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Solidarität tut jetzt besonders gut

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Hunderte Beben haben in den letzten Wochen die Erde von Umbrien und den Marken erschüttert. Ein Lokalaugenschein im Katastrophengebiet.

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Hunderte Beben haben in den letzten Wochen die Erde von Umbrien und den Marken erschüttert. Ein Lokalaugenschein im Katastrophengebiet.

Das Epizentrum lag jeweils auf der Linie Perugia Assisi -Cesi, entlang des Fußes des Apennin. Das Seismologische Zentrum in Florenz maß Stärken bis zu 5,3 auf der nach oben offenen Richter-Skala. Was diese abstrakte Ziffer bedeutet, kann man in den Ortschaften Colfiorito, Nocera Umbra und Cesi sehen.

Zerstörte Häuser, bis auf die Grundmauern zerbrochen, zusammengestürzt. Eine mächtige Kraft hat hier gewütet. Nach dem ersten Beben, das noch nicht die zerstörerische Kraft des nachfolgenden Erdstoßes hatte, waren die meisten Menschen aus ihren Häusern geflüchtet. Das erklärt den Umstand, warum trotz der verheerenden Zerstörungen nur wenige Menschen ums Leben gekommen sind.

Zirka 9.000 Menschen können nicht in ihre Häuser zurück, solange die Erde sich nicht beruhigt. Das Innenministerium, Militär, Feuerwehren, das Rote Kreuz und Tausende Freiwillige bauten in den vergangenen Wochen rund 25 Zeltstädte auf. Die riesigen blauen Zelte und eine unglaubliche Zahl an Wohnwägen des Zivilschutzes nehmen ganze Ort Schäften auf. Nicht überall konnte die Hilfe sofort einsetzen, was auch Kritik nach sich zog. Für den nichtitalienischen Retrachter der Situation ist die Hilfe erstaunlich effizient. Italien ist ein Land, dem solche Katastrophen nicht fremd sind. Traurige Erfahrungen konnte man bei den Reben von Friaul und Neapel in den letzten Jahrzehnten sammeln. Erst mit der Dauer der Unterbringung werden die sanitären Mängel zum Problem.

Hoffnungszeichen

Jugendliche Pfadfindergruppen wechseln sich wöchentlich ab. Sie betreuen die Kinder und Jugendlichen in den Zeltstädten, die nicht nur nicht in die Schule gehen können, sondern deren Freizeitaktivitäten stark beschränkt sind. In einigen dieser Zeltstädte ist ein kleines Zelt zum Mittelpunkt der Gemeinschaft geworden. Franziskaner, Schwestern und Brüder, haben eine „Tenda Capella”, eine Zeltkapelle eingerichtet. Zweimal täglich wird dort Rosenkranz gebetet und Messe gefeiert. Vergangenen Sonntag gab es in Colfiorito sogar eine Taufe. Angelo Forti, ein alter Rauer aus dem Dorf, erzählt mit Tränen in den Augen: „Hoffentlich erfährt dieses Kind einmal, was seine Taufe in diesem Lager bewirkt hat. I Iier haben das Militär, die Franziskaner und alle Menschen hier, die viel verloren haben, mit diesem Kind dieses Fest gefeiert. Als Zeichen der Hoffnung.”

In Assisi, der Stadt, der die meiste Aufmerksamkeit gilt, sind die Schäden äußerlich kaum sichtbar. Viele Häuser sind unbewohnbar geworden, so das des Bischofs und des Bürgermeisters. VjS mußten jedoch alle Kirchen der Stadt geschlossen werden. Keine Messen finden in den Gotteshäusern statt. Am schlimmsten betroffen ist sicherlich San Francesco und der Sacra Convent. Darüber wurde in den Medien ausführlich berichtet. Auch über das Unglück in der Basilika, als vier Menschen das Leben verloren: zwei Techniker, die die Schäden im Inneren begutachten wollten, ein Franziskanerpater und ein junger Pole, 22 Jahre alt, der erst seit zehn Tagen in Assisi war. Er war

Kandidat, wollte in den Orden der Franziskaner eintreten. Seine Mutter hat darum gebeten, ihn in Assisi begraben zu dürfen.

Weit auseinander gehen die Meinungen in Assisi über den Fremdenverkehr. Selbst der Bürgermeister warnt davor, Reisegruppen nach Assisi zu bringen. Doch Touristen und Pilger sind seit jeher die Haupteinnahmequelle für die Assisianer. Nicht nur, daß ihre Stadt teilweise schwer beschädigt ist, bleiben jetzt auch noch die Fremden aus. Von welchem Geld die Stadt wieder aufbauen? Die Abmeldungen der Touristengruppen betreffen schon das Jahr 1998. Und die Hoffnung, daß die Situation sich bessert, schwindet. Sind die einen enttäuscht über die mangelnde Solidarität der Franziskuspilger, warnen die anderen davor, Gruppen zu früh wiedeeinzu-laden. „Wir können nur Erwartungen enttäuschen. Was sollen die Menschen hier, wenn alle Kirchen geschlossen sind?”, fragte eine der Führerinnen durch Assisi. Sie ist selbst Ordensfrau und daher von den Einnahmen nicht abhängig. „Wir können den Menschen kerne Messen, keine Führungen bieten. Wir müssen sie alle wieder wegschicken. Überall ,chiuso'! Das ist nicht das Assisi des heiligen Franziskus, das ich ihnen zeigen will.” Die Hoteliers ihrerseits sind erbost über die Medien, „die schamlos die Situation überzeichnen”. Viele der Hotels seien unbeschädigt, die Landschaft sei wunderschön. Fs gebe keinen Grund, nicht in diese idyllische Gegend zu kommen.

P. Gerhard Ruf, deutscher Minorit, der seit vielen Jahren in Assisi lebt, meint bedauernd: „Wenn die Leute wenigstens bei einer Stornierung der Reise daran denken würden, einen Teil des Geldes trotzdem zu überweisen. Das würde viel helfen!” Ein Elektriker, dem er einen Scheck für eine Reparatur im Kloster überwiesen hatte, schickte ebendiesen wieder zurück mit der Bemerkung: „Jetzt hat dieses Geld für mich keine Bedeutung, Ihr könnt es besser gebrauchen”, für den Pater ein kleines Zeichen der Solidarität, die in diesen Tagen besonders gut tut

Eine kuriose, seltsame Autolawine bewegt sich am Wochenende nach Assisi. Die Beben-Touristen kommen. Sie wollen die Schäden sehen, die Trümmer, in denen Assisi angeblich liegt. Sie müssen meist enttäuscht wieder abziehen, nicht ohne beträchtlichen Stau auf den Zufahrtsstraßen verursacht zu haben. Aber die Kirchen, die innen beschädigt sind, sind touristen sicher geschlossen. Noch bedenklicher die Berge zuwälzt, wo die vom Erdbeben am schlimmsten betroffenen Ortschaften liegen. Die Menschen wollen das Unglück mit eigenen Augen „live” sehen. Der Schauer, das Gruseln beim Anblick der wie zerbrochen daliegenden Häuser scheint das Wochenendvergnügen zu vervollkommnen. Die Polizei muß kurzerhand alle Zufahrtsstraßen sperren, um die Menschen in den lagern zu schützen und vor Plünderungen zu bewahren.

Das italienische Fernsehen hat sicherheitshalber eine permanente Kamera vor San Francesco postiert. „Im Falle des totalen Zusammenbruchs sind wir dabei”, schmunzelt einer der Techniker, der nach Assisi dauerversetzt ist. Zu allen Nachrichtenzeiten stauen sich die Moderatoren und Mo-

_ deratorinnen der

öffentlichen und privaten Kanäle Italiens an den besten Standplätzen, um sich und den Dom in günstiges Licht zu rücken. Die Aussagen wechseln, je nach Erdbebenlage. Einmal zeigen die Aufräumarbeiten gute Fortschritte, das andere Mal bedroht ein neuerlicher schwerer Erdstoß endgültig das Innere der berühmten Basilika des heiligen Franziskus.

Nicht unwesentlich sind in der Diskussion die Auseinandersetzungen darüber, ob nun der Schaden besonders groß ist, weil es sich bei den beschädigten Fresken um echte Giottos handelt, oder ob man endlich darüber erleichtert sein kann, daß es sich bei den Kunstwerken doch nur um einen unbekannten Schüler des Meisters handelt. Die Franziskaner sind genervt- durch die mediale Aufmerk- -samkeit, die besonders diesem Thema gewidmet wird. Ihre Schlaf-, Studierund Lebensräume sind schwer beschädigt oder gar unbrauchbar geworden. Jeder neuerliche Erdstoß kann das Kloster noch mehr in Mitleidenschaft ziehen. Ob nun Giotto oder nicht, für sie stand ohnehin immer die Botschaft des Franziskus im Vordergrund. Und die lautet allen sentimentalen Legenden zum Trotz radikale Umkehr zu einem am Evangelium ausgerichteten Leben.

Herbstregen

Solange das Wetter halbwegs mitgespielt hat, war das Leben in den Lagern erträglich. Jetzt, da der erste Herbstregen einsetzt und die Kinder und alten Menschen in die Zelte zwingt, wo der Geruch nach Plastik nur langsam weicht, wird die Situation mühsam und enervierend.

Das Beben kann als beendet gelten, wenn nach dem letzten Erdstoß 14 Tage Ruhe herrscht. Dann erst werden die Aufräumarbeiten beginnen, und diejenigen, deren Häuser noch stehen, werden die Zelte und Wohnwägen verlassen können. Die anderen werden einige Zeit in anderen Unterkünften verbringen müssen. Die Reihenfolge der Unterbringung ist geklärt: zuerst die alten Menschen und Familien mit Kindern. Die inzwischen gestürzte Regierung hat den betroffenen Regionen großzügige finanzielle Unterstützung zugesagt. Es ist nicht anzunehmen, daß diese Versprechen in Vergessenheit geraten werden.

In der letzten Woche herrschte trügerische Ruhe. Dem Aufatmen machten einige schwere Erdstöße am Sonntag ein Ende. In Foligno stürzte ein vierstöckiges Haus zusammen. Vor allem bei jungen Menschen ist die Hoffnungslosigkeit das Entmutigendste. Denn es ist ein merkwürdiges Gefühl, der Erde unter den Füßen nicht mehr trauen zu können. Und es ist kein Ende absehbar.

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