Sofia
International

Bulgarien: Armut und Kohlesmog

1945 1960 1980 2000 2020

Während Premier Borisov nach den Wahlen um die Macht ringt, können sich viele Bulgaren nicht einmal eine warme Wohnung leisten. Die Armut zwingt dazu, billig und schädlich zu heizen.

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Während Premier Borisov nach den Wahlen um die Macht ringt, können sich viele Bulgaren nicht einmal eine warme Wohnung leisten. Die Armut zwingt dazu, billig und schädlich zu heizen.

Wessa Penkova öffnet die Haustür mit dem Ellenbogen. In den Armen trägt die Frau große Holzscheite, die noch nach frischem Wald riechen. Mühsam beugt sie sich über den Ofen und schiebt einen Scheit nach dem anderen in die Ofenklappe. Heizen sei nicht einfach, erzählt sie. „Bis ich in den Holzschuppen komme, muss ich erst mal den ganzen Schnee wegschaufeln. Das fällt mir schwer.“

Wessa Pankowa ist alt, und in Dalbok dol, einem Dorf im gebirgigen Zentralbulgarien, ist der Winter oft hart. Der Ofen steht in Wessas Küche, an der Wand gegenüber ist das Bett, wo sie im Sommer ihr Nickerchen macht und im Winter auch nachts schläft. Wenn das Holz zu brennen beginnt, wird es wohlig warm. Der Rest des Hauses – das Gästezimmer, wo die Geranien überwintern, das Treppenhaus und das obere Stockwerk – bleibt aber klirrend kalt. Damit ist die Pensionistin nicht alleine.

Daten des europäischen Statistikamtes Eurostat zeigen, dass sich mehr als ein Drittel der bulgarischen Haushalte nicht ausreichend Wärme im Winter leisten kann. Die wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft wirkt sich auch darauf aus, welche Energie genutzt wird – genauer: wie die Haushalte heizen.

Steigende Preise

Der Lebensstandard junger Manager unterscheidet sich zwar in Bulgarien kaum von dem ihrer Kolleginnen und Kollegen in Westeuropa. Die steigenden Energiepreise zwingen aber immer mehr Menschen dazu, auf Strom oder Fernwärme zu verzichten – nicht nur Pensionisten oder Arbeitslose, sondern auch Berufstätige mit niedrigen Einkommen, mit Familien und Kindern, die sogenannten Working Poor, deren Anzahl in den letzten Jahren nur noch wächst. Die Regierung hat zwar noch vor den Wahlen vom Wochenende Gesetze für neue, umweltgerechtere Auflagen verabschiedet. Doch sie schienen nicht wirklich zu greifen. Mehr als die Hälfte der Bulgaren heizt mit Festbrennstoffen wie Holz oder Kohle. „Für uns als Gesellschaft ist das ein Rückschritt“, sagt die Energieexpertin Maria Wassileva in der Gemeinde Trojan.

„Wenn wir zurückblicken, haben im Sozialismus viel weniger Menschen mit Holz geheizt. Die Menschen haben es heute schwerer.“ Diejenigen, die sich nicht einmal ein warmes Zimmer leisten können, werden vom Staat mit 250 Euro pro Saison unterstützt – das reicht, um sich Holz oder Kohle für etwa drei Monate zu kaufen. Es wäre jedoch die Aufgabe des Staates, nachhaltige Maßnahmen zu entwickeln, um die Menschen aus der Falle herauszuholen, meint Petar Kissjov, Experte für Energiepolitik von Green Synergy Clusters (GSC) in Plovdiv. „Bulgarien hat bisher keine zielgerichtete Politik und keine Finanzinstrumente gegen die Energiearmut. Im Gegenteil. Die Hilfen fördern den Konsum nicht sauberer Energien.“