Venedig - © Foto: Wolfgang Schwens
Literatur

Gerhard Roth: Meister der Spiegelfechterei

1945 1960 1980 2000 2020

In "Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe", dem letzten Teil der packenden Romantrilogie rund um die Lagunenstadt Venedig, schickt Gerhard Roth eine weibliche Hauptfigurauf Irrfahrt durch ein Labyrinth trügerischer Wirklichkeiten.

1945 1960 1980 2000 2020

In "Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe", dem letzten Teil der packenden Romantrilogie rund um die Lagunenstadt Venedig, schickt Gerhard Roth eine weibliche Hauptfigurauf Irrfahrt durch ein Labyrinth trügerischer Wirklichkeiten.

Sie ist eine Virtuosin des Maskenspiels, ein hochgradiger Sinnenreiz. Sie ist aquatisch und melancholisch, kunstprall und dekadent; ein Labyrinth, ein Mysterium, eine Chiffre des Verfalls. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Venedig, diese glanzvolle Spiegelfechterin, auch Gerhard Roth in ihre Gondel holte. Denn die Lagunenstadt vereint alles, was das Werk dieses Schriftstellers leitmotivisch prägt: Rätselhaftigkeit, Erotik und Todesnähe, Kunst und Künstlichkeit, Geschichte und Mythos, Zauber und Abgrund.

Jahrzehntelang hat Roth die Serenissima erkundet und auch fotografisch festgehalten („Venedig. Ein Spiegelbild der Menschheit“, Brandstätter 2020). Zugleich hat er die Stadt zum Schauplatz einer packenden Romantrilogie erkoren. Der erste Teil, „Die Irrfahrt des Michael Aldrian“, handelt von einem ehemaligen Wiener Opernsouffleur, der nach Venedig fährt, um einen Reiseführer zu schreiben und seinen Bruder zu besuchen. Doch der ist spurlos verschwunden, und Aldrians Suche nach ihm gerät zum Alb.

In Teil zwei, „Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier“, will Emil Lanz, ein am Lido lebender Shakespeare- Übersetzer, aus dem Leben scheiden. Dafür wählt er die Insel Torcello, betrinkt sich aber zuvor und schläft ein. Als er erwacht, wird er Zeuge eines Mordes – und zum Gejagten, dem der Sinn nun ganz nach Überleben steht. Sein krimineller Gegner ist unsichtbar, doch auch das Sichtbare wirft viele Fragen auf.

Alte Bekannte

Mit dem soeben erschienenen Roman „Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe“ schließt Roths Venedig-Trilogie. Der Titel ist, wie auch jener des Vorgängerromans, ein Shakespeare-Zitat. Aldrian und Lanz begegnen uns hier ebenso wieder wie Signor Blanc, der dubiose Fädenzieher, oder Commissario Francesco Galli, der nun eine höchst überraschende Rolle spielt. Den zentralen Part allerdings übernimmt diesmal eine Frau. Lilli Kuck heißt sie, das Kunsthistorische Museum ist ihr Arbeitsplatz und Venedig ihr Reiseziel. Dort ist ihr Mann Klemens beim Sturz von einer Brücke tödlich verunfallt. Nach seinem Begräbnis macht sich Lilli auf den Weg; sie glaubt nicht an die Unfallversion und will die wahren Umstände seines Todes aufklären. Das ihr zugesandte Notizbuch des Verstorbenen liefert nur kryptische Hinweise. Und es offenbart, dass Klemens in der Lagunenstadt mehr vorhatte als an einem Comic-Band über Casanova zu arbeiten – er suchte auch nach seinem leiblichen Vater. Was Lillis Nachforschungen erheblich ausweitet.

Neben diversen Figuren der ersten Trilogiebände kehren auch Handlungsmuster und Motive wieder, die schon Roths Romanzyklen „Die Archive des Schweigens“ und „Orkus“ durchzogen: So gerät die Hauptperson durch ihre detektivischen Alleingänge in Lebensgefahr und selbst unter Tatverdacht; ihr Wahrnehmungsvermögen wird harten Belastungsproben ausgesetzt, aber auch für „Parallelwelten“ und „zweite Wirklichkeiten“ sensibilisiert. Traum und Wirklichkeit greifen ineinander, die Trennschärfe zwischen Gut und Böse ist schwach, denn der Mensch ist ein gespaltenes, widersprüchliches Wesen. Ein Blitzlicht fällt auch auf ein weiteres Roth’sches Kernthema, die Relativität von Wahnsinn und Normalität: Nicht die Geisteskranken führten die Welt in Kriege, Mord und Totschlag, sondern „die krankhaft Normalen, die in jeder Gesellschaftsordnung der Maßstab sein wollten“.