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Endlich Zeit für Kultur...

1945 1960 1980 2000 2020

Was als Kultur im Alter erlebt wird, ist weniger wichtig, als daß Kultur erlebt wird. Denn sie ist Katalysator zu einem erfüllten Leben.

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Was als Kultur im Alter erlebt wird, ist weniger wichtig, als daß Kultur erlebt wird. Denn sie ist Katalysator zu einem erfüllten Leben.

Sie alle haben eines gemeinsam: Pablo Picasso, Yehudi Menuhin, Johann Wolf-gang von Goethe,Theodor Fontane aber auch Mutter Teresa, Mahatma Ghandi oder Fred Astaire - ohne ihr Wirken bis ins höchste Alter wären viele Kapitel der Kulturgeschichte, Politik und Kunst, kurz: der Menschheitsgeschichte ~ nicht geschrieben worden.

Weil etwa das Schreiben viel mit dem Lesen und das Erzeugen von Kunstwerken viel mit dem Wahrnehmen durch Betrachter zu tun hat, liegt es nahe, auch für das Lesen und Wahrnehmen oder Verfassen von kulturellen Werken bis in höchste Alter zu plädieren. Denn: Künstlerische Produktivität kommt niemals ohne die Reproduktion durchs Publikum aus. Und der Mensch braucht Abwechslung und Stimulans gegen Unlust und Langeweile bis ins höchste Alter

Wobei freilich zu fragen ist, wie denn Alter definiert wird. Gewiß: Das Alter hängt von einem (wenn möglich) gelungenen Zusammenspiel von körperlicher und geistiger Verfassung ab. Kulturelle Angebote als Ausgangspunkt verfeinerter Wahrnehmung können darin immer stimulieren. Schöpferische Menschen, die Kunstwerke produzieren oder in der Rezeption reproduzieren, bleiben beweglicher, intakter und glücklicher. Dabei ist die Form der kulturellen Auseinandersetzung gleichgültig. Ob nun ein Künstlerensemble an einem Valentinstag mit einem Programm „An der

Bassena" ein musikalisches Stelldichein und heitere Begebenheiten und Anekdoten aus der Monarchie im Städtischen Seniorenheim zum besten gibt. Oder sich im Bezirksaltenheim an bettlägerige wie gehfähige Zuhörer zugleich wendet. Oder: Ob ein in einem Privathaushalt lebendes, hoch betagtes Ehepaar gemeinsam ins Burgtheater zu einer Aufführung eines Stückes von Peter Handke geht.

Der Prozeß ist immer derselbe: der Leser eines Buches, der Besucher einer Theateraufführung, der Zuhörer bei einem Konzert wird angeregt, stimuliert, mit Neuem konfrontiert. Mit Neuem, das vom biederen Alltag vor allem aber in einem Faktor absticht: es ist geordneter, gestalteter, wirft ein neueres Licht auf die gewohnte Welt, überträgt eine Stimmung und Gegenschwingung. Aber auch ein Gespräch oder die Lektüre eines Buchs kann diese Stimulans erzeugen und importierte Kulturerlebnisse erübrigen. Niemand muß ins Theater gehen, um sein Menschsein zu beweisen. Wobei der Gegensatz zwischen Junioren und Senioren ohnehin ein Scheingegensatz ist. Altern ist ein Vorgang ab der Geburt. Und es mutet geradezu lächerlich an, wenn etwa Ludwig Hirsch, eine sich vital gebende Popgröße, bereits angesichts seines Fünfzigers kürzlich zum besten gegeben hat: „Eigentlich ist der Fünfziger mir wurscht, obwohl ich manchmal schon erschrecke. Herrgott, du bist ein alter Hund', denke ich mir dann. Aber alles um mich herum wird älter - warum sollte ich davon verschont bleiben." Freilich, daß das Leben mit 66 anfängt, wie es Udo Jürgens einst euphorisch verkündete, muß auch nicht immer stimmen. Aber stimmen wird jedenfalls, daß es mit 66 nicht aufhört und schon lange davor angefangen hat. Überzeugender scheint da die Initiative durch eine Ausschreibung der Schweizer Stiftung Kreatives Alter, die mit einem Preisausschreiben aufzeigen wollte, „wie vielfältig die kreative Schaffenskraft der über 65jährigen sein kann" und damit die „ältere Generation anregen (wollte), sich aktiv an der Gestaltung unserer Umwelt, unseres geistigen Schaffens, unserer Kultur und damit unserer Zukunft zu beteili-

Auf Kultur ausgerichtete Tätigkeit hebt stets den Unterschied zwischen Aktivität und Passivität auf. Sowohl der Schöpfer als auch der Wahrnehmer von Kunstwerken wird aktiv. Wer sich allerdings stets davor gehütet hat, sich geistig zu fordern und zu beschäftigen, der mag sich gewiß erheblich schwerer tun, im Alter die sinnliche und geistige Dimension von Kultur aufzunehmen. Umso mehr sollte er es einmal riskieren. Auch wenn ihm Teilschwächen (Gebrechlichkeit, Schwerhörigkeit, Kurzsichtigkeit und so weiter) den Zugang erschweren mögen. Bereits der Klangrausch eines Konzerts aus dem Radio, oder das Hörerlebnis eines Hörspiels kann schon Brücken schaffen zu mentalen Ereignissen, die der Langeweile die Kurzweiligkeit des intensiven Erlebnisses entgegensetzen. Es dürfen nur nicht immer die alten Rillen sein, in denen wieder und wieder gekratzt wird. Frische Rillen sollen geschnitten werden, ein Austausch zwischen Innen und Außen soll erfolgen. Der Horizont sollte ausgelotet und manchmal überschritten werden. Auch das Kreuzworträtsel ist dazu bereits ein praktikables Mittel - wenn es nicht immer das gleiche bleibt und somit zum Schematismus absinkt...

Eine gute Bekannte erzählte mir, daß sich ihr seit kurzem vorübergehend in einem Pflegeheim untergebrachter Vater, von ihr gewünscht hat, sie möge ihm Theodor-Storm-Novel-len vorlesen. Und er habe aufmerksamst gelauscht. Der hochbetagte Vater starb Wochen später, was den Stellenwert des Vorlesens im nachhinein auf eine noch bedeutsamere Stufe zu heben schien. Für den Mann war das Zuhören ein Erlebnis, ein wichtiges zudem. Seine Tochter weiß nicht, was es in ihm ausgelöst hat, aber daß es etwas ausgelöst hat, ist gewiß. Es ist weniger wichtig, was wir im Alter als Kultur auffassen, als daß wir Kultur auffassen. Ein Kulturerlebnis ist meist mit einem Gemeinschaftserlebnis verbunden und mit dem Erlebnis innerer oder äußerer Anteilnahme. Kultur hat insofern eine Schutzfunktion für jeden Menschen. Der ältere Mensch müßte an sich zur Kultur einen leichteren Zugang finden als der jüngere. Denn er hat längst lernen müssen, Zeit zu haben und mit ihr etwas anzufangen, während der jüngere das erst lernen muß.

Kultur als kreative (Re-)Produkti-onsleistung kuppelt sich auch im Alter ab von starrer Gewöhnung, führt zum Neuen und Unbekannten ebenso wie zum Vertrauten, und obgleich sie durchwegs auch gern auf alten Pfaden wandelt, sucht sie dennoch stets neue Wege und Abwechslung. So ist Kultur kein abkürzendes Allheilmittel gegen den Verdruß, aber dennoch ein umwegiger Katalysator: zu einem schöneren, zu einem umtriebigeren, zu einem erfüllteren, zu einem genußreicheren Leben.

Alfred Pittertschatscher,

geboren 19S4, in Salzburg, ist ORF-Kulturredakteur in Linz und beschäftigte sich mehrfach und zuletzt in seinem Buch „Kommen und Gehen. Oder: Der Himmel kann warten " (Verlag Styria) mit dem Leben hochbetagter Menschen.

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