Digital In Arbeit

Politisch spontane Jugend

Politik ist öd, alt und uncool. Diese Einschätzung haben wohl viele Jugendliche, vergleicht man Zahlen über Wahlbeteiligung oder Analysen zum politischen Interesse Jugendlicher. Erst kürzlich erreichte die Beteiligung an den ÖH-Wahlen ihren Tiefststand: Lediglich jeder vierte Student machte von seinem Stimmrecht Gebrauch, an den Unis Wien und Salzburg gar nur jeder fünfte.

Die jüngste Jugendwertestudie schlägt in dieselbe Kerbe: Nur ein Drittel der Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren gab an, sich „sehr“ bis „etwas“ für Politik zu interessieren, die restlichen Mädchen und Burschen hätten „kaum“ bis „gar kein“ Interesse. Weniger pessimistisch ist die Studie von SORA: Jugendliche hätten „deutliches politisches Interesse“, zwei Drittel würden immerhin ein- bis zweimal die Woche oder öfter politische Themen verfolgen.

Leere Versprechen der Politiker

Große Unzufriedenheit gebe es jedoch mit den Parteien und Politikern: Nur jedes fünfte Mädchen, jeder fünfte Bursche schenkt ihnen Vertrauen, zwei Drittel hält die Versprechen der Politiker für leer. Doch auch wenn für längeres politisches Engagement die Motivation zu fehlen scheint, für ihre Anliegen formiert sich die Jugend dennoch, dann aber eher spontan: So versammelten sich erst kürzlich im April nach Schätzungen 8.000 Schüler österreichweit zum Streik für mehr Bildungsbudget, im Juni trieb es über 4.000 junge Menschen in Wien und Graz auf die Straße, um im Rahmen der Aktion „Lichterkette“ ein Zeichen gegen die „immer aggressiveren und menschenverachtenden Wahlkampfparolen einiger österreichischer Parteien“ zu setzen. Ingrid Kromer vom Institut für Jugendforschung stellt fest: „Parteipolitisch sind Jugendliche zwar desinteressiert, dennoch haben sie politisches Interesse: Die Art des Engagements hat sich verändert: Sie formieren und artikulieren sich anders, etwa im Internet.“

Auch wenn Politik im Leben der Jugend eine wesentlich kleinere Rolle einnimmt als Freunde oder Freizeit, politische Anliegen hat sie doch: Der „Schwenk nach rechts“ bereitet vielen Sorgen, genauso wie die „Abkehr vom Sozialen“ oder ungesicherte „Pensionen“. Themen wie Wohnen, Tierschutz, Mindestlohn oder Ausländerintegration liegt den Jungen am Herzen, so eine Studie des IFES im Auftrag des Renner-Instituts.

Wenn Jugendliche wählen, dann eher konservativ, wie Analysen von ISA und SORA zur jüngsten Nationalratswahl und EU-Wahl zeigen: 22 Prozent der 16- bis 18-Jährigen wählten die ÖVP, gefolgt von der FPÖ mit 18 und den Grünen mit 14 Prozent. Ähnlich bei der EU-Wahl: Die ÖVP schnitt mit 28 Prozent bei den unter 35-Jährigen als stärkste Partei ab, überdurchschnittliche Ergebnisse erzielten die FPÖ und die Grünen mit 19 und 14 Prozent. Festzustellen ist auch, dass sich Schülerinnen und Schüler mit Matura deutlich mehr für Politik interessieren als Teenager mit Pflicht- oder mittlerem Schulabschluss oder Lehrlinge. Auch das Alter spielt eine Rolle: Junge Erwachsene zwischen 19 und 24 Jahren sind politisch interessierter als die Jüngeren. Zwar ist die häufigste Form der politischen Partizipation das Wählen, ein zeitlicher Vergleich zur Studie von 1990 zeigt aber, dass sich heute um die Hälfte weniger Jugendliche an politischen Aktivitäten wie Demonstrationen oder Unterschriftenaktionen beteiligen. Mit gutem Beispiel gehen die „Großen“ jedenfalls nicht voran. Laut der jüngsten großen österreichischen Wertestudie scheint auch bei den Erwachsenen Politik „unten durch“ zu sein. Bei der Bedeutung der Lebensbereiche nimmt sie den letzten Platz ein, noch hinter der Religion. (Sandra Nigischer)

FURCHE-Navigator Vorschau