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Literaturkritik im Fernsehen

Die „Tage der deutschsprachigen Literatur“, an deren Ende am Sonntag, den 28. Juni unter anderem der „Bachmann-Preis“ verliehen wird, finden heuer zum 33. Mal statt. Einschneidende Veränderungen, die im Vorjahr die Veranstaltung fernsehtauglicher machen sollten, wurden nach lautem Protest heuer rückgängig gemacht.

„Die Kritik hat ihren Unterhaltungswert entdeckt“, schrieb der Autor Wolfgang Hilbig im Jahr 1995. Im Fernsehen gebe der „Schriftsteller mit Brille, der auf dem Bildschirm die Zeilen mit dem Zeigefinger abfährt und seine Texte in den Bart murmelt“, immer eine merkwürdige Gestalt ab. „Die Kritiker dagegen, wenn sie gut angezogen sind und sich nach bissigen Bonmots besänftigend die Handrücken tätscheln, bringen es da schon eher zuwege, daß wir uns in der U-Boot-Beleuchtung der Wohnzimmer an der Knabbermischung verschlucken.“

Schauspielerische Attitüden

Was passiert mit dem kritischen Element der Literatur, wenn es Unterhaltungsprogramm wird, fragte sich Wolfgang Hilbig in diesem Zusammenhang – und das fragte er am Ende des 20. Jahrhunderts beileibe nicht als erster, denn die kritische Auseinandersetzung mit dieser Frage ist so alt wie die elektronischen Medien selbst. Hilbig, der Kritik für die Demokratie als höchst notwendig erachtete und aufgrund seiner Erfahrungen in und mit der DDR wusste, warum er von dieser Notwendigkeit sprach, konstatierte: Das kritische Element beginnt, „den Mechanismen des Showbusiness zu gehorchen“. „Da das Fernsehen die Tendenz hat, Stars zu produzieren, gerinnt die kritische Botschaft zur attraktiven Allüre eines Stars, die Kostümierung der Botschaft gewinnt den Vorrang vor ihrem Inhalt. Der Einfluß der Kritik verlagert sich immer mehr auf das Entertainment, mit dem sie in Szene gesetzt wird. Im Fernsehen endlich triumphiert die schauspielerische Attitüde des Kritikers vollends und drängt den Sinn der Kritik ins Off.“

Von den schauspielerischen Attitüden der Kritiker lebten und leben bekanntermaßen Fernseh-Diskussionen über Literatur, allen voran lebte davon das „Literarische Quartett“, das ohne die provokante Gestalt eines Marcel Reich-Ranicki nicht zu denken gewesen wäre. Spannender als das, was über Literatur gesagt wird, ist das Kräftespiel zwischen den Akteuren. Zum Gespräch treffen aufeinander oder spielen ihre Rollen: Spaßmacher zur rechten Zeit, sich mächtig gebärdende Richter, außer sich geratende Betroffene, begeisterte Enthusiasten, selbstbewusste Gebildete, sendungsbewusste Missionare, nervende Besserwisser, mitfühlende Therapeuten, hermeneutisch ermittelnde Detektive – oder, wenn man es anders und in der Sprache des Kasperltheaters sagen will: Kasperl, Gretl, Seppl, Krokodil, Räuber, Polizist usw. Je bunter die Runde der Kritiker und Kritikerinnen, desto unterhaltsamer für das Publikum. Die Autoren und Autorinnen, deren Texte besprochen werden, sind dabei wie beim legendären „Literarischen Quartett“ am besten gar nicht anwesend.

Bei den alljährlichen „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt, immer noch besser bekannt als „Bachmann-Preis“, sind die Literaten aber anwesend, auch ihre Texte sind es – und wie. Immerhin gehört die Hälfte der Übertragungszeit der Lesung durch die Autoren selbst, erst nach der Halbzeit dürfen die Kritiker ihre Messer schärfen. Dass in einem Medium wie dem Fernsehen Literatur gelesen wird, bringt selbst an dieser Veranstaltung Beteiligte nach Jahrzehnten immer noch zum Staunen. Mehr noch: man kann mit der These, dass Literatur und Fernsehen einander nicht vertragen, sogar jene Veranstaltung eröffnen und beschließen, die mittels Fernsehen drei bzw. zwei Tage lang Gespräche über Literatur überträgt. Moderator Dieter Moor, der im Vorjahr als „Star“ die Bachmann-Preis-Tage „fernsehtauglicher“ machen sollte, darin aber kläglich scheiterte, unterstrich damals bei seiner „Eröffnungsrede“ das dem Medium Fernsehen widersprechende Format dieser stundenlangen Lesungen und Gespräche; Juryvorsitzender Burkhard Spinnen durfte seine durch die Rede des Moderators verdrängte Eröffnungsrede als Schlussrede am letzten Abend nachholen und sprach darin von einem „Dinosaurier der TV-Formate“. Die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ waren damit ungewollt ironiegerahmt: Was hier stattfindet, so die Botschaft für die staunenden Zuseherinnen und Zuseher, geht eigentlich gar nicht.

Was letztes Jahr stattfand, ging schon, aber es interessierte nicht mehr sehr. „Vielleicht schafft der Bachmann-Preis sich gerade selbst ab“, schrieb Paul Jandl, der heuer selbst mit Karin Fleischanderl als Juror aus Österreich am Podium sitzen wird, in seinem Rückblick für die Neue Zürcher Zeitung. „Noch ein Wettlesen wie diesmal, und niemand wird ihn vermissen.“ Die geringe Begeisterung der anwesenden Journalisten gründete einerseits auf der wahrgenommenen Mittelmäßigkeit der ausgewählten Texte: der Bedeutung des Bachmann-Preises schien kein gelesener Text so recht zu entsprechen. Hinter vorgehaltener Hand fragte sich der eine oder die andere, ob man nicht auch einmal den Mut haben müsste, einen Preis nicht zu vergeben. Doch für solche Entscheidungen wurde der Jury gar keine Nachdenkzeit eingeräumt. Keine drei Stunden blieben den Juroren, um nach anstrengenden Lese- und Diskussionstagen bereits am Abend des zweiten Tages in der Hauptabendprogrammzeit die Preisträger zu ermitteln – eine auch angesichts der Bedeutung der Preise (und angesichts ihrer Dotierung) unzumutbare Zeitraffung.

Berechtigung und Grenzen

Die Enttäuschung aufmerksamer Beobachter richtete sich vor allem gegen die zeitliche Verkürzung, gegen den diskussionsverhindernden Moderator, aber auch gegen eine, wie es schien, recht lustlose Jury. Waren 2007 noch allerlei ästhetische Bewertungen durch den Raum und einander an den Kopf geworfen worden – man wusste nur oft nicht so recht, nach welchem Maßstab die Messungen vorgenommen worden waren –, so hatten letztes Jahr ästhetische Argumente Seltenheitswert, und kopfschüttelnd wurde man Ohren- und Augenzeuge, wie lange man sich vor laufender Kamera über Jugenderinnerungen (à la „mein Leben als Zimmermädchen“) unterhalten kann und wie wenig über die konkrete Beschaffenheit von Texten. Um Kunst ging es kaum. War das fernsehtauglicher? Dass der Moderator die Streitkultur nicht förderte, sondern eher verhinderte, dass an diesen Tagen sich nicht Fernsehen und Literatur nicht vertrugen, sondern der Moderator und die Jury – das war nicht zu übersehen.

Die Konsequenzen wurden gezogen: Der Moderator durfte seinen Hut nehmen (ihn aber weiterhin als „les.art“-Moderator aufbehalten). Clarissa Stadler, bekannt als Moderatorin des „Kulturmontags“, nimmt in Klagenfurt seine Stelle ein. Veränderungen wie die Verkürzung der Tage auf zwei und die Preisverleihung bereits am zweiten Abend wurden zurückgenommen. Die Reduktion der Zahl der Lesenden von 18 auf 14 aber wurde beibehalten.

„Unterschiedliche Arten der Kritik vermögen Unterschiedliches zu leisten; in ihrer Differenz zueinander liegt ihre Produktivität“, meinte Martin Seel einmal über die unterschiedlichsten Kritikertypen vom Richter bis zum Enthusiasten. Jede der Gestalten habe ihre Berechtigung und ihre Grenzen. Diese kann sich jeder Leser, jede Leserin von heute bis Samstag auf 3sat ansehen und -hören.

Die lesenden Autorinnen und Autoren

Von Donnerstag, 25., bis Samstag, 27. Juni setzen sich jeweils ab 10 Uhr folgende Autoren und Autorinnen der Kritik aus: Ralf Bönt (Berlin; geb. 1963 in Lich), Katharina Born (Paris; geb. 1973 in Berlin), Karsten Krampitz (Berlin; geb. 1969 in Rüdersdorf), Lorenz Langenegger (Zürich; geb. 1980 in Gattikon), Christiane Neudecker (Berlin; geb. 1974 in Nürnberg), Jens Petersen (Zürich; geb. 1976 in Pinneberg), Bruno Preisendörfer (Berlin; geb. 1957 in Kleinostheim), Karl-Gustav Ruch (Barcelona; geb. 1954 in Zürich), Gregor Sander (Berlin; geb. 1968 in Schwerin), Caterina Satanik (Höflein/Donau; geb. 1976 in Wien), Andreas Schäfer (Berlin; geb. 1969 in Hamburg), Linda Stift (Wien; geb. 1969 in Wagna/Stmk.), Philipp Weiss (Wien; geb. 1982 in Wien), Andrea Winkler (Wien; geb. 1972 in Freistadt).

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