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So rechts ist Österreichs Jugend

Der Schock sitzt tief: Österreichs Jugend wählt rechts. Der Protest gegen die aktuelle Politik und das Thema Ausländer trieben die jungen Wählerinnen und Wähler ins FPÖ-Lager. Doch rechtsradikal sind die wenigsten. Eine Reportage.

Mitten im Siebten stößt man an einem kleinen Ort auf etliche junge FPÖ-Wähler. Vor der AMS-Servicestelle für Jugendliche rauchen Lehrstellensuchende und Schulabbrecher gleich neben oder mit Maturaschülern. Eine Maturaschule liegt Tür an Tür mit dem Arbeitsmarktservice in der Neubaugasse im siebten Wiener Gemeindebezirk.

Wer hier die FPÖ und ihren Parteichef Heinz-Christian Strache erwähnt, erntet große Zustimmung: Sei es von jungen Mädchen, die seine blauen Augen mögen sowie seine Jugendnähe in den Discos; von Burschen mit oder ohne Migrationshintergrund, die zwar nichts gegen jene "Ausländer" haben, die sich anpassen oder neben ihnen stehen, aber dennoch zu viele Zuwanderer wahrnehmen; oder von Stammwählern in etwas eleganterer Kleidung und Ausdrucksform, die für die FPÖ wegen ihres gesamten Parteiprogramms votierten und nicht so sehr wegen Strache.

Dazwischen stößt man auf Claudio, der sich von den anderen abhebt. Der 18-jährige Maturaschüler aus der Vorstadt, der früher für die SPÖ gestimmt hat und auch positiv gegenüber einer Multikulti-Gesellschaft eingestellt war, hat nun seine Meinung geändert: Erstens aus Frust gegenüber dem Versagen von SPÖ/ÖVP und zweitens auf Grund eines persönlichen Erlebnisses: Er sei beraubt worden, erzählt Claudio, er ist sich sicher, es seien Migranten gewesen. Wegen dieser und anderen negativen Erfahrungen habe er langsam seine Meinung geändert. Er will nun eine restriktivere Zuwanderungspolitik, und dafür stehe die FPÖ. Straches Discobesuche samt Getränkegutschein imponierten ihm aber nicht, meint Claudio, auch die ÖVP habe ihn ins Kino einladen wollen.

"Wir sind nicht rechtsradikal"

Vor der Berufsschule für handwerkliche Berufe in Wien Donaustadt muss man ebenso nicht lange FPÖ-Sympathisanten suchen: Mehrere 16- und 17-jährige Maurer-Lehrlinge sind sogleich bereit, über ihre Wahlmotive zu sprechen. "Der Strache lässt sich nicht unterkriegen, der redet nicht nur, der handelt", ist einer von ihnen, Christoph, überzeugt. "Wir sind nicht rechtsradikal, aber es gibt einfach zu viele Ausländer", meint Lukas zu Beginn des Gesprächs. Er ist der Wortführer der Gruppe und fügt gleich hinzu, man hätte nichts gegen jene, die hier arbeiten und sich anpassen würden, aber "viele sind gewaltbereiter und krimineller als die Österreicher", so ihre Erfahrung im harten Arbeitsmilieu. Die Burschen scheuen eine Diskussion nicht: In ihrer Berufsschulklasse sind zahlreiche "Ausländer", wie sie sagen. "Klar sind manche sympathisch, aber nur wenige von ihnen können richtig Deutsch", sagt Christoph. "Natürlich sind auch Österreicher kriminell, aber Ausländer sind gewaltbereiter", so Patrick. Sie geben an, ihre Wahl nicht aus dem Bauch heraus getroffen zu haben. Einer von ihnen hat mehrere TV-Konfrontationen verfolgt. Ein anderer hat den FPÖ-Chef in einer Disco als einen von ihnen erlebt: "Der mischt sich unter die Leute." Strache verkörpert für sie einen starken, jungen, entschlossenen Mann, eine Art Vorbild für diese Burschen, die um einen Lehrplatz kämpfen mussten, die sich nun einfach Familie, ein Haus und ausreichend Geld wünschen. Nur als Verlierer fühlen sie sich nicht, schon gar nicht als rechtsextreme Wähler.

Aufstieg beim Zentralfriedhof

"Rechtsradikales Gedankengut und Deutschtümelei ist wohl bei den meisten jungen FPÖ-Wählern kein Motiv", meint Walter Sperk, Vizedirektor am Gymnasium in der Geringergasse in Wien Simmering. Im elften Bezirk haben die Freiheitlichen in Wien am stärksten zugelegt und liegen nun bei knapp unter 30 Prozent, die SPÖ verlor deutlich, liegt aber noch bei 43 Prozent. Sperk, Lehrer für Geografie und Geschichte, unterrichtet in einer siebten Klasse politische Bildung. Sein ernüchterndes Resümee: Ein Großteil der Oberstufenschüler ist politisch wenig interessiert und informiert. Grüne Ideologie komme bei Simmeringer Gymnasiasten überhaupt schwer an. "Sie stehen viel mehr in Konkurrenz zu Neo-Österreichern als in anderen Bezirken", erklärt Sperk. Das sei gewiss eine diffuse Angst, denn im Klassenzimmer, wo Schüler aus acht verschiedenen Nationen miteinander lernen, gebe es überhaupt keine Probleme. Wohlhabende würden hier in Simmering eben nicht leben - in einem Bezirk, wo es vor allem eine Kläranlage, große Wohnanlagen und den Zentralfriedhof gibt. Der materielle Aufstieg sei daher das Wichtigste, aber eine "No-Future-Generation", wie noch vor wenigen Jahren ausgerufen, sieht Lehrer Sperk nicht.

Man findet diese auch nicht vor der Schule. Eine Gruppe junger Mädchen outet sich dort als Strache-Fans. Eine von ihnen, Barbara (16), hat ihn auch wählen dürfen. Sie geht in die HAK, die auch an diesem Schulstandort angesiedelt ist. Für sie ist es vor allem ein Protest gegen SPÖ/ÖVP, die versagt hätten. "Strache ist für Österreicher, er ist jung. Er ist nicht zu rechts, das ist der Haider. Und Jugendsünden hat jeder", so ihre Meinung. Sie habe sich ihr Votum überlegt. Straches Wehrsportvergangenheit ist bei den Jugendlichen mehr oder weniger bekannt. Ein Grund, ihn nicht zu wählen, ist das nicht. Andererseits: Pubertätsbedingte Provokation gegen Eltern und Politiker, die Strache ausgrenzen, war für Barbara auch nicht Auslöser für die Wahl, auch bei anderen Jugendlichen war eine solche Motivation nicht zu erkennen - zumindest nicht bei dieser Umfrage.

Fast verherrlicht wie ein Rockstar

Wieder zurück im siebten Bezirk: "Er ist für Österreicher", das meinen dort auch einige Jugendliche mit Migrationshintergrund, die für Strache votierten, wie etwa der 16-jährige Daniel mit serbischen Wurzeln. Strache ist für den Lehrstellensuchenden, der eben von der Schule geflogen ist, ein "ehrlicher Mann, der sagt, was er sich denkt. Er ist für Serben". Vorbild sei der FPÖ-Chef aber keines, meint Daniel, sein Freund sieht das ähnlich.

Anders ist die Beobachtung von Christa Preining. Die Sozialarbeiterin leitet die Mobile Jugendarbeit für den 16. und 17. Bezirk. Viele Jugendliche, mit denen Preining und ihre Kollegen arbeiten, haben Migrationshintergrund. "Für viele dieser Kids ist Strache eine Art Rockstar, er wird fast so verherrlicht wie ein solcher; er ist jung, gilt als fesch, wirkt dynamisch, überzeugend und stark", berichtet Preining ihre Erfahrungen. Man führe Gespräche über Politik, aber Einfluss nehme man natürlich keinen, betont sie.

"Diese Jugendlichen fühlen sich existenziell gefährdet und fürchten um ihren Platz in der Gesellschaft, wenn neue Zuwanderer kommen." Hier würden die Jugendlichen aber einer Illusion erliegen, betont Preining: "Bei einer ausländerfeindlichen Stimmung wird wohl kaum unterschieden, ob jemand Migrant mit Staatsbürgerschaft oder Neuzuwanderer ist." Die beste Maßnahme gegen diese Ängste seien daher Investitionen in soziale Sicherheit und gerechte Verteilung, betont die Sozialarbeiterin. "Das ist die beste Maßnahme gegen Ausländerfeindlichkeit. Alles andere kommt bei den Leuten, die sich auf der Verliererstraße fühlen, nicht an."

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