Digital In Arbeit

Zahlende Helfer im Zwielicht

1945 1960 1980 2000 2020

Geldmachen im "Voluntourismus": Wenig kompetente Freiwillige fördern einen seltsamen Waisenhaus-Tourismus statt nachhaltige Projekte.

1945 1960 1980 2000 2020

Geldmachen im "Voluntourismus": Wenig kompetente Freiwillige fördern einen seltsamen Waisenhaus-Tourismus statt nachhaltige Projekte.

Lange Zeit habe ich mit mir gehadert, was ich dazu beitragen kann, dass die Menschheit näher zusammenrückt." Immer wieder stellte sich Sandra Uebelhör auf ihren Reisen diese Frage, "und dann wusste ich es: Ich kann meine Zeit und Aufmerksamkeit geben." Wo, das war der Salzburgerin klar: "Mit Kindern in Afrika zu arbeiten war schon lange mein Wunsch", berichtet die 36-Jährige, die im Internet auf "Valley of Tumaini" in Kenia stieß. Dort hat das Ehepaar Julie und Moses Kinder aus der ärmeren Nachbarschaft aufgenommen und sorgt mit Spendengeldern für deren Ausbildung. Freiwillige wie Uebelhör sind selten und werden begeistert aufgenommen.

Sieben Wochen organisierte sie Ausflüge, spielte mit den Kindern, zeigte ihnen auf dem Atlas die weite Welt. Dass sich die Vertriebsassistentin dafür unbezahlten Urlaub genommen hat, bereut sie nicht - im Gegenteil: "Ich bin daran gewachsen, konnte meinen Horizont erweitern", ist ihre Begeisterung spürbar. Vor allem aber: "Ich habe eine Großfamilie gewonnen." Mit der telefoniert die Salzburgerin regelmäßig, unterstützt sie durch Spenden und plant den nächsten Besuch. "Der Kontakt bleibt", ist sie überzeugt, "weil ich nicht eine von vielen war, sondern unter wenigen die eine bin, die sich nachhaltig mit den Jugendlichen beschäftigt."

Helfen kann jeder

Erfahrungen wie diese wünschen sich viele und lassen sich die Erfüllung ihres Traums einiges kosten: Tausende Euro verlangen Agenturen und Unternehmen, damit man in Namibia Zebrababys pflegen oder in Brasilien Waisenkinder unterrichten darf. Vor allem "Voluntourismus", kurzfristige Einsätze mit touristischem Rahmenprogramm, bringt jährliche Umsätze in Milliardenhöhe. Weit oben auf der Beliebtheitsskala rangieren Projekte in Waisenhäusern, Kinderheimen sowie Schulen.

Müssen die Angebote für den umkämpften Markt so attraktiv wie möglich gestaltet werden, sind die Ansprüche an Freiwillige gering. Wer wie Daniel Rössler, Autor des Buchs "Das Gegenteil von Gut ... ist gut gemeint", nach "Freiwilligenarbeit" googelt und einige der über 842.000 Websites besucht, erkennt schnell: Egal, wie alt oder jung man ist, egal, ob man über Fähigkeiten oder eine Ausbildung verfügt, egal, wie ernst es ums Engagement bestellt ist und wie lange man es auszuführen gedenkt - helfen kann jeder! "Dass unqualifizierte Weiße ohne Ausbildung oder praktische Fertigkeiten durch ihre schiere Präsenz zur Lösung lokaler, oft komplexer Probleme in der Lage sein sollen, ist einer ordentlichen Portion Naivität und - im schlimmeren Fall - überheblicher Arroganz der Helfer und Helfershelfer geschuldet", empört sich der Soziologe über diese irreführende Botschaft, "Einsätze in hochspezialisierten, sensiblen Institutionen wie Bildungseinrichtungen oder medizinischen Kliniken sind an professionalisiertes Wissen und institutionelle Erfahrung gebunden, der Zutritt in derartige Organisationen ist - in Afrika wie auch im Rest der Welt - an Auflagen gekoppelt."

Der Waisenkinder-Streichelzoo

Auflagen, die die wenigsten Anbieter erfüllen: 79 Prozent fordern keinen Lebenslauf der Freiwilligen, fast niemand fragt nach Referenzen oder führt ein Bewerbungsgespräch durch. Das ergab eine Studie von Brot für die Welt/Tourism-Watch über 44 deutsche Voluntourismus-Anbieter. Besonders ernüchternd sind die Zahlen im Bereich des Kinderschutzes: Obwohl 41 Organisationen die Zusammenarbeit mit Kinder anbieten, gibt es kaum Richtlinien. Dazu sollte nicht nur Auswahl und Vorbereitung der Volunteers gehören.

"Freiwillige sollten klare Verfahren kennen, wenn sie Gewalt an Kindern beobachten", ergänzt Referentin Antje Monshausen, "sie sollten erfahren, welche Erwartungen sie bei Kindern wecken, denen sie leichtfertig Versprechen machen, die sie später nicht halten können." Dass die permanenten Abschiede liebgewonnener Helfer emotionale Traumata auslösen können, ist nur ein Grund, warum sich Experten gegen Einsätze unter sechs Monaten im Allgemeinen und "Waisenhaus-Tourismus" im Besonderen aussprechen.

"Die Männer aus dem Dorf eröffnen ein illegales Waisenhaus und locken junge, naive Volunteers aus dem Westen", berichtet Christin ter Braak-Forstinger vom österreichischen-ghanaischen Verein Braveaurora, "sogenannte Waisenkinder werden vorgeführt wie in einem Streichelzoo. Dabei haben die meisten zumindest noch ein Elternteil." Die Geschichte wiederholt sich von Kambodscha bis Ghana, obwohl Studien belegen, dass Waisenhaus-Kinder stigmatisiert werden und nur schwer soziale Netzwerke entwickeln. "Die Menschen haben wenig zu essen", ist die Geschäftemacherei für ter Braak-Forstinger leicht zu erklären, "sie schicken ihr Kind lieber in eine Institution, wo es wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit bekommt."

Reintegration der Geschädigten

Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, hat Braveaurora in Nord-Ghana 2009 mit der Schließung eines Waisenhauses und Re-Integration der 45 Kinder in ihre Familien begonnen. Im Zuge dessen wurden Maßnahmen im Bildungsbereich genauso gesetzt wie in der Gesundheitsversorgung, denn "je stärker und resilienter das Dorf selbst, desto weniger anfällig ist es für die Versuchungen kurzfristiger Geschäftemacherei", so die Philosophie des Vereins. Besonders stolz ist Mit-Gründerin ter Braak-Forstinger auf ihr "Young-Ambassador-Programm". Dabei gehen ehemalige Waisenkinder mit Sozialarbeitern in benachbarte Dörfer, um über die Gefahren von Waisenhäusern aufzuklären.

Bewusstseinsarbeit ist jedoch nicht nur in den Ländern des Südens wichtig.

"Wir erhalten viele Anfragen für Waisenhäuser ", berichtet Tina Eder, Gründerin des Salzburger Voluntourismus-Anbieters "Karmalaya","aber das bieten wir nicht mehr an. Es ist für die Kinder einfach zu viel Aufregung, wenn ein Freiwilliger wieder abreist."

Stattdessen versucht sie mit ihrem Geschäftspartner Matthias in Gesprächen, durch das Abfragen von Lebenslauf und Motivationsschreiben Interessenten dort zu platzieren, wo diese ihre Fähigkeiten einsetzen können. So stellt eine Schauspielschülerin aus Berlin auf Anfrage eines Behindertenheims ein Theaterprojekt in Nepal auf die Beine. "Es dauert so länger, geeignete Projekte zu finden", weiß die Salzburgerin, "aber die Teilnehmer freuen sich, weil sie ihre Talente sinnvoll einsetzen können."

Von solchen Einsätzen profitieren aber nicht nur Volunteers, auch Regionen werden gefördert und Einkommen für die Menschen vor Ort wird generiert. "Der Markt für Voluntourismus und Freiwilligenarbeit ist in Europa da", bringt Eder auf den Punkt, worüber sich alle Experten einig sind, "jetzt gilt es zu schauen, wie wir das Produkt nutzen können, um nachhaltige Projekte und Entwicklungen voranzutreiben." Austauschmöglichkeiten darüber soll ein "Werkstättengespräch" bieten, das im Oktober von der Kinderrechtsorganisation Ecpat, Brot für die Welt/Tourism-Watch und Anbietern wie Karmalaya in Berlin organisiert wird. Dass das nur ein erster, wenn auch wichtiger Schritt auf dem Weg zu Standards für verantwortungsvollen Voluntourismus sein kann, ist den Veranstaltern klar. Aber schließlich ist noch niemand ausgezogen und hat mal eben so die Welt gerettet.

Das Gegenteil von Gut ... ist gut gemeint

Von Daniel Rössler, Seifert-Verlag 2015.

260 Seiten, gebunden, € 22,90

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau