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"Nur wenige Eltern haben ihre eigenen Verletzungen verarbeitet“

Dem Schicksal, wie die eigene Mutter oder der eigene Vater zu sein, könne man schwer entrinnen. Das müsse aber nicht bloß schlimm sein, sagt Psychologin Sabine Standenat.

* Das Gespräch führte Bernhard Madlener

Mütter und Väter sind weder als "beste Freundin“ noch als unbarmherziger Drill-Sergeant gefragt. Die Heranwachsenden brauchen sie vielmehr als positive Rollenbilder.

Die Furche: Medien zeichnen oft eine perfekte Mutter-Tochter-Beziehung: Beide verstehen einander gut, können über alles reden, treten im Partnerlook auf. Was halten Sie von diesem Bild der "besten Freundin“?

Sabine Standenat: Das kommt in der Realität nur selten vor. Ich kenne durchaus Fälle, in denen die Mutter gerne die beste Freundin wäre. Aber das wollen die Töchter meist nicht. Sie finden nicht toll, dass sich die Mutter aus ihrem Kleiderschrank bedient, oder mit in die Disco will. Und es gibt Themen, die sie nicht mit ihr besprechen wollen.

Die Furche: Fühlen sich Mädchen in der Pubertät nicht sogar zu wenig ernst genommen, wenn die natürliche Hierarchie schwindet?

Standenat: Durchaus. Sie wollen eine starke Mutter, an der sie sich im positiven Sinn ein Beispiel nehmen können. Eine die vorlebt, wie man in dieser Welt Frau sein kann.

Die Furche: Haben die Burschen dann entsprechend eher Probleme mit ihren Vätern?

Standenat: Natürlich gibt es immer wieder Klienten, die eine Vater-Sohn-Beziehung verarbeiten. Aber langfristig haben auch Männer größere Probleme mit ihrer Mutter. Das geht soweit, dass sie ihre Mama nicht mit einer Partnerin "betrügen“ können.

Die Furche: Wie zeigt sich das im Alltag?

Standenat: Sehr gut lässt es sich in Fällen einer medizinisch bzw. physiologisch nicht begründbaren Impotenz beobachten. Da geht es vielfach wirklich darum, dass ein Mann seiner Frau etwas "nicht geben“ kann. Eben weil er seiner Mutter unbewusst die Treue hält oder sich dafür rächt, dass er schlecht behandelt worden ist.

Die Furche: Unlängst erregte Amy Chua, Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, Aufmerksamkeit als "Tiger Mom“. Sie hat ihre Töchter mit unbarmherzigem Drill zum Erfolg als Pianistin und Geigerin gebracht: Das Gegenteil der "Freundin“. Am Ende erweisen sich die Kinder aber als die größeren Dickköpfe. Gäbe es ohne Rebellion überhaupt eine ordentliche Identitätsbildung?

Standenat: Mir hat der Atem gestockt, als ich davon gehört habe. Dieser Drill ist grauenvoll. Wenn die Töchter es wirklich geschafft haben, sich zu wehren: Hut ab! Die hätten daran zerbrechen können. Was die Rebellion betrifft: Eine schrankenlose antiautoritäre Erziehung ist nicht sinnvoll. Eltern sollten ihren Kindern eine liebevolle Linie geben und sinnlose Machtdemonstrationen unterlassen. Manche tun das ja aus Prinzip und bestehen darauf, dass genau "jetzt“ der Mist weggetragen wird, obwohl vielleicht gerade die letzten zehn Minuten vom Krimi laufen. Oder dass ein Kind quasi "im Moment“ zu spielen aufhören soll. Das ist oft gar nicht nachvollziehbar. Eine förderliche Unterstützung ist zielführender. Selbst wenn die Tochter grüne Haare haben will, ist eine gewisse Aufgeschlossenheit gefragt.

Die Furche: Man hört, junge Männer hätten zunehmend Probleme bei der Identitätsfindung. Vorbilder fehlen - sei es, weil Väter zu viel arbeiten oder, bei steigender Scheidungsrate, ganz abhanden kommen. Wird das ein größeres Problem?

Standenat: Ich glaube, dass das bei beiden Geschlechtern ein Problem ist - aber nicht erst seit heute. Es gibt einfach wenige Eltern, die ihre eigene Geschichte und damit verbundene Verletzungen soweit verarbeitet haben, dass sie perfekte oder ausreichend gute Eltern sind. Oft setzen sie unbewusst das fort, was sie selbst erlebt haben. Am ehesten hat sich noch etwas zum Positiven entwickelt, weil Männer heute mehr Interesse für ihre Kinder zeigen, als noch vor einiger Zeit.

Die Furche: Wenn wir also mehrheitlich die Fehler unserer Eltern wiederholen, wie lässt sich dieser Kreis durchbrechen?

Standenat: Indem man sich einmal eingesteht, wo man ein Defizit hat. Man muss sich ehrlich sagen: "Ja, ich kriege nicht alles auf die Reihe.“ Und dann sollte man das selber zu lösen versuchen oder sich nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das heißt nicht, dass jeder gleich eine ganze Therapie machen muss. Oft reicht es auch schon, sich einmal ordentlich auszusprechen.

Die Furche: Auf dieser Basis muss man es wohl doch ernst nehmen, wenn Verwandte und Bekannte sagen: "Du bist wie deine Mutter“ bzw. "wie dein Vater“?

Standenat: Ja, aber das kann durchaus auch etwas Gutes sein. Wenn es kein "Volltreffer“ ist, dann wird man sagen: Nein, eigentlich stimmt das nicht. Sehr ernst nehmen muss man es jedoch, wenn die Einschätzung Dritter einen wirklich verletzt. Da sollte man nachforschen: Warum ist das so, und wie kann ich das ändern? Was mich immer aufregt sind Aussagen wie: "Ich hab‘s nicht bekommen, daher kann ich es nicht geben.“ Also wenn jemand weiß wie es sich anfühlt, als Kind keine Liebe zu bekommen oder sogar geschlagen zu werden, und dann trotzdem genau so agiert: Das ist schrecklich.

Zur Person

Sabine Standenat ist 55 Jahre alt und arbeitet seit 1986 als Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin mit eigener Praxis in Wien. Sie hat mehrere Bücher und Artikel zu den Themen Selbstliebe/-akzeptanz und Frausein veröffentlicht.

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