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Das Einmalige an Gründgens

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Unser Erstaunen — auch das der Theaterkenner — darüber, daß es nun schon zehn Jahre her ist, seit Gustaf Gründgens von der Bühne und fast gleichzeitig von der Bühne des Lebens abtrat, dieses Erstaunen ist leicht erklärbar, wenn man sich überlegt, was seither alles vorgefallen ist. Als er abtrat, als Hausherr in Hamburg, nicht wissend, daß aus seinen für später vorgesehenen Tourneeplänen nichts mehr werden würde, war das Theater, wie man heute so schön sagt, noch heil. Seitdem ist es, um es milde auszudrücken, „unheil“ geworden. Der relativ geordnete Betrieb hat sich zu einem Tohuwabohu entwickelt, besser gesagt unterentwickelt, dessen Sinn im Augenblick noch niemand ganz begreift. Nur daß es nicht mehr lange so weitergehen kann, wissen alle, mit Ausnahme der hochbezahlten subventionierten Direktoren, die Gehälter einstecken, von denen Gründgens nie träumte.

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Unser Erstaunen — auch das der Theaterkenner — darüber, daß es nun schon zehn Jahre her ist, seit Gustaf Gründgens von der Bühne und fast gleichzeitig von der Bühne des Lebens abtrat, dieses Erstaunen ist leicht erklärbar, wenn man sich überlegt, was seither alles vorgefallen ist. Als er abtrat, als Hausherr in Hamburg, nicht wissend, daß aus seinen für später vorgesehenen Tourneeplänen nichts mehr werden würde, war das Theater, wie man heute so schön sagt, noch heil. Seitdem ist es, um es milde auszudrücken, „unheil“ geworden. Der relativ geordnete Betrieb hat sich zu einem Tohuwabohu entwickelt, besser gesagt unterentwickelt, dessen Sinn im Augenblick noch niemand ganz begreift. Nur daß es nicht mehr lange so weitergehen kann, wissen alle, mit Ausnahme der hochbezahlten subventionierten Direktoren, die Gehälter einstecken, von denen Gründgens nie träumte.

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Das Theater ist und war immer — wir sprechen hier vom deutschsprachigen Raum, aber das gleiche gilt auch für England und Amerika, für Frankreich und sicher auch für die Sowjetunion — eine Pyramide. Das Theater war noch einigermaßen in Ordnung, als diese Pyramide noch eine Spitze hatte und das war — es wird hier immer vom deutschsprachigen Raum gesprochen — geographisch Berlin. Es gab ein paar gute Provinztheater, aber es gab kaum einen ersten Schauspieler, der nicht nach Berlin wollte und früher oder später auch nach Berlin kam; das gleiche galt für die Regisseure und Theaterdirektoren.

Das Theater war noch in anderer Hinsicht — wann wird es das wieder sein? — eine Pyramide: nämlich was Persönlichkeiten angeht. Solange Max Reinhardt inszenierte, waren gewisse Maßstäbe gesetzt. Solange Gustaf Gründgens spielte, inszenierte, Theater leitete, waren diese Maßstäbe vielleicht noch klarer gesetzt.

Er hatte nämlich drei Berufe, den des Direktors, des Regisseurs und des Schauspielers. Das sagt sich so leicht hin, aber das gehört zu den Seltenheiten des Theaters. Ich könnte im Augenblick nicht eine zweite Persönlichkeit des modernen Theaters nennen, auf die das zutrifft. Max Reinhardt, zum Beispiel, der grandiose Regisseur und einmalig als solcher, war zwar dem Namen nach Direktor, in Wirklichkeit wurden seine Theater aber von seinem Bruder geleitet und standen vor dem Zusammenbruch als der starb. Stanislawski war zwar ein vorzüglicher Schauspieler und ein außerordentlich interessanter Regisseur, aber er war in diesem Sinne eigentlich überhaupt kedn Theaterdirektor; er war ein reicher Mann, er hatte keine Verpflichtung, sein Theater offenzuhalten, er probierte, man weiß nicht genau ob ein halbes Jahr oder länger, bis er mit einem Stück herauskam. Das hätte ein Theater im eigentlichen Sinne nie vertragen.

Was frühere Zeiten angeht, so können wir nur Vermutungen anstellen. Wir wissen, daß Moliere ungefähr alles konnte, und wir wissen auch, daß Shakespeare stets nur kleine Rollen spielte. Warum? Wirklich nur, weil er meist auch Regie führte und hinter der Bühne notwendiger gebraucht wurde als auf ihr? Oder war er vielleicht gar kein so guter Schauspieler, wie Moliere sicher einer war?

Aber zurück zu Gründgens. Die große Öffentlichkeit kannte, schätzte und verehrte ihn immer als Schauspieler. Er spielte auch einige Rollen vorzüglich, vermutlich besser als irgend jemand vor oder nach ihm. Ich denke da etwa an den „Mephisto“. Aber in seiner Lieblingsrolle wurde er von vielen übertroffen. Ich habe Kainz nicht mehr als „Hamlet“ gesehen, aber ich habe zu viel über ihn gelesen, um ihn mir nicht vorstellen au können. Moissi war ein erschütternderer „Hamlet“, aber eben, r/eil er kein so Kluger war wie Gründgens. Wallenstein? Da darf man nicht an Bassermann und nicht an Wemer Krauss denken.

Das Besondere an dem Schauspieler Gustaf Gründgens war das, was man heute „die Ausstrahlung“

nennt. Früher nannte man das „Persönlichkeit“. Dieses „gewisse Etwas“, das alle Augen auf sich zog, wenn er eine Bühne betrat. Es gab Schauspieler, die waren schöner als er, aber keiner war so interessant, in des Wortes banalster und richtigster Bedeutung. Man vergaß ihn nie, wenn man ihn einmal gesehen hatte und sah ihn in der Rückerinnerung immer noch so wie eben damals, weil...

Weil er im Grunde genommen immer Gustaf Gründgens war und sich zum Beispiel nie so verwandeln konnte wie etwa der als Schauspieler bedeutendere Werner Krauss. Gründgens blieb als Schauspieler immer Gründgens, und das war viel; aber das Entscheidende wäre eben die Verwandlung gewesen. Gar nicht davon zu reden, daß er nicht das hatte, was man im Bühnenjargon „die Träne“ nennt. Er rührte eigentlich nie.

G. G. als Regisseur. Er war fast immer verläßlich, und das war seine Haupteigenschaft als Regisseur. Er spielte die Partitur — wie glücklich er wäre, diese Worte zu lesen — denn es kam ihm nie darauf an, interessant < zu inszenieren — oder seltsam, oder merkwürdig, damit die Leute sagten, so hätten sie das Stück noch nie gesehen — sondern eben so, wie sich der Autor das Stück vorgestellt hatte. Ich weiß, dies heute hinzuschreiben ist fast ein Sakrileg, aber das Publikum war dankbar.

Seine Bedeutung als Regisseur war, daß viele — nicht alle .— Schauspieler upter ihm besser waren als unter anderen Regisseuren und daß, wenn er in Hochform war, etwas herauskam, was man nicht vergessen konnte, vor allem nicht vergessen wollte.

Seine Regiebücher sind typisch. Für diejenigen, die das nicht wissen: Jedes Theater läßt Regiebücher anfertigen, die an und für sich darin bestehen, daß das ursprüngliche Textbuch mit leeren Seiten durchschossen ist. Nach einer gedruckten Seite respektive einer getippten Seite kommt eine leere Seite für die Bemerkungen, die der Regisseur sich macht. Nicht ein einziges Regiebuch von Gründgens — und das ist weithin unbekannt — enthält irgendwelche Bemerkungen, wie ein Schauspieler zu stehen hat, ob er langsam oder schnell, leise oder laut sprechen sollte. Es gab nur eine einzige Ausnahme: ein Regiebuch aus Düsseldorf enthielt eine handgeschriebene Zeile, mitten in einem Buch von Tschechow: „Eine Flasche Milch holen!“ — Natürlich für ihn, den Regisseur.

Ich würde sagen: unter den Schauspielern gehörte er zu den zwanzig besten seiner Zeit und seiner Sprache. Unter den Regisseuren zu den fünf oder sechs stärksten. — Aber als Theaterleiter war er einmalig.

Ich erwähnte schon einmal, daß es kaum Theaterdirektoren gibt, jedenfalls nicht in unserer Zeit — nicht seit Beginn unseres Jahrhunderts. Vielleicht konnte man Otto Brahm noch einen Theaterleiter nennen, der im Gegensatz zum allgemeinen Glauben nicht Inszenierte, sondern seine Regisseure nur inspirierte. Natürlich kann man auch die Leiter von Boulevardtheatern veritable Theaterdirektoren nennen. Aber ohne die Schwierigkeiten einer Boulevardbühne unterschätzen zu wollen — das war immer schon schwierig und das gilt beinahe noch in stärkerem Maße für die Bühnenrevuen und Operettenbühnen —, bot ein ernsthaftes Theater mit einem bestehenden Ensemble und mit möglicherweise zwei oder drei Depen-dancen doch Probleme, von denen sich die anderen Theaterdirektoren nicht träumen ließen oder lassen. Wie schwer das ist, sieht man ja heute daran, daß auch die am höchsten subventionierten Bühnen, die wie Stars bezahlten Theaterdirektoren, die sich heute im deutschsprachigen Räume breitmachen mögen, in den allerseltensten Fällen in der Lage sind, ihre Theater zu leiten und alles mehr oder weniger schleifen lassen mit der Behauptung, Theater sei eine Kollektivangelegenheit, was nichts anderes bedeutet, als daß sie alleine ein Theater nicht zu leiten vermögen.

Worin bestand nun eigentlich die große Fähigkeit von Gründgens, ein Theater zu führen? Einmal darin, daß er wußte, was das Publikum wollte und wie es etwas sehen wollte. Nicht, daß er den niedrigen Instinkten des Publikums nachgab, im Gegenteil, er versuchte es zu erziehen, und es gelang ihm in hohem Maße. — Wichtiger noch: er wußte einen guten Schauspieler von einem schlechten zu unterscheiden. Es gab an seinen Theatern keine schlechten Schauspieler, das galt auch von der Düsseldorfer Zeit, in der er, zumindest in den ersten Jahren, kaum Geld zur Verfügung hatte, weder für hohe Gagen noch für Garderoben.

Alle Schauspieler spielten gerne bei ihm. Sie wollten eigentlich nur das. Im Gegensatz zu vielen anderen Theaterdirektoren heute, hatte er selten das Problem, einem Schauspieler eine Rolle ein- oder ausreden zu müssen. Kaum je verließ ihn ein Schauspieler, weil er unzufrieden war mit der Art, in der er beschäftigt wurde. Die Bedeutendsten unter ihnen übernahmen auch kleine und kleinste Rollen, wenn Gründgens das für richtig hielt.

Freilich, er machte da bei sich selbst keine Ausnahme. Einmal, Mitte der dreißiger Jahre, verzögerte sich die Premiere von „Julius Cäsar“ von Shakespeare so lange, daß Werner Krauss, der die Titelrolle spielte, die ja keineswegs die Hauptrolle ist, nur noch ein dutzendmal auftreten konnte — dann riefen ihn andere Verpflichtungen nach Wien oder zum Film. Sofort erklärte Gründgens, immerhin Generalintendant und Regisseur dieser Aufführung, daß er die Rolle übernehmen werde, und spielte sie dann in der so oft verachteten „zweiten Besetzung“ weiter.

Das tat er auch später noch öfter. Zum Beispiel, als der Darsteller des „Heinrich V.“ in Shakespeares „Heinrich V.“ plötzlich erkrankte. Er lernte die Rolle, die nicht groß, aber auch nicht unbeträchtlich war, in Stunden, um sie am Abend zu übernehmen. Freilich lag ungefähr unter jedem Sessel, stand hinter jedem Schrank, hinter ieder Tür irgend jemand, der soufflierte. Welch anderer Theaterdirektor hätte das je getan?

Es gab bei Gründgens kaum Unzufriedene. Sie fühlten sich geborgen, weil er da war. Sie waren es zufrieden, daß er die Verantwortung trug, weil sie sicher waren, daß es unter seiner Führung niemals zu einer Katastrophe kommen würde.

Dabei war ja seine Hauptzeit als Theaterdirektor eine sehr gefährdete Zeit, nämlich die des Dritten Reiches. — Ich erinnere da an eine Aufführung von „Richard III.“ unter Fehling mit Werner Krauss in der Hauptrolle. Es war eine mit Spannung geladene Generalprobe. Gründgens mußte fürchten, daß die Aufführung schwere Folgen haben würde, denn die verschiedenen Mörder waren alle als SS-Männer angezogen, und Krauss gab eine so vollendete Parodie des hinkenden Goebbels, daß das gar nicht zu übersehen war.

Mit eiserner Miene saß GG da und nahm die Generalprobe ab. Als eg, wie kaum anders zu erwarten, zu einem Riesenkrach zwischen Fehling und Krauss kam und Fehling das Theater unter Schimpfkanonaden verließ, übernahm GG, sozusagen in letzter Minute —man darf in diesem Falle wohl sagen fünf Minuten nach zwölf! — die Regie. Er ließ die Generalprobe abrollen und stand dann mit den Worten auf — dafür gibt es Dutzende von Zeugen —: „Es ist alles in Ordnung. Die dritte, siebente, neunte, zehnte, dreizehnte, achtzehnte und neunzehnte Szene entfallen.“ — Drehte sich um und ging. Und genau das war es, was die Aufführung rettete — und vermutlich Fehling und ganz sicher GG.

Warum ließen sich eigentlich die Schauspieler von ihm alles sagen? — denn er sagte ihnen vieles — und er war keineswegs immer sehr liebenswürdig dabei. Durchaus nicht etwa so, wie Reinhardt ähnliche Situationen handhabte, wenn GG auch nicht ausgesprochen grob war und brüllte. Immerhin, er war von einer beißenden Ironie, und wenn seine Kritik auch nur aus den Worten bestand: „Ich höre wohl nicht recht!“ oder: „War das Ihr Ernst?“ Da wußten die Schauspieler schon, daß es so nicht ging.

Und sie fügten sich Immer. Es gab keinen unter den großen und größten Schauspielern deutscher Sprache — und sie alle spielten unter ihm —, die sich seiner Autorität nicht gefügt hätten. Warum wohl? Weil er eben dieses „Etwas“ besaß, das immer selten war und heute gar nicht mehr existent ist: Autorität.

Seine Schauspieler hätten aufgelacht, wenn er sich mit Dramaturgen oder gar einem Dramaturgenkollektiv beraten hätte. Natürlich konnte jeder irgend etwas vorbringen, Zweifel, Verbesserungswünsche, und keiner war mehr geneigt, als Gründgens, etwas, das ihm akzeptabel erschien oder — das war gar nicht so selten — richtiger vorkam als das, was er bis dahin an der betreffenden Stelle gemacht hatte oder machen wollte, anzunehmen. Aber die letzte Entscheidung fällte er.

Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, wie das gewesen wäre, wenn ein Dramaturg oder einige Dramaturgen ihm entgegengetreten wären, nicht weil sie glaubten, einen Beitrag leisten zu können, sondern weil sie glaubten, mitreden zu müssen. — Er hätte sie kalt angesehen und gesagt: „In meinem Theater nicht!“

Dies war übrigens eines seiner Lieblingsworte. Und wenn man betrachtete, was seither im deutschen Theater geschehen ist, dann wünscht man sich diese Stimme zurück und ahnt, daß Gründgens, wenn er diese Worte sprach, vielleicht mehr meinte, als wir alle damals ahnten.

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