Aalst Fasching - © Foto: Tobias Müller
International

Antisemitismus im Karneval: Klabauter, Zorros, Juden

1945 1960 1980 2000 2020

Der berühmte Karneval im belgischen Aalst setzt nach dem Skandal vom letzten Jahr erneut auf antisemitische Klischees. Was bewegt die närrische Volksseele? Ein Lokalaugenschein.

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Der berühmte Karneval im belgischen Aalst setzt nach dem Skandal vom letzten Jahr erneut auf antisemitische Klischees. Was bewegt die närrische Volksseele? Ein Lokalaugenschein.

Zwei riesige Puppen mit Hakennasen, schwarzem Hut und Schläfenlocken. Auf der Schulter der einen sitzt eine Ratte, zu beider Füßen liegen Geldsäcke – dies waren die Galionsfiguren auf einem der Wägen, mit denen die Karnevalsvereinigung „Vismooiln“ (Fischmäuler) letzten März international für Empörung sorgten. Dahinter tanzten die ähnlich verkleideten Mitglieder der Gruppe auf Geldkisten. Das Thema „Sabbatjahr 2019” brachte Aalst, ein Provinz-Städtchen zwischen Brüssel und Gent, weltweit in die Schlagzeilen.
In der Folge zitierte die UNESCO, auf deren Liste mit Weltkulturerbe das Aals­ter Brauchtum 2010 aufgenommen wurde, Bürgermeister Christoph DʼHaese nach Paris. DʼHaese, der die Umtriebe der Narren stets mit Satire und Meinungsfreiheit rechtfertigt, musste am Haupt-Sitz der ­UNESCO Auskunft zum Hintergrund des Karnevals geben. Doch bevor die Organisation über einen eventuellen Ausschluss entscheiden konnte, zogen sich die Aals­ter selbst zurück. „Wir haben die Vorwürfe satt”, so DʼHaese, Mitglied der flämisch- nationalistischen Partei N-VA. „Wir sind keine Antisemiten oder Rassisten. Wer das weiter behauptet, ist böswillig.”

Was aber hat man in Aalst eigentlich mit Juden am Hut? Es gab in dieser Kleinstadt nie eine Gemeinde, man kennt weder jüdische Einwohner noch Organisationen. Wieso tanzt man um Karikaturen auf „Stürmer“-Niveau herum, gibt danach die Unschuld vom flämischen Lande, nur um, wie die besagte Gruppe Vismooiln, zur neuen Saison noch einmal nachzulegen: mit eigens angefertigten Orden, die abermals Karikaturen hakennasiger Juden zeigen, versehen mit Losungen wie „Wir lachen über alle” oder „UNESCO – Was für eine Farce?“

Stramm rechte Wahlerfolge

Die Antwort springt einem nicht direkt ins Gesicht, wenn man am unscheinbaren Bahnhof von Aalst ankommt, dessen Fassade in den Farben der Saison geschmückt ist, Gelb, Rot und Weiß. Im „Café des Arcades“ ein paar Meter weiter gesteht der Wirt, der unaufgeregt die mittäglichen Tresengäste bedient, dass er Karneval immer verreise. Eine Kundin, im Glas eine knallrote Mischung aus Bier und Grenadine, kann sich an die Einzelheiten ebenso wenig erinnern. Ein älterer Gast wählt im Vorbeigehen deutliche Worte: „Diese Karikaturen vom letzten Jahr, das war wirklich wie Deutschland in den 1930ern.” Und wie kommt so etwas? „Das weiß ich auch nicht. Aber was ich weiß, ist, dass hier eine ganze Reihe Rassisten herumlaufen.”

Die Denderstreek, das Gebiet um den Fluss Dender, ist in Belgien nicht umsonst bekannt für stramm rechte Wahlerfolge. Bilden sie den Hintergrund der närrischen Abgründe? Die besagte Karnevalsgruppe schreibt in einem Facebook-Post, man habe „ungewollt Traumata und Verletzungen” verursacht und sich dafür entschuldigt – jedoch ausdrücklich „nicht für die Verwendung von Karikaturen und Spott”.

Die Vismooiln, so scheint es, haben in diesen Zeiten ein wenig die Orientierung verloren. „In welchem Schnelltempo verändert sich die Welt um uns herum? Sind wir weltfremd geworden? Oder sind sie weltfremd? Müssen wir uns anpassen? Oder erst recht weitermachen?”, sinniert man weiter. Aus den Antworten spricht Bunkermentalität: „Karneval ist für Außenstehende nicht zu verstehen. Schlimm genug, dass ihr es sowas wie der UNESCO erklären musstet”, schreibt jemand. „Nur noch regionale Presse zulassen”, fordert jemand anders. „Der Rest versteht es doch nicht und tut alles, um einseitig zu berichten.”

Wenn man nun aber doch gerne verstünde, was die Aalster umtreibt mit ihrer eigenartigen Juden-Obsession? Auf der Suche nach Hinweisen lockt ihr (un)ästhetisches Epizentrum: das Verkleidungsgeschäft Liebaut, zentrumsnah und eine der beiden traditionellen Adressen für alles, was mit Karneval zu tun hat. Der Inhaber posierte unlängst bereitwillig mit schwarzem Umhang, Vollbart und Nasenmaske sowie einem vermeintlich jüdischen Hut am Verkaufstresen, als eine belgische Tageszeitung vorbeikam. „Voriges Jahr hatte ich das nicht im Sortiment. Aber nach allem Getue mit der UNESCO beschloss ich, es einzukaufen”, zitiert ihn die Zeitung.

Der Umhang ist inzwischen ausverkauft, sagt seine Frau, die an diesem Mittag an der Kasse steht. Was die anderen Accessoires betrifft, bestreitet sie, dass diese spezifisch jüdisch sein sollten. „Die Nase ist eine Hexennase”, weist sie auf eine schrumpelige Maske in Plastik-Verpackung. „Der Umhang kann auch für Schornsteinfeger oder Zorro gebraucht werden. Der Bart für Klabauter oder Scheichs.” In den hinteren Regalreihen findet sich zwischen allerlei anderen Kopfbedeckungen auch das Modell, das ihr Mann auf dem Foto trug. 100 Prozent Polyester, von einer niederländischen Firma vertrieben, made in China. „Hoed hat sombrero”, so das Etikett neutral. Seitlich baumeln zwei dünne Schläfenlocken- Attrappen.