Religionen in den Herzen der Menschen hinterlassen hätte. Auch NLP-Trainer Peter Schütz ortet hier einen Zusammenhang und verweist auf die Statistik: "Die Anzahl der Priester ist von 1950 bis heute um etwa das Gleiche zurückgegangen wie die Zahl der Psychotherapeuten zugenommen hat." Die Kirche habe schlicht und einfach Marktanteile an die Trainer, Coaches und Therapeuten verloren. Fernöstlich angehauchte Lebenslehren sollen nun das Sinn-Vakuum füllen: So garniert der Indo-Amerikaner Deepak Chopra sein Erfolgsmenü mit hinduistischer Spiritualität. Und der ehemalige Yogi-Mönch John Gray verquickt Karrieretipps mit Ratschlägen wie: "Sorge dafür, daß du von allen geliebt wirst, und sieh zu, daß du alle liebst."

Keine Garantie Wie aber soll nun ein lernwilliger Kunde erkennen, ob ihm ein Trainer seriöse Beratung bietet oder er sein Erspartes einem geldgierigen Guru in den Rachen wirft? "Die Grenzen der Seriosität sind dort, wo ein Anbieter Garantien abgibt und Versprechung-en macht, die er nicht halten kann", meint Peter Jelinek von der Wiener Trainerakademie. "Das Lernen funktioniert nicht, wie wenn ich Öl in den Motor gebe, und dann läuft er automatisch besser."

Auch der selbstständige Coach und Outdoor-Trainer Claus Lackerbauer ist gegenüber selbsternannten Erfolgstrainern skeptisch: "Es gibt einen Text mit dem Titel ,How to become a Guru': Zuerst muß man den Leuten sagen, sie sind Vollidioten, und was 2.000 Jahre lang praktiziert worden ist, ist Schwachsinn. Dann muß man einfach nur behaupten, den Stein der Weisen entdeckt zu haben." Er selbst kann mittlerweile gut von den 120 Trainingstagen pro Jahr leben. In seinen Outdoor-Trainings will er die Teilnehmer dazu bringen, selbstgesteckte Ziele zu erreichen, etwa die angepeilte Höhe auf einem Kletter-pfahl. "Das objektive Risiko muß null sein, das subjektive 100 Prozent".

Mit den Methoden des Neuro-Linguistischen Programmierens hat Lackerbauer nicht allzu viel am Hut: "Die Grundidee des NLP ist ja zu schauen, was erfolgreiche Menschen ausmacht. Das Geheimnis ist, dem anderen das Gefühl zu geben, verstanden zu werden. Doch NLP macht die Dinge oft sehr einfach, nach dem Motto: Du brauchst nur deine Bilder switchen und bist erfolgreich."

Daß die Sache nicht ganz so einfach ist, wissen mittlerweile auch die 17 Neugierigen im Schönbrunner Apothekertrakt. Doch die meisten sind von den kommunikativen Kniffen angetan und wollen weitermachen. Nur ein Teilnehmer aus der PR-Branche meldet ideologische Bedenken an: "Das war doch strategische Manipulation", behauptet er und bekommt als Antwort ein klassisches Beispiel vor die Nase geknallt: "Jede Methode kann man einsetzen wie einen Hammer: Damit kann ich einen Nagel in die Wand schlagen oder einen Menschen töten", verteidigt Wolfgang sich und seine Methode. Und schließlich geschehe Beeinflussung und Manipulation überall. Darin gibt ihm sogar der Psychologe Weingarten Recht: "Wir werden geleitet, erzogen und manipuliert, ab der Sekunde unserer Geburt."

Trainingsangebote, Ausbildungen: Österr. NLP-Trainingszentrum: www.nlpzentrum.at Wiener Trainerakademie: 01/535 55 99-0 Perfact-Training: www.perfacttraining.com Teamwork Schulungen: www.teamwork.co.at Österr. Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik: www.oeagg.at initiative outdoor-aktivitäten: www.univie.ac.at/sportwissenschaften/ioa keytrain: www.keytrain.at training.co.at: www.training.co.at

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